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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 153. Köln, 26. November 1848. Zweite Ausgabe.

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zu diesem Preise nicht liefern. Die Regierung hätte sich darum kümmern sollen. Unsere heimischen Salionen wollen das Salz zum Kostenpreise liefern. Dieser Kostenpreis kann aber nicht erzielt werden, wenn der Eingangszoll nicht mindestens 1 Fr. 50 Ct. erhöht wird. Dahin geht mein Antrag.

La Vavasseur schlägt mit seiner schwachen Stimme ein gewaltiges Zeter gegen die Erhöhung des Salzzolles. Die Schiffe lägen bereit. Dieser wichtige Industriezweig ginge unter. Europa würde keinen wohlfeilen Stockfisch und Häringe mehr essen können, und wie die Jammerphrasen alle heißen. Der Redner hat sich eine kleine Million erschachert und ist ein Hauptrheder des Havre.

Talon unterstutzt die Zollerhöhung.

Tourret, Handelsminister, erklärt im Laufe der Diskussion, daß er noch heute dem Präsidio einen Gesetzentwurf überreiche, welcher die Salzsteuer vom 1. April 1850 ab um 2/3 erniedrigt.

Während der ziemlich langweiligen Debatte geht das Gerücht, Cavaignac wolle sich vom Regierungsruder zurückziehen, und habe nur den Lamartine zurückgerufen, um die Nationalversammlung zu vermögen, ihm das Minister-Präsidium bis zum 15. k. Mts. zu übertragen.

Natürlich glaubt Niemand an dieses Geschwätz im Nebensaale.

Nach Erledigung des Salzgesetzes nimmt die Versammlung das Budget von 1848 wieder auf.

Doch kaum sind einige Punkte (z. B. Arzneischulen, Pferdezucht u. s. w.) beseitigt, welche einer Nachprüfung des Finanzausschusses unterworfen worden waren, so unterbricht ein Zwischenfall die Debatte.

Jules Favre: (Hört, Hört!) Ich wünsche die Minister des Innern, des Krieges und den Konseilpräsidenten zur Rede zu stellen, wegen gewisser Broschüren, Zeitungsartikel und sonstiger Propagandaschriften, die aus den ministeriellen Bureaux in die Zeitungspresse aller Gegenden der Republik wandern und im gegenwärtigen Augenblick von hoher Wichtigkeit sind. Ich bitte, mir einen Tag hierzu zu bewilligen.

Freslon, Unterrichtsminister: Wenn der Redner einen Augenblick früher seinen Wunsch ausgedrückt hätte, so wurden die betreffenden Minister gewiß sofort geantwortet haben. Jetzt sind sie weggegangen.

Stimmen: Auf morgen!

Minister: Die Regierung ist bereit.

Astoing: Das Land ist dieser ewigen Interpellationen müde. Sie halten dasselbe in Aufregung, die den Geschäften schadet. Möge man sie so rasch als möglich erledigen.

Taschereau schlägt den Montag vor.

Wird verworfen. Die Versammlung beschließt, daß Favre (der von seiner Geisteskrankheit genesen scheint) morgen sein Gewehrfeuer gegen das Kabinet richten darf.

Hierauf wird das Budget fortgesetzt, das sich bis 6 Uhr, hinschleppt, wo die Versammlung aufgehoben wird.

-- Nationalversammlung. Sitzung vom 24. Nov. Anfang 1 1/2 Uhr. Präsident Marrast. Die Bänke sind ziemlich besetzt, die Gallerien voll.

Auf der Tagesordnung stehen zunächst die Favre'schen Interpellationen wegen der ministeriellen Wahlmanöver.

Jules Favre erhält das Wort. Favre ist ein Advokat aus Lyon, scheint noch ziemlich jung und gilt als Republicain de la veille mit starkem Marrastischem Beigeschmack; er trägt stets Glacehandschuhe.

Favre beginnt. Bürger! Seit einiger Zeit sieht sich die öffentliche Meinung durch literarische Erscheinungen aufgeregt, welche allem Anschein nach aus den ministeriellen Offizinen kommen und offenbar im gegenwärtigen Augenblick als sträfliches Wahlmanöver betrachtet werden müssen (Oh, Oh!). Das Land wartete vergebens, daß der Moniteur diese Anklagen berichtige oder widerlege. Es ist nicht geschehen, und das Land ist beunruhigt. Es hält ein solches Verfahren mit Recht dem Geist der Verfassung widersprechend, die wir votirt haben. In der Republik muß dem Ehrgeiz ein Ziel gesetzt werden. Am allerwenigsten dürfe der Conseilpräsident selbst daran Theil nehmen. Er darf den Kandidaten zur Präsidentschaft nicht kennen. (Sehr gut! vom Berge.) Das Mißtrauen der Demokraten darf ihn daher nicht wundern. Sind die folgenden Thatsachen gegründet, so hätte er nicht nur seine eigene Würde, sondern auch die unsrige beschmutzt. (Lärmen.) Diese Thatsachen müssen hier auf dieser Bühne erhellt werden. Ich stelle daher den Minister des Innern zunächst hiermit zur Rede, um zu hören, ob nachstehende Publikation und Schriften mit seinem Wissen und Willen aus offizieller Quelle geflossen? Hier zieht der Redner einen Papierstoß hervor und beginnt unter mancherlei Unterbrechungen die Vorlesung von Einladungsbriefen der Präfekten, welche die Maires der Städte und Dörfer in den Präfektursaal beorderten, um sich über die Cavaignac'sche Wahl zu verständigen.

Stimme unterbrechend: Also Sie wollen nicht, daß man das Land aufkläre?!

Favre. Allerdings, nur nicht im Präfektursaale, wenn es sich um so wichtige Wahlen handelt. (Ah, Ah, Lärm.) Jetzt nimmt der Redner einen andern Brief aus Calais vor, in welchem der dortige Maire einem Kollegen erzählt, daß er auf die Präfektur gerufen worden sei, wo man ihm gesagt habe: "Nehmt Euch in Acht, Paris zählt 300,000 Franken, die Euch den Bürgerkrieg in alle Ecken tragen werden, wenn Ihr nicht für Cavaignac votirt etc. (Oh, Oh. Allons donc! Tumult.) Eine Stimme ruft: Sie spaßen!

Favre: Nein ich scherze nicht. Meine Interpellationen sind sehr wohl gemeint. Sie haben zum Zweck, eine Untersuchung einzuleiten.. (Oh, Oh! Gegen wen denn? Gegen den Conseilpräsidenten?) Der Redner zieht neue Papiere hervor, dießmal vom Garonnepräfekten, der die schönsten Vizinalwege verspricht, wenn man für Cavaignac stimme; auch Wohlthätigkeitsbüreaus sollen angelegt werden. (Oh, Oh.) An einem Ort hält der Präfekt inmitten des versammelten Gemeinderaths eine versprechungsvolle Rede zu Gunsten Cavaignacs. (Unterbrechung.) In der Nähe von Paris regnet es Biographien. (Nein!) Jawohl in Noissy le sec z. B. Ich fragte Hrn. Dufaure selbst, ob er nichts von all diesem Treiben wisse, worauf er mir sagte, daß diese Schriften seinem Ministerium gänzlich fremd seien. Ich glaubte dieß wirklich, bis ich gestern früh den Briefwechsel Odiers und Dufaures im "Credit" las, woraus ich das klare Gegentheil ersehe......

Stimme: Sie am allerwenigsten durften sich darüber wundern.

Favre: Ich höre rufen, ich am allerwenigsten sollte dieses Verfahren verdammen. Man will auf meine Thätigkeit im Ministerium des Innern, wo ich Divisionschef unter Ledru Rollin war, anspielen. Wohlan, damals war ich Untergeordneter, ich bin nicht Verfasser der Bülletns und habe seitdem Hrn. Ledru Rollin offen bekämpft, ohne sein Feind zu sein....

Stimme: Sie haben ihn mit Haß und Groll bekämpft!

Favre liest statt aller Antwort neue Präfekturalschreiben und Circulare vor und trägt wiederholt auf Untersuchung gegen Cavaignae unter allgemeinen Tumult an.

Bac eilt mit der Broschüre, "die Prätendenten vor dem Volke" auf die Bühne und frägt, ob sie nicht auch aus der Amtsanlage hervorgegangen? (Tumult.)

Dufaure, Minister des Innern, besteigt die Bühne und hält eine lange Rede. Er beginnt mit einer Schilderung der Wildheit der Pariser Clubs, in denen täglich die anarchischen Vorträge wie Blitze gegen das Kabinet fielen und setzt die Nothwendigkeit der getroffenen Maaßregeln auseinander.

Favre will erwidern, wird aber heruntergetrommelt.

Lamoriciere ergänzt einige Worte rücksichtlich der Biographien, worauf die Versammlung zur Tagesordnung schreitet.

Eine lange Aufregung folgt den Favreschen Interpellationen. Die Enttäuschung scheint allgemein. Während alle Welt glaubte, daß sie den General fast zu Boden werfen würden, geht die Versammlung zur Tagesordnung über.

Die Sitzung bleibt auf eine Viertelstunde aufgehoben. Es bilden sich Gruppen, aus deren Mitte wir den Ruf hören: Das ist falsch! Das ist erfunden! Alles erlogen! Favre ist ein Intriguant! Wie er gelb ist! Er ist ganz schwarz im Gesichte! (Wir führen diese Exklamationen an, um den Grad der Leidenschaftlichkeit der Versammlung zu bezeichnen.)

Nachdem sich diese Aufregung gelegt, wird die Büdgetsdiskussion wieder aufgenommen.

Sie ist bis zum Ministerium der Staatsbauten vorgedrungen.

Das Eisenbahnkapitel ruft eine Debatte zwischen Mortimer, Ternaux, Bac, Charamauls, Bineau und Vivien hervor, die jedoch für Deutschland von wenig Interesse.

Beim Kapitel 17 wird die Diskussion abgebrochen.

Marrast liest die Tagesordnung für morgen vor und sagt mit Nachdruck: Die morgige Sitzung beginnt um 1 Uhr mit den Explikationen über die Juni-Ereignisse (Ja! Ja!).

Die Versammlung geht um 6 Uhr auseinander.

Schweiz.
** Bern, 22. Nov.
Der Inhalt dieses Artikels kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht angezeigt werden.
Belgien.
X Brüssel, 24. Novbr.

Der demokratische Verein zu Tirlemont, meist aus Arbeitern bestehend, veranstaltete in seiner letzten Sitzung eine Subseription für die Familie des ermordeten Robert Blum. Der Betrag soll dem demokratischen Komite in Köln zur Weiterbeförderung übersandt werden.

15 Verviers, 22. Nov.

Heute errichtete der belgisch-deutsche demokratische Klub unserer Stadt einen Galgen, hing die "Kölnische Zeitung" daran und verbrannte sie.

Schweden.
Stockholm, 14. Novbr.

Der franz. Minister hat alle in Stockholm sich aufhaltenden Franzosen aufgefordert, sich zu melden, damit sie an der Wahl des Präsidenten der franz. Republik durch Stimmzettel Theil nehmen.

[Leserbrief]
Dringlicher Antrag des Abgeordneten Zimmermann aus Spandow.

Hohe Nationalversammlung!

Viele glaubwürdige Nachrichten aus Wien stimmen dahin überein, daß bei dem Kampfe Anfangs dieses Monats und Ende des vorigen und nach dem Siege des Militärs, von den Militärs Ungesetzlichkeiten begangen sind, für welche in der Geschichte noch keine Beispiele vorhanden sind.

Es sind besonders folgende Thatsachen gemeldet worden:

1) Der Eigenthümer des Schüttelbades so wie seine Ehefrau wurden in folgender Weise getödtet: beiden Personen wurden Hände und Füße abgehackt, der Frau die Brüste abgeschnitten, sodann wurden die verstümmelten Körper zwischen Matratzen genäht und in diesem Zustande ins Feuer geworfen und verbrannt.

2) In dem Odeon, einem der großartigsten Gebäude Europa's sollen sich Flüchtlinge, Verwundete in großer Anzahl befunden haben; dieses Gebäude wurde vom Militär in Brand gesteckt. Als die Unglücklichen sich flüchten wollten, wurden sie vom Militär daran gehindert. Endlich stürzte das hohle Metalldach herunter und führte für die in dem Gebäude befindlichen Personen den grausamsten Tod herbei.

3) An mehreren Orten, namentlich beim Hundsthurm, wurden Frauenzimmer mit verstümmelten Brüsten und aufgeschlitztem Bauche gefunden.

4) Frauen, Mädchen, ja Kinder wurden geschändet und gemordet.

5) Ein Kroate warf auf offener Straße einen Kutscher vom Bocke, setzte sich hinauf und fuhr den Wagen ins Lager.

5) Anständige Civilpersonen, welche ihren Geschäften nachgingen, wurden von Soldaten auf der Straße angefallen und ihrer Habseligkeiten (Uhren, Börsen, Brieftaschen etc.) beraubt.

7) Ein Kroate hatte einen hübschen Knaben von 6-8 Jahren an der Hand, auf Nachfrage ergab sich, daß das Kind geraubt war, alle Bitten, das Kind wieder herauszugeben, waren vergeblich, auch durch Geld war derselbe nicht zu bewegen, das Kind wieder herauszugeben. "Lieber wolle er das Kind gebraten auffressen", wird seine Antwort angegeben.

