Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 7, St. 3. Berlin, 1789.

Bild:
<< vorherige Seite


wiß eine Arznei für die Seele; und die Natur kann unmöglich gegen das menschliche Geschlecht so hämisch und feindselig gesinnt gewesen seyn, daß sie für den Körper so heilsame Dinge, und für die Seele nichts dergleichen besorgt hätte.

Dem Körper kann nur von außenher zu Hülfe gekommen werden, was die Seele beglückt, ist in ihr selbst verschlossen. Je größer aber ihr Vorzug vor dem Körper, und je göttlicher ihr Ursprung ist, mit destomehr Aufmerksamkeit verdient sie behandelt zu werden. Eine wohlgeordnete Vernunft entdeckt immer, was das beste sey: da sie hingegen, sobald sie vernachläßigt wird, sich in unzählige Jrrthümer verwickelt.

Die Heilungsarten der verschiedenen Krankheiten der Seele aber, sind eben so verschieden, als diese Krankheit selber. Jede Traurigkeit kann nicht durch einerlei Bewegungsgrund gestillt werden. Der Traurende, der Bemitleidende, der Beneidende, bedürfen jeder einer andern Arznei.

Das aber ist immer die gewisseste und sicherste Kur, wenn man den Kranken belehrt, daß die Unordnung in seiner Seele, mag sie auch entstehen woher sie wolle, an und für sich selbst schon ein Fehler, und weder nothwendig noch natürlich sey.



wiß eine Arznei fuͤr die Seele; und die Natur kann unmoͤglich gegen das menschliche Geschlecht so haͤmisch und feindselig gesinnt gewesen seyn, daß sie fuͤr den Koͤrper so heilsame Dinge, und fuͤr die Seele nichts dergleichen besorgt haͤtte.

Dem Koͤrper kann nur von außenher zu Huͤlfe gekommen werden, was die Seele begluͤckt, ist in ihr selbst verschlossen. Je groͤßer aber ihr Vorzug vor dem Koͤrper, und je goͤttlicher ihr Ursprung ist, mit destomehr Aufmerksamkeit verdient sie behandelt zu werden. Eine wohlgeordnete Vernunft entdeckt immer, was das beste sey: da sie hingegen, sobald sie vernachlaͤßigt wird, sich in unzaͤhlige Jrrthuͤmer verwickelt.

Die Heilungsarten der verschiedenen Krankheiten der Seele aber, sind eben so verschieden, als diese Krankheit selber. Jede Traurigkeit kann nicht durch einerlei Bewegungsgrund gestillt werden. Der Traurende, der Bemitleidende, der Beneidende, beduͤrfen jeder einer andern Arznei.

Das aber ist immer die gewisseste und sicherste Kur, wenn man den Kranken belehrt, daß die Unordnung in seiner Seele, mag sie auch entstehen woher sie wolle, an und fuͤr sich selbst schon ein Fehler, und weder nothwendig noch natuͤrlich sey.


