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Czernowitzer Allgemeine Zeitung. Nr. 1723, Czernowitz, 12.10.1909.

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Redaktion u. Administration:
Ringplatz 4, 2. Stock.




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halbjährl. K 12. ganzjähr. K 24.

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[F]ür Rumänien und den Balkan:
vierteljährig .... 10 Lei.




Telegramme Allgemeine, Czernowitz.


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Czernowitzer
Allgemeine Zeitung

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Es kostet im gewöhnlichen In[s]e-
ratenteil 12 h die 6mal gespaltene
Petitzeile bei eimaliger, 9 h bei
mehtmaliger Einschaltung, für Re-
klame 40 h die Petitzeile, Inserate
nehmen alle in- und ausländischen
Inseratenbureaux sowie die Ad-
ministration entgegen. -- Einzel-
exemplare sind in allen Zeitungs-
verschleißen, Trafiken, der k. k. Uni-
versitätsbuchhandlung H. Pardini
und in der Administration (Ring-
platz 4, 2. St.) erhältlich. In Wien
im Zeitungsbureau Goldschmidt,
Wollzeile 11.

Einzelexemplare
10 Heller für Czernowitz.






Nr. 1723. Czernowitz, Dienstag den 12. Oktober 1909.



[Spaltenumbruch]
Uebersicht.

Vom Tage.

Der Reichsrat ist für den 20. d. einberufen. In poli-
tischen Kreisen wird Körber als der kommende Mann genannt.
In Belgrad kam es zu österreich-feindlichen Demonstrationen.

Czernowitzer Angelegenheiten.

Der Landtag ist für den 15. d. zu einer zweitägigen
Session einberufen.

Letzte Telegramme.

Die Czechen kündigen für den Reichsrat schärfste Ob-
struktion an. -- Der Zar wird in Italien dreitägigen Aufenthalt
nehmen.




Sparkassen und Staatsaufsicht. *)

Es wird viel geklagt und viel räsonniert in Oester-
reich, und leider manchmal mit Recht. Gerade deshalb
soll es auch anerkannt werden, wenn unsere Ver-
waltung wirklich Gutes leistet. Zu den rühmlichsten
Erfolgen unserer Verwaltung gehört der unbedingte
Kredit der Sparkassen. Vor Jahresfrist hatten diese
Anstalten, namentlich die kleineren Provinz- und
Gemeindesparkassen eine Feuerprobe zu bestehen, als
der Kriegslärm durch das Land ging. Es waren
sorgenvolle Tage, aber nicht die kleinste Sparkasse
hat gewankt, und als Gewinn blieb nach jenem Run
das erstarkte Gefühl unbedingter Sicherheit.

Dieses Kleinod muß aber auch sorgfältig gewahrt
werden. Deshalb halte ich es für keine verlorene
Mühe, auf einige Punkte aufmerksam zu machen, die
ich mit den gefährdeten Stellen eines Festungswalles
vergleichen möchte. Denn einem Festungswerke gleichen
die Grundsätze des Sparkassenregulativs von 1844
und der anderen an dieses Regulativ sich anschließen-
den Vorschriften, die alle das eine Ziel haben, eine
scharfe Grenze zwischen Banken und Sparkassen zu
ziehen. Bei der Bank steht die Rücksicht auf Gewinn
gleichberechtigt neben der Sorge vor Verlusten. Bei
der Sparkasse ist die Sicherheit allererste Frage, die
[Spaltenumbruch] Sorge um Gewinn steht in letzter Linie. Die Bank
bedarf freier und elastischer Normen, um sich zu
entfalten, die Sparkasse gedeiht besser bei einiger
Schwerfälligkeit und Pedanterie. Wer Banken Gelder
anvertraut, mag die Grundlagen dieses Vertrauens
selbst prüfen, die Sparkasse ist auch für den physisch
und geistig Unmündigen da. Die Entfaltung der
Banken beruht wesentlich darauf, was ihre Verwal-
tung mit den anvertrauten Geldern unternehmen
kann und darf. Die Güte der Sparkasse ist wesentlich
darauf gegründet, was mit den Einlagegeldern nicht
geschehen kann und darf.

Die internen Vorschriften, die den letzten Punkt
regeln, können nicht jede Gefahr ausschließen. Wo
sie dies nicht können, da eben soll die Staatsaufsicht
eingreifen und als den wichtigsten Gegenstand, der
eine gesteigerte Staatsaufsicht notwendig erscheinen
läßt, möchte ich die Reeskomptierung von Wechseln
aus dem Portefeuille der Sparkasse hervorheben.
Daß die Sparkasse ihre Einlaggelder zum Wechsel-
eskompte verwenden darf und soll, ist wohl begründet.
Gerade durch die Pflege dieses Geschäftszweiges wird
sie mobil, weil sie dadurch stets in Zeiten der Gefahr
eine genügende Menge von Geldern ohne Verluste
flüssig machen kann. Wenn die Sparkassa in solchen
Zeiten teuer angeschaffte Renten verkaufen müßte,
wären große Verluste unabwendbar, selbst Rentenkurse
und Staatskredit wären gefährdet. Wären aber die
Einlagegelder ganz und gar in langsichtigen Hypo-
thekarforderungen festgerannt, so wären die Spar-
kassen inmitten ihres nicht sofort verwertbaren Reich-
tums vom Ruin bedroht.

Mit gutem Grunde gestehen daher die geltenden
Vorschriften*) den Sparkassen das Recht zu, Wechsel
zu eskomptieren und diese Wechsel den
Banken weiterzugeben, reeskomptieren zu lassen,
wenn sie flüssiger Gelder bedürfen, falls dies in den
Statuten vorgesehen ist. Allein hier lauert auch schon
die Gefahr. Die Sparkasse soll im Sinne dieser Vor-
schriften Gelder der Einleger für sichere Wechsel ver-
wenden und diese Wechsel im Falle der Zurück-
[Spaltenumbruch] ziehung von Einlagen rasch wieder zu Geld machen
können. Der Mißbrauch liegt nahe. Die Sparkasse
kann nunmehr, ohne in für jedermann erkennbarer
Weise ihre Vorschriften zu verletzen, das Wechsel-
geschäft auf Wechsel zweifelhafter Qualität ausdehnen,
denen erst die Unterschrift der Sparkasse Wert und
Eignung für den Reeskompte verleiht; sie kann
ferner ohne Rücksicht auf ihren ureigentlichen Beruf,
Einlagegelder fruchtbringend anzulegen, Wechsel es-
komptieren, um sie sofort -- noch feucht sozusagen
-- von irgendeiner Bank eskomptieren zu lassen. Sie
kann -- nach Art der Geld-für-Alles-Männer -- die von
der Bank empfangene Eskomptevaluta sofort für
andere Wechselgeber bereit halten und dieser Bruch
ihrer Vorschriften trete noch immer nicht nach außen
deutlich zutage. Denn dem Geld sieht man es ja
nicht an, ob es aus der Bank oder aus Einlagen
stammt.

