Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Mommsen, Theodor: Römische Geschichte. Bd. 1: Bis zur Schlacht von Pydna. Leipzig, 1854.

Bild:
<< vorherige Seite
KAPITEL XIV.


Mass und Schrift.

Die Kunst des Messens unterwirft dem Menschen die
Welt; durch die Kunst des Schreibens hört die Erkenntniss
des Menschen auf so vergänglich zu sein wie er selbst ist;
sie beide geben dem Menschen, was die Natur ihm versagte,
Allmacht und Ewigkeit. Es ist der Geschichte Recht und
Pflicht den Völkern auch auf diesen Bahnen zu folgen.

Um messen zu können, müssen vor allen Dingen die Be-
griffe der zeitlichen und räumlichen Einheit und des aus gleichen
Theilen bestehenden Ganzen, das heisst die Zahl und das Zah-
lensystem entwickelt werden. Für jenen Begriff bietet die Natur
als nächste Anhaltspunkte für die Zeit die Wiederkehr der
Sonne und des Mondes oder Tag und Monat, für den Raum
die Länge des Mannesfusses, der leichter misst als der Arm,
für das Gewicht die mit ausgestrecktem Arm auf der Hand
schwebend zu haltende Last oder das Pfund (libra, das Schwe-
bende, wie librare zeigt). Zur Fixirung des aus gleichen
Theilen bestehenden Ganzen liegt nichts so nahe als die Hand
mit ihren fünf oder die Hände mit ihren zehn Fingern, und
hierauf beruht das Decimalsystem, welches als das älteste und
sämmtlichen Indogermanen ursprüngliche durch die Sprache
sich ausweist. Diese Elemente des Zählens und Messens,
deren Feststellung weit über die Trennung der Stämme zu-
rückreicht, sind von den Italikern lange Zeit im Wesentlichen
unverändert festgehalten worden; es ist dies die Epoche, in
der I, V und X, ohne Zweifel Nachbildungen des Fingers, der

KAPITEL XIV.


Maſs und Schrift.

Die Kunst des Messens unterwirft dem Menschen die
Welt; durch die Kunst des Schreibens hört die Erkenntniſs
des Menschen auf so vergänglich zu sein wie er selbst ist;
sie beide geben dem Menschen, was die Natur ihm versagte,
Allmacht und Ewigkeit. Es ist der Geschichte Recht und
Pflicht den Völkern auch auf diesen Bahnen zu folgen.

Um messen zu können, müssen vor allen Dingen die Be-
griffe der zeitlichen und räumlichen Einheit und des aus gleichen
Theilen bestehenden Ganzen, das heiſst die Zahl und das Zah-
lensystem entwickelt werden. Für jenen Begriff bietet die Natur
als nächste Anhaltspunkte für die Zeit die Wiederkehr der
Sonne und des Mondes oder Tag und Monat, für den Raum
die Länge des Mannesfuſses, der leichter miſst als der Arm,
für das Gewicht die mit ausgestrecktem Arm auf der Hand
schwebend zu haltende Last oder das Pfund (libra, das Schwe-
bende, wie librare zeigt). Zur Fixirung des aus gleichen
Theilen bestehenden Ganzen liegt nichts so nahe als die Hand
mit ihren fünf oder die Hände mit ihren zehn Fingern, und
hierauf beruht das Decimalsystem, welches als das älteste und
sämmtlichen Indogermanen ursprüngliche durch die Sprache
sich ausweist. Diese Elemente des Zählens und Messens,
deren Feststellung weit über die Trennung der Stämme zu-
rückreicht, sind von den Italikern lange Zeit im Wesentlichen
unverändert festgehalten worden; es ist dies die Epoche, in
der I, V und X, ohne Zweifel Nachbildungen des Fingers, der

