Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Münter, Balthasar: Bekehrungsgeschichte des vormaligen Grafen [...] Johann Friederich Struensee. Kopenhagen, 1772.

Bild:
<< vorherige Seite


Dritte Unterredung, den 5ten März.

So sehr sich der Graf Struensee bey unsrer letzten
Unterredung gewegert hatte seinen Lieblingssatz auf-
zugeben, so war ich doch schon des Sieges der Wahr-
heit über ihn ziemlich gewiß. Es war in der That nichts
mehr, als die Schaam in einer so wichtigen und zugleich
so klaren Sache Unrecht gehabt zu haben, was ihn zu-
rückhielt sich zu ergeben. Jch ließ es ihn merken, daß
ich mir von unsrer heutigen Unterredung etwas verspräche.
Mein Herz, sagt mir, so redete ich ihn an, daß ich
heute mit Jhnen einen Schritt weiter kommen werde.
Jch sehe, Sie lesen im Jerusalem. Wie weit sind Sie
gekommen, und wie gefällt Jhnen das Buch? "Jch
bin schon in der Betrachtung über die Moralität des
Menschen. Das Buch ist vortrefflich geschrieben, und
ich finde nichts darin, das meiner Vernunft widerspräche.
Jch habe hier auch noch was wider meine Meynung ge-
funden, daß der Mensch eine Maschine sey. Aber
mich deucht doch immer, die Sensibilität beweist es
und erklärt alles." Jch antwortete ihm hierauf, daß
die Werkzeuge der Sinne doch nichts weiter als der
Spiegel oder der Tubus wären, wodurch wir die Ge-
genstände wahrnähmen, daß der Spiegel oder der Tubus
selbst nichts sehen könnten, sondern, daß noch ein drittes
da seyn müßte, nemlich derjenige, der durch das Werk-
zeug die Gegenstände beobachtete. Dieser dritte sey die
Seele oder unser Jch.

Er begriff dieß, aber sein Unrecht zu gestehen,
das schien ihm noch zu schwer zu seyn. Und gleichwohl
war dieß nothwendig, ehe ich weiter gehen konnte. Jch
nahm mir also vor, ihm zu zeigen, daß die Art, wie
seine Meynung bey ihm entstanden wäre, und sein Herz
so sehr interessirt hätte, ihm weder Ehre machte noch sei-

nem
B 5


Dritte Unterredung, den 5ten Maͤrz.

So ſehr ſich der Graf Struenſee bey unſrer letzten
Unterredung gewegert hatte ſeinen Lieblingsſatz auf-
zugeben, ſo war ich doch ſchon des Sieges der Wahr-
heit uͤber ihn ziemlich gewiß. Es war in der That nichts
mehr, als die Schaam in einer ſo wichtigen und zugleich
ſo klaren Sache Unrecht gehabt zu haben, was ihn zu-
ruͤckhielt ſich zu ergeben. Jch ließ es ihn merken, daß
ich mir von unſrer heutigen Unterredung etwas verſpraͤche.
Mein Herz, ſagt mir, ſo redete ich ihn an, daß ich
heute mit Jhnen einen Schritt weiter kommen werde.
Jch ſehe, Sie leſen im Jeruſalem. Wie weit ſind Sie
gekommen, und wie gefaͤllt Jhnen das Buch? “Jch
bin ſchon in der Betrachtung uͤber die Moralitaͤt des
Menſchen. Das Buch iſt vortrefflich geſchrieben, und
ich finde nichts darin, das meiner Vernunft widerſpraͤche.
Jch habe hier auch noch was wider meine Meynung ge-
funden, daß der Menſch eine Maſchine ſey. Aber
mich deucht doch immer, die Senſibilitaͤt beweiſt es
und erklaͤrt alles.„ Jch antwortete ihm hierauf, daß
die Werkzeuge der Sinne doch nichts weiter als der
Spiegel oder der Tubus waͤren, wodurch wir die Ge-
genſtaͤnde wahrnaͤhmen, daß der Spiegel oder der Tubus
ſelbſt nichts ſehen koͤnnten, ſondern, daß noch ein drittes
da ſeyn muͤßte, nemlich derjenige, der durch das Werk-
zeug die Gegenſtaͤnde beobachtete. Dieſer dritte ſey die
Seele oder unſer Jch.

Er begriff dieß, aber ſein Unrecht zu geſtehen,
das ſchien ihm noch zu ſchwer zu ſeyn. Und gleichwohl
war dieß nothwendig, ehe ich weiter gehen konnte. Jch
nahm mir alſo vor, ihm zu zeigen, daß die Art, wie
ſeine Meynung bey ihm entſtanden waͤre, und ſein Herz
ſo ſehr intereſſirt haͤtte, ihm weder Ehre machte noch ſei-

