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Müller, Karl Otfried: Handbuch der Archäologie der Kunst. Breslau, 1830.

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Griechen. Vierte Periode.

3. Nützlich ist auch hier die Vergleichung mit der Geschichte
der andern Künste, besonders der Redekunst (vgl. §. 103. Anm. 4.),
in welcher in diesem Zeitraume, besonders durch den Einfluß der
zu mehr pathos, Schwulst und Prunk von Natur geneigten Lyder
und Phryger, die Asiatische Rhetorik, daneben die Rhodische (§. 155),
aufkam.


2. Architektonik.

149. Die Architektonik, welche früher den Tempel1
zum Hauptgegenstande gehabt hatte, erscheint in dieser
Periode viel mehr thätig für die Bequemlichkeit des Le-
bens, den Luxus der Fürsten und die glänzende Einrich-
tung der Städte im Ganzen. Alexandreia, von dem2
Architekten Deinokrates, dessen gewaltiges Genie allein
Alexanders Unternehmungsgeiste gewachsen war, regel-
mäßig angelegt, war durch die Pracht der königlichen3
und die Solidität der Privatgebäude offenbar ein Muster
für die übrige Welt (vertex omnium civitatum nach
Ammian).

2. Deinokrates (Deinochares, Cheirokrates, Stasikrates) war
der Erbauer von Alexandreia, der Erneuerer des T. zu Ephesos;
derselbe der den Athos in eine knieende Figur umformen wollte.
Nach Plin. xxxiv, 42. soll er auch den magnetischen Tempel der Ar-
sinoe II. (Ol. 133.) unternommen haben. Von diesem Mährchen-
bau ist aber der wirkliche T. der Arsinoe-Aphrodite Zephyritis wohl
zu unterscheiden (Athen. vii, 318 b. xi, 497 d.). Ein Zeit-
genoß von ihm ist der taphrorukhos Krates (Diog. Laert. iv, 23.
Strab. ix. p. 407. Steph. Byz. s. v. Athenai); etwas jün-
ger (Ol. 115.) der Knidier Sostratos (von seiner schwebenden Halle
Hirt Geschichte ii. S. 160). Amphilochos, Lagos Sohn, ein
berühmter Architekt von Rhodos, aus dieser Periode (?). In-
schrift bei Clarke Travels ii, 1. p. 228.

3. Ueber Alexandreia vgl. Hirt ii. S. 78. 166. Man-
nert Geogr. x, 1. S. 612. 30 -- 40 Stadien lang. Ein Viertel
die Burg, Pallast, Soma, Mouseion. Serapeion in Rhakotis.
Pharos, von Sostratos, unter Ptol. I, Soter, für 800 Aegypt.
Talente gebaut. -- Incendio fere tuta est Alexandria,

9*
Griechen. Vierte Periode.

3. Nützlich iſt auch hier die Vergleichung mit der Geſchichte
der andern Künſte, beſonders der Redekunſt (vgl. §. 103. Anm. 4.),
in welcher in dieſem Zeitraume, beſonders durch den Einfluß der
zu mehr πάϑος, Schwulſt und Prunk von Natur geneigten Lyder
und Phryger, die Aſiatiſche Rhetorik, daneben die Rhodiſche (§. 155),
aufkam.


2. Architektonik.

149. Die Architektonik, welche fruͤher den Tempel1
zum Hauptgegenſtande gehabt hatte, erſcheint in dieſer
Periode viel mehr thaͤtig fuͤr die Bequemlichkeit des Le-
bens, den Luxus der Fuͤrſten und die glaͤnzende Einrich-
tung der Staͤdte im Ganzen. Alexandreia, von dem2
Architekten Deinokrates, deſſen gewaltiges Genie allein
Alexanders Unternehmungsgeiſte gewachſen war, regel-
maͤßig angelegt, war durch die Pracht der koͤniglichen3
und die Soliditaͤt der Privatgebaͤude offenbar ein Muſter
fuͤr die uͤbrige Welt (vertex omnium civitatum nach
Ammian).