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0150" n="[136]"/>
        <div n="2">
          <head><hi rendition="#g">KAPITEL</hi> XIV.</head><lb/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
          <argument>
            <p><hi rendition="#g">Ma&#x017F;s und Schrift</hi>.</p>
          </argument><lb/>
          <p>Die Kunst des Messens unterwirft dem Menschen die<lb/>
Welt; durch die Kunst des Schreibens hört die Erkenntni&#x017F;s<lb/>
des Menschen auf so vergänglich zu sein wie er selbst ist;<lb/>
sie beide geben dem Menschen, was die Natur ihm versagte,<lb/>
Allmacht und Ewigkeit. Es ist der Geschichte Recht und<lb/>
Pflicht den Völkern auch auf diesen Bahnen zu folgen.</p><lb/>
          <p>Um messen zu können, müssen vor allen Dingen die Be-<lb/>
griffe der zeitlichen und räumlichen Einheit und des aus gleichen<lb/>
Theilen bestehenden Ganzen, das hei&#x017F;st die Zahl und das Zah-<lb/>
lensystem entwickelt werden. Für jenen Begriff bietet die Natur<lb/>
als nächste Anhaltspunkte für die Zeit die Wiederkehr der<lb/>
Sonne und des Mondes oder Tag und Monat, für den Raum<lb/>
die Länge des Mannesfu&#x017F;ses, der leichter mi&#x017F;st als der Arm,<lb/>
für das Gewicht die mit ausgestrecktem Arm auf der Hand<lb/>
schwebend zu haltende Last oder das Pfund (<hi rendition="#i">libra,</hi> das Schwe-<lb/>
bende, wie <hi rendition="#i">librare</hi> zeigt). Zur Fixirung des aus gleichen<lb/>
Theilen bestehenden Ganzen liegt nichts so nahe als die Hand<lb/>
mit ihren fünf oder die Hände mit ihren zehn Fingern, und<lb/>
hierauf beruht das Decimalsystem, welches als das älteste und<lb/>
sämmtlichen Indogermanen ursprüngliche durch die Sprache<lb/>
sich ausweist. Diese Elemente des Zählens und Messens,<lb/>
deren Feststellung weit über die Trennung der Stämme zu-<lb/>
rückreicht, sind von den Italikern lange Zeit im Wesentlichen<lb/>
unverändert festgehalten worden; es ist dies die Epoche, in<lb/>
der I, V und X, ohne Zweifel Nachbildungen des Fingers, der<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[136]/0150] KAPITEL XIV. Maſs und Schrift. Die Kunst des Messens unterwirft dem Menschen die Welt; durch die Kunst des Schreibens hört die Erkenntniſs des Menschen auf so vergänglich zu sein wie er selbst ist; sie beide geben dem Menschen, was die Natur ihm versagte, Allmacht und Ewigkeit. Es ist der Geschichte Recht und Pflicht den Völkern auch auf diesen Bahnen zu folgen. Um messen zu können, müssen vor allen Dingen die Be- griffe der zeitlichen und räumlichen Einheit und des aus gleichen Theilen bestehenden Ganzen, das heiſst die Zahl und das Zah- lensystem entwickelt werden. Für jenen Begriff bietet die Natur als nächste Anhaltspunkte für die Zeit die Wiederkehr der Sonne und des Mondes oder Tag und Monat, für den Raum die Länge des Mannesfuſses, der leichter miſst als der Arm, für das Gewicht die mit ausgestrecktem Arm auf der Hand schwebend zu haltende Last oder das Pfund (libra, das Schwe- bende, wie librare zeigt). Zur Fixirung des aus gleichen Theilen bestehenden Ganzen liegt nichts so nahe als die Hand mit ihren fünf oder die Hände mit ihren zehn Fingern, und hierauf beruht das Decimalsystem, welches als das älteste und sämmtlichen Indogermanen ursprüngliche durch die Sprache sich ausweist. Diese Elemente des Zählens und Messens, deren Feststellung weit über die Trennung der Stämme zu- rückreicht, sind von den Italikern lange Zeit im Wesentlichen unverändert festgehalten worden; es ist dies die Epoche, in der I, V und X, ohne Zweifel Nachbildungen des Fingers, der

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/mommsen_roemische01_1854
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/mommsen_roemische01_1854/150
Zitationshilfe: Mommsen, Theodor: Römische Geschichte. Bd. 1: Bis zur Schlacht von Pydna. Leipzig, 1854, S. [136]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/mommsen_roemische01_1854/150>, abgerufen am 20.02.2020.