nem
B 5
<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0037" n="25"/>
      <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b">Dritte Unterredung, den 5ten Ma&#x0364;rz.</hi> </head><lb/>
        <p><hi rendition="#in">S</hi>o &#x017F;ehr &#x017F;ich der Graf Struen&#x017F;ee bey un&#x017F;rer letzten<lb/>
Unterredung gewegert hatte &#x017F;einen Lieblings&#x017F;atz auf-<lb/>
zugeben, &#x017F;o war ich doch &#x017F;chon des Sieges der Wahr-<lb/>
heit u&#x0364;ber ihn ziemlich gewiß. Es war in der That nichts<lb/>
mehr, als die Schaam in einer &#x017F;o wichtigen und zugleich<lb/>
&#x017F;o klaren Sache Unrecht gehabt zu haben, was ihn zu-<lb/>
ru&#x0364;ckhielt &#x017F;ich zu ergeben. Jch ließ es ihn merken, daß<lb/>
ich mir von un&#x017F;rer heutigen Unterredung etwas ver&#x017F;pra&#x0364;che.<lb/>
Mein Herz, &#x017F;agt mir, &#x017F;o redete ich ihn an, daß ich<lb/>
heute mit Jhnen einen Schritt weiter kommen werde.<lb/>
Jch &#x017F;ehe, Sie le&#x017F;en im Jeru&#x017F;alem. Wie weit &#x017F;ind Sie<lb/>
gekommen, und wie gefa&#x0364;llt Jhnen das Buch? &#x201C;Jch<lb/>
bin &#x017F;chon in der Betrachtung u&#x0364;ber die Moralita&#x0364;t des<lb/>
Men&#x017F;chen. Das Buch i&#x017F;t vortrefflich ge&#x017F;chrieben, und<lb/>
ich finde nichts darin, das meiner Vernunft wider&#x017F;pra&#x0364;che.<lb/>
Jch habe hier auch noch was wider meine Meynung ge-<lb/>
funden, daß der Men&#x017F;ch eine Ma&#x017F;chine &#x017F;ey. Aber<lb/>
mich deucht doch immer, die Sen&#x017F;ibilita&#x0364;t bewei&#x017F;t es<lb/>
und erkla&#x0364;rt alles.&#x201E; Jch antwortete ihm hierauf, daß<lb/>
die Werkzeuge der Sinne doch nichts weiter als der<lb/>
Spiegel oder der Tubus wa&#x0364;ren, wodurch wir die Ge-<lb/>
gen&#x017F;ta&#x0364;nde wahrna&#x0364;hmen, daß der Spiegel oder der Tubus<lb/>
&#x017F;elb&#x017F;t nichts &#x017F;ehen ko&#x0364;nnten, &#x017F;ondern, daß noch ein drittes<lb/>
da &#x017F;eyn mu&#x0364;ßte, nemlich derjenige, der durch das Werk-<lb/>
zeug die Gegen&#x017F;ta&#x0364;nde beobachtete. Die&#x017F;er dritte &#x017F;ey die<lb/>
Seele oder un&#x017F;er Jch.</p><lb/>
        <p>Er begriff dieß, aber &#x017F;ein Unrecht zu ge&#x017F;tehen,<lb/>
das &#x017F;chien ihm noch zu &#x017F;chwer zu &#x017F;eyn. Und gleichwohl<lb/>
war dieß nothwendig, ehe ich weiter gehen konnte. Jch<lb/>
nahm mir al&#x017F;o vor, ihm zu zeigen, daß die Art, wie<lb/>
&#x017F;eine Meynung bey ihm ent&#x017F;tanden wa&#x0364;re, und &#x017F;ein Herz<lb/>
&#x017F;o &#x017F;ehr intere&#x017F;&#x017F;irt ha&#x0364;tte, ihm weder Ehre machte noch &#x017F;ei-<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">B 5</fw><fw place="bottom" type="catch">nem</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[25/0037] Dritte Unterredung, den 5ten Maͤrz. So ſehr ſich der Graf Struenſee bey unſrer letzten Unterredung gewegert hatte ſeinen Lieblingsſatz auf- zugeben, ſo war ich doch ſchon des Sieges der Wahr- heit uͤber ihn ziemlich gewiß. Es war in der That nichts mehr, als die Schaam in einer ſo wichtigen und zugleich ſo klaren Sache Unrecht gehabt zu haben, was ihn zu- ruͤckhielt ſich zu ergeben. Jch ließ es ihn merken, daß ich mir von unſrer heutigen Unterredung etwas verſpraͤche. Mein Herz, ſagt mir, ſo redete ich ihn an, daß ich heute mit Jhnen einen Schritt weiter kommen werde. Jch ſehe, Sie leſen im Jeruſalem. Wie weit ſind Sie gekommen, und wie gefaͤllt Jhnen das Buch? “Jch bin ſchon in der Betrachtung uͤber die Moralitaͤt des Menſchen. Das Buch iſt vortrefflich geſchrieben, und ich finde nichts darin, das meiner Vernunft widerſpraͤche. Jch habe hier auch noch was wider meine Meynung ge- funden, daß der Menſch eine Maſchine ſey. Aber mich deucht doch immer, die Senſibilitaͤt beweiſt es und erklaͤrt alles.„ Jch antwortete ihm hierauf, daß die Werkzeuge der Sinne doch nichts weiter als der Spiegel oder der Tubus waͤren, wodurch wir die Ge- genſtaͤnde wahrnaͤhmen, daß der Spiegel oder der Tubus ſelbſt nichts ſehen koͤnnten, ſondern, daß noch ein drittes da ſeyn muͤßte, nemlich derjenige, der durch das Werk- zeug die Gegenſtaͤnde beobachtete. Dieſer dritte ſey die Seele oder unſer Jch. Er begriff dieß, aber ſein Unrecht zu geſtehen, das ſchien ihm noch zu ſchwer zu ſeyn. Und gleichwohl war dieß nothwendig, ehe ich weiter gehen konnte. Jch nahm mir alſo vor, ihm zu zeigen, daß die Art, wie ſeine Meynung bey ihm entſtanden waͤre, und ſein Herz ſo ſehr intereſſirt haͤtte, ihm weder Ehre machte noch ſei- nem B 5

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/muenter_bekehren_1772
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/muenter_bekehren_1772/37
Zitationshilfe: Münter, Balthasar: Bekehrungsgeschichte des vormaligen Grafen [...] Johann Friederich Struensee. Kopenhagen, 1772, S. 25. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/muenter_bekehren_1772/37>, abgerufen am 14.10.2019.