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Müller, Karl Otfried: Handbuch der Archäologie der Kunst. Breslau, 1830.

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Systematischer Theil.
e. Bequem, auch roh und ungeberdig hingestreckte Schlä-
fer, den Weindunst ausathmend. f. Ueppige Satyrn,
Bachantinen, auch Hermaphroditen, die Gewänder vom
Leibe ziehend, mit ihnen ringend. g. Mit den Arbei-
ten der Weinbereitung, nach der ältesten und einfachsten
Manier, beschäftigte, ihre rohe Anstrengung mit einem
gewissen Stolz zur Schau stellende, wobei Gestalten sehr
mannigfacher Art zum Vorschein kommen. h. Zechende.
i. Die wilden und trotzigen Bekämpfer der Tyrrhener.
5k. Derbe runde trinklustige Satyrkinder. Das frühere
Alterthum bildete die Satyrn mehr als Schreckgestalten
und Carricaturen des bärtigen Dionysos, und stellte sie
gern als Nymphenräuber dar; auch hielt die Kunst in
ihrer Vollendung eine Zeitlang diese bärtigen und
reifen Satyrgestalten fest, welche besonders die Mün-
zen von Naxos in Sicilien mit großartiger Kekkheit dar-
stellen; die zarteren jugendlichen Gestalten, in denen sich
mit dem Satyrcharakter eine möglichst anmuthige Bil-
dung und eine liebenswürdige Schalkheit vereint, kom-
6men erst später auf. Allerlei specielle Benennungen,
welche auf Vasengemählden bei einzelnen Satyrfiguren
vorkommen (Schwärmer, Stumpfnas, Süßwein), in wei-
term Kreise anzuwenden, ist bis jetzt noch ein mißliches
Unternehmen.

1. Geßner de Sileno et Silenis Com. Gott. iv. p. 35.
Heyne Antiq. Aufs. ii. Voß Mythol. Br. ii, 30--32. Lanzi
§. 301, 3. Welcker Nachtrag zur Trilogie S. 211--219.
Gerhard [del Dio Fauno e de suoi seguaci. Nap. 1825]
Kunstbl. 1825 N. 104.

2. Die Körperbildung beschreibt sehr gut Philostr. i, 22.
(koiloi to iskhion). Der schönste Kopf ist der aus V. Al-
bani, Faune a la tache, Bouill. i, 72. M. Nap. ii,
18.
Ganz ähnlich Lipp. i, 204. Ein recht deutlicher phrixokomes
oder orthothrix (Etym. M. p. 764) bei Bouill. iii, 59, 11.
vgl. Winck. W. iv. S. 220.

3. Solcher Gestalt die herrliche Statue August. 25. 26.
Dieselbe Stellung des oinokhoos hat eine anmuthige Figur bei L.
Egremont, wo aber der Schwanz nicht fehlt. Apollonios epoiei.

Syſtematiſcher Theil.
e. Bequem, auch roh und ungeberdig hingeſtreckte Schlaͤ-
fer, den Weindunſt ausathmend. f. Ueppige Satyrn,
Bachantinen, auch Hermaphroditen, die Gewaͤnder vom
Leibe ziehend, mit ihnen ringend. g. Mit den Arbei-
ten der Weinbereitung, nach der aͤlteſten und einfachſten
Manier, beſchaͤftigte, ihre rohe Anſtrengung mit einem
gewiſſen Stolz zur Schau ſtellende, wobei Geſtalten ſehr
mannigfacher Art zum Vorſchein kommen. h. Zechende.
i. Die wilden und trotzigen Bekaͤmpfer der Tyrrhener.
5k. Derbe runde trinkluſtige Satyrkinder. Das fruͤhere
Alterthum bildete die Satyrn mehr als Schreckgeſtalten
und Carricaturen des baͤrtigen Dionyſos, und ſtellte ſie
gern als Nymphenraͤuber dar; auch hielt die Kunſt in
ihrer Vollendung eine Zeitlang dieſe baͤrtigen und
reifen Satyrgeſtalten feſt, welche beſonders die Muͤn-
zen von Naxos in Sicilien mit großartiger Kekkheit dar-
ſtellen; die zarteren jugendlichen Geſtalten, in denen ſich
mit dem Satyrcharakter eine moͤglichſt anmuthige Bil-
dung und eine liebenswuͤrdige Schalkheit vereint, kom-
6men erſt ſpaͤter auf. Allerlei ſpecielle Benennungen,
welche auf Vaſengemaͤhlden bei einzelnen Satyrfiguren
vorkommen (Schwaͤrmer, Stumpfnas, Suͤßwein), in wei-
term Kreiſe anzuwenden, iſt bis jetzt noch ein mißliches
Unternehmen.