8) In ihren Tornistern und Säcken haben die Soldaten die kostbarsten Sachen, Uhren, Schmucksachen u. s. w. gehabt, und dieselben für Kleinigkeiten verkauft. Eine 1000Guldennote wurde für 7 Zwanziger, eine andere 1000Guldennote für 14 Zwanziger verkauft, so schleuderten die Soldaten mit dem Papiergeld um sich.

9) Gegen 400 Häuser wurden auf das ärgste geplündert und nach der Plünderung Feuer in den Häusern angelegt.

10) In dem Palais des Grafen Hardeg soll sich der angerichtete Schaden auf 40,000 Gulden C.-M. belaufen.

11) Das Haus eines 83jährigen Mannes, der sich, selbst redend an dem Kampfe nicht betheiligen konnte, wurde von den plündernden Soldaten mehrere Male überfallen. Die kostbare Bibliothek und ein Mineralienkabinet dieses Greisen wurden zerstört.

12) Das Haus des berühmten Anatomen Hyrtl, welcher reiche Sammlungen der seltensten Präparate u. werthvollsten Instrumente besaß, die er im Laufe von 16 Jahren mit Mühe und Fleiß zusammengebracht hatte, wurde geplündert und ausgebrannt. Um jene Schätze zu retten, waren sie in die Souterrains gebracht worden, aber auch hier drangen die plündernden Soldaten ein und zerstörten jene Sammlungen. In dieses Haus wurde ebenfalls mehrere Male plündernd eingedrungen.

13) Einem Studenten, der in die Hände des Militärs gefallen war, wurde die Zunge ausgeschnitten, die Lippe abgelöst und Hände und Füße abgehackt; sodann wurde ihm eine Patrone in den Mund gesteckt, diese angezündet und so der Kopf gesprengt.

14) Anderen Gefangenen hat man Nase, Ohren, Hände und Füße abgeschnitten, die Augen ausgebrannt, das Fleisch striemenweise aus dem Rücken geschnitten und so getödtet.

15) Einem der Anführer der Studenten, Dr. Ludwig, schnitt man gewisse Theile des Körpers ab, steckte sie ihm in den Mund und schickte so die Leiche der Frau des Getödteten.

16) Viele Häuser sind völlig abgesperrt, um die Gräuelscenen zu verbergen und die Spuren zu vernichten.

Diese schrecklichen Thaten wurden aber leider nicht blos von Kroaten und andern nichtdeutschen Truppen, sondern zum tiefsten Schmerze unseres Vaterlandes muß es gesagt werden, auch von deutschen Soldaten verübt.

Solche Thaten von Deutschen und Fremden gegen Deutsche in der größten deutschen Stadt verübt, legen den Vertretern der deutschen Nation die traurige aber heilige Pflicht auf, dem ganzen Zusammenhange sorgfältig nachzuforschen. Zu welcher politischen Ansicht man sich auch bekennen mag, das Urtheil über solche Handlungen kann nicht verschieden sein. Daß die Hohe Nationalversammlung bei solchen Thatsachen nicht ruhiger Zuschauer verbleiben kann, hat dieselbe dadurch anerkannt, daß dieselbe mehrfachen Maßregeln in Bezug auf die östreichischen Verhältnisse ihre Billigung ertheilt hat. Zu beklagen ist nur, daß diese Maßregeln, namentlich die Absendung der Reichskommissäre Welcker und Mosle, so unzureichend und erfolglos blieben. Noch weit mehr aber ist es zu beklagen, daß die Absendung eines neuen Reichskommissärs zwar vor längerer Zeit verheißen aber nicht ausgeführt war. Diese Thatsachen dürften einiges Licht in die Maßregeln werfen, welche von den Reichskommissären Welcker und Mosle getroffen worden, um, laut ihrer Proklamation, die frühere Gemüthlichkeit Wiens zurückzuführen.

Oder lautete ihre Instruktion dahin, statt die deutschen Interessen in Wien bis zur letzten Instanz und mit aller Energie zu wahren und zu schützen, an kaiserlicher Tafel zu speisen und nach Frankfurt zurückzukehren, während in Wien die schmachvollste Katastrophe des 19. Jahrhunderts vor sich ging? Sind endlich diese unglücklichen Ereignisse und die Thatsache, daß politisch Verdächtige ohne Urtel und Recht zwangsweise unter die Soldaten gesteckt werden, eine Folge der kaiserlichen Edikte, welche die unverbrüchliche Festhaltung der konstitutionellen Freiheit verbürgen?

Es ist jedes Deutschen heilige Pflicht, bei der gegenwärtigen politischen Bewegung sich nicht unthätig zu verhalten, sondern seine politischen Rechte überall und mit Kraft geltend zu machen, damit durch einiges Zusammenwirken die gesetzliche Freiheit geschützt, und die schlimmste Anarchie, die Anarchie von oben, besiegt werde. Unerklärlich bleibt es daher, daß weder Beamte noch sonst rechtschaffene Bürger bei Verübung jener Greuelthaten hinzugetreten sind, um die Urheber festzuhalten, und sie ihren Vorgesetzten mit der gehörigen Anzeige zuzuführen.

Sollten aber auch die obersten Handhaber der Macht nicht im Stande gewesen sein, dem zu steuern oder gar sich einverstanden erklärt haben, sei es stillschweigend oder ausdrücklich, so wäre dies eine Anarchie von oben.

Daß aber hier der eigentliche Zusammenhang erforscht werde, ist heilige Pflicht der Volksvertreter.

Ich stelle deshalb bei der Hohen Nationalversammlung den Antrag:

eine besondere Kommission zu ernennen:

1) an Ort und Stelle den Thatbestand der in Folge der Wiener Ereignisse gemeldeten Greuelthaten auf das Genaueste zu erheben und

2) darüber zu berichten hat, in wie weit das Gesetz gehandhabt ist, um die Urheber solcher Handlungen zur Strafe zu ziehen.

[Leserbrief]
Berlin, 22. November.
Bericht
der gemeinderäthlichen Deputationen von Köln,
Koblenz und Trier.

In Folge der neuesten Ereignisse waren die von den Gemeinderäthen der vorgenannten Städte gewählten Deputationen am 20. d. M. in Berlin zu sammengetroffen. Dieselben vereinigten sich vermöge der ihnen ertheilten Mandate zu dem Zwecke, Sr. Majestät dem Könige in einer Audienz die Stimmung der durch sie vertretenen Städte der Rheinprovinz persönlich darzulegen und dahin zu wirken, daß das gegenwärtige Ministerium Brandenburg entlassen werde, daß die von demselben getroffenen Maßregeln durch ein neues volksthümliches Ministerium zurückgenommen würden und daß fortan die Staatsregierung in Uebereinstimmung mit der National-Versammlung handeln möge, ferner der National-Versammlung die Gesinnungen zu wiederholen, welche in den ihr bereits eingesandten Adressen der einzelnen Städte ausgedrückt worden, sodann den Wunsch und die Nothwendigkeit einer Einigung zwischen den beiden Gewalten auszusprechen

Die Deputationen begeben sich sofort Behufs Erwirkung einer Audienz zum Ministerpräsidenten Grafen v. Brandenburg. Derselbe erklärt mündlich, er könne das Gesuch nicht befürworten, weil der König nach konstitutionellem, von dem Ministerium Camphausen bereits eingeführten und seither beobachteten Gebrauche, ohne Minister, Deputationen weder Audienz noch Antwort ertheilen könne, die Minister aber nicht in Potsdam, sondern in Berlin sich befänden und wegen überhäufter Arbeiten allen sich anmeldenden Deputationen nicht beizuwohnen im Stande wären. Se. Majestät nehme deshalb jetzt keine Deputationen an, deren viele, insbesondere seit den letzten Zeitereignissen auch aus andern bedeutenden Städten sich angemeldet hätten, indem der Einen das nicht gewährt werden könne, was der andern abgeschlagen worden, auch habe Se. Majestät der König die Zeit nicht, auch wenn er es wollte, alle sich meldenden Deputationen zu empfangen. Der Ministerpräsident erklärte dabei, daß die Deputationen doch wahrscheinlich Adressen zu überreichen hätten und daß er, wie es seine Pflicht sei, dieselben in Empfang nehmen und an Se. Majestät befördern werde. Auf die Antwort, daß jenes nur bei der Kölner Deputation der Fall sei, und nachdem die Frage über den Zweck der erbetenen Audienz ausdrücklich wie im Eingange erwähnt ist, beantwortet, auch dabei erwähnt worden, daß die Ruhe der Provinz von der Gewährung der Anträge abhängig sei, erwiederte der Ministerpräsident, auf die Sache selbst eingehend, es seien allerdings Adressen von vielen Städten eingelaufen, welche sich für die National-Versammlung ausgesprochen. Allein in den letzten Tagen habe sich die Sache geändert und von vielen Seiten wären Seitens der Bürger und Behörden Adressen angelangt, welche den Maßregeln der Regierung deipflichteten; sogar von solchen Städten sei dies geschehen, aus denen früher Adressen im entgegengesetzten Sinne eingelaufen, insbesondere eine Adresse von Stettin, und ständen auf diesen selbst Namen von Magistratsmitgliedern, die kurz vorhin zu einer Deputation gehört hätten, welche sich für die National-Versammlung ausgesprochen hätte. Er begreife übrigens nicht, wir man aus bloßen Namen Veranlassung nehmen könne, sich gegen die Minister zu erklären, da sie bis jetzt noch durch keine Maßregel gezeigt hätten, daß sie von den Verheißungen des Königs und den gewährten konstitutionellen Einrichtungen abgehen wollten. Auch wenn man eine solche Absicht bei den Ministern unterstelle, so sei es für diese eben so unmöglich, sie zu verwirklichen, als es unmöglich sei, den Rhein herauffließen zu lassen und die Sonne vom Himmel herabzuholen. Der gesetzlose anarchische Zustand in Berlin sei der Art gewesen, daß nothwendig Maßregeln hätten ergriffen werden müssen, um demselben ein Ende zu machen. Unter diesen Umständen müsse er es anheimgeben, ob die Deputationen dennoch auf die Erwirkung einer Audienz bei des Königs Maj. beharren wollten. Aus den angeführten Gründen wiederhole er, daß er dieselbe nicht befürworten könne, erkläre sich jedoch bereit, bei Sr. Maj. anzufragen.

Die Deputationen erwiderten, daß sie im Interesse der Provinz auf ihre Bitte bestehen müßten.

Am 21. November Vormittags folgte die Antwort des Ministers (welche bereits in Nro. 151 d. Bl. mitgetheilt worden ist).

Die Deputationen beschlossen darauf, nunmehr direkt beim Könige eine Audienz nachzusuchen. Sie wendeten sich zu diesem Zwecke an demselben Tage noch in Potsdam, wo sich der König aufhielt, an den Hofmarschall Grafen v. Keller persönlich. Derselbe erwiderte, es liege außer seinen Befugnissen. Audienzen für Deputationen zu erwirken, überhaupt sich mit politischen Angelegenheiten zu befassen, dies sei Sache des Staatsministeriums, die seinige nur, einzelne Personen, welche vorgelassen zu werden wünschten, anzumelden.

Da sonach den Deputationen kein anderer Weg, zum Könige zu gelangen, übrig blieb, so vereinigten sich dieselben dahin, daß der Versuch gemacht werden solle, in dieser Art für Ein Mitglied einer jeden Deputation Zutritt zu erhalten und baten den Hofmarschall, diesen für den Domkapitular Dr. Broix von Köln und für die beiden Oberbürgermeister Vachem von Koblenz und Wulfsheim von Trier zu erwirken. Der Hofmarschall versprach möglichst baldige Anmeldung.

So war demnach den Deputationen als solchen jede Aussicht auf eine Audienz abgeschnitten. Sie kamen daher überein, zur vollständigen Erfüllung ihres Mandats, gemeinsam nachstehende Adresse an den König zu richten:

Majestät!

Die Gemeinderäthe der Städte Köln, Coblenz u. Trier haben jede für sich als dringend nothwendig es betrachtet, durch Deputationen Ew. Kgl. Majestät die gegenwärtige Stimmung der durch sie vertretenen Städte persönlich ehrerbietigst vorzutragen. Die dem Präsidenten des Staatsministeriums vorgelegte Bitte um Befürwortung einer Audienz bei Sr. Majestät

zu diesem Preise nicht liefern. Die Regierung hätte sich darum kümmern sollen. Unsere heimischen Salionen wollen das Salz zum Kostenpreise liefern. Dieser Kostenpreis kann aber nicht erzielt werden, wenn der Eingangszoll nicht mindestens 1 Fr. 50 Ct. erhöht wird. Dahin geht mein Antrag.

La Vavasseur schlägt mit seiner schwachen Stimme ein gewaltiges Zeter gegen die Erhöhung des Salzzolles. Die Schiffe lägen bereit. Dieser wichtige Industriezweig ginge unter. Europa würde keinen wohlfeilen Stockfisch und Häringe mehr essen können, und wie die Jammerphrasen alle heißen. Der Redner hat sich eine kleine Million erschachert und ist ein Hauptrheder des Havre.

