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Münter, Balthasar: Bekehrungsgeschichte des vormaligen Grafen [...] Johann Friederich Struensee. Kopenhagen, 1772.

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Dieser junge Mensch antwortete mir, es wären doch so
viele Ausdrücke in derselben sehr ausfallend. Darüber,
sagte ich ihm, setzt man sich bald hinaus, wenn man sie
nur in der Absicht liest, wozu Gott sie uns gegeben hat.
Jch stoße nun nirgends mehr an, als wenn ich etwa eine
Stelle nicht verstehe, ausfallend ist mir nichts mehr.
Aber sagen Sie mir doch, was ist Jhnen zum Exempel
anstößig? "Ja, wenn Christus zu seiner Mutter sagt:
Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? so ist das doch
hart, und wenn ichs sagen darf, unanständig.["] Jch
will Jhnen sagen, wie ich mir das vorstelle. Wenn zum
Exempel drey verschiedene Personen, die eine aus dem
niedrigen Stand, die andre aus dem mittlern, die dritte
aus dem höhern, unter eben solchen Umständen, densel-
bigen Gedanken ausdrücken wollten, wie würden sie ihn
ungefähr sagen? Die erste würde etwa sprechen, wie Je-
sus sprach, von dem sie wissen werden, daß er in dem
Hause eines Zimmermanns erzogen war: Mutter, oder
Frau, was geht es uns an, daß die Brautleute keinen
Wein mehr haben? Die andere würde sich ungefähr so
ausdrücken: Meine liebe Mutter, beunruhigen Sie sich
darüber nicht. Die dritte würde vielleicht gar nichts sagen,
sondern eine leichte Verbeugung machen. Hätten sie nun
aber nicht im Grunde alle drey einerley gesagt? Man muß
wenn man den Wehrt eines Menschen beurtheilen will,
nicht auf den Rock sehen, den er trägt, und die Güte sei-
ner Gesinnungen kann nicht aus der Feinheit und Zier-
lichkeit der Ausdrücke geschlossen werden, worin er sie
einkleidet.

Sieben und zwanzigste Unterredung, den
14ten April.

Auf die Auferstehung wird das Gericht folgen. Lassen
Sie uns, theurer Freund, heute von dieser großen
Begebenheit reden. -- Zu eben der Zeit, da Jesus

Christus



Dieſer junge Menſch antwortete mir, es waͤren doch ſo
viele Ausdruͤcke in derſelben ſehr auſfallend. Daruͤber,
ſagte ich ihm, ſetzt man ſich bald hinaus, wenn man ſie
nur in der Abſicht lieſt, wozu Gott ſie uns gegeben hat.
Jch ſtoße nun nirgends mehr an, als wenn ich etwa eine
Stelle nicht verſtehe, auſfallend iſt mir nichts mehr.
Aber ſagen Sie mir doch, was iſt Jhnen zum Exempel
anſtoͤßig? “Ja, wenn Chriſtus zu ſeiner Mutter ſagt:
Weib, was habe ich mit dir zu ſchaffen? ſo iſt das doch
hart, und wenn ichs ſagen darf, unanſtaͤndig.[„] Jch
will Jhnen ſagen, wie ich mir das vorſtelle. Wenn zum
Exempel drey verſchiedene Perſonen, die eine aus dem
niedrigen Stand, die andre aus dem mittlern, die dritte
aus dem hoͤhern, unter eben ſolchen Umſtaͤnden, denſel-
bigen Gedanken ausdruͤcken wollten, wie wuͤrden ſie ihn
ungefaͤhr ſagen? Die erſte wuͤrde etwa ſprechen, wie Je-
ſus ſprach, von dem ſie wiſſen werden, daß er in dem
Hauſe eines Zimmermanns erzogen war: Mutter, oder
Frau, was geht es uns an, daß die Brautleute keinen
Wein mehr haben? Die andere wuͤrde ſich ungefaͤhr ſo
ausdruͤcken: Meine liebe Mutter, beunruhigen Sie ſich
daruͤber nicht. Die dritte wuͤrde vielleicht gar nichts ſagen,
ſondern eine leichte Verbeugung machen. Haͤtten ſie nun
aber nicht im Grunde alle drey einerley geſagt? Man muß
wenn man den Wehrt eines Menſchen beurtheilen will,
nicht auf den Rock ſehen, den er traͤgt, und die Guͤte ſei-
ner Geſinnungen kann nicht aus der Feinheit und Zier-
lichkeit der Ausdruͤcke geſchloſſen werden, worin er ſie
einkleidet.

Sieben und zwanzigſte Unterredung, den
14ten April.

Auf die Auferſtehung wird das Gericht folgen. Laſſen
Sie uns, theurer Freund, heute von dieſer großen
Begebenheit reden. — Zu eben der Zeit, da Jeſus


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[218/0230] Dieſer junge Menſch antwortete mir, es waͤren doch ſo viele Ausdruͤcke in derſelben ſehr auſfallend. Daruͤber, ſagte ich ihm, ſetzt man ſich bald hinaus, wenn man ſie nur in der Abſicht lieſt, wozu Gott ſie uns gegeben hat. Jch ſtoße nun nirgends mehr an, als wenn ich etwa eine Stelle nicht verſtehe, auſfallend iſt mir nichts mehr. Aber ſagen Sie mir doch, was iſt Jhnen zum Exempel anſtoͤßig? “Ja, wenn Chriſtus zu ſeiner Mutter ſagt: Weib, was habe ich mit dir zu ſchaffen? ſo iſt das doch hart, und wenn ichs ſagen darf, unanſtaͤndig.„ Jch will Jhnen ſagen, wie ich mir das vorſtelle. Wenn zum Exempel drey verſchiedene Perſonen, die eine aus dem niedrigen Stand, die andre aus dem mittlern, die dritte aus dem hoͤhern, unter eben ſolchen Umſtaͤnden, denſel- bigen Gedanken ausdruͤcken wollten, wie wuͤrden ſie ihn ungefaͤhr ſagen? Die erſte wuͤrde etwa ſprechen, wie Je- ſus ſprach, von dem ſie wiſſen werden, daß er in dem Hauſe eines Zimmermanns erzogen war: Mutter, oder Frau, was geht es uns an, daß die Brautleute keinen Wein mehr haben? Die andere wuͤrde ſich ungefaͤhr ſo ausdruͤcken: Meine liebe Mutter, beunruhigen Sie ſich daruͤber nicht. Die dritte wuͤrde vielleicht gar nichts ſagen, ſondern eine leichte Verbeugung machen. Haͤtten ſie nun aber nicht im Grunde alle drey einerley geſagt? Man muß wenn man den Wehrt eines Menſchen beurtheilen will, nicht auf den Rock ſehen, den er traͤgt, und die Guͤte ſei- ner Geſinnungen kann nicht aus der Feinheit und Zier- lichkeit der Ausdruͤcke geſchloſſen werden, worin er ſie einkleidet. Sieben und zwanzigſte Unterredung, den 14ten April. Auf die Auferſtehung wird das Gericht folgen. Laſſen Sie uns, theurer Freund, heute von dieſer großen Begebenheit reden. — Zu eben der Zeit, da Jeſus Chriſtus 

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Zitationshilfe: Münter, Balthasar: Bekehrungsgeschichte des vormaligen Grafen [...] Johann Friederich Struensee. Kopenhagen, 1772, S. 218. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/muenter_bekehren_1772/230>, abgerufen am 19.10.2019.