Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Müller, Karl Otfried: Handbuch der Archäologie der Kunst. Breslau, 1830.

Bild:
<< vorherige Seite
Einleitung.

A. Theoretische.
1. Zergliederung des Begriffes Kunst.

§. 1. Die Kunst ist eine Darstellung (mimesis)1
d. h. eine Thätigkeit, durch welche ein Innerliches äußer-
lich wird. -- Sie will nichts als darstellen, und un-2
terscheidet sich dadurch, daß sie sich darin genügt, von
allen praktischen auf einen besondern Zweck gerichteten
Thätigkeiten.

1. Mimesis ist nicht blos Nachahmung sondern auch Darstel-
lung. S. besonders Aristot. Poet. 1, 1. 26, 2. Rhetor. 1, 11.
Platon Staat II. p. 373. X. p. 595. ff.

2. Oft heißt die Kunstübung, weil zwecklos, bei praktischeren
Völkern ein Spiel, ludus. Nützliche Kunst im Gegensatz der
schönen ist nichts als Handwerk.


2. Die nähere Bestimmung wird besonders durch die1
Art des Zusammenhangs zwischen dem Innern
und Aeußern
, Darstellenden und Dargestellten, in der
Kunst gegeben. Dieser Zusammenhang muß durchaus ein2
in der Natur des Menschen mit Nothwendig-
keit gegebener
, nicht durch willkührliche Satzung an-
genommener sein. Obzwar in verschiedenen Naturen, auf3
verschiedenen Bildungsstufen stärker oder schwächer, kann
er doch nicht eigentlich erlernt werden.

1
Einleitung.

A. Theoretiſche.
1. Zergliederung des Begriffes Kunſt.

§. 1. Die Kunſt iſt eine Darſtellung (μίμησις)1
d. h. eine Thaͤtigkeit, durch welche ein Innerliches aͤußer-
lich wird. — Sie will nichts als darſtellen, und un-2
terſcheidet ſich dadurch, daß ſie ſich darin genuͤgt, von
allen praktiſchen auf einen beſondern Zweck gerichteten
Thaͤtigkeiten.

1. Μίμησις iſt nicht blos Nachahmung ſondern auch Darſtel-
lung. S. beſonders Ariſtot. Poet. 1, 1. 26, 2. Rhetor. 1, 11.
Platon Staat II. p. 373. X. p. 595. ff.

2. Oft heißt die Kunſtübung, weil zwecklos, bei praktiſcheren
Völkern ein Spiel, ludus. Nützliche Kunſt im Gegenſatz der
ſchönen iſt nichts als Handwerk.


2. Die naͤhere Beſtimmung wird beſonders durch die1
Art des Zuſammenhangs zwiſchen dem Innern
und Aeußern
, Darſtellenden und Dargeſtellten, in der
Kunſt gegeben. Dieſer Zuſammenhang muß durchaus ein2
in der Natur des Menſchen mit Nothwendig-
keit gegebener
, nicht durch willkuͤhrliche Satzung an-
genommener ſein. Obzwar in verſchiedenen Naturen, auf3
verſchiedenen Bildungsſtufen ſtaͤrker oder ſchwaͤcher, kann
er doch nicht eigentlich erlernt werden.