Talon unterstutzt die Zollerhöhung.

Tourret, Handelsminister, erklärt im Laufe der Diskussion, daß er noch heute dem Präsidio einen Gesetzentwurf überreiche, welcher die Salzsteuer vom 1. April 1850 ab um 2/3 erniedrigt.

Während der ziemlich langweiligen Debatte geht das Gerücht, Cavaignac wolle sich vom Regierungsruder zurückziehen, und habe nur den Lamartine zurückgerufen, um die Nationalversammlung zu vermögen, ihm das Minister-Präsidium bis zum 15. k. Mts. zu übertragen.

Natürlich glaubt Niemand an dieses Geschwätz im Nebensaale.

Nach Erledigung des Salzgesetzes nimmt die Versammlung das Budget von 1848 wieder auf.

Doch kaum sind einige Punkte (z. B. Arzneischulen, Pferdezucht u. s. w.) beseitigt, welche einer Nachprüfung des Finanzausschusses unterworfen worden waren, so unterbricht ein Zwischenfall die Debatte.

Jules Favre: (Hört, Hört!) Ich wünsche die Minister des Innern, des Krieges und den Konseilpräsidenten zur Rede zu stellen, wegen gewisser Broschüren, Zeitungsartikel und sonstiger Propagandaschriften, die aus den ministeriellen Bureaux in die Zeitungspresse aller Gegenden der Republik wandern und im gegenwärtigen Augenblick von hoher Wichtigkeit sind. Ich bitte, mir einen Tag hierzu zu bewilligen.

Freslon, Unterrichtsminister: Wenn der Redner einen Augenblick früher seinen Wunsch ausgedrückt hätte, so wurden die betreffenden Minister gewiß sofort geantwortet haben. Jetzt sind sie weggegangen.

Stimmen: Auf morgen!

Minister: Die Regierung ist bereit.

Astoing: Das Land ist dieser ewigen Interpellationen müde. Sie halten dasselbe in Aufregung, die den Geschäften schadet. Möge man sie so rasch als möglich erledigen.

Taschereau schlägt den Montag vor.

Wird verworfen. Die Versammlung beschließt, daß Favre (der von seiner Geisteskrankheit genesen scheint) morgen sein Gewehrfeuer gegen das Kabinet richten darf.

Hierauf wird das Budget fortgesetzt, das sich bis 6 Uhr, hinschleppt, wo die Versammlung aufgehoben wird.

Nationalversammlung. Sitzung vom 24. Nov. Anfang 1 1/2 Uhr. Präsident Marrast. Die Bänke sind ziemlich besetzt, die Gallerien voll.

Auf der Tagesordnung stehen zunächst die Favre'schen Interpellationen wegen der ministeriellen Wahlmanöver.

Jules Favre erhält das Wort. Favre ist ein Advokat aus Lyon, scheint noch ziemlich jung und gilt als Republicain de la veille mit starkem Marrastischem Beigeschmack; er trägt stets Glacehandschuhe.

Favre beginnt. Bürger! Seit einiger Zeit sieht sich die öffentliche Meinung durch literarische Erscheinungen aufgeregt, welche allem Anschein nach aus den ministeriellen Offizinen kommen und offenbar im gegenwärtigen Augenblick als sträfliches Wahlmanöver betrachtet werden müssen (Oh, Oh!). Das Land wartete vergebens, daß der Moniteur diese Anklagen berichtige oder widerlege. Es ist nicht geschehen, und das Land ist beunruhigt. Es hält ein solches Verfahren mit Recht dem Geist der Verfassung widersprechend, die wir votirt haben. In der Republik muß dem Ehrgeiz ein Ziel gesetzt werden. Am allerwenigsten dürfe der Conseilpräsident selbst daran Theil nehmen. Er darf den Kandidaten zur Präsidentschaft nicht kennen. (Sehr gut! vom Berge.) Das Mißtrauen der Demokraten darf ihn daher nicht wundern. Sind die folgenden Thatsachen gegründet, so hätte er nicht nur seine eigene Würde, sondern auch die unsrige beschmutzt. (Lärmen.) Diese Thatsachen müssen hier auf dieser Bühne erhellt werden. Ich stelle daher den Minister des Innern zunächst hiermit zur Rede, um zu hören, ob nachstehende Publikation und Schriften mit seinem Wissen und Willen aus offizieller Quelle geflossen? Hier zieht der Redner einen Papierstoß hervor und beginnt unter mancherlei Unterbrechungen die Vorlesung von Einladungsbriefen der Präfekten, welche die Maires der Städte und Dörfer in den Präfektursaal beorderten, um sich über die Cavaignac'sche Wahl zu verständigen.

Stimme unterbrechend: Also Sie wollen nicht, daß man das Land aufkläre?!

Favre. Allerdings, nur nicht im Präfektursaale, wenn es sich um so wichtige Wahlen handelt. (Ah, Ah, Lärm.) Jetzt nimmt der Redner einen andern Brief aus Calais vor, in welchem der dortige Maire einem Kollegen erzählt, daß er auf die Präfektur gerufen worden sei, wo man ihm gesagt habe: „Nehmt Euch in Acht, Paris zählt 300,000 Franken, die Euch den Bürgerkrieg in alle Ecken tragen werden, wenn Ihr nicht für Cavaignac votirt etc. (Oh, Oh. Allons donc! Tumult.) Eine Stimme ruft: Sie spaßen!

Favre: Nein ich scherze nicht. Meine Interpellationen sind sehr wohl gemeint. Sie haben zum Zweck, eine Untersuchung einzuleiten.. (Oh, Oh! Gegen wen denn? Gegen den Conseilpräsidenten?) Der Redner zieht neue Papiere hervor, dießmal vom Garonnepräfekten, der die schönsten Vizinalwege verspricht, wenn man für Cavaignac stimme; auch Wohlthätigkeitsbüreaus sollen angelegt werden. (Oh, Oh.) An einem Ort hält der Präfekt inmitten des versammelten Gemeinderaths eine versprechungsvolle Rede zu Gunsten Cavaignacs. (Unterbrechung.) In der Nähe von Paris regnet es Biographien. (Nein!) Jawohl in Noissy le sec z. B. Ich fragte Hrn. Dufaure selbst, ob er nichts von all diesem Treiben wisse, worauf er mir sagte, daß diese Schriften seinem Ministerium gänzlich fremd seien. Ich glaubte dieß wirklich, bis ich gestern früh den Briefwechsel Odiers und Dufaures im „Credit“ las, woraus ich das klare Gegentheil ersehe……

Stimme: Sie am allerwenigsten durften sich darüber wundern.

Favre: Ich höre rufen, ich am allerwenigsten sollte dieses Verfahren verdammen. Man will auf meine Thätigkeit im Ministerium des Innern, wo ich Divisionschef unter Ledru Rollin war, anspielen. Wohlan, damals war ich Untergeordneter, ich bin nicht Verfasser der Bülletns und habe seitdem Hrn. Ledru Rollin offen bekämpft, ohne sein Feind zu sein‥‥

Stimme: Sie haben ihn mit Haß und Groll bekämpft!

Favre liest statt aller Antwort neue Präfekturalschreiben und Circulare vor und trägt wiederholt auf Untersuchung gegen Cavaignae unter allgemeinen Tumult an.

Bac eilt mit der Broschüre, „die Prätendenten vor dem Volke“ auf die Bühne und frägt, ob sie nicht auch aus der Amtsanlage hervorgegangen? (Tumult.)

Dufaure, Minister des Innern, besteigt die Bühne und hält eine lange Rede. Er beginnt mit einer Schilderung der Wildheit der Pariser Clubs, in denen täglich die anarchischen Vorträge wie Blitze gegen das Kabinet fielen und setzt die Nothwendigkeit der getroffenen Maaßregeln auseinander.

Favre will erwidern, wird aber heruntergetrommelt.

Lamoriciere ergänzt einige Worte rücksichtlich der Biographien, worauf die Versammlung zur Tagesordnung schreitet.

Eine lange Aufregung folgt den Favreschen Interpellationen. Die Enttäuschung scheint allgemein. Während alle Welt glaubte, daß sie den General fast zu Boden werfen würden, geht die Versammlung zur Tagesordnung über.

Die Sitzung bleibt auf eine Viertelstunde aufgehoben. Es bilden sich Gruppen, aus deren Mitte wir den Ruf hören: Das ist falsch! Das ist erfunden! Alles erlogen! Favre ist ein Intriguant! Wie er gelb ist! Er ist ganz schwarz im Gesichte! (Wir führen diese Exklamationen an, um den Grad der Leidenschaftlichkeit der Versammlung zu bezeichnen.)

Nachdem sich diese Aufregung gelegt, wird die Büdgetsdiskussion wieder aufgenommen.

Sie ist bis zum Ministerium der Staatsbauten vorgedrungen.

Das Eisenbahnkapitel ruft eine Debatte zwischen Mortimer, Ternaux, Bac, Charamauls, Bineau und Vivien hervor, die jedoch für Deutschland von wenig Interesse.

Beim Kapitel 17 wird die Diskussion abgebrochen.

Marrast liest die Tagesordnung für morgen vor und sagt mit Nachdruck: Die morgige Sitzung beginnt um 1 Uhr mit den Explikationen über die Juni-Ereignisse (Ja! Ja!).

Die Versammlung geht um 6 Uhr auseinander.

Schweiz.
** Bern, 22. Nov.
Der Inhalt dieses Artikels kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht angezeigt werden.
Belgien.
X Brüssel, 24. Novbr.

Der demokratische Verein zu Tirlemont, meist aus Arbeitern bestehend, veranstaltete in seiner letzten Sitzung eine Subseription für die Familie des ermordeten Robert Blum. Der Betrag soll dem demokratischen Komité in Köln zur Weiterbeförderung übersandt werden.

15 Verviers, 22. Nov.

Heute errichtete der belgisch-deutsche demokratische Klub unserer Stadt einen Galgen, hing die „Kölnische Zeitung“ daran und verbrannte sie.

Schweden.
Stockholm, 14. Novbr.

Der franz. Minister hat alle in Stockholm sich aufhaltenden Franzosen aufgefordert, sich zu melden, damit sie an der Wahl des Präsidenten der franz. Republik durch Stimmzettel Theil nehmen.

[Leserbrief]
Dringlicher Antrag des Abgeordneten Zimmermann aus Spandow.

Hohe Nationalversammlung!

Viele glaubwürdige Nachrichten aus Wien stimmen dahin überein, daß bei dem Kampfe Anfangs dieses Monats und Ende des vorigen und nach dem Siege des Militärs, von den Militärs Ungesetzlichkeiten begangen sind, für welche in der Geschichte noch keine Beispiele vorhanden sind.

Es sind besonders folgende Thatsachen gemeldet worden:

1) Der Eigenthümer des Schüttelbades so wie seine Ehefrau wurden in folgender Weise getödtet: beiden Personen wurden Hände und Füße abgehackt, der Frau die Brüste abgeschnitten, sodann wurden die verstümmelten Körper zwischen Matratzen genäht und in diesem Zustande ins Feuer geworfen und verbrannt.

2) In dem Odeon, einem der großartigsten Gebäude Europa's sollen sich Flüchtlinge, Verwundete in großer Anzahl befunden haben; dieses Gebäude wurde vom Militär in Brand gesteckt. Als die Unglücklichen sich flüchten wollten, wurden sie vom Militär daran gehindert. Endlich stürzte das hohle Metalldach herunter und führte für die in dem Gebäude befindlichen Personen den grausamsten Tod herbei.

3) An mehreren Orten, namentlich beim Hundsthurm, wurden Frauenzimmer mit verstümmelten Brüsten und aufgeschlitztem Bauche gefunden.

4) Frauen, Mädchen, ja Kinder wurden geschändet und gemordet.

5) Ein Kroate warf auf offener Straße einen Kutscher vom Bocke, setzte sich hinauf und fuhr den Wagen ins Lager.

5) Anständige Civilpersonen, welche ihren Geschäften nachgingen, wurden von Soldaten auf der Straße angefallen und ihrer Habseligkeiten (Uhren, Börsen, Brieftaschen etc.) beraubt.

7) Ein Kroate hatte einen hübschen Knaben von 6-8 Jahren an der Hand, auf Nachfrage ergab sich, daß das Kind geraubt war, alle Bitten, das Kind wieder herauszugeben, waren vergeblich, auch durch Geld war derselbe nicht zu bewegen, das Kind wieder herauszugeben. „Lieber wolle er das Kind gebraten auffressen“, wird seine Antwort angegeben.

8) In ihren Tornistern und Säcken haben die Soldaten die kostbarsten Sachen, Uhren, Schmucksachen u. s. w. gehabt, und dieselben für Kleinigkeiten verkauft. Eine 1000Guldennote wurde für 7 Zwanziger, eine andere 1000Guldennote für 14 Zwanziger verkauft, so schleuderten die Soldaten mit dem Papiergeld um sich.

9) Gegen 400 Häuser wurden auf das ärgste geplündert und nach der Plünderung Feuer in den Häusern angelegt.

10) In dem Palais des Grafen Hardeg soll sich der angerichtete Schaden auf 40,000 Gulden C.-M. belaufen.

