Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Meyer, Conrad Ferdinand: Gedichte. Leipzig, 1882.

Bild:
<< vorherige Seite
Viston.
Als ich jüngst vom Pfad verirrt war,
Wo kein Jäger und kein Hirt war,
Führt' ein Licht aus dunkelm Tann
Mich an eines Hüttleins Schwelle,
Drin bei matter Ampelhelle
Eine greise Parze spann.
Draußen schlug der Wind die Schwingen,
Und die Bergesströme singen
Hört' ich ihren dunkeln Sang ...
Und ich sah den Faden schweben,
Und der Faden schien ein Leben --
Meines? dacht' ich zauberbang.
Wage, Mensch, die höchsten Flüge,
Deiner Parze starre Züge
Sehen längst das nahe Ziel!
Tummle dich, ein kühner Ringer:
Ihre hagern, harten Finger
Enden bald das edle Spiel ...
Eine Thräne seh' ich schimmern?
An der Wand mit Silberflimmern
Hangt ein dürrer Todtenkranz ...
Irgend einen alten Jammer
In der Alpenhütte Kammer
Spinnt ein Weib im Ampelglanz.

Viſton.
Als ich jüngſt vom Pfad verirrt war,
Wo kein Jäger und kein Hirt war,
Führt' ein Licht aus dunkelm Tann
Mich an eines Hüttleins Schwelle,
Drin bei matter Ampelhelle
Eine greiſe Parze ſpann.
Draußen ſchlug der Wind die Schwingen,
Und die Bergesſtröme ſingen
Hört' ich ihren dunkeln Sang ...
Und ich ſah den Faden ſchweben,
Und der Faden ſchien ein Leben —
Meines? dacht' ich zauberbang.
Wage, Menſch, die höchſten Flüge,
Deiner Parze ſtarre Züge
Sehen längſt das nahe Ziel!
Tummle dich, ein kühner Ringer:
Ihre hagern, harten Finger
Enden bald das edle Spiel ...
Eine Thräne ſeh' ich ſchimmern?
An der Wand mit Silberflimmern
Hangt ein dürrer Todtenkranz ...
Irgend einen alten Jammer
In der Alpenhütte Kammer
Spinnt ein Weib im Ampelglanz.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0102" n="88"/>
        </div>
        <div n="2">
          <head>Vi&#x017F;ton.<lb/></head>
          <lg type="poem">
            <lg n="1">
              <l>Als ich jüng&#x017F;t vom Pfad verirrt war,</l><lb/>
              <l>Wo kein Jäger und kein Hirt war,</l><lb/>
              <l>Führt' ein Licht aus dunkelm Tann</l><lb/>
              <l>Mich an eines Hüttleins Schwelle,</l><lb/>
              <l>Drin bei matter Ampelhelle</l><lb/>
              <l>Eine grei&#x017F;e Parze &#x017F;pann.</l><lb/>
            </lg>
            <lg n="2">
              <l>Draußen &#x017F;chlug der Wind die Schwingen,</l><lb/>
              <l>Und die Berges&#x017F;tröme &#x017F;ingen</l><lb/>
              <l>Hört' ich ihren dunkeln Sang ...</l><lb/>
              <l>Und ich &#x017F;ah den Faden &#x017F;chweben,</l><lb/>
              <l>Und der Faden &#x017F;chien ein Leben &#x2014;</l><lb/>
              <l>Meines? dacht' ich zauberbang.</l><lb/>
            </lg>
            <lg n="3">
              <l>Wage, Men&#x017F;ch, die höch&#x017F;ten Flüge,</l><lb/>
              <l>Deiner Parze &#x017F;tarre Züge</l><lb/>
              <l>Sehen läng&#x017F;t das nahe Ziel!</l><lb/>
              <l>Tummle dich, ein kühner Ringer:</l><lb/>
              <l>Ihre hagern, harten Finger</l><lb/>
              <l>Enden bald das edle Spiel ...</l><lb/>
            </lg>
            <lg n="4">
              <l>Eine Thräne &#x017F;eh' ich &#x017F;chimmern?</l><lb/>
              <l>An der Wand mit Silberflimmern</l><lb/>
              <l>Hangt ein dürrer Todtenkranz ...</l><lb/>
              <l>Irgend einen alten Jammer</l><lb/>
              <l>In der Alpenhütte Kammer</l><lb/>
              <l>Spinnt ein Weib im Ampelglanz.</l><lb/>
            </lg>
          </lg>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[88/0102] Viſton. Als ich jüngſt vom Pfad verirrt war, Wo kein Jäger und kein Hirt war, Führt' ein Licht aus dunkelm Tann Mich an eines Hüttleins Schwelle, Drin bei matter Ampelhelle Eine greiſe Parze ſpann. Draußen ſchlug der Wind die Schwingen, Und die Bergesſtröme ſingen Hört' ich ihren dunkeln Sang ... Und ich ſah den Faden ſchweben, Und der Faden ſchien ein Leben — Meines? dacht' ich zauberbang. Wage, Menſch, die höchſten Flüge, Deiner Parze ſtarre Züge Sehen längſt das nahe Ziel! Tummle dich, ein kühner Ringer: Ihre hagern, harten Finger Enden bald das edle Spiel ... Eine Thräne ſeh' ich ſchimmern? An der Wand mit Silberflimmern Hangt ein dürrer Todtenkranz ... Irgend einen alten Jammer In der Alpenhütte Kammer Spinnt ein Weib im Ampelglanz.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/meyer_gedichte_1882
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/meyer_gedichte_1882/102
Zitationshilfe: Meyer, Conrad Ferdinand: Gedichte. Leipzig, 1882, S. 88. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/meyer_gedichte_1882/102>, abgerufen am 24.03.2019.