2. Deinokrates (Deinochares, Cheirokrates, Staſikrates) war
der Erbauer von Alexandreia, der Erneuerer des T. zu Epheſos;
derſelbe der den Athos in eine knieende Figur umformen wollte.
Nach Plin. xxxiv, 42. ſoll er auch den magnetiſchen Tempel der Ar-
ſinoe II. (Ol. 133.) unternommen haben. Von dieſem Mährchen-
bau iſt aber der wirkliche T. der Arſinoe-Aphrodite Zephyritis wohl
zu unterſcheiden (Athen. vii, 318 b. xi, 497 d.). Ein Zeit-
genoß von ihm iſt der ταφρώρυχος Krates (Diog. Laert. iv, 23.
Strab. ix. p. 407. Steph. Byz. s. v. Ἀϑῆναι); etwas jün-
ger (Ol. 115.) der Knidier Soſtratos (von ſeiner ſchwebenden Halle
Hirt Geſchichte ii. S. 160). Amphilochos, Lagos Sohn, ein
berühmter Architekt von Rhodos, aus dieſer Periode (?). In-
ſchrift bei Clarke Travels ii, 1. p. 228.

3. Ueber Alexandreia vgl. Hirt ii. S. 78. 166. Man-
nert Geogr. x, 1. S. 612. 30 — 40 Stadien lang. Ein Viertel
die Burg, Pallaſt, Σῶμα, Μουσεῖον. Serapeion in Rhakotis.
Pharos, von Soſtratos, unter Ptol. I, Σωτήρ, für 800 Aegypt.
Talente gebaut. — Incendio fere tuta est Alexandria,

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[131/0153] Griechen. Vierte Periode. 3. Nützlich iſt auch hier die Vergleichung mit der Geſchichte der andern Künſte, beſonders der Redekunſt (vgl. §. 103. Anm. 4.), in welcher in dieſem Zeitraume, beſonders durch den Einfluß der zu mehr πάϑος, Schwulſt und Prunk von Natur geneigten Lyder und Phryger, die Aſiatiſche Rhetorik, daneben die Rhodiſche (§. 155), aufkam. 2. Architektonik. 149. Die Architektonik, welche fruͤher den Tempel zum Hauptgegenſtande gehabt hatte, erſcheint in dieſer Periode viel mehr thaͤtig fuͤr die Bequemlichkeit des Le- bens, den Luxus der Fuͤrſten und die glaͤnzende Einrich- tung der Staͤdte im Ganzen. Alexandreia, von dem Architekten Deinokrates, deſſen gewaltiges Genie allein Alexanders Unternehmungsgeiſte gewachſen war, regel- maͤßig angelegt, war durch die Pracht der koͤniglichen und die Soliditaͤt der Privatgebaͤude offenbar ein Muſter fuͤr die uͤbrige Welt (vertex omnium civitatum nach Ammian). 1 2 3 2. Deinokrates (Deinochares, Cheirokrates, Staſikrates) war der Erbauer von Alexandreia, der Erneuerer des T. zu Epheſos; derſelbe der den Athos in eine knieende Figur umformen wollte. Nach Plin. xxxiv, 42. ſoll er auch den magnetiſchen Tempel der Ar- ſinoe II. (Ol. 133.) unternommen haben. Von dieſem Mährchen- bau iſt aber der wirkliche T. der Arſinoe-Aphrodite Zephyritis wohl zu unterſcheiden (Athen. vii, 318 b. xi, 497 d.). Ein Zeit- genoß von ihm iſt der ταφρώρυχος Krates (Diog. Laert. iv, 23. Strab. ix. p. 407. Steph. Byz. s. v. Ἀϑῆναι); etwas jün- ger (Ol. 115.) der Knidier Soſtratos (von ſeiner ſchwebenden Halle Hirt Geſchichte ii. S. 160). Amphilochos, Lagos Sohn, ein berühmter Architekt von Rhodos, aus dieſer Periode (?). In- ſchrift bei Clarke Travels ii, 1. p. 228. 3. Ueber Alexandreia vgl. Hirt ii. S. 78. 166. Man- nert Geogr. x, 1. S. 612. 30 — 40 Stadien lang. Ein Viertel die Burg, Pallaſt, Σῶμα, Μουσεῖον. Serapeion in Rhakotis. Pharos, von Soſtratos, unter Ptol. I, Σωτήρ, für 800 Aegypt. Talente gebaut. — Incendio fere tuta est Alexandria, 9*

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Zitationshilfe: Müller, Karl Otfried: Handbuch der Archäologie der Kunst. Breslau, 1830, S. 131. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/mueller_kunst_1830/153>, abgerufen am 06.08.2020.