11) Das Haus eines 83jährigen Mannes, der sich, selbst redend an dem Kampfe nicht betheiligen konnte, wurde von den plündernden Soldaten mehrere Male überfallen. Die kostbare Bibliothek und ein Mineralienkabinet dieses Greisen wurden zerstört.

12) Das Haus des berühmten Anatomen Hyrtl, welcher reiche Sammlungen der seltensten Präparate u. werthvollsten Instrumente besaß, die er im Laufe von 16 Jahren mit Mühe und Fleiß zusammengebracht hatte, wurde geplündert und ausgebrannt. Um jene Schätze zu retten, waren sie in die Souterrains gebracht worden, aber auch hier drangen die plündernden Soldaten ein und zerstörten jene Sammlungen. In dieses Haus wurde ebenfalls mehrere Male plündernd eingedrungen.

13) Einem Studenten, der in die Hände des Militärs gefallen war, wurde die Zunge ausgeschnitten, die Lippe abgelöst und Hände und Füße abgehackt; sodann wurde ihm eine Patrone in den Mund gesteckt, diese angezündet und so der Kopf gesprengt.

14) Anderen Gefangenen hat man Nase, Ohren, Hände und Füße abgeschnitten, die Augen ausgebrannt, das Fleisch striemenweise aus dem Rücken geschnitten und so getödtet.

15) Einem der Anführer der Studenten, Dr. Ludwig, schnitt man gewisse Theile des Körpers ab, steckte sie ihm in den Mund und schickte so die Leiche der Frau des Getödteten.

16) Viele Häuser sind völlig abgesperrt, um die Gräuelscenen zu verbergen und die Spuren zu vernichten.

Diese schrecklichen Thaten wurden aber leider nicht blos von Kroaten und andern nichtdeutschen Truppen, sondern zum tiefsten Schmerze unseres Vaterlandes muß es gesagt werden, auch von deutschen Soldaten verübt.

Solche Thaten von Deutschen und Fremden gegen Deutsche in der größten deutschen Stadt verübt, legen den Vertretern der deutschen Nation die traurige aber heilige Pflicht auf, dem ganzen Zusammenhange sorgfältig nachzuforschen. Zu welcher politischen Ansicht man sich auch bekennen mag, das Urtheil über solche Handlungen kann nicht verschieden sein. Daß die Hohe Nationalversammlung bei solchen Thatsachen nicht ruhiger Zuschauer verbleiben kann, hat dieselbe dadurch anerkannt, daß dieselbe mehrfachen Maßregeln in Bezug auf die östreichischen Verhältnisse ihre Billigung ertheilt hat. Zu beklagen ist nur, daß diese Maßregeln, namentlich die Absendung der Reichskommissäre Welcker und Mosle, so unzureichend und erfolglos blieben. Noch weit mehr aber ist es zu beklagen, daß die Absendung eines neuen Reichskommissärs zwar vor längerer Zeit verheißen aber nicht ausgeführt war. Diese Thatsachen dürften einiges Licht in die Maßregeln werfen, welche von den Reichskommissären Welcker und Mosle getroffen worden, um, laut ihrer Proklamation, die frühere Gemüthlichkeit Wiens zurückzuführen.

Oder lautete ihre Instruktion dahin, statt die deutschen Interessen in Wien bis zur letzten Instanz und mit aller Energie zu wahren und zu schützen, an kaiserlicher Tafel zu speisen und nach Frankfurt zurückzukehren, während in Wien die schmachvollste Katastrophe des 19. Jahrhunderts vor sich ging? Sind endlich diese unglücklichen Ereignisse und die Thatsache, daß politisch Verdächtige ohne Urtel und Recht zwangsweise unter die Soldaten gesteckt werden, eine Folge der kaiserlichen Edikte, welche die unverbrüchliche Festhaltung der konstitutionellen Freiheit verbürgen?

Es ist jedes Deutschen heilige Pflicht, bei der gegenwärtigen politischen Bewegung sich nicht unthätig zu verhalten, sondern seine politischen Rechte überall und mit Kraft geltend zu machen, damit durch einiges Zusammenwirken die gesetzliche Freiheit geschützt, und die schlimmste Anarchie, die Anarchie von oben, besiegt werde. Unerklärlich bleibt es daher, daß weder Beamte noch sonst rechtschaffene Bürger bei Verübung jener Greuelthaten hinzugetreten sind, um die Urheber festzuhalten, und sie ihren Vorgesetzten mit der gehörigen Anzeige zuzuführen.

Sollten aber auch die obersten Handhaber der Macht nicht im Stande gewesen sein, dem zu steuern oder gar sich einverstanden erklärt haben, sei es stillschweigend oder ausdrücklich, so wäre dies eine Anarchie von oben.

Daß aber hier der eigentliche Zusammenhang erforscht werde, ist heilige Pflicht der Volksvertreter.

Ich stelle deshalb bei der Hohen Nationalversammlung den Antrag:

eine besondere Kommission zu ernennen:

1) an Ort und Stelle den Thatbestand der in Folge der Wiener Ereignisse gemeldeten Greuelthaten auf das Genaueste zu erheben und

2) darüber zu berichten hat, in wie weit das Gesetz gehandhabt ist, um die Urheber solcher Handlungen zur Strafe zu ziehen.

[Leserbrief]
Berlin, 22. November.
Bericht
der gemeinderäthlichen Deputationen von Köln,
Koblenz und Trier.

In Folge der neuesten Ereignisse waren die von den Gemeinderäthen der vorgenannten Städte gewählten Deputationen am 20. d. M. in Berlin zu sammengetroffen. Dieselben vereinigten sich vermöge der ihnen ertheilten Mandate zu dem Zwecke, Sr. Majestät dem Könige in einer Audienz die Stimmung der durch sie vertretenen Städte der Rheinprovinz persönlich darzulegen und dahin zu wirken, daß das gegenwärtige Ministerium Brandenburg entlassen werde, daß die von demselben getroffenen Maßregeln durch ein neues volksthümliches Ministerium zurückgenommen würden und daß fortan die Staatsregierung in Uebereinstimmung mit der National-Versammlung handeln möge, ferner der National-Versammlung die Gesinnungen zu wiederholen, welche in den ihr bereits eingesandten Adressen der einzelnen Städte ausgedrückt worden, sodann den Wunsch und die Nothwendigkeit einer Einigung zwischen den beiden Gewalten auszusprechen

Die Deputationen begeben sich sofort Behufs Erwirkung einer Audienz zum Ministerpräsidenten Grafen v. Brandenburg. Derselbe erklärt mündlich, er könne das Gesuch nicht befürworten, weil der König nach konstitutionellem, von dem Ministerium Camphausen bereits eingeführten und seither beobachteten Gebrauche, ohne Minister, Deputationen weder Audienz noch Antwort ertheilen könne, die Minister aber nicht in Potsdam, sondern in Berlin sich befänden und wegen überhäufter Arbeiten allen sich anmeldenden Deputationen nicht beizuwohnen im Stande wären. Se. Majestät nehme deshalb jetzt keine Deputationen an, deren viele, insbesondere seit den letzten Zeitereignissen auch aus andern bedeutenden Städten sich angemeldet hätten, indem der Einen das nicht gewährt werden könne, was der andern abgeschlagen worden, auch habe Se. Majestät der König die Zeit nicht, auch wenn er es wollte, alle sich meldenden Deputationen zu empfangen. Der Ministerpräsident erklärte dabei, daß die Deputationen doch wahrscheinlich Adressen zu überreichen hätten und daß er, wie es seine Pflicht sei, dieselben in Empfang nehmen und an Se. Majestät befördern werde. Auf die Antwort, daß jenes nur bei der Kölner Deputation der Fall sei, und nachdem die Frage über den Zweck der erbetenen Audienz ausdrücklich wie im Eingange erwähnt ist, beantwortet, auch dabei erwähnt worden, daß die Ruhe der Provinz von der Gewährung der Anträge abhängig sei, erwiederte der Ministerpräsident, auf die Sache selbst eingehend, es seien allerdings Adressen von vielen Städten eingelaufen, welche sich für die National-Versammlung ausgesprochen. Allein in den letzten Tagen habe sich die Sache geändert und von vielen Seiten wären Seitens der Bürger und Behörden Adressen angelangt, welche den Maßregeln der Regierung deipflichteten; sogar von solchen Städten sei dies geschehen, aus denen früher Adressen im entgegengesetzten Sinne eingelaufen, insbesondere eine Adresse von Stettin, und ständen auf diesen selbst Namen von Magistratsmitgliedern, die kurz vorhin zu einer Deputation gehört hätten, welche sich für die National-Versammlung ausgesprochen hätte. Er begreife übrigens nicht, wir man aus bloßen Namen Veranlassung nehmen könne, sich gegen die Minister zu erklären, da sie bis jetzt noch durch keine Maßregel gezeigt hätten, daß sie von den Verheißungen des Königs und den gewährten konstitutionellen Einrichtungen abgehen wollten. Auch wenn man eine solche Absicht bei den Ministern unterstelle, so sei es für diese eben so unmöglich, sie zu verwirklichen, als es unmöglich sei, den Rhein herauffließen zu lassen und die Sonne vom Himmel herabzuholen. Der gesetzlose anarchische Zustand in Berlin sei der Art gewesen, daß nothwendig Maßregeln hätten ergriffen werden müssen, um demselben ein Ende zu machen. Unter diesen Umständen müsse er es anheimgeben, ob die Deputationen dennoch auf die Erwirkung einer Audienz bei des Königs Maj. beharren wollten. Aus den angeführten Gründen wiederhole er, daß er dieselbe nicht befürworten könne, erkläre sich jedoch bereit, bei Sr. Maj. anzufragen.

Die Deputationen erwiderten, daß sie im Interesse der Provinz auf ihre Bitte bestehen müßten.

Am 21. November Vormittags folgte die Antwort des Ministers (welche bereits in Nro. 151 d. Bl. mitgetheilt worden ist).

Die Deputationen beschlossen darauf, nunmehr direkt beim Könige eine Audienz nachzusuchen. Sie wendeten sich zu diesem Zwecke an demselben Tage noch in Potsdam, wo sich der König aufhielt, an den Hofmarschall Grafen v. Keller persönlich. Derselbe erwiderte, es liege außer seinen Befugnissen. Audienzen für Deputationen zu erwirken, überhaupt sich mit politischen Angelegenheiten zu befassen, dies sei Sache des Staatsministeriums, die seinige nur, einzelne Personen, welche vorgelassen zu werden wünschten, anzumelden.

Da sonach den Deputationen kein anderer Weg, zum Könige zu gelangen, übrig blieb, so vereinigten sich dieselben dahin, daß der Versuch gemacht werden solle, in dieser Art für Ein Mitglied einer jeden Deputation Zutritt zu erhalten und baten den Hofmarschall, diesen für den Domkapitular Dr. Broix von Köln und für die beiden Oberbürgermeister Vachem von Koblenz und Wulfsheim von Trier zu erwirken. Der Hofmarschall versprach möglichst baldige Anmeldung.

So war demnach den Deputationen als solchen jede Aussicht auf eine Audienz abgeschnitten. Sie kamen daher überein, zur vollständigen Erfüllung ihres Mandats, gemeinsam nachstehende Adresse an den König zu richten:

Majestät!

