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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 193. Köln, 12. Januar 1849.

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entdeckt. Henaumont schmunzelte stillverschämt, als Bonaparte Westhoff sich melancholisch zu ihm herüberbeugte und bewundernd stotterte: "Henaumont, habt Ihr das selbst gemacht?" Henaumont deutete auf seine Stirn und drehte sich dreimal auf dem Absatze herum.

Leider rissen die Erfolge Peter Görings und Henaumonts ein junges Genie, Haustrunk, oder wie der hoffnungsvolle Jüngling sonst heißt, über die gesetzlichen Schranken der Konkurrenz hinweg. Dieser Haustrunk betrachtet sich seit geraumer Zeit als eventuellen konservativen Deputirten und Unterstaatssekretär in spe.

Es galt seine Rivalen zu überbieten und der Unterstaatssekretär in spe schrieb eigenhändig auf die verhängnißvolle Liste:

"Punctum
"Streu Sand drum."
(unterz.) Bloem II.

Dr. Bloem II., höchst erstaunt über dies qui pro quo, fand bald die Spur des "Verbrechers", des Verbrechers nicht aus verlorner, sondern erst zu gewinnender Ehre. Oeffentlich stellte er den Unterstaatssekretair in spe zur Rede und Trunkhaus legte heulend und weinend vor der in pleno versammelten Gesellschaft "Verein" die feierliche Erklärung ab, wie er zu seiner Schande gestehen müsse, voreilig gewesen zu sein, indem er sich einer falschen Unterschrift bedient habe.

Tröste Dich Trunkhaus! Weine, weine, weine nur nicht! Auch der Gerechte strauchelt siebenmal an einem Tage. Wie nicht ein Unterstaatssekretär und ventrus in spe?

12 Essen, 8. Jan.

Der Wahltag für die erste Kammer, ein Tag, dessen Resultate einen unendlichen Einfluß auf die Revision der, von der gottbegnadeten Regierung in die Welt geschickten Verfassung ausüben wird, ist nahe. Die Listen der Urwähler für diese Kammer sind angefertigt, und 63 von dem Magistrate darin eingeschrieben. Sage 63, bei einer Bevölkerung von nahe an 10,000 Einwohnern; bei einer Bevölkerung, welche verhältnißmäßig sehr begütert ist, welche ein unmerkliches Proletariat in sich faßt, ja, ein solches eigentlich gar nicht kennt. Wie das möglich ist, wird leicht begreiflich werden, wenn man die Sache etwas beim Lichte besieht. Daß die Demokratie hier stark wächst und daß sie bis jetzt noch bei allen Parteikämpfen glänzend siegte, wird vorausgeschickt und ergibt nach Vorstehendem, daß dieselbe auch viele Begüterte unter sich zählen muß. Wer ist nun in die Wählerliste aufgenommen? Die Antwort ist bitter aber wahr! Es ist die Büreaukratie mit den dicksten Geldsäcken gepaart! Es sind die Herren reagentes! Und findet man wirklich einige (?) freisinnige Männer, die müssen wie vom Himmel dazwischen geschneit sein. Man hat sie gewiß nur mit einem Seufzer eingeschrieben, weil man nicht anders konnte. Hunderte, welche theils über 500 Thlr. jährliche Einnahme, theils im Grundvermögen noch weit über 5000 Thlr. haben, wurden entweder durch viele Abweisungen Anderer abgeschreckt sich zu melden, oder mit einer wichtigen Bureaukratenmiene von dem Magistrate an den Landrath verwiesen. Sie mußten -- o Traurigkeit! -- passiven Widerstand leisten! Der Landrath fordert Beweise und so sind die Leute gezwungen, ihr Vermögen auf eigene Kosten abschätzen zu lassen, und dennoch wissen sie nicht ob ein solcher Beweis beachtet wird, denn wenn die Behörde in die Aufnahme willigen wollte, so konnte sie die Erfordernisse dazu leicht in der Grundsteuer-Mutterrolle und im Kataster,- die sie in Händen hat, finden. Freilich, zu den Herren reagentes geht der Bürgermeister besorglich ins Haus und ertheilt kurz selbst ein Attest. Warum geht er nicht auch zu Anderen? Warum werden Wähler zur ersten Kammer nicht ebenso wie die zur zweiten von Haus zu Haus aufgenommen? Warum wird, wenn eine genaue Abschätzung nöthig ist, hierzu vom Magistrate nicht eine besondere Kommission auf Kosten der Stadt niedergesetzt. Warum endlich behandelt man eine so wichtige Angelegenheit so oberflächlich, ja, man möchte sagen versteckt, da in allen Bürgermeistereibezirken noch nicht einmal eine Aufforderung zur Meldung an das Publikum ergangen ist?

Eine Antwort hierauf geben uns die Manteuffel'schen Andeutungen (s. Nr. 185 d. Bl.) und mit diesen hängt wahrscheinlich auch ein mehrtägiger Besuch des provisorischen Regierungspräsidenten v. Möller aus Düsseldorf zusammen, welcher bei vielen Mitgliedern des hiesigen Heulervereins Besuche machte. Nun, man kann es ihm nicht verdenken, wenn er hier nebenbei als Kandidat für die erste Kammer auftritt, und sich im Hintergrunde eine Ministerstelle denkt. Dieser Herr wird gewiß dem wohlweisen Magistrate die Manteuffel'schen Andeutungen recht begreiflich gemacht haben! O, es wird gewiß noch schöner! Man wird am Ende den Urwählern für die zweite Kammer noch aufgeben, ihren Taufschein mitzubringen. Michel! Michel! wie lange willst Du noch schlafen? Du wirst jetzt derbe gerüttelt!

24 Breslau, 8. Januar.

Politische Verhaftungen in