Käme nun solches vor, so wäre eine derartige
Sparkasse von der ersten besten Genossenschaftsbank
nicht mehr deutlich unterschieden. Ihr unbedingter
Kredit wäre ein verhängnisvoller Irrtum. Den
Nutzen hätten die Mitglieder der Leitung solcher
Sparkassen, die Orts- und Gemeindegewaltigen, die
den Gewinn aus solchen Geschäften in Form von
Remunerationen und Gehaltserhöhungen in ihre
Taschen fallen ließen, oder die Wahlkortesche und
sonstigen Günstlinge dieser Politiker, die anderwärts
keinen so billigen Kredit fänden. Die Gefahr solcher
Geschäfte würden im schlimmsten Falle die Einleger
tragen. Besonders bedroht wären aber die Selbst-
verwaltungskörper, die für die Verpflichtungen der
Sparkasse haften.

Wohlgemerkt: Es liegt mir fern, zu behaupten,
daß die hier geschilderten Gefahren einen beträchtlichen
Umfang angenommen haben, ich begnüge mich,
darauf hinzuweisen, daß volle Sicherheit gegen diese
Gefahren weder in den bestehenden Vorschriften noch
in der Staatsaufsicht, wie sie jetzt gehandhabt wird,
liegen kann. Will man aber beizeiten vor-
beugen, so muß die Staatsaufsicht in höherem Maße
zentralisiert werden, als dies bis jetzt der Fall war.
Die politischen Landes- und Bezirksbehörden unter-
liegen, ohne daß sie ein Vorwurf träfe, allzusehr dem




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.
Aus dem Reiche des Taktstockes.

(Nachdruck verboten.)

Und wenn alle Staaten ihre Herrscher stürzten und
eine allgemeine Republik auf der Erde blühte, ein Orchester-
staat muß autokratisch regiert werden. Der Orchesterherrscher
kann sein Reich allerdings friedlich, durch die Konstitution
-- Kontrakt[e]! -- regieren, aber ein Gebieter, ein unum-
schränkter muß er sein. Nicht nur über die Zeit seiner
Untergebenen, auch über deren Kunstanschauung, über ihre
Nerven und Künstlerseelen. Er muß die Möglichkeit in sich
fühlen, den durch langjährige, anstrengende Arbeit abge-
stumpften und blasierten Musikern die Begeisterung einzu-
hauchen, die ihn selber beseelt, sie glauben machen, das Heil
käme allein von ihm -- aber nach siegreich gelieferten
Schlachten muß er ein dankbarer Feldherr sein und den
Lorbeer nicht allein für sich einheimsen, sondern seinen
Soldaten zeigen, daß er wohl wisse, wieviel er ihnen zu
danken habe: mit einem Wort ein Napoleon, der das
Menschenmöglichste verlangt, aber auch einmal dem wache-
tuenden Grenadier sein Gewehr abnimmt.

Disziplin -- das Fundament eines Orchesters; denn
mehr noch wie in einem Theater, wo die Künstlerehre des
einzelnen auf dem Spiele steht, muß bei dem stets zusammen
arbeitenden Orchester darauf geachtet werden, daß eine
Stimme gilt, daß ein Wille unbedenklich ausgeführt wird:
die des Kapellmeisters.

Disziplin! Freilich, nur die Unwissenden wähnen, die
Disziplin. erreiche man durch Strenge und durch unbedingtes
Bestehen auf seiner Diktatorenmeinung. Viel mehr wird
[Spaltenumbruch] manchmal gewonnen durch ein Lächeln der Ermunterung,
einen Blick des Dankes, einen freundschaftlichen Händedruck.
Bis man aber dieses Einsehen erlangt, muß man lange an
sich arbeiten, manche lernen's überhaupt nie, sondern sind
unrettbar der furchtbaren Krankheit verfallen, die besonders
unter den -- jüngeren, aus dem Orchester hervorgegangenen
-- Kapellmeistern wütet, dem Taktstockkoller.

Die diszipliniertesten Orchester hat Deutschland, das ist
fraglos, und das wissen auch die ausländischen Dirigenten.
Um die Palme des Gegenteils streiten Amerika und Frank-
reich. Amerika ist aber sicher in dieser Beziehung das weit-
aus unliebenswürdigere Land, weil dort alle Fehler gröber
und abstoßender auftreten. Der amerikanische Orchester-
musiker ist -- mit Ausnahme des wohlorganisierten Bostoner
Orchesters -- der geschworene Feind des Kapellmeisters, der
sich von ihnen alles gefallen lassen muß, da der Musiker
bei der geringsten Veranlassung das Orchester verläßt und
der arme Dirigent nicht immer einen Ersatz finden kann.
Besonders schlimm geht es in Newyork zu, wo die Orchester-
mitglieder einen einigermaßen nervösen Dirigenten langsam,
aber sicher ins Irrenhaus bringen. Böse Erfahrungen hat
in dieser Beziehung Richard Strauß speziell in Newyork
gemacht. Ich war dabei, wie er vergebens den ersten
Trompeter ersuchte, bei einer wichtigen Stelle in der Sin-
sonia Domestica sein Inst[r]ument mit dem Schalltrichter nach
oben zu halten, damit der Klang der Trompete über das
ganze entfesselte Orchester zu hören wäre. Der Mann
weigerte sich entschieden, denn "dann täten ihm die Zähne
weh!", bis Strauß wütend den Taktstock wegwarf und mit
den Worten die Probe unterbrach: "Es ist schon schlimm,
daß ein Kapellmeister seinen Willen nicht durchsetzen kann,
daß aber auch der Komponist bei seinem Werke nichts zu
sagen hat, ist unerhört."