Die Gemeinderäthe der Städte Köln, Coblenz u. Trier haben jede für sich als dringend nothwendig es betrachtet, durch Deputationen Ew. Kgl. Majestät die gegenwärtige Stimmung der durch sie vertretenen Städte persönlich ehrerbietigst vorzutragen. Die dem Präsidenten des Staatsministeriums vorgelegte Bitte um Befürwortung einer Audienz bei Sr. Majestät

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zu diesem Preise nicht liefern. Die Regierung hätte sich darum kümmern sollen. Unsere heimischen Salionen wollen das Salz zum Kostenpreise liefern. Dieser Kostenpreis kann aber nicht erzielt werden, wenn der Eingangszoll nicht mindestens 1 Fr. 50 Ct. erhöht wird. Dahin geht mein Antrag.</p>
          <p><hi rendition="#g">La Vavasseur</hi> schlägt mit seiner schwachen Stimme ein gewaltiges Zeter gegen die Erhöhung des Salzzolles. Die Schiffe lägen bereit. Dieser wichtige Industriezweig ginge unter. Europa würde keinen wohlfeilen Stockfisch und Häringe mehr essen können, und wie die Jammerphrasen alle heißen. Der Redner hat sich eine kleine Million erschachert und ist ein Hauptrheder des Havre.</p>
          <p><hi rendition="#g">Talon</hi> unterstutzt die Zollerhöhung.</p>
          <p><hi rendition="#g">Tourret,</hi> Handelsminister, erklärt im Laufe der Diskussion, daß er noch heute dem Präsidio einen Gesetzentwurf überreiche, welcher die Salzsteuer vom 1. April 1850 ab um 2/3 erniedrigt.</p>
          <p>Während der ziemlich langweiligen Debatte geht das Gerücht, Cavaignac wolle sich vom Regierungsruder zurückziehen, und habe nur den Lamartine zurückgerufen, um die Nationalversammlung zu vermögen, ihm das Minister-Präsidium bis zum 15. k. Mts. zu übertragen.</p>
          <p>Natürlich glaubt Niemand an dieses Geschwätz im Nebensaale.</p>
          <p>Nach Erledigung des Salzgesetzes nimmt die Versammlung das Budget von 1848 wieder auf.</p>
          <p>Doch kaum sind einige Punkte (z. B. Arzneischulen, Pferdezucht u. s. w.) beseitigt, welche einer Nachprüfung des Finanzausschusses unterworfen worden waren, so unterbricht ein Zwischenfall die Debatte.</p>
          <p><hi rendition="#g">Jules Favre:</hi> (Hört, Hört!) Ich wünsche die Minister des Innern, des Krieges und den Konseilpräsidenten zur Rede zu stellen, wegen gewisser Broschüren, Zeitungsartikel und sonstiger Propagandaschriften, die aus den ministeriellen Bureaux in die Zeitungspresse aller Gegenden der Republik wandern und im gegenwärtigen Augenblick von hoher Wichtigkeit sind. Ich bitte, mir einen Tag hierzu zu bewilligen.</p>
          <p><hi rendition="#g">Freslon,</hi> Unterrichtsminister: Wenn der Redner einen Augenblick früher seinen Wunsch ausgedrückt hätte, so wurden die betreffenden Minister gewiß sofort geantwortet haben. Jetzt sind sie weggegangen.</p>
          <p>Stimmen: Auf morgen!</p>
          <p>Minister: Die Regierung ist bereit.</p>
          <p><hi rendition="#g">Astoing:</hi> Das Land ist dieser ewigen Interpellationen müde. Sie halten dasselbe in Aufregung, die den Geschäften schadet. Möge man sie so rasch als möglich erledigen.</p>
          <p><hi rendition="#g">Taschereau</hi> schlägt den Montag vor.</p>
          <p>Wird verworfen. Die Versammlung beschließt, daß Favre (der von seiner Geisteskrankheit genesen scheint) morgen sein Gewehrfeuer gegen das Kabinet richten darf.</p>
          <p>Hierauf wird das Budget fortgesetzt, das sich bis 6 Uhr, hinschleppt, wo die Versammlung aufgehoben wird.</p>
          <p>&#x2014; <hi rendition="#g">Nationalversammlung</hi>. Sitzung vom 24. Nov. Anfang 1 1/2 Uhr. Präsident Marrast. Die Bänke sind ziemlich besetzt, die Gallerien voll.</p>
          <p>Auf der Tagesordnung stehen zunächst die Favre'schen Interpellationen wegen der ministeriellen Wahlmanöver.</p>
          <p><hi rendition="#g">Jules Favre</hi> erhält das Wort. Favre ist ein Advokat aus Lyon, scheint noch ziemlich jung und gilt als Republicain de la veille mit starkem Marrastischem Beigeschmack; er trägt stets Glacehandschuhe.</p>
          <p><hi rendition="#g">Favre</hi> beginnt. Bürger! Seit einiger Zeit sieht sich die öffentliche Meinung durch literarische Erscheinungen aufgeregt, welche allem Anschein nach aus den ministeriellen Offizinen kommen und offenbar im gegenwärtigen Augenblick als sträfliches Wahlmanöver betrachtet werden müssen (Oh, Oh!). Das Land wartete vergebens, daß der Moniteur diese Anklagen berichtige oder widerlege. Es ist nicht geschehen, und das Land ist beunruhigt. Es hält ein solches Verfahren mit Recht dem Geist der Verfassung widersprechend, die wir votirt haben. In der Republik muß dem Ehrgeiz ein Ziel gesetzt werden. Am allerwenigsten dürfe der Conseilpräsident selbst daran Theil nehmen. Er darf den Kandidaten zur Präsidentschaft nicht kennen. (Sehr gut! vom Berge.) Das Mißtrauen der Demokraten darf ihn daher nicht wundern. Sind die folgenden Thatsachen gegründet, so hätte er nicht nur seine eigene Würde, sondern auch die unsrige beschmutzt. (Lärmen.) Diese Thatsachen müssen hier auf dieser Bühne erhellt werden. Ich stelle daher den Minister des Innern zunächst hiermit zur Rede, um zu hören, ob nachstehende Publikation und Schriften mit seinem Wissen und Willen aus offizieller Quelle geflossen? Hier zieht der Redner einen Papierstoß hervor und beginnt unter mancherlei Unterbrechungen die Vorlesung von Einladungsbriefen der Präfekten, welche die Maires der Städte und Dörfer in den Präfektursaal beorderten, um sich über die Cavaignac'sche Wahl zu verständigen.</p>
          <p>Stimme unterbrechend: Also Sie wollen nicht, daß man das Land aufkläre?!</p>
          <p><hi rendition="#g">Favre</hi>. Allerdings, nur nicht im Präfektursaale, wenn es sich um so wichtige Wahlen handelt. (Ah, Ah, Lärm.) Jetzt nimmt der Redner einen andern Brief aus Calais vor, in welchem der dortige Maire einem Kollegen erzählt, daß er auf die Präfektur gerufen worden sei, wo man ihm gesagt habe: &#x201E;Nehmt Euch in Acht, Paris zählt 300,000 Franken, die Euch den Bürgerkrieg in alle Ecken tragen werden, wenn Ihr nicht für Cavaignac votirt etc. (Oh, Oh. Allons donc! Tumult.) Eine Stimme ruft: Sie spaßen!</p>
          <p><hi rendition="#g">Favre:</hi> Nein ich scherze nicht. Meine Interpellationen sind sehr wohl gemeint. Sie haben zum Zweck, eine Untersuchung einzuleiten.. (Oh, Oh! Gegen wen denn? Gegen den Conseilpräsidenten?) Der Redner zieht neue Papiere hervor, dießmal vom Garonnepräfekten, der die schönsten Vizinalwege verspricht, wenn man für Cavaignac stimme; auch Wohlthätigkeitsbüreaus sollen angelegt werden. (Oh, Oh.) An einem Ort hält der Präfekt inmitten des versammelten Gemeinderaths eine versprechungsvolle Rede zu Gunsten Cavaignacs. (Unterbrechung.) In der Nähe von Paris regnet es Biographien. (Nein!) Jawohl in Noissy le sec z. B. Ich fragte Hrn. Dufaure selbst, ob er nichts von all diesem Treiben wisse, worauf er mir sagte, daß diese Schriften seinem Ministerium gänzlich fremd seien. Ich glaubte dieß wirklich, bis ich gestern früh den Briefwechsel Odiers und Dufaures im &#x201E;Credit&#x201C; las, woraus ich das klare Gegentheil ersehe&#x2026;&#x2026;</p>
          <p><hi rendition="#g">Stimme:</hi> Sie am allerwenigsten durften sich darüber wundern.</p>
          <p><hi rendition="#g">Favre:</hi> Ich höre rufen, ich am allerwenigsten sollte dieses Verfahren verdammen. Man will auf meine Thätigkeit im Ministerium des Innern, wo ich Divisionschef unter Ledru Rollin war, anspielen. Wohlan, damals war ich Untergeordneter, ich bin nicht Verfasser der Bülletns und habe seitdem Hrn. Ledru Rollin offen bekämpft, ohne sein Feind zu sein&#x2025;&#x2025;</p>
          <p><hi rendition="#g">Stimme:</hi> Sie haben ihn mit Haß und Groll bekämpft!</p>
          <p><hi rendition="#g">Favre</hi> liest statt aller Antwort neue Präfekturalschreiben und Circulare vor und trägt wiederholt auf Untersuchung gegen Cavaignae unter allgemeinen Tumult an.</p>
          <p><hi rendition="#g">Bac</hi> eilt mit der Broschüre, &#x201E;die Prätendenten vor dem Volke&#x201C; auf die Bühne und frägt, ob sie nicht auch aus der Amtsanlage hervorgegangen? (Tumult.)</p>
          <p><hi rendition="#g">Dufaure,</hi> Minister des Innern, besteigt die Bühne und hält eine lange Rede. Er beginnt mit einer Schilderung der Wildheit der Pariser Clubs, in denen täglich die anarchischen Vorträge wie Blitze gegen das Kabinet fielen und setzt die Nothwendigkeit der getroffenen Maaßregeln auseinander.</p>
          <p><hi rendition="#g">Favre</hi> will erwidern, wird aber heruntergetrommelt.</p>
          <p><hi rendition="#g">Lamoriciere</hi> ergänzt einige Worte rücksichtlich der Biographien, worauf die Versammlung zur Tagesordnung schreitet.</p>
          <p>Eine lange Aufregung folgt den Favreschen Interpellationen. Die Enttäuschung scheint allgemein. Während alle Welt glaubte, daß sie den General fast zu Boden werfen würden, geht die Versammlung zur Tagesordnung über.</p>
          <p>Die Sitzung bleibt auf eine Viertelstunde aufgehoben. Es bilden sich Gruppen, aus deren Mitte wir den Ruf hören: Das ist falsch! Das ist erfunden! Alles erlogen! Favre ist ein Intriguant! Wie er gelb ist! Er ist ganz schwarz im Gesichte! (Wir führen diese Exklamationen an, um den Grad der Leidenschaftlichkeit der Versammlung zu bezeichnen.)</p>
          <p>Nachdem sich diese Aufregung gelegt, wird die Büdgetsdiskussion wieder aufgenommen.</p>
          <p>Sie ist bis zum Ministerium der Staatsbauten vorgedrungen.</p>
          <p>Das Eisenbahnkapitel ruft eine Debatte zwischen Mortimer, Ternaux, Bac, Charamauls, Bineau und Vivien hervor, die jedoch für Deutschland von wenig Interesse.</p>
          <p>Beim Kapitel 17 wird die Diskussion abgebrochen.</p>
          <p><hi rendition="#g">Marrast</hi> liest die Tagesordnung für morgen vor und sagt mit Nachdruck: Die morgige Sitzung beginnt um 1 Uhr mit den Explikationen über die Juni-Ereignisse (Ja! Ja!).</p>
          <p>Die Versammlung geht um 6 Uhr auseinander.</p>
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      <div n="1">
        <head>Schweiz.</head>
        <div xml:id="ar153-2_020_c" type="jArticle">
          <note type="editorial">Edition: <bibl>Friedrich Engels: Debatte im Nationalrat, vorgesehen für: MEGA<hi rendition="#sup">2</hi>, I/8.         </bibl>                </note>
          <head><bibl><author>**</author></bibl> Bern, 22. Nov.</head>
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        <head>Belgien.</head>
        <div xml:id="ar153-2_021" type="jArticle">
          <head><bibl><author>X</author></bibl> Brüssel, 24. Novbr.</head>
          <p>Der demokratische Verein zu Tirlemont, meist aus Arbeitern bestehend, veranstaltete in seiner letzten Sitzung eine Subseription für die Familie des ermordeten <hi rendition="#g">Robert Blum</hi>. Der Betrag soll dem demokratischen Komité in Köln zur Weiterbeförderung übersandt werden.</p>
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          <head><bibl><author>15</author></bibl> Verviers, 22. Nov.</head>
          <p>Heute errichtete der belgisch-deutsche demokratische Klub unserer Stadt einen Galgen, hing die &#x201E;Kölnische Zeitung&#x201C; daran und verbrannte sie.</p>
        </div>
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        <head>Schweden.</head>
        <div xml:id="ar153-2_023" type="jArticle">
          <head>Stockholm, 14. Novbr.</head>
          <p>Der franz. Minister hat alle in Stockholm sich aufhaltenden Franzosen aufgefordert, sich zu melden, damit sie an der Wahl des Präsidenten der franz. Republik durch Stimmzettel Theil nehmen.</p>
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        <head>[Leserbrief]</head>
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          <head>Dringlicher Antrag des Abgeordneten Zimmermann aus Spandow.</head>
          <p>Hohe Nationalversammlung!</p>