1
<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0023" n="[1]"/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b"><hi rendition="#g">Einleitung</hi>.</hi> </head><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <div n="2">
          <head><hi rendition="#aq">A.</hi><hi rendition="#g">Theoreti&#x017F;che</hi>.</head><lb/>
          <div n="3">
            <head>1. <hi rendition="#g">Zergliederung des Begriffes Kun&#x017F;t</hi>.</head><lb/>
            <p>§. 1. Die Kun&#x017F;t i&#x017F;t eine <hi rendition="#g">Dar&#x017F;tellung</hi> (&#x03BC;&#x03AF;&#x03BC;&#x03B7;&#x03C3;&#x03B9;&#x03C2;)<note place="right">1</note><lb/>
d. h. eine Tha&#x0364;tigkeit, durch welche ein Innerliches a&#x0364;ußer-<lb/>
lich wird. &#x2014; Sie will nichts als dar&#x017F;tellen, und un-<note place="right">2</note><lb/>
ter&#x017F;cheidet &#x017F;ich dadurch, daß &#x017F;ie &#x017F;ich darin genu&#x0364;gt, von<lb/>
allen prakti&#x017F;chen auf einen be&#x017F;ondern Zweck gerichteten<lb/>
Tha&#x0364;tigkeiten.</p><lb/>
            <p>1. &#x039C;&#x03AF;&#x03BC;&#x03B7;&#x03C3;&#x03B9;&#x03C2; i&#x017F;t nicht blos Nachahmung &#x017F;ondern auch Dar&#x017F;tel-<lb/>
lung. S. be&#x017F;onders Ari&#x017F;tot. Poet. 1, 1. 26, 2. Rhetor. 1, 11.<lb/>
Platon Staat <hi rendition="#aq">II. p. 373. X. p.</hi> 595. ff.</p><lb/>
            <p>2. Oft heißt die Kun&#x017F;tübung, weil zwecklos, bei prakti&#x017F;cheren<lb/>
Völkern ein Spiel, <hi rendition="#aq">ludus.</hi> <hi rendition="#g">Nützliche</hi> Kun&#x017F;t im Gegen&#x017F;atz der<lb/>
&#x017F;chönen i&#x017F;t nichts als <hi rendition="#g">Handwerk</hi>.</p><lb/>
            <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
            <p>2. Die na&#x0364;here Be&#x017F;timmung wird be&#x017F;onders durch die<note place="right">1</note><lb/>
Art des <hi rendition="#g">Zu&#x017F;ammenhangs zwi&#x017F;chen dem Innern<lb/>
und Aeußern</hi>, Dar&#x017F;tellenden und Darge&#x017F;tellten, in der<lb/>
Kun&#x017F;t gegeben. Die&#x017F;er Zu&#x017F;ammenhang muß durchaus ein<note place="right">2</note><lb/><hi rendition="#g">in der Natur des Men&#x017F;chen mit Nothwendig-<lb/>
keit gegebener</hi>, nicht durch willku&#x0364;hrliche Satzung an-<lb/>
genommener &#x017F;ein. Obzwar in ver&#x017F;chiedenen Naturen, auf<note place="right">3</note><lb/>
ver&#x017F;chiedenen Bildungs&#x017F;tufen &#x017F;ta&#x0364;rker oder &#x017F;chwa&#x0364;cher, kann<lb/>
er doch nicht eigentlich erlernt werden.</p><lb/>
            <fw place="bottom" type="sig">1</fw><lb/>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[1]/0023] Einleitung. A. Theoretiſche. 1. Zergliederung des Begriffes Kunſt. §. 1. Die Kunſt iſt eine Darſtellung (μίμησις) d. h. eine Thaͤtigkeit, durch welche ein Innerliches aͤußer- lich wird. — Sie will nichts als darſtellen, und un- terſcheidet ſich dadurch, daß ſie ſich darin genuͤgt, von allen praktiſchen auf einen beſondern Zweck gerichteten Thaͤtigkeiten. 1 2 1. Μίμησις iſt nicht blos Nachahmung ſondern auch Darſtel- lung. S. beſonders Ariſtot. Poet. 1, 1. 26, 2. Rhetor. 1, 11. Platon Staat II. p. 373. X. p. 595. ff. 2. Oft heißt die Kunſtübung, weil zwecklos, bei praktiſcheren Völkern ein Spiel, ludus. Nützliche Kunſt im Gegenſatz der ſchönen iſt nichts als Handwerk. 2. Die naͤhere Beſtimmung wird beſonders durch die Art des Zuſammenhangs zwiſchen dem Innern und Aeußern, Darſtellenden und Dargeſtellten, in der Kunſt gegeben. Dieſer Zuſammenhang muß durchaus ein in der Natur des Menſchen mit Nothwendig- keit gegebener, nicht durch willkuͤhrliche Satzung an- genommener ſein. Obzwar in verſchiedenen Naturen, auf verſchiedenen Bildungsſtufen ſtaͤrker oder ſchwaͤcher, kann er doch nicht eigentlich erlernt werden. 1 2 3 1

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/mueller_kunst_1830
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/mueller_kunst_1830/23
Zitationshilfe: Müller, Karl Otfried: Handbuch der Archäologie der Kunst. Breslau, 1830, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/mueller_kunst_1830/23>, abgerufen am 11.08.2020.