Die Franzosen haben einen anderen Kardinalfehler. Sie
kommen nicht regelmäßig zu den Proben. Und das liegt nicht
[Spaltenumbruch] am schlechten Willen oder an Nachlässigkeit, das liegt nur
daran, daß sie sehr schlecht bezahlt werden. Sie haben kein
Jahresengagement, sondern werden pro Konzert und Probe
honoriert und wenn sie einmal etwas Lukrativ[e]s finden,
kommen sie nicht selbst, sondern schicken einfach einen Stell-
vertreter. Es ist selbstverständlich, daß ein solcher Ersatzmann
nichts hilft, denn -- auch der letzte zweite Geiger, der eine
Probe nicht mitgemacht hat, ist im Stande, eine wunder-
schön ausgedachte und einstudierte Nuance grausam zu zer-
stören.

Der große französische Meister St. Saens erzählte mir
einmal eine reizende Geschichte, die den eben erwähnten
Mangel französischer Orchester aufs beste illustriert. Er
dirigierte in Lille -- oder in Lyon -- ein Konzert, das
seinen Werken gewidmet war. Während der vier oder fünf
Proben merkte er, daß auch nicht ein Musiker alle Proben
regelmäßig mitgemacht hatte. Der eine hatte einen Hausball,
wo er zum Tanze aufspielte, ein anderer Theater, das mehr
einbrachte. Das Orchester war trotzdem stets vollzählig. Nur
der Pauker hatte bis zur letzten Probe ausgeharrt. Zu
diesem ging nun St. Saens nach der Generalprobe und, ihm
die Hand schüttelnd, dankte er ihm für seine Pünktlichkeit
und Ausdauer. "O bitte Meister, hat nichts zu sagen,"
lautete die Antwort, "ich habe es gern getan, aber das
Konzert macht ein anderer für mich -- ich habe einen Ball!"

Im Verkehr mit dem Orchester, in der Art und Weise
des Probens, war wohl Hans von Bülow vorbildlich. Un-
zählig sind die Geschichten, die über ihn kursieren und die
alle seinen schlagenden Witz beweisen. Es sei mir gestattet,
hier eine weniger bekannte wiederzugeben, weil sie klassisch ist,
nicht nur aus humoristischen Gründen, sondern, weil man aus
ihr manches lernen kann.

Man probt unter Bülow; er klopft ab, und sagt dem
Panker, er möge seine Stelle forte schlagen. Man beginnt
von neuem. Bei derselben Stelle hält Bülow wieder an:


*) Der geschätzte Schriftsteller stellt uns diesen Artikel,
der vor einigen Tagen im "N. Wr. Tgbl." veröffentlicht
wurde, freundlichst zur Veröffentlichung.
*) E[rl]aß bes Ministeriums des Innern vom 19. Mai
1892, Z. 1139, § 25[unleserliches Material - 1 Zeichen fehlt]5, Musterstatut für Gemeinde- und
Bezirkssparkassen.
[Spaltenumbruch]

Redaktion u. Adminiſtration:
Ringplatz 4, 2. Stock.




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Für Czernowitz
(mit Zuſtellung ins Haus):
monatl. K 1·80, vierteljähr. K 5·40.
halbj. K 10·80, ganzjähr. K 21·60,
(mit täglicher Poſtverſendung)
monatl. K 2, vierteljähr. K 6,
halbjährl. K 12. ganzjähr. K 24.

Für Deutſchland:
vierteljährig .... 7 Mark

[F]ür Rumänien und den Balkan:
vierteljährig .... 10 Lei.




Telegramme Allgemeine, Czernowitz.


[Spaltenumbruch]
Czernowitzer
Allgemeine Zeitung

[Spaltenumbruch]

Ankündigung:
Es koſtet im gewöhnlichen In[ſ]e-
ratenteil 12 h die 6mal geſpaltene
Petitzeile bei eimaliger, 9 h bei
mehtmaliger Einſchaltung, für Re-
klame 40 h die Petitzeile, Inſerate
nehmen alle in- und ausländiſchen
Inſeratenbureaux ſowie die Ad-
miniſtration entgegen. — Einzel-
exemplare ſind in allen Zeitungs-
verſchleißen, Trafiken, der k. k. Uni-
verſitätsbuchhandlung H. Pardini
und in der Adminiſtration (Ring-
platz 4, 2. St.) erhältlich. In Wien
im Zeitungsbureau Goldſchmidt,
Wollzeile 11.

Einzelexemplare
10 Heller für Czernowitz.






Nr. 1723. Czernowitz, Dienſtag den 12. Oktober 1909.



[Spaltenumbruch]
Ueberſicht.

Vom Tage.

Der Reichsrat iſt für den 20. d. einberufen. In poli-
tiſchen Kreiſen wird Körber als der kommende Mann genannt.
In Belgrad kam es zu öſterreich-feindlichen Demonſtrationen.

Czernowitzer Angelegenheiten.

Der Landtag iſt für den 15. d. zu einer zweitägigen
Seſſion einberufen.

Letzte Telegramme.

Die Czechen kündigen für den Reichsrat ſchärfſte Ob-
ſtruktion an. — Der Zar wird in Italien dreitägigen Aufenthalt
nehmen.




Sparkaſſen und Staatsaufſicht. *)

Es wird viel geklagt und viel räſonniert in Oeſter-
reich, und leider manchmal mit Recht. Gerade deshalb
ſoll es auch anerkannt werden, wenn unſere Ver-
waltung wirklich Gutes leiſtet. Zu den rühmlichſten
Erfolgen unſerer Verwaltung gehört der unbedingte
Kredit der Sparkaſſen. Vor Jahresfriſt hatten dieſe
Anſtalten, namentlich die kleineren Provinz- und
Gemeindeſparkaſſen eine Feuerprobe zu beſtehen, als
der Kriegslärm durch das Land ging. Es waren
ſorgenvolle Tage, aber nicht die kleinſte Sparkaſſe
hat gewankt, und als Gewinn blieb nach jenem Run
das erſtarkte Gefühl unbedingter Sicherheit.