          <p>Viele glaubwürdige Nachrichten aus Wien stimmen dahin überein, daß bei dem Kampfe Anfangs dieses Monats und Ende des vorigen und nach dem Siege des Militärs, von den Militärs Ungesetzlichkeiten begangen sind, für welche in der Geschichte noch keine Beispiele vorhanden sind.</p>
          <p>Es sind besonders folgende Thatsachen gemeldet worden:</p>
          <p>1) Der Eigenthümer des Schüttelbades so wie seine Ehefrau wurden in folgender Weise getödtet: beiden Personen wurden Hände und Füße abgehackt, der Frau die Brüste abgeschnitten, sodann wurden die verstümmelten Körper zwischen Matratzen genäht und in diesem Zustande ins Feuer geworfen und verbrannt.</p>
          <p>2) In dem Odeon, einem der großartigsten Gebäude Europa's sollen sich Flüchtlinge, Verwundete in großer Anzahl befunden haben; dieses Gebäude wurde vom Militär in Brand gesteckt. Als die Unglücklichen sich flüchten wollten, wurden sie vom Militär daran gehindert. Endlich stürzte das hohle Metalldach herunter und führte für die in dem Gebäude befindlichen Personen den grausamsten Tod herbei.</p>
          <p>3) An mehreren Orten, namentlich beim Hundsthurm, wurden Frauenzimmer mit verstümmelten Brüsten und aufgeschlitztem Bauche gefunden.</p>
          <p>4) Frauen, Mädchen, ja Kinder wurden geschändet und gemordet.</p>
          <p>5) Ein Kroate warf auf offener Straße einen Kutscher vom Bocke, setzte sich hinauf und fuhr den Wagen ins Lager.</p>
          <p>5) Anständige Civilpersonen, welche ihren Geschäften nachgingen, wurden von Soldaten auf der Straße angefallen und ihrer Habseligkeiten (Uhren, Börsen, Brieftaschen etc.) beraubt.</p>
          <p>7) Ein Kroate hatte einen hübschen Knaben von 6-8 Jahren an der Hand, auf Nachfrage ergab sich, daß das Kind geraubt war, alle Bitten, das Kind wieder herauszugeben, waren vergeblich, auch durch Geld war derselbe nicht zu bewegen, das Kind wieder herauszugeben. &#x201E;Lieber wolle er das Kind gebraten auffressen&#x201C;, wird seine Antwort angegeben.</p>
          <p>8) In ihren Tornistern und Säcken haben die Soldaten die kostbarsten Sachen, Uhren, Schmucksachen u. s. w. gehabt, und dieselben für Kleinigkeiten verkauft. Eine 1000Guldennote wurde für 7 Zwanziger, eine andere 1000Guldennote für 14 Zwanziger verkauft, so schleuderten die Soldaten mit dem Papiergeld um sich.</p>
          <p>9) Gegen 400 Häuser wurden auf das ärgste geplündert und nach der Plünderung Feuer in den Häusern angelegt.</p>
          <p>10) In dem Palais des Grafen Hardeg soll sich der angerichtete Schaden auf 40,000 Gulden C.-M. belaufen.</p>
          <p>11) Das Haus eines 83jährigen Mannes, der sich, selbst redend an dem Kampfe nicht betheiligen konnte, wurde von den plündernden Soldaten mehrere Male überfallen. Die kostbare Bibliothek und ein Mineralienkabinet dieses Greisen wurden zerstört.</p>
          <p>12) Das Haus des berühmten Anatomen Hyrtl, welcher reiche Sammlungen der seltensten Präparate u. werthvollsten Instrumente besaß, die er im Laufe von 16 Jahren mit Mühe und Fleiß zusammengebracht hatte, wurde geplündert und ausgebrannt. Um jene Schätze zu retten, waren sie in die Souterrains gebracht worden, aber auch hier drangen die plündernden Soldaten ein und zerstörten jene Sammlungen. In dieses Haus wurde ebenfalls mehrere Male plündernd eingedrungen.</p>
          <p>13) Einem Studenten, der in die Hände des Militärs gefallen war, wurde die Zunge ausgeschnitten, die Lippe abgelöst und Hände und Füße abgehackt; sodann wurde ihm eine Patrone in den Mund gesteckt, diese angezündet und so der Kopf gesprengt.</p>
          <p>14) Anderen Gefangenen hat man Nase, Ohren, Hände und Füße abgeschnitten, die Augen ausgebrannt, das Fleisch striemenweise aus dem Rücken geschnitten und so getödtet.</p>
          <p>15) Einem der Anführer der Studenten, Dr. Ludwig, schnitt man gewisse Theile des Körpers ab, steckte sie ihm in den Mund und schickte so die Leiche der Frau des Getödteten.</p>
          <p>16) Viele Häuser sind völlig abgesperrt, um die Gräuelscenen zu verbergen und die Spuren zu vernichten.</p>
          <p>Diese schrecklichen Thaten wurden aber leider nicht blos von Kroaten und andern nichtdeutschen Truppen, sondern zum tiefsten Schmerze unseres Vaterlandes muß es gesagt werden, auch von deutschen Soldaten verübt.</p>
          <p>Solche Thaten von Deutschen und Fremden gegen Deutsche in der größten deutschen Stadt verübt, legen den Vertretern der deutschen Nation die traurige aber heilige Pflicht auf, dem ganzen Zusammenhange sorgfältig nachzuforschen. Zu welcher politischen Ansicht man sich auch bekennen mag, das Urtheil über solche Handlungen kann nicht verschieden sein. Daß die Hohe Nationalversammlung bei solchen Thatsachen nicht ruhiger Zuschauer verbleiben kann, hat dieselbe dadurch anerkannt, daß dieselbe mehrfachen Maßregeln in Bezug auf die östreichischen Verhältnisse ihre Billigung ertheilt hat. Zu beklagen ist nur, daß diese Maßregeln, namentlich die Absendung der Reichskommissäre Welcker und Mosle, so unzureichend und erfolglos blieben. Noch weit mehr aber ist es zu beklagen, daß die Absendung eines neuen Reichskommissärs zwar vor längerer Zeit verheißen aber nicht ausgeführt war. Diese Thatsachen dürften einiges Licht in die Maßregeln werfen, welche von den Reichskommissären Welcker und Mosle getroffen worden, um, laut ihrer Proklamation, die frühere Gemüthlichkeit Wiens zurückzuführen.</p>
          <p>Oder lautete ihre Instruktion dahin, statt die deutschen Interessen in Wien bis zur letzten Instanz und mit aller Energie zu wahren und zu schützen, an kaiserlicher Tafel zu speisen und nach Frankfurt zurückzukehren, während in Wien die schmachvollste Katastrophe des 19. Jahrhunderts vor sich ging? Sind endlich diese unglücklichen Ereignisse und die Thatsache, daß politisch Verdächtige ohne Urtel und Recht zwangsweise unter die Soldaten gesteckt werden, eine Folge der kaiserlichen Edikte, welche die unverbrüchliche Festhaltung der konstitutionellen Freiheit verbürgen?</p>
          <p>Es ist jedes Deutschen heilige Pflicht, bei der gegenwärtigen politischen Bewegung sich nicht unthätig zu verhalten, sondern seine politischen Rechte überall und mit Kraft geltend zu machen, damit durch einiges Zusammenwirken die gesetzliche Freiheit geschützt, und die schlimmste Anarchie, die Anarchie von oben, besiegt werde. Unerklärlich bleibt es daher, daß weder Beamte noch sonst rechtschaffene Bürger bei Verübung jener Greuelthaten hinzugetreten sind, um die Urheber festzuhalten, und sie ihren Vorgesetzten mit der gehörigen Anzeige zuzuführen.</p>
          <p>Sollten aber auch die obersten Handhaber der Macht nicht im Stande gewesen sein, dem zu steuern oder gar sich einverstanden erklärt haben, sei es stillschweigend oder ausdrücklich, so wäre dies eine Anarchie von oben.</p>
          <p>Daß aber hier der eigentliche Zusammenhang erforscht werde, ist heilige Pflicht der Volksvertreter.</p>
          <p>Ich stelle deshalb bei der Hohen Nationalversammlung den Antrag:</p>
          <p>eine besondere Kommission zu ernennen:</p>
          <p>1) an Ort und Stelle den Thatbestand der in Folge der Wiener Ereignisse gemeldeten Greuelthaten auf das Genaueste zu erheben und</p>
          <p>2) darüber zu berichten hat, in wie weit das Gesetz gehandhabt ist, um die Urheber solcher Handlungen zur Strafe zu ziehen.</p>
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          <head>Berlin, 22. November.<lb/><hi rendition="#b">Bericht</hi><lb/>
der gemeinderäthlichen Deputationen von Köln,<lb/>
Koblenz und Trier.</head>
          <p>In Folge der neuesten Ereignisse waren die von den Gemeinderäthen der vorgenannten Städte gewählten Deputationen am 20. d. M. in Berlin zu sammengetroffen. Dieselben vereinigten sich vermöge der ihnen ertheilten Mandate zu dem Zwecke, Sr. Majestät dem Könige in einer Audienz die Stimmung der durch sie vertretenen Städte der Rheinprovinz persönlich darzulegen und dahin zu wirken, daß das gegenwärtige Ministerium Brandenburg entlassen werde, daß die von demselben getroffenen Maßregeln durch ein neues volksthümliches Ministerium zurückgenommen würden und daß fortan die Staatsregierung in Uebereinstimmung mit der National-Versammlung handeln möge, ferner der National-Versammlung die Gesinnungen zu wiederholen, welche in den ihr bereits eingesandten Adressen der einzelnen Städte ausgedrückt worden, sodann den Wunsch und die Nothwendigkeit einer Einigung zwischen den beiden Gewalten auszusprechen</p>
          <p>Die Deputationen begeben sich sofort Behufs Erwirkung einer Audienz zum Ministerpräsidenten Grafen v. Brandenburg. Derselbe erklärt mündlich, er könne das Gesuch nicht befürworten, weil der König nach konstitutionellem, von dem Ministerium Camphausen bereits eingeführten und seither beobachteten Gebrauche, ohne Minister, Deputationen weder Audienz noch Antwort ertheilen könne, die Minister aber nicht in Potsdam, sondern in Berlin sich befänden und wegen überhäufter Arbeiten allen sich anmeldenden Deputationen nicht beizuwohnen im Stande wären. Se. Majestät nehme deshalb jetzt keine Deputationen an, deren viele, insbesondere seit den letzten Zeitereignissen auch aus andern bedeutenden Städten sich angemeldet hätten, indem der Einen das nicht gewährt werden könne, was der andern abgeschlagen worden, auch habe Se. Majestät der König die Zeit nicht, auch wenn er es wollte, alle sich meldenden Deputationen zu empfangen. Der Ministerpräsident erklärte dabei, daß die Deputationen doch wahrscheinlich Adressen zu überreichen hätten und daß er, wie es seine Pflicht sei, dieselben in Empfang nehmen und an Se. Majestät befördern werde. Auf die Antwort, daß jenes nur bei der Kölner Deputation der Fall sei, und nachdem die Frage über den Zweck der erbetenen Audienz ausdrücklich wie im Eingange erwähnt ist, beantwortet, auch dabei erwähnt worden, daß die Ruhe der Provinz von der Gewährung der Anträge abhängig sei, erwiederte der Ministerpräsident, auf die Sache selbst eingehend, es seien allerdings Adressen von vielen Städten eingelaufen, welche sich für die National-Versammlung ausgesprochen. Allein in den letzten Tagen habe sich die Sache geändert und von vielen Seiten wären Seitens der Bürger und Behörden Adressen angelangt, welche den Maßregeln der Regierung deipflichteten; sogar von solchen Städten sei dies geschehen, aus denen früher Adressen im entgegengesetzten Sinne eingelaufen, insbesondere eine Adresse von Stettin, und ständen auf diesen selbst Namen von Magistratsmitgliedern, die kurz vorhin zu einer Deputation gehört hätten, welche sich für die National-Versammlung ausgesprochen hätte. Er begreife übrigens nicht, wir man aus bloßen Namen Veranlassung nehmen könne, sich gegen die Minister zu erklären, da sie bis jetzt noch durch keine Maßregel gezeigt hätten, daß sie von den Verheißungen des Königs und den gewährten konstitutionellen Einrichtungen abgehen wollten. Auch wenn man eine solche Absicht bei den Ministern unterstelle, so sei es für diese eben so unmöglich, sie zu verwirklichen, als es unmöglich sei, den Rhein herauffließen zu lassen und die Sonne vom Himmel herabzuholen. Der gesetzlose anarchische Zustand in Berlin sei der Art gewesen, daß nothwendig Maßregeln hätten ergriffen werden müssen, um demselben ein Ende zu machen. Unter diesen Umständen müsse er es anheimgeben, ob die Deputationen dennoch auf die Erwirkung einer Audienz bei des Königs Maj. beharren wollten. Aus den angeführten Gründen wiederhole er, daß er dieselbe nicht befürworten könne, erkläre sich jedoch bereit, bei Sr. Maj. anzufragen.</p>
          <p>Die Deputationen erwiderten, daß sie im Interesse der Provinz auf ihre Bitte bestehen müßten.</p>
          <p>Am 21. November Vormittags folgte die Antwort des Ministers (welche bereits in Nro. 151 d. Bl. mitgetheilt worden ist).</p>