1. Geßner de Sileno et Silenis Com. Gott. iv. p. 35.
Heyne Antiq. Aufſ. ii. Voß Mythol. Br. ii, 30—32. Lanzi
§. 301, 3. Welcker Nachtrag zur Trilogie S. 211—219.
Gerhard [del Dio Fauno e de suoi seguaci. Nap. 1825]
Kunſtbl. 1825 N. 104.

2. Die Körperbildung beſchreibt ſehr gut Philoſtr. i, 22.
(κοιλοὶ τὸ ἰσχίον). Der ſchönſte Kopf iſt der aus V. Al-
bani, Faune à la tache, Bouill. i, 72. M. Nap. ii,
18.
Ganz ähnlich Lipp. i, 204. Ein recht deutlicher φριξοκόμης
oder ὀρϑόϑριξ (Etym. M. p. 764) bei Bouill. iii, 59, 11.
vgl. Winck. W. iv. S. 220.

3. Solcher Geſtalt die herrliche Statue August. 25. 26.
Dieſelbe Stellung des οἰνοχόος hat eine anmuthige Figur bei L.
Egremont, wo aber der Schwanz nicht fehlt. Ἀπολλωνιος ἐποιει.

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[516/0538] Syſtematiſcher Theil. e. Bequem, auch roh und ungeberdig hingeſtreckte Schlaͤ- fer, den Weindunſt ausathmend. f. Ueppige Satyrn, Bachantinen, auch Hermaphroditen, die Gewaͤnder vom Leibe ziehend, mit ihnen ringend. g. Mit den Arbei- ten der Weinbereitung, nach der aͤlteſten und einfachſten Manier, beſchaͤftigte, ihre rohe Anſtrengung mit einem gewiſſen Stolz zur Schau ſtellende, wobei Geſtalten ſehr mannigfacher Art zum Vorſchein kommen. h. Zechende. i. Die wilden und trotzigen Bekaͤmpfer der Tyrrhener. k. Derbe runde trinkluſtige Satyrkinder. Das fruͤhere Alterthum bildete die Satyrn mehr als Schreckgeſtalten und Carricaturen des baͤrtigen Dionyſos, und ſtellte ſie gern als Nymphenraͤuber dar; auch hielt die Kunſt in ihrer Vollendung eine Zeitlang dieſe baͤrtigen und reifen Satyrgeſtalten feſt, welche beſonders die Muͤn- zen von Naxos in Sicilien mit großartiger Kekkheit dar- ſtellen; die zarteren jugendlichen Geſtalten, in denen ſich mit dem Satyrcharakter eine moͤglichſt anmuthige Bil- dung und eine liebenswuͤrdige Schalkheit vereint, kom- men erſt ſpaͤter auf. Allerlei ſpecielle Benennungen, welche auf Vaſengemaͤhlden bei einzelnen Satyrfiguren vorkommen (Schwaͤrmer, Stumpfnas, Suͤßwein), in wei- term Kreiſe anzuwenden, iſt bis jetzt noch ein mißliches Unternehmen. 5 6 1. Geßner de Sileno et Silenis Com. Gott. iv. p. 35. Heyne Antiq. Aufſ. ii. Voß Mythol. Br. ii, 30—32. Lanzi §. 301, 3. Welcker Nachtrag zur Trilogie S. 211—219. Gerhard [del Dio Fauno e de suoi seguaci. Nap. 1825] Kunſtbl. 1825 N. 104. 2. Die Körperbildung beſchreibt ſehr gut Philoſtr. i, 22. (κοιλοὶ τὸ ἰσχίον). Der ſchönſte Kopf iſt der aus V. Al- bani, Faune à la tache, Bouill. i, 72. M. Nap. ii, 18. Ganz ähnlich Lipp. i, 204. Ein recht deutlicher φριξοκόμης oder ὀρϑόϑριξ (Etym. M. p. 764) bei Bouill. iii, 59, 11. vgl. Winck. W. iv. S. 220. 3. Solcher Geſtalt die herrliche Statue August. 25. 26. Dieſelbe Stellung des οἰνοχόος hat eine anmuthige Figur bei L. Egremont, wo aber der Schwanz nicht fehlt. Ἀπολλωνιος ἐποιει.

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Zitationshilfe: Müller, Karl Otfried: Handbuch der Archäologie der Kunst. Breslau, 1830, S. 516. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/mueller_kunst_1830/538>, abgerufen am 22.09.2020.