Dieſes Kleinod muß aber auch ſorgfältig gewahrt
werden. Deshalb halte ich es für keine verlorene
Mühe, auf einige Punkte aufmerkſam zu machen, die
ich mit den gefährdeten Stellen eines Feſtungswalles
vergleichen möchte. Denn einem Feſtungswerke gleichen
die Grundſätze des Sparkaſſenregulativs von 1844
und der anderen an dieſes Regulativ ſich anſchließen-
den Vorſchriften, die alle das eine Ziel haben, eine
ſcharfe Grenze zwiſchen Banken und Sparkaſſen zu
ziehen. Bei der Bank ſteht die Rückſicht auf Gewinn
gleichberechtigt neben der Sorge vor Verluſten. Bei
der Sparkaſſe iſt die Sicherheit allererſte Frage, die
[Spaltenumbruch] Sorge um Gewinn ſteht in letzter Linie. Die Bank
bedarf freier und elaſtiſcher Normen, um ſich zu
entfalten, die Sparkaſſe gedeiht beſſer bei einiger
Schwerfälligkeit und Pedanterie. Wer Banken Gelder
anvertraut, mag die Grundlagen dieſes Vertrauens
ſelbſt prüfen, die Sparkaſſe iſt auch für den phyſiſch
und geiſtig Unmündigen da. Die Entfaltung der
Banken beruht weſentlich darauf, was ihre Verwal-
tung mit den anvertrauten Geldern unternehmen
kann und darf. Die Güte der Sparkaſſe iſt weſentlich
darauf gegründet, was mit den Einlagegeldern nicht
geſchehen kann und darf.

Die internen Vorſchriften, die den letzten Punkt
regeln, können nicht jede Gefahr ausſchließen. Wo
ſie dies nicht können, da eben ſoll die Staatsaufſicht
eingreifen und als den wichtigſten Gegenſtand, der
eine geſteigerte Staatsaufſicht notwendig erſcheinen
läßt, möchte ich die Reeskomptierung von Wechſeln
aus dem Portefeuille der Sparkaſſe hervorheben.
Daß die Sparkaſſe ihre Einlaggelder zum Wechſel-
eskompte verwenden darf und ſoll, iſt wohl begründet.
Gerade durch die Pflege dieſes Geſchäftszweiges wird
ſie mobil, weil ſie dadurch ſtets in Zeiten der Gefahr
eine genügende Menge von Geldern ohne Verluſte
flüſſig machen kann. Wenn die Sparkaſſa in ſolchen
Zeiten teuer angeſchaffte Renten verkaufen müßte,
wären große Verluſte unabwendbar, ſelbſt Rentenkurſe
und Staatskredit wären gefährdet. Wären aber die
Einlagegelder ganz und gar in langſichtigen Hypo-
thekarforderungen feſtgerannt, ſo wären die Spar-
kaſſen inmitten ihres nicht ſofort verwertbaren Reich-
tums vom Ruin bedroht.

Mit gutem Grunde geſtehen daher die geltenden
Vorſchriften*) den Sparkaſſen das Recht zu, Wechſel
zu eskomptieren und dieſe Wechſel den
Banken weiterzugeben, reeskomptieren zu laſſen,
wenn ſie flüſſiger Gelder bedürfen, falls dies in den
Statuten vorgeſehen iſt. Allein hier lauert auch ſchon
die Gefahr. Die Sparkaſſe ſoll im Sinne dieſer Vor-
ſchriften Gelder der Einleger für ſichere Wechſel ver-
wenden und dieſe Wechſel im Falle der Zurück-
[Spaltenumbruch] ziehung von Einlagen raſch wieder zu Geld machen
können. Der Mißbrauch liegt nahe. Die Sparkaſſe
kann nunmehr, ohne in für jedermann erkennbarer
Weiſe ihre Vorſchriften zu verletzen, das Wechſel-
geſchäft auf Wechſel zweifelhafter Qualität ausdehnen,
denen erſt die Unterſchrift der Sparkaſſe Wert und
Eignung für den Reeskompte verleiht; ſie kann
ferner ohne Rückſicht auf ihren ureigentlichen Beruf,
Einlagegelder fruchtbringend anzulegen, Wechſel es-
komptieren, um ſie ſofort — noch feucht ſozuſagen
— von irgendeiner Bank eskomptieren zu laſſen. Sie
kann — nach Art der Geld-für-Alles-Männer — die von
der Bank empfangene Eskomptevaluta ſofort für
andere Wechſelgeber bereit halten und dieſer Bruch
ihrer Vorſchriften trete noch immer nicht nach außen
deutlich zutage. Denn dem Geld ſieht man es ja
nicht an, ob es aus der Bank oder aus Einlagen
ſtammt.

Käme nun ſolches vor, ſo wäre eine derartige
Sparkaſſe von der erſten beſten Genoſſenſchaftsbank
nicht mehr deutlich unterſchieden. Ihr unbedingter
Kredit wäre ein verhängnisvoller Irrtum. Den
Nutzen hätten die Mitglieder der Leitung ſolcher
Sparkaſſen, die Orts- und Gemeindegewaltigen, die
den Gewinn aus ſolchen Geſchäften in Form von
Remunerationen und Gehaltserhöhungen in ihre
Taſchen fallen ließen, oder die Wahlkorteſche und
ſonſtigen Günſtlinge dieſer Politiker, die anderwärts
keinen ſo billigen Kredit fänden. Die Gefahr ſolcher
Geſchäfte würden im ſchlimmſten Falle die Einleger
tragen. Beſonders bedroht wären aber die Selbſt-
verwaltungskörper, die für die Verpflichtungen der
Sparkaſſe haften.

Wohlgemerkt: Es liegt mir fern, zu behaupten,
daß die hier geſchilderten Gefahren einen beträchtlichen
Umfang angenommen haben, ich begnüge mich,
darauf hinzuweiſen, daß volle Sicherheit gegen dieſe
Gefahren weder in den beſtehenden Vorſchriften noch
in der Staatsaufſicht, wie ſie jetzt gehandhabt wird,
liegen kann. Will man aber beizeiten vor-
beugen, ſo muß die Staatsaufſicht in höherem Maße
zentraliſiert werden, als dies bis jetzt der Fall war.
Die politiſchen Landes- und Bezirksbehörden unter-
liegen, ohne daß ſie ein Vorwurf träfe, allzuſehr dem




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.
Aus dem Reiche des Taktſtockes.