          <p>Die Deputationen beschlossen darauf, nunmehr direkt beim Könige eine Audienz nachzusuchen. Sie wendeten sich zu diesem Zwecke an demselben Tage noch in Potsdam, wo sich der König aufhielt, an den Hofmarschall Grafen v. Keller persönlich. Derselbe erwiderte, es liege außer seinen Befugnissen. Audienzen für Deputationen zu erwirken, überhaupt sich mit politischen Angelegenheiten zu befassen, dies sei Sache des Staatsministeriums, die seinige nur, einzelne Personen, welche vorgelassen zu werden wünschten, anzumelden.</p>
          <p>Da sonach den Deputationen kein anderer Weg, zum Könige zu gelangen, übrig blieb, so vereinigten sich dieselben dahin, daß der Versuch gemacht werden solle, in dieser Art für Ein Mitglied einer jeden Deputation Zutritt zu erhalten und baten den Hofmarschall, diesen für den Domkapitular Dr. Broix von Köln und für die beiden Oberbürgermeister Vachem von Koblenz und Wulfsheim von Trier zu erwirken. Der Hofmarschall versprach möglichst baldige Anmeldung.</p>
          <p>So war demnach den Deputationen als solchen jede Aussicht auf eine Audienz abgeschnitten. Sie kamen daher überein, zur vollständigen Erfüllung ihres Mandats, gemeinsam nachstehende Adresse an den König zu richten:</p>
          <p> <hi rendition="#g">Majestät!</hi> </p>
          <p>Die Gemeinderäthe der Städte Köln, Coblenz u. Trier haben jede für sich als dringend nothwendig es betrachtet, durch Deputationen Ew. Kgl. Majestät die gegenwärtige Stimmung der durch sie vertretenen Städte persönlich ehrerbietigst vorzutragen. Die dem Präsidenten des Staatsministeriums vorgelegte Bitte um Befürwortung einer Audienz bei Sr. Majestät
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[0809/0003] zu diesem Preise nicht liefern. Die Regierung hätte sich darum kümmern sollen. Unsere heimischen Salionen wollen das Salz zum Kostenpreise liefern. Dieser Kostenpreis kann aber nicht erzielt werden, wenn der Eingangszoll nicht mindestens 1 Fr. 50 Ct. erhöht wird. Dahin geht mein Antrag. La Vavasseur schlägt mit seiner schwachen Stimme ein gewaltiges Zeter gegen die Erhöhung des Salzzolles. Die Schiffe lägen bereit. Dieser wichtige Industriezweig ginge unter. Europa würde keinen wohlfeilen Stockfisch und Häringe mehr essen können, und wie die Jammerphrasen alle heißen. Der Redner hat sich eine kleine Million erschachert und ist ein Hauptrheder des Havre. Talon unterstutzt die Zollerhöhung. Tourret, Handelsminister, erklärt im Laufe der Diskussion, daß er noch heute dem Präsidio einen Gesetzentwurf überreiche, welcher die Salzsteuer vom 1. April 1850 ab um 2/3 erniedrigt. Während der ziemlich langweiligen Debatte geht das Gerücht, Cavaignac wolle sich vom Regierungsruder zurückziehen, und habe nur den Lamartine zurückgerufen, um die Nationalversammlung zu vermögen, ihm das Minister-Präsidium bis zum 15. k. Mts. zu übertragen. Natürlich glaubt Niemand an dieses Geschwätz im Nebensaale. Nach Erledigung des Salzgesetzes nimmt die Versammlung das Budget von 1848 wieder auf. Doch kaum sind einige Punkte (z. B. Arzneischulen, Pferdezucht u. s. w.) beseitigt, welche einer Nachprüfung des Finanzausschusses unterworfen worden waren, so unterbricht ein Zwischenfall die Debatte. Jules Favre: (Hört, Hört!) Ich wünsche die Minister des Innern, des Krieges und den Konseilpräsidenten zur Rede zu stellen, wegen gewisser Broschüren, Zeitungsartikel und sonstiger Propagandaschriften, die aus den ministeriellen Bureaux in die Zeitungspresse aller Gegenden der Republik wandern und im gegenwärtigen Augenblick von hoher Wichtigkeit sind. Ich bitte, mir einen Tag hierzu zu bewilligen. Freslon, Unterrichtsminister: Wenn der Redner einen Augenblick früher seinen Wunsch ausgedrückt hätte, so wurden die betreffenden Minister gewiß sofort geantwortet haben. Jetzt sind sie weggegangen. Stimmen: Auf morgen! Minister: Die Regierung ist bereit. Astoing: Das Land ist dieser ewigen Interpellationen müde. Sie halten dasselbe in Aufregung, die den Geschäften schadet. Möge man sie so rasch als möglich erledigen. Taschereau schlägt den Montag vor. Wird verworfen. Die Versammlung beschließt, daß Favre (der von seiner Geisteskrankheit genesen scheint) morgen sein Gewehrfeuer gegen das Kabinet richten darf. Hierauf wird das Budget fortgesetzt, das sich bis 6 Uhr, hinschleppt, wo die Versammlung aufgehoben wird. — Nationalversammlung. Sitzung vom 24. Nov. Anfang 1 1/2 Uhr. Präsident Marrast. Die Bänke sind ziemlich besetzt, die Gallerien voll. Auf der Tagesordnung stehen zunächst die Favre'schen Interpellationen wegen der ministeriellen Wahlmanöver. Jules Favre erhält das Wort. Favre ist ein Advokat aus Lyon, scheint noch ziemlich jung und gilt als Republicain de la veille mit starkem Marrastischem Beigeschmack; er trägt stets Glacehandschuhe. Favre beginnt. Bürger! Seit einiger Zeit sieht sich die öffentliche Meinung durch literarische Erscheinungen aufgeregt, welche allem Anschein nach aus den ministeriellen Offizinen kommen und offenbar im gegenwärtigen Augenblick als sträfliches Wahlmanöver betrachtet werden müssen (Oh, Oh!). Das Land wartete vergebens, daß der Moniteur diese Anklagen berichtige oder widerlege. Es ist nicht geschehen, und das Land ist beunruhigt. Es hält ein solches Verfahren mit Recht dem Geist der Verfassung widersprechend, die wir votirt haben. In der Republik muß dem Ehrgeiz ein Ziel gesetzt werden. Am allerwenigsten dürfe der Conseilpräsident selbst daran Theil nehmen. Er darf den Kandidaten zur Präsidentschaft nicht kennen. (Sehr gut! vom Berge.) Das Mißtrauen der Demokraten darf ihn daher nicht wundern. Sind die folgenden Thatsachen gegründet, so hätte er nicht nur seine eigene Würde, sondern auch die unsrige beschmutzt. (Lärmen.) Diese Thatsachen müssen hier auf dieser Bühne erhellt werden. Ich stelle daher den Minister des Innern zunächst hiermit zur Rede, um zu hören, ob nachstehende Publikation und Schriften mit seinem Wissen und Willen aus offizieller Quelle geflossen? Hier zieht der Redner einen Papierstoß hervor und beginnt unter mancherlei Unterbrechungen die Vorlesung von Einladungsbriefen der Präfekten, welche die Maires der Städte und Dörfer in den Präfektursaal beorderten, um sich über die Cavaignac'sche Wahl zu verständigen. Stimme unterbrechend: Also Sie wollen nicht, daß man das Land aufkläre?! Favre. Allerdings, nur nicht im Präfektursaale, wenn es sich um so wichtige Wahlen handelt. (Ah, Ah, Lärm.) Jetzt nimmt der Redner einen andern Brief aus Calais vor, in welchem der dortige Maire einem Kollegen erzählt, daß er auf die Präfektur gerufen worden sei, wo man ihm gesagt habe: „Nehmt Euch in Acht, Paris zählt 300,000 Franken, die Euch den Bürgerkrieg in alle Ecken tragen werden, wenn Ihr nicht für Cavaignac votirt etc. (Oh, Oh. Allons donc! Tumult.) Eine Stimme ruft: Sie spaßen! Favre: Nein ich scherze nicht. Meine Interpellationen sind sehr wohl gemeint. Sie haben zum Zweck, eine Untersuchung einzuleiten.. (Oh, Oh! Gegen wen denn? Gegen den Conseilpräsidenten?) Der Redner zieht neue Papiere hervor, dießmal vom Garonnepräfekten, der die schönsten Vizinalwege verspricht, wenn man für Cavaignac stimme; auch Wohlthätigkeitsbüreaus sollen angelegt werden. (Oh, Oh.) An einem Ort hält der Präfekt inmitten des versammelten Gemeinderaths eine versprechungsvolle Rede zu Gunsten Cavaignacs. (Unterbrechung.) In der Nähe von Paris regnet es Biographien. (Nein!) Jawohl in Noissy le sec z. B. Ich fragte Hrn. Dufaure selbst, ob er nichts von all diesem Treiben wisse, worauf er mir sagte, daß diese Schriften seinem Ministerium gänzlich fremd seien. Ich glaubte dieß wirklich, bis ich gestern früh den Briefwechsel Odiers und Dufaures im „Credit“ las, woraus ich das klare Gegentheil ersehe…… Stimme: Sie am allerwenigsten durften sich darüber wundern. Favre: Ich höre rufen, ich am allerwenigsten sollte dieses Verfahren verdammen. Man will auf meine Thätigkeit im Ministerium des Innern, wo ich Divisionschef unter Ledru Rollin war, anspielen. Wohlan, damals war ich Untergeordneter, ich bin nicht Verfasser der Bülletns und habe seitdem Hrn. Ledru Rollin offen bekämpft, ohne sein Feind zu sein‥‥ Stimme: Sie haben ihn mit Haß und Groll bekämpft! Favre liest statt aller Antwort neue Präfekturalschreiben und Circulare vor und trägt wiederholt auf Untersuchung gegen Cavaignae unter allgemeinen Tumult an. Bac eilt mit der Broschüre, „die Prätendenten vor dem Volke“ auf die Bühne und frägt, ob sie nicht auch aus der Amtsanlage hervorgegangen? (Tumult.) Dufaure, Minister des Innern, besteigt die Bühne und hält eine lange Rede. Er beginnt mit einer Schilderung der Wildheit der Pariser Clubs, in denen täglich die anarchischen Vorträge wie Blitze gegen das Kabinet fielen und setzt die Nothwendigkeit der getroffenen Maaßregeln auseinander. Favre will erwidern, wird aber heruntergetrommelt. Lamoriciere ergänzt einige Worte rücksichtlich der Biographien, worauf die Versammlung zur Tagesordnung schreitet. Eine lange Aufregung folgt den Favreschen Interpellationen. Die Enttäuschung scheint allgemein. Während alle Welt glaubte, daß sie den General fast zu Boden werfen würden, geht die Versammlung zur Tagesordnung über. Die Sitzung bleibt auf eine Viertelstunde aufgehoben. Es bilden sich Gruppen, aus deren Mitte wir den Ruf hören: Das ist falsch! Das ist erfunden! Alles erlogen! Favre ist ein Intriguant! Wie er gelb ist! Er ist ganz schwarz im Gesichte! (Wir führen diese Exklamationen an, um den Grad der Leidenschaftlichkeit der Versammlung zu bezeichnen.) Nachdem sich diese Aufregung gelegt, wird die Büdgetsdiskussion wieder aufgenommen. Sie ist bis zum Ministerium der Staatsbauten vorgedrungen. Das Eisenbahnkapitel ruft eine Debatte zwischen Mortimer, Ternaux, Bac, Charamauls, Bineau und Vivien hervor, die jedoch für Deutschland von wenig Interesse. Beim Kapitel 17 wird die Diskussion abgebrochen. Marrast liest die Tagesordnung für morgen vor und sagt mit Nachdruck: Die morgige Sitzung beginnt um 1 Uhr mit den Explikationen über die Juni-Ereignisse (Ja! Ja!). Die Versammlung geht um 6 Uhr auseinander. Schweiz. ** Bern, 22. Nov. _ Belgien. X Brüssel, 24. Novbr. Der demokratische Verein zu Tirlemont, meist aus Arbeitern bestehend, veranstaltete in seiner letzten Sitzung eine Subseription für die Familie des ermordeten Robert Blum. Der Betrag soll dem demokratischen Komité in Köln zur Weiterbeförderung übersandt werden. 15 Verviers, 22. Nov. Heute errichtete der belgisch-deutsche demokratische Klub unserer Stadt einen Galgen, hing die „Kölnische Zeitung“ daran und verbrannte sie. Schweden. Stockholm, 14. Novbr. Der franz. Minister hat alle in Stockholm sich aufhaltenden Franzosen aufgefordert, sich zu melden, damit sie an der Wahl des Präsidenten der franz. Republik durch Stimmzettel Theil nehmen. [Leserbrief] Dringlicher Antrag des Abgeordneten Zimmermann aus Spandow. Hohe Nationalversammlung! Viele glaubwürdige Nachrichten aus Wien stimmen dahin überein, daß bei dem Kampfe Anfangs dieses Monats und Ende des vorigen und nach dem Siege des Militärs, von den Militärs Ungesetzlichkeiten begangen sind, für welche in der Geschichte noch keine Beispiele vorhanden sind. Es sind besonders folgende Thatsachen gemeldet worden: 1) Der Eigenthümer des Schüttelbades so wie seine Ehefrau wurden in folgender Weise getödtet: beiden Personen wurden Hände und Füße abgehackt, der Frau die Brüste abgeschnitten, sodann wurden die verstümmelten Körper zwischen Matratzen genäht und in diesem Zustande ins Feuer geworfen und verbrannt. 2) In dem Odeon, einem der großartigsten Gebäude Europa's sollen sich Flüchtlinge, Verwundete in großer Anzahl befunden haben; dieses Gebäude wurde vom Militär in Brand gesteckt. Als die Unglücklichen sich flüchten wollten, wurden sie vom Militär daran gehindert. Endlich stürzte das hohle Metalldach herunter und führte für die in dem Gebäude befindlichen Personen den grausamsten Tod herbei. 3) An mehreren Orten, namentlich beim Hundsthurm, wurden Frauenzimmer mit verstümmelten Brüsten und aufgeschlitztem Bauche gefunden. 4) Frauen, Mädchen, ja Kinder wurden geschändet und gemordet. 5) Ein Kroate warf auf offener Straße einen Kutscher vom Bocke, setzte sich hinauf und fuhr den Wagen ins Lager. 