<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0122" n="122"/><lb/>
wiß eine Arznei fu&#x0364;r die                         Seele; und die Natur kann unmo&#x0364;glich gegen das menschliche Geschlecht so                         ha&#x0364;misch und feindselig gesinnt gewesen seyn, daß sie fu&#x0364;r den Ko&#x0364;rper so                         heilsame Dinge, und fu&#x0364;r die Seele nichts dergleichen besorgt ha&#x0364;tte.</p>
            <p>Dem Ko&#x0364;rper kann nur von außenher zu Hu&#x0364;lfe gekommen werden, was die Seele                         beglu&#x0364;ckt, ist in ihr selbst verschlossen. Je gro&#x0364;ßer aber ihr Vorzug vor dem                         Ko&#x0364;rper, und je go&#x0364;ttlicher ihr Ursprung ist, mit destomehr Aufmerksamkeit                         verdient sie behandelt zu werden. Eine wohlgeordnete Vernunft entdeckt                         immer, was das beste sey: da sie hingegen, sobald sie vernachla&#x0364;ßigt wird,                         sich in unza&#x0364;hlige Jrrthu&#x0364;mer verwickelt.</p>
            <p>Die Heilungsarten der verschiedenen Krankheiten der Seele aber, sind eben so                         verschieden, als diese Krankheit selber. Jede Traurigkeit kann nicht durch                         einerlei Bewegungsgrund gestillt werden. Der Traurende, der Bemitleidende,                         der Beneidende, bedu&#x0364;rfen jeder einer andern Arznei.</p>
            <p>Das aber ist immer die gewisseste und sicherste Kur, wenn man den Kranken                         belehrt, daß die Unordnung in seiner Seele, mag sie auch entstehen woher sie                         wolle, an und fu&#x0364;r sich selbst schon ein Fehler, und weder nothwendig noch                         natu&#x0364;rlich sey.</p><lb/>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[122/0122] wiß eine Arznei fuͤr die Seele; und die Natur kann unmoͤglich gegen das menschliche Geschlecht so haͤmisch und feindselig gesinnt gewesen seyn, daß sie fuͤr den Koͤrper so heilsame Dinge, und fuͤr die Seele nichts dergleichen besorgt haͤtte. Dem Koͤrper kann nur von außenher zu Huͤlfe gekommen werden, was die Seele begluͤckt, ist in ihr selbst verschlossen. Je groͤßer aber ihr Vorzug vor dem Koͤrper, und je goͤttlicher ihr Ursprung ist, mit destomehr Aufmerksamkeit verdient sie behandelt zu werden. Eine wohlgeordnete Vernunft entdeckt immer, was das beste sey: da sie hingegen, sobald sie vernachlaͤßigt wird, sich in unzaͤhlige Jrrthuͤmer verwickelt. Die Heilungsarten der verschiedenen Krankheiten der Seele aber, sind eben so verschieden, als diese Krankheit selber. Jede Traurigkeit kann nicht durch einerlei Bewegungsgrund gestillt werden. Der Traurende, der Bemitleidende, der Beneidende, beduͤrfen jeder einer andern Arznei. Das aber ist immer die gewisseste und sicherste Kur, wenn man den Kranken belehrt, daß die Unordnung in seiner Seele, mag sie auch entstehen woher sie wolle, an und fuͤr sich selbst schon ein Fehler, und weder nothwendig noch natuͤrlich sey.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Christof Wingertszahn, Sheila Dickson, Goethe-Museum Düsseldorf/Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung, University of Glasgow: Erstellung der Transkription nach DTA-Richtlinien (2015-06-09T11:00:00Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Matthias Boenig, Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Konvertierung nach DTA-Basisformat (2015-06-09T11:00:00Z)
UB Uni-Bielefeld: Bereitstellung der Bilddigitalisate (2015-06-09T11:00:00Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:

  • Langes s (ſ) wird als rundes s (s) wiedergegeben.
  • Die Umlautschreibung mit ›e‹ über dem Vokal wurden übernommen.
  • Die Majuskel I/J wurde nicht nach Lautwert transkribiert.
  • Verbessert wird nur bei eindeutigen Druckfehlern. Die editorischen Eingriffe sind stets nachgewiesen.
  • Zu Moritz’ Zeit war es üblich, bei mehrzeiligen Zitaten vor jeder Zeile Anführungsstriche zu setzen. Diese wiederholten Anführungsstriche des Originals werden stillschweigend getilgt.
  • Die Druckgestalt der Vorlagen (Absätze, Überschriften, Schriftgrade etc.) wird schematisiert wiedergegeben. Der Zeilenfall wurde nicht übernommen.
  • Worteinfügungen der Herausgeber im edierten Text sowie Ergänzungen einzelner Buchstaben sind dokumentiert.
  • Die Originalseite wird als einzelne Seite in der Internetausgabe wiedergegeben. Von diesem Darstellungsprinzip wird bei langen, sich über mehr als eine Seite erstreckenden Fußnoten abgewichen. Die vollständige Fußnote erscheint in diesem Fall zusammenhängend an der ersten betreffenden Seite.
  • Die textkritischen Nachweise erfolgen in XML-Form nach dem DTABf-Schema: <choice><corr>[Verbesserung]</corr><sic>[Originaltext]</sic></choice> vorgenommen.



Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0703_1789
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0703_1789/122
Zitationshilfe: Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 7, St. 3. Berlin, 1789, S. 122. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0703_1789/122>, abgerufen am 23.10.2020.