(Nachdruck verboten.)

Und wenn alle Staaten ihre Herrſcher ſtürzten und
eine allgemeine Republik auf der Erde blühte, ein Orcheſter-
ſtaat muß autokratiſch regiert werden. Der Orcheſterherrſcher
kann ſein Reich allerdings friedlich, durch die Konſtitution
— Kontrakt[e]! — regieren, aber ein Gebieter, ein unum-
ſchränkter muß er ſein. Nicht nur über die Zeit ſeiner
Untergebenen, auch über deren Kunſtanſchauung, über ihre
Nerven und Künſtlerſeelen. Er muß die Möglichkeit in ſich
fühlen, den durch langjährige, anſtrengende Arbeit abge-
ſtumpften und blaſierten Muſikern die Begeiſterung einzu-
hauchen, die ihn ſelber beſeelt, ſie glauben machen, das Heil
käme allein von ihm — aber nach ſiegreich gelieferten
Schlachten muß er ein dankbarer Feldherr ſein und den
Lorbeer nicht allein für ſich einheimſen, ſondern ſeinen
Soldaten zeigen, daß er wohl wiſſe, wieviel er ihnen zu
danken habe: mit einem Wort ein Napoleon, der das
Menſchenmöglichſte verlangt, aber auch einmal dem wache-
tuenden Grenadier ſein Gewehr abnimmt.

Disziplin — das Fundament eines Orcheſters; denn
mehr noch wie in einem Theater, wo die Künſtlerehre des
einzelnen auf dem Spiele ſteht, muß bei dem ſtets zuſammen
arbeitenden Orcheſter darauf geachtet werden, daß eine
Stimme gilt, daß ein Wille unbedenklich ausgeführt wird:
die des Kapellmeiſters.

Disziplin! Freilich, nur die Unwiſſenden wähnen, die
Disziplin. erreiche man durch Strenge und durch unbedingtes
Beſtehen auf ſeiner Diktatorenmeinung. Viel mehr wird
[Spaltenumbruch] manchmal gewonnen durch ein Lächeln der Ermunterung,
einen Blick des Dankes, einen freundſchaftlichen Händedruck.
Bis man aber dieſes Einſehen erlangt, muß man lange an
ſich arbeiten, manche lernen’s überhaupt nie, ſondern ſind
unrettbar der furchtbaren Krankheit verfallen, die beſonders
unter den — jüngeren, aus dem Orcheſter hervorgegangenen
— Kapellmeiſtern wütet, dem Taktſtockkoller.

Die disziplinierteſten Orcheſter hat Deutſchland, das iſt
fraglos, und das wiſſen auch die ausländiſchen Dirigenten.
Um die Palme des Gegenteils ſtreiten Amerika und Frank-
reich. Amerika iſt aber ſicher in dieſer Beziehung das weit-
aus unliebenswürdigere Land, weil dort alle Fehler gröber
und abſtoßender auftreten. Der amerikaniſche Orcheſter-
muſiker iſt — mit Ausnahme des wohlorganiſierten Boſtoner
Orcheſters — der geſchworene Feind des Kapellmeiſters, der
ſich von ihnen alles gefallen laſſen muß, da der Muſiker
bei der geringſten Veranlaſſung das Orcheſter verläßt und
der arme Dirigent nicht immer einen Erſatz finden kann.
Beſonders ſchlimm geht es in Newyork zu, wo die Orcheſter-
mitglieder einen einigermaßen nervöſen Dirigenten langſam,
aber ſicher ins Irrenhaus bringen. Böſe Erfahrungen hat
in dieſer Beziehung Richard Strauß ſpeziell in Newyork
gemacht. Ich war dabei, wie er vergebens den erſten
Trompeter erſuchte, bei einer wichtigen Stelle in der Sin-
ſonia Domeſtica ſein Inſt[r]ument mit dem Schalltrichter nach
oben zu halten, damit der Klang der Trompete über das
ganze entfeſſelte Orcheſter zu hören wäre. Der Mann
weigerte ſich entſchieden, denn „dann täten ihm die Zähne
weh!“, bis Strauß wütend den Taktſtock wegwarf und mit
den Worten die Probe unterbrach: „Es iſt ſchon ſchlimm,
daß ein Kapellmeiſter ſeinen Willen nicht durchſetzen kann,
daß aber auch der Komponiſt bei ſeinem Werke nichts zu
ſagen hat, iſt unerhört.“

Die Franzoſen haben einen anderen Kardinalfehler. Sie
kommen nicht regelmäßig zu den Proben. Und das liegt nicht
[Spaltenumbruch] am ſchlechten Willen oder an Nachläſſigkeit, das liegt nur
daran, daß ſie ſehr ſchlecht bezahlt werden. Sie haben kein
Jahresengagement, ſondern werden pro Konzert und Probe
honoriert und wenn ſie einmal etwas Lukrativ[e]s finden,
kommen ſie nicht ſelbſt, ſondern ſchicken einfach einen Stell-
vertreter. Es iſt ſelbſtverſtändlich, daß ein ſolcher Erſatzmann
nichts hilft, denn — auch der letzte zweite Geiger, der eine
Probe nicht mitgemacht hat, iſt im Stande, eine wunder-
ſchön ausgedachte und einſtudierte Nuance grauſam zu zer-
ſtören.