5) Anständige Civilpersonen, welche ihren Geschäften nachgingen, wurden von Soldaten auf der Straße angefallen und ihrer Habseligkeiten (Uhren, Börsen, Brieftaschen etc.) beraubt. 7) Ein Kroate hatte einen hübschen Knaben von 6-8 Jahren an der Hand, auf Nachfrage ergab sich, daß das Kind geraubt war, alle Bitten, das Kind wieder herauszugeben, waren vergeblich, auch durch Geld war derselbe nicht zu bewegen, das Kind wieder herauszugeben. „Lieber wolle er das Kind gebraten auffressen“, wird seine Antwort angegeben. 8) In ihren Tornistern und Säcken haben die Soldaten die kostbarsten Sachen, Uhren, Schmucksachen u. s. w. gehabt, und dieselben für Kleinigkeiten verkauft. Eine 1000Guldennote wurde für 7 Zwanziger, eine andere 1000Guldennote für 14 Zwanziger verkauft, so schleuderten die Soldaten mit dem Papiergeld um sich. 9) Gegen 400 Häuser wurden auf das ärgste geplündert und nach der Plünderung Feuer in den Häusern angelegt. 10) In dem Palais des Grafen Hardeg soll sich der angerichtete Schaden auf 40,000 Gulden C.-M. belaufen. 11) Das Haus eines 83jährigen Mannes, der sich, selbst redend an dem Kampfe nicht betheiligen konnte, wurde von den plündernden Soldaten mehrere Male überfallen. Die kostbare Bibliothek und ein Mineralienkabinet dieses Greisen wurden zerstört. 12) Das Haus des berühmten Anatomen Hyrtl, welcher reiche Sammlungen der seltensten Präparate u. werthvollsten Instrumente besaß, die er im Laufe von 16 Jahren mit Mühe und Fleiß zusammengebracht hatte, wurde geplündert und ausgebrannt. Um jene Schätze zu retten, waren sie in die Souterrains gebracht worden, aber auch hier drangen die plündernden Soldaten ein und zerstörten jene Sammlungen. In dieses Haus wurde ebenfalls mehrere Male plündernd eingedrungen. 13) Einem Studenten, der in die Hände des Militärs gefallen war, wurde die Zunge ausgeschnitten, die Lippe abgelöst und Hände und Füße abgehackt; sodann wurde ihm eine Patrone in den Mund gesteckt, diese angezündet und so der Kopf gesprengt. 14) Anderen Gefangenen hat man Nase, Ohren, Hände und Füße abgeschnitten, die Augen ausgebrannt, das Fleisch striemenweise aus dem Rücken geschnitten und so getödtet. 15) Einem der Anführer der Studenten, Dr. Ludwig, schnitt man gewisse Theile des Körpers ab, steckte sie ihm in den Mund und schickte so die Leiche der Frau des Getödteten. 16) Viele Häuser sind völlig abgesperrt, um die Gräuelscenen zu verbergen und die Spuren zu vernichten. Diese schrecklichen Thaten wurden aber leider nicht blos von Kroaten und andern nichtdeutschen Truppen, sondern zum tiefsten Schmerze unseres Vaterlandes muß es gesagt werden, auch von deutschen Soldaten verübt. Solche Thaten von Deutschen und Fremden gegen Deutsche in der größten deutschen Stadt verübt, legen den Vertretern der deutschen Nation die traurige aber heilige Pflicht auf, dem ganzen Zusammenhange sorgfältig nachzuforschen. Zu welcher politischen Ansicht man sich auch bekennen mag, das Urtheil über solche Handlungen kann nicht verschieden sein. Daß die Hohe Nationalversammlung bei solchen Thatsachen nicht ruhiger Zuschauer verbleiben kann, hat dieselbe dadurch anerkannt, daß dieselbe mehrfachen Maßregeln in Bezug auf die östreichischen Verhältnisse ihre Billigung ertheilt hat. Zu beklagen ist nur, daß diese Maßregeln, namentlich die Absendung der Reichskommissäre Welcker und Mosle, so unzureichend und erfolglos blieben. Noch weit mehr aber ist es zu beklagen, daß die Absendung eines neuen Reichskommissärs zwar vor längerer Zeit verheißen aber nicht ausgeführt war. Diese Thatsachen dürften einiges Licht in die Maßregeln werfen, welche von den Reichskommissären Welcker und Mosle getroffen worden, um, laut ihrer Proklamation, die frühere Gemüthlichkeit Wiens zurückzuführen. Oder lautete ihre Instruktion dahin, statt die deutschen Interessen in Wien bis zur letzten Instanz und mit aller Energie zu wahren und zu schützen, an kaiserlicher Tafel zu speisen und nach Frankfurt zurückzukehren, während in Wien die schmachvollste Katastrophe des 19. Jahrhunderts vor sich ging? Sind endlich diese unglücklichen Ereignisse und die Thatsache, daß politisch Verdächtige ohne Urtel und Recht zwangsweise unter die Soldaten gesteckt werden, eine Folge der kaiserlichen Edikte, welche die unverbrüchliche Festhaltung der konstitutionellen Freiheit verbürgen? Es ist jedes Deutschen heilige Pflicht, bei der gegenwärtigen politischen Bewegung sich nicht unthätig zu verhalten, sondern seine politischen Rechte überall und mit Kraft geltend zu machen, damit durch einiges Zusammenwirken die gesetzliche Freiheit geschützt, und die schlimmste Anarchie, die Anarchie von oben, besiegt werde. Unerklärlich bleibt es daher, daß weder Beamte noch sonst rechtschaffene Bürger bei Verübung jener Greuelthaten hinzugetreten sind, um die Urheber festzuhalten, und sie ihren Vorgesetzten mit der gehörigen Anzeige zuzuführen. Sollten aber auch die obersten Handhaber der Macht nicht im Stande gewesen sein, dem zu steuern oder gar sich einverstanden erklärt haben, sei es stillschweigend oder ausdrücklich, so wäre dies eine Anarchie von oben. Daß aber hier der eigentliche Zusammenhang erforscht werde, ist heilige Pflicht der Volksvertreter. Ich stelle deshalb bei der Hohen Nationalversammlung den Antrag: eine besondere Kommission zu ernennen: 1) an Ort und Stelle den Thatbestand der in Folge der Wiener Ereignisse gemeldeten Greuelthaten auf das Genaueste zu erheben und 2) darüber zu berichten hat, in wie weit das Gesetz gehandhabt ist, um die Urheber solcher Handlungen zur Strafe zu ziehen. [Leserbrief] Berlin, 22. November. Bericht der gemeinderäthlichen Deputationen von Köln, Koblenz und Trier.In Folge der neuesten Ereignisse waren die von den Gemeinderäthen der vorgenannten Städte gewählten Deputationen am 20. d. M. in Berlin zu sammengetroffen. Dieselben vereinigten sich vermöge der ihnen ertheilten Mandate zu dem Zwecke, Sr. Majestät dem Könige in einer Audienz die Stimmung der durch sie vertretenen Städte der Rheinprovinz persönlich darzulegen und dahin zu wirken, daß das gegenwärtige Ministerium Brandenburg entlassen werde, daß die von demselben getroffenen Maßregeln durch ein neues volksthümliches Ministerium zurückgenommen würden und daß fortan die Staatsregierung in Uebereinstimmung mit der National-Versammlung handeln möge, ferner der National-Versammlung die Gesinnungen zu wiederholen, welche in den ihr bereits eingesandten Adressen der einzelnen Städte ausgedrückt worden, sodann den Wunsch und die Nothwendigkeit einer Einigung zwischen den beiden Gewalten auszusprechen Die Deputationen begeben sich sofort Behufs Erwirkung einer Audienz zum Ministerpräsidenten Grafen v. Brandenburg. Derselbe erklärt mündlich, er könne das Gesuch nicht befürworten, weil der König nach konstitutionellem, von dem Ministerium Camphausen bereits eingeführten und seither beobachteten Gebrauche, ohne Minister, Deputationen weder Audienz noch Antwort ertheilen könne, die Minister aber nicht in Potsdam, sondern in Berlin sich befänden und wegen überhäufter Arbeiten allen sich anmeldenden Deputationen nicht beizuwohnen im Stande wären. Se. Majestät nehme deshalb jetzt keine Deputationen an, deren viele, insbesondere seit den letzten Zeitereignissen auch aus andern bedeutenden Städten sich angemeldet hätten, indem der Einen das nicht gewährt werden könne, was der andern abgeschlagen worden, auch habe Se. Majestät der König die Zeit nicht, auch wenn er es wollte, alle sich meldenden Deputationen zu empfangen. Der Ministerpräsident erklärte dabei, daß die Deputationen doch wahrscheinlich Adressen zu überreichen hätten und daß er, wie es seine Pflicht sei, dieselben in Empfang nehmen und an Se. Majestät befördern werde. Auf die Antwort, daß jenes nur bei der Kölner Deputation der Fall sei, und nachdem die Frage über den Zweck der erbetenen Audienz ausdrücklich wie im Eingange erwähnt ist, beantwortet, auch dabei erwähnt worden, daß die Ruhe der Provinz von der Gewährung der Anträge abhängig sei, erwiederte der Ministerpräsident, auf die Sache selbst eingehend, es seien allerdings Adressen von vielen Städten eingelaufen, welche sich für die National-Versammlung ausgesprochen. Allein in den letzten Tagen habe sich die Sache geändert und von vielen Seiten wären Seitens der Bürger und Behörden Adressen angelangt, welche den Maßregeln der Regierung deipflichteten; sogar von solchen Städten sei dies geschehen, aus denen früher Adressen im entgegengesetzten Sinne eingelaufen, insbesondere eine Adresse von Stettin, und ständen auf diesen selbst Namen von Magistratsmitgliedern, die kurz vorhin zu einer Deputation gehört hätten, welche sich für die National-Versammlung ausgesprochen hätte. Er begreife übrigens nicht, wir man aus bloßen Namen Veranlassung nehmen könne, sich gegen die Minister zu erklären, da sie bis jetzt noch durch keine Maßregel gezeigt hätten, daß sie von den Verheißungen des Königs und den gewährten konstitutionellen Einrichtungen abgehen wollten. Auch wenn man eine solche Absicht bei den Ministern unterstelle, so sei es für diese eben so unmöglich, sie zu verwirklichen, als es unmöglich sei, den Rhein herauffließen zu lassen und die Sonne vom Himmel herabzuholen. Der gesetzlose anarchische Zustand in Berlin sei der Art gewesen, daß nothwendig Maßregeln hätten ergriffen werden müssen, um demselben ein Ende zu machen. Unter diesen Umständen müsse er es anheimgeben, ob die Deputationen dennoch auf die Erwirkung einer Audienz bei des Königs Maj. beharren wollten. Aus den angeführten Gründen wiederhole er, daß er dieselbe nicht befürworten könne, erkläre sich jedoch bereit, bei Sr. Maj. anzufragen. Die Deputationen erwiderten, daß sie im Interesse der Provinz auf ihre Bitte bestehen müßten. Am 21. November Vormittags folgte die Antwort des Ministers (welche bereits in Nro. 151 d. Bl. mitgetheilt worden ist). Die Deputationen beschlossen darauf, nunmehr direkt beim Könige eine Audienz nachzusuchen. Sie wendeten sich zu diesem Zwecke an demselben Tage noch in Potsdam, wo sich der König aufhielt, an den Hofmarschall Grafen v. Keller persönlich. Derselbe erwiderte, es liege außer seinen Befugnissen. Audienzen für Deputationen zu erwirken, überhaupt sich mit politischen Angelegenheiten zu befassen, dies sei Sache des Staatsministeriums, die seinige nur, einzelne Personen, welche vorgelassen zu werden wünschten, anzumelden. Da sonach den Deputationen kein anderer Weg, zum Könige zu gelangen, übrig blieb, so vereinigten sich dieselben dahin, daß der Versuch gemacht werden solle, in dieser Art für Ein Mitglied einer jeden Deputation Zutritt zu erhalten und baten den Hofmarschall, diesen für den Domkapitular Dr. Broix von Köln und für die beiden Oberbürgermeister Vachem von Koblenz und Wulfsheim von Trier zu erwirken. Der Hofmarschall versprach möglichst baldige Anmeldung. So war demnach den Deputationen als solchen jede Aussicht auf eine Audienz abgeschnitten. Sie kamen daher überein, zur vollständigen Erfüllung ihres Mandats, gemeinsam nachstehende Adresse an den König zu richten: Majestät! Die Gemeinderäthe der Städte Köln, Coblenz u. Trier haben jede für sich als dringend nothwendig es betrachtet, durch Deputationen Ew. Kgl. Majestät die gegenwärtige Stimmung der durch sie vertretenen Städte persönlich ehrerbietigst vorzutragen. Die dem Präsidenten des Staatsministeriums vorgelegte Bitte um Befürwortung einer Audienz bei Sr. Majestät

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Die angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe: Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie. Bd. 1 (Nummer 1 bis Nummer 183) Köln, 1. Juni 1848 bis 31. Dezember 1848. Glashütten im Taunus, Verlag Detlev Auvermann KG 1973.




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Zitationshilfe: Neue Rheinische Zeitung. Nr. 153. Köln, 26. November 1848. Zweite Ausgabe, S. 0809. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_nrhz153ii_1848/3>, abgerufen am 19.03.2019.