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Müller, Karl Otfried: Handbuch der Archäologie der Kunst. Breslau, 1830.

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Dritter Theil.

Von den Gegenständen der alten Kunst.

346. Wie die bildende Kunst in ihren Formen auf1
Nachahmung der wirklichen Natur: so ist sie in ihren
Gegenständen auf positiv vorhandne Vorstellungen ange-
wiesen. Zwar ist die Kunstidee (§. 6.) wesentlich ein2
freies Erzeugniß des künstlerischen Geistes und Etwas,
was nur durch das Kunstwerk für den Künstler wie für
Andre lebendig wird; aber indem die Kunstidee den Weg
nimmt, sich nicht, wie in der Musik, als ein in der Zeit
Erscheinendes und Vorübergehendes darzustellen, sondern
ein im Raume dauernd Vorhandnes zu schaffen: muß sie
zugleich eine geistige Existenz setzen, welche von der des
Künstlers selbst verschieden ist; welches die Kunstthätig-
keit in den Zeiten einer vollkommen gesunden und natür-
lichen Entwickelung nicht vermag, ohne den Glauben an
eine solche Existenz wenigstens in der Schöpfung des
Kunstwerks selbst festhalten zu können. Die bildende
Kunst bedarf daher äußerlich und positiv gegebner Ge-
genstände. Diese sind entweder in der sinnlichen Erfah-3
rung oder in einer Welt geistiger Anschauungen, in wel-
cher sich die Nation bewegt, gegeben, das heißt, entwe-
der geschichtliche Gestalten, oder Wesen der Religion und
Mythologie, welche den Glauben an eine reale Existenz
ihrer Gebilde, den die Poesie an sich nur momentan her-
vorbringt, allein auf eine dauernde Weise zu gewähren
im Stande sind. Die Gegenstände der letztern Art wer-4
den bei einen kunstbegabtem Volke immer die Hauptauf-

Dritter Theil.

Von den Gegenſtaͤnden der alten Kunſt.

346. Wie die bildende Kunſt in ihren Formen auf1
Nachahmung der wirklichen Natur: ſo iſt ſie in ihren
Gegenſtaͤnden auf poſitiv vorhandne Vorſtellungen ange-
wieſen. Zwar iſt die Kunſtidee (§. 6.) weſentlich ein2
freies Erzeugniß des kuͤnſtleriſchen Geiſtes und Etwas,
was nur durch das Kunſtwerk fuͤr den Kuͤnſtler wie fuͤr
Andre lebendig wird; aber indem die Kunſtidee den Weg
nimmt, ſich nicht, wie in der Muſik, als ein in der Zeit
Erſcheinendes und Voruͤbergehendes darzuſtellen, ſondern
ein im Raume dauernd Vorhandnes zu ſchaffen: muß ſie
zugleich eine geiſtige Exiſtenz ſetzen, welche von der des
Kuͤnſtlers ſelbſt verſchieden iſt; welches die Kunſtthaͤtig-
keit in den Zeiten einer vollkommen geſunden und natuͤr-
lichen Entwickelung nicht vermag, ohne den Glauben an
eine ſolche Exiſtenz wenigſtens in der Schoͤpfung des
Kunſtwerks ſelbſt feſthalten zu koͤnnen. Die bildende
Kunſt bedarf daher aͤußerlich und poſitiv gegebner Ge-
genſtaͤnde. Dieſe ſind entweder in der ſinnlichen Erfah-3
rung oder in einer Welt geiſtiger Anſchauungen, in wel-
cher ſich die Nation bewegt, gegeben, das heißt, entwe-
der geſchichtliche Geſtalten, oder Weſen der Religion und
Mythologie, welche den Glauben an eine reale Exiſtenz
ihrer Gebilde, den die Poeſie an ſich nur momentan her-
vorbringt, allein auf eine dauernde Weiſe zu gewaͤhren
im Stande ſind. Die Gegenſtaͤnde der letztern Art wer-4
den bei einen kunſtbegabtem Volke immer die Hauptauf-

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[437/0459] Dritter Theil. Von den Gegenſtaͤnden der alten Kunſt. 346. Wie die bildende Kunſt in ihren Formen auf Nachahmung der wirklichen Natur: ſo iſt ſie in ihren Gegenſtaͤnden auf poſitiv vorhandne Vorſtellungen ange- wieſen. Zwar iſt die Kunſtidee (§. 6.) weſentlich ein freies Erzeugniß des kuͤnſtleriſchen Geiſtes und Etwas, was nur durch das Kunſtwerk fuͤr den Kuͤnſtler wie fuͤr Andre lebendig wird; aber indem die Kunſtidee den Weg nimmt, ſich nicht, wie in der Muſik, als ein in der Zeit Erſcheinendes und Voruͤbergehendes darzuſtellen, ſondern ein im Raume dauernd Vorhandnes zu ſchaffen: muß ſie zugleich eine geiſtige Exiſtenz ſetzen, welche von der des Kuͤnſtlers ſelbſt verſchieden iſt; welches die Kunſtthaͤtig- keit in den Zeiten einer vollkommen geſunden und natuͤr- lichen Entwickelung nicht vermag, ohne den Glauben an eine ſolche Exiſtenz wenigſtens in der Schoͤpfung des Kunſtwerks ſelbſt feſthalten zu koͤnnen. Die bildende Kunſt bedarf daher aͤußerlich und poſitiv gegebner Ge- genſtaͤnde. Dieſe ſind entweder in der ſinnlichen Erfah- rung oder in einer Welt geiſtiger Anſchauungen, in wel- cher ſich die Nation bewegt, gegeben, das heißt, entwe- der geſchichtliche Geſtalten, oder Weſen der Religion und Mythologie, welche den Glauben an eine reale Exiſtenz ihrer Gebilde, den die Poeſie an ſich nur momentan her- vorbringt, allein auf eine dauernde Weiſe zu gewaͤhren im Stande ſind. Die Gegenſtaͤnde der letztern Art wer- den bei einen kunſtbegabtem Volke immer die Hauptauf- 1 2 3 4

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Zitationshilfe: Müller, Karl Otfried: Handbuch der Archäologie der Kunst. Breslau, 1830, S. 437. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/mueller_kunst_1830/459>, abgerufen am 11.08.2020.