Der große franzöſiſche Meiſter St. Saens erzählte mir
einmal eine reizende Geſchichte, die den eben erwähnten
Mangel franzöſiſcher Orcheſter aufs beſte illuſtriert. Er
dirigierte in Lille — oder in Lyon — ein Konzert, das
ſeinen Werken gewidmet war. Während der vier oder fünf
Proben merkte er, daß auch nicht ein Muſiker alle Proben
regelmäßig mitgemacht hatte. Der eine hatte einen Hausball,
wo er zum Tanze aufſpielte, ein anderer Theater, das mehr
einbrachte. Das Orcheſter war trotzdem ſtets vollzählig. Nur
der Pauker hatte bis zur letzten Probe ausgeharrt. Zu
dieſem ging nun St. Saens nach der Generalprobe und, ihm
die Hand ſchüttelnd, dankte er ihm für ſeine Pünktlichkeit
und Ausdauer. „O bitte Meiſter, hat nichts zu ſagen,“
lautete die Antwort, „ich habe es gern getan, aber das
Konzert macht ein anderer für mich — ich habe einen Ball!“

Im Verkehr mit dem Orcheſter, in der Art und Weiſe
des Probens, war wohl Hans von Bülow vorbildlich. Un-
zählig ſind die Geſchichten, die über ihn kurſieren und die
alle ſeinen ſchlagenden Witz beweiſen. Es ſei mir geſtattet,
hier eine weniger bekannte wiederzugeben, weil ſie klaſſiſch iſt,
nicht nur aus humoriſtiſchen Gründen, ſondern, weil man aus
ihr manches lernen kann.

Man probt unter Bülow; er klopft ab, und ſagt dem
Panker, er möge ſeine Stelle forte ſchlagen. Man beginnt
von neuem. Bei derſelben Stelle hält Bülow wieder an:


*) Der geſchätzte Schriftſteller ſtellt uns dieſen Artikel,
der vor einigen Tagen im „N. Wr. Tgbl.“ veröffentlicht
wurde, freundlichſt zur Veröffentlichung.
*) E[rl]aß bes Miniſteriums des Innern vom 19. Mai
1892, Z. 1139, § 25[unleserliches Material – 1 Zeichen fehlt]5, Muſterſtatut für Gemeinde- und
Bezirksſparkaſſen.
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[[1]/0001] Redaktion u. Adminiſtration: Ringplatz 4, 2. Stock. Telephon-Nummer 161. Abonnementsbedingungen: Für Czernowitz (mit Zuſtellung ins Haus): monatl. K 1·80, vierteljähr. K 5·40. halbj. K 10·80, ganzjähr. K 21·60, (mit täglicher Poſtverſendung) monatl. K 2, vierteljähr. K 6, halbjährl. K 12. ganzjähr. K 24. Für Deutſchland: vierteljährig .... 7 Mark Für Rumänien und den Balkan: vierteljährig .... 10 Lei. Telegramme Allgemeine, Czernowitz. Czernowitzer Allgemeine Zeitung Ankündigung: Es koſtet im gewöhnlichen Inſe- ratenteil 12 h die 6mal geſpaltene Petitzeile bei eimaliger, 9 h bei mehtmaliger Einſchaltung, für Re- klame 40 h die Petitzeile, Inſerate nehmen alle in- und ausländiſchen Inſeratenbureaux ſowie die Ad- miniſtration entgegen. — Einzel- exemplare ſind in allen Zeitungs- verſchleißen, Trafiken, der k. k. Uni- verſitätsbuchhandlung H. Pardini und in der Adminiſtration (Ring- platz 4, 2. St.) erhältlich. In Wien im Zeitungsbureau Goldſchmidt, Wollzeile 11. Einzelexemplare 10 Heller für Czernowitz. Nr. 1723. Czernowitz, Dienſtag den 12. Oktober 1909. Ueberſicht. Vom Tage. Der Reichsrat iſt für den 20. d. einberufen. In poli- tiſchen Kreiſen wird Körber als der kommende Mann genannt. In Belgrad kam es zu öſterreich-feindlichen Demonſtrationen. Czernowitzer Angelegenheiten. Der Landtag iſt für den 15. d. zu einer zweitägigen Seſſion einberufen. Letzte Telegramme. Die Czechen kündigen für den Reichsrat ſchärfſte Ob- ſtruktion an. — Der Zar wird in Italien dreitägigen Aufenthalt nehmen. Sparkaſſen und Staatsaufſicht. *) Von Univerſitätsprofeſſor Dr. Karl Adler. Es wird viel geklagt und viel räſonniert in Oeſter- reich, und leider manchmal mit Recht. Gerade deshalb ſoll es auch anerkannt werden, wenn unſere Ver- waltung wirklich Gutes leiſtet. Zu den rühmlichſten Erfolgen unſerer Verwaltung gehört der unbedingte Kredit der Sparkaſſen. Vor Jahresfriſt hatten dieſe Anſtalten, namentlich die kleineren Provinz- und Gemeindeſparkaſſen eine Feuerprobe zu beſtehen, als der Kriegslärm durch das Land ging. Es waren ſorgenvolle Tage, aber nicht die kleinſte Sparkaſſe hat gewankt, und als Gewinn blieb nach jenem Run das erſtarkte Gefühl unbedingter Sicherheit. Dieſes Kleinod muß aber auch ſorgfältig gewahrt werden. Deshalb halte ich es für keine verlorene Mühe, auf einige Punkte aufmerkſam zu machen, die ich mit den gefährdeten Stellen eines Feſtungswalles vergleichen möchte. Denn einem Feſtungswerke gleichen die Grundſätze des Sparkaſſenregulativs von 1844 und der anderen an dieſes Regulativ ſich anſchließen- den Vorſchriften, die alle das eine Ziel haben, eine ſcharfe Grenze zwiſchen Banken und Sparkaſſen zu ziehen. Bei der Bank ſteht die Rückſicht auf Gewinn gleichberechtigt neben der Sorge vor Verluſten. Bei der Sparkaſſe iſt die Sicherheit allererſte Frage, die Sorge um Gewinn ſteht in letzter Linie. Die Bank bedarf freier und elaſtiſcher Normen, um ſich zu entfalten, die Sparkaſſe gedeiht beſſer bei einiger Schwerfälligkeit und Pedanterie. Wer Banken Gelder anvertraut, mag die Grundlagen dieſes Vertrauens ſelbſt prüfen, die Sparkaſſe iſt auch für den phyſiſch und geiſtig Unmündigen da. Die Entfaltung der Banken beruht weſentlich darauf, was ihre Verwal- tung mit den anvertrauten Geldern unternehmen kann und darf. Die Güte der Sparkaſſe iſt weſentlich darauf gegründet, was mit den Einlagegeldern nicht geſchehen kann und darf. Die internen Vorſchriften, die den letzten Punkt regeln, können nicht jede Gefahr ausſchließen. Wo ſie dies nicht können, da eben ſoll die Staatsaufſicht eingreifen und als den wichtigſten Gegenſtand, der eine geſteigerte Staatsaufſicht notwendig erſcheinen läßt, möchte ich die Reeskomptierung von Wechſeln aus dem Portefeuille der Sparkaſſe hervorheben. Daß die Sparkaſſe ihre Einlaggelder zum Wechſel- eskompte verwenden darf und ſoll, iſt wohl begründet. Gerade durch die Pflege dieſes Geſchäftszweiges wird ſie mobil, weil ſie dadurch ſtets in Zeiten der Gefahr eine genügende Menge von Geldern ohne Verluſte flüſſig machen kann. Wenn die Sparkaſſa in ſolchen Zeiten teuer angeſchaffte Renten verkaufen müßte, wären große Verluſte unabwendbar, ſelbſt Rentenkurſe und Staatskredit wären gefährdet. Wären aber die Einlagegelder ganz und gar in langſichtigen Hypo- thekarforderungen feſtgerannt, ſo wären die Spar- kaſſen inmitten ihres nicht ſofort verwertbaren Reich- tums vom Ruin bedroht. Mit gutem Grunde geſtehen daher die geltenden Vorſchriften *) den Sparkaſſen das Recht zu, Wechſel zu eskomptieren und dieſe Wechſel den Banken weiterzugeben, reeskomptieren zu laſſen, wenn ſie flüſſiger Gelder bedürfen, falls dies in den Statuten vorgeſehen iſt. Allein hier lauert auch ſchon die Gefahr. Die Sparkaſſe ſoll im Sinne dieſer Vor- ſchriften Gelder der Einleger für ſichere Wechſel ver- wenden und dieſe Wechſel im Falle der Zurück- ziehung von Einlagen raſch wieder zu Geld machen können. Der Mißbrauch liegt nahe. Die Sparkaſſe kann nunmehr, ohne in für jedermann erkennbarer Weiſe ihre Vorſchriften zu verletzen, das Wechſel- geſchäft auf Wechſel zweifelhafter Qualität ausdehnen, denen erſt die Unterſchrift der Sparkaſſe Wert und Eignung für den Reeskompte verleiht; ſie kann ferner ohne Rückſicht auf ihren ureigentlichen Beruf, Einlagegelder fruchtbringend anzulegen, Wechſel es- komptieren, um ſie ſofort — noch feucht ſozuſagen — von irgendeiner Bank eskomptieren zu laſſen. Sie kann — nach Art der Geld-für-Alles-Männer — die von der Bank empfangene Eskomptevaluta ſofort für andere Wechſelgeber bereit halten und dieſer Bruch ihrer Vorſchriften trete noch immer nicht nach außen deutlich zutage. Denn dem Geld ſieht man es ja nicht an, ob es aus der Bank oder aus Einlagen ſtammt. Käme nun ſolches vor, ſo wäre eine derartige Sparkaſſe von der erſten beſten Genoſſenſchaftsbank nicht mehr deutlich unterſchieden. Ihr unbedingter Kredit wäre ein verhängnisvoller Irrtum. Den Nutzen hätten die Mitglieder der Leitung ſolcher Sparkaſſen, die Orts- und Gemeindegewaltigen, die den Gewinn aus ſolchen Geſchäften in Form von Remunerationen und Gehaltserhöhungen in ihre Taſchen fallen ließen, oder die Wahlkorteſche und ſonſtigen Günſtlinge dieſer Politiker, die anderwärts keinen ſo billigen Kredit fänden. Die Gefahr ſolcher Geſchäfte würden im ſchlimmſten Falle die Einleger tragen. Beſonders bedroht wären aber die Selbſt- verwaltungskörper, die für die Verpflichtungen der Sparkaſſe haften. Wohlgemerkt: Es liegt mir fern, zu behaupten, daß die hier geſchilderten Gefahren einen beträchtlichen Umfang angenommen haben, ich begnüge mich, darauf hinzuweiſen, daß volle Sicherheit gegen dieſe Gefahren weder in den beſtehenden Vorſchriften noch in der Staatsaufſicht, wie ſie jetzt gehandhabt wird, liegen kann. Will man aber beizeiten vor- beugen, ſo muß die Staatsaufſicht in höherem Maße zentraliſiert werden, als dies bis jetzt der Fall war. Die politiſchen Landes- und Bezirksbehörden unter- liegen, ohne daß ſie ein Vorwurf träfe, allzuſehr dem Feuilleton. Aus dem Reiche des Taktſtockes. Von Alex. Z. Birnbaum. (Nachdruck verboten.) Und wenn alle Staaten ihre Herrſcher ſtürzten und eine allgemeine Republik auf der Erde blühte, ein Orcheſter- ſtaat muß autokratiſch regiert werden. Der Orcheſterherrſcher kann ſein Reich allerdings friedlich, durch die Konſtitution — Kontrakte! — regieren, aber ein Gebieter, ein unum- ſchränkter muß er ſein. Nicht nur über die Zeit ſeiner Untergebenen, auch über deren Kunſtanſchauung, über ihre Nerven und Künſtlerſeelen. Er muß die Möglichkeit in ſich fühlen, den durch langjährige, anſtrengende Arbeit abge- ſtumpften und blaſierten Muſikern die Begeiſterung einzu- hauchen, die ihn ſelber beſeelt, ſie glauben machen, das Heil käme allein von ihm — aber nach ſiegreich gelieferten Schlachten muß er ein dankbarer Feldherr ſein und den Lorbeer nicht allein für ſich einheimſen, ſondern ſeinen Soldaten zeigen, daß er wohl wiſſe, wieviel er ihnen zu danken habe: mit einem Wort ein Napoleon, der das Menſchenmöglichſte verlangt, aber auch einmal dem wache- tuenden Grenadier ſein Gewehr abnimmt. Disziplin — das Fundament eines Orcheſters; denn mehr noch wie in einem Theater, wo die Künſtlerehre des einzelnen auf dem Spiele ſteht, muß bei dem ſtets zuſammen arbeitenden Orcheſter darauf geachtet werden, daß eine Stimme gilt, daß ein Wille unbedenklich ausgeführt wird: die des Kapellmeiſters. Disziplin! Freilich, nur die Unwiſſenden wähnen, die Disziplin. erreiche man durch Strenge und durch unbedingtes Beſtehen auf ſeiner Diktatorenmeinung. Viel mehr wird manchmal gewonnen durch ein Lächeln der Ermunterung, einen Blick des Dankes, einen freundſchaftlichen Händedruck. Bis man aber dieſes Einſehen erlangt, muß man lange an ſich arbeiten, manche lernen’s überhaupt nie, ſondern ſind unrettbar der furchtbaren Krankheit verfallen, die beſonders unter den — jüngeren, aus dem Orcheſter hervorgegangenen — Kapellmeiſtern wütet, dem Taktſtockkoller. Die disziplinierteſten Orcheſter hat Deutſchland, das iſt fraglos, und das wiſſen auch die ausländiſchen Dirigenten. Um die Palme des Gegenteils ſtreiten Amerika und Frank- reich. Amerika iſt aber ſicher in dieſer Beziehung das weit- aus unliebenswürdigere Land, weil dort alle Fehler gröber und abſtoßender auftreten. Der amerikaniſche Orcheſter- muſiker iſt — mit Ausnahme des wohlorganiſierten Boſtoner Orcheſters — der geſchworene Feind des Kapellmeiſters, der ſich von ihnen alles gefallen laſſen muß, da der Muſiker bei der geringſten Veranlaſſung das Orcheſter verläßt und der arme Dirigent nicht immer einen Erſatz finden kann. Beſonders ſchlimm geht es in Newyork zu, wo die Orcheſter- mitglieder einen einigermaßen nervöſen Dirigenten langſam, aber ſicher ins Irrenhaus bringen. Böſe Erfahrungen hat in dieſer Beziehung Richard Strauß ſpeziell in Newyork gemacht. Ich war dabei, wie er vergebens den erſten Trompeter erſuchte, bei einer wichtigen Stelle in der Sin- ſonia Domeſtica ſein Inſtrument mit dem Schalltrichter nach oben zu halten, damit der Klang der Trompete über das ganze entfeſſelte Orcheſter zu hören wäre. Der Mann weigerte ſich entſchieden, denn „dann täten ihm die Zähne weh!“, bis Strauß wütend den Taktſtock wegwarf und mit den Worten die Probe unterbrach: „Es iſt ſchon ſchlimm, daß ein Kapellmeiſter ſeinen Willen nicht durchſetzen kann, daß aber auch der Komponiſt bei ſeinem Werke nichts zu ſagen hat, iſt unerhört.“ Die Franzoſen haben einen anderen Kardinalfehler. Sie kommen nicht regelmäßig zu den Proben. Und das liegt nicht am ſchlechten Willen oder an Nachläſſigkeit, das liegt nur daran, daß ſie ſehr ſchlecht bezahlt werden. Sie haben kein Jahresengagement, ſondern werden pro Konzert und Probe honoriert und wenn ſie einmal etwas Lukratives finden, kommen ſie nicht ſelbſt, ſondern ſchicken einfach einen Stell- vertreter. Es iſt ſelbſtverſtändlich, daß ein ſolcher Erſatzmann nichts hilft, denn — auch der letzte zweite Geiger, der eine Probe nicht mitgemacht hat, iſt im Stande, eine wunder- ſchön ausgedachte und einſtudierte Nuance grauſam zu zer- ſtören. Der große franzöſiſche Meiſter St. Saens erzählte mir einmal eine reizende Geſchichte, die den eben erwähnten Mangel franzöſiſcher Orcheſter aufs beſte illuſtriert. Er dirigierte in Lille — oder in Lyon — ein Konzert, das ſeinen Werken gewidmet war. Während der vier oder fünf Proben merkte er, daß auch nicht ein Muſiker alle Proben regelmäßig mitgemacht hatte. Der eine hatte einen Hausball, wo er zum Tanze aufſpielte, ein anderer Theater, das mehr einbrachte. Das Orcheſter war trotzdem ſtets vollzählig. Nur der Pauker hatte bis zur letzten Probe ausgeharrt. Zu dieſem ging nun St. Saens nach der Generalprobe und, ihm die Hand ſchüttelnd, dankte er ihm für ſeine Pünktlichkeit und Ausdauer. „O bitte Meiſter, hat nichts zu ſagen,“ lautete die Antwort, „ich habe es gern getan, aber das Konzert macht ein anderer für mich — ich habe einen Ball!“ Im Verkehr mit dem Orcheſter, in der Art und Weiſe des Probens, war wohl Hans von Bülow vorbildlich. Un- zählig ſind die Geſchichten, die über ihn kurſieren und die alle ſeinen ſchlagenden Witz beweiſen. Es ſei mir geſtattet, hier eine weniger bekannte wiederzugeben, weil ſie klaſſiſch iſt, nicht nur aus humoriſtiſchen Gründen, ſondern, weil man aus ihr manches lernen kann. Man probt unter Bülow; er klopft ab, und ſagt dem Panker, er möge ſeine Stelle forte ſchlagen. Man beginnt von neuem. Bei derſelben Stelle hält Bülow wieder an: *) Der geſchätzte Schriftſteller ſtellt uns dieſen Artikel, der vor einigen Tagen im „N. Wr. Tgbl.“ veröffentlicht wurde, freundlichſt zur Veröffentlichung. *) Erlaß bes Miniſteriums des Innern vom 19. Mai 1892, Z. 1139, § 25_5, Muſterſtatut für Gemeinde- und Bezirksſparkaſſen.

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Benjamin Fiechter, Susanne Haaf: Bereitstellung der digitalen Textausgabe (Konvertierung in das DTA-Basisformat). (2018-01-26T13:38:42Z)
grepect GmbH: Bereitstellung der Texttranskription und Textauszeichnung. (2018-01-26T13:38:42Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
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Zitationshilfe: Czernowitzer Allgemeine Zeitung. Nr. 1723, Czernowitz, 12.10.1909, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_czernowitzer1723_1909/1>, abgerufen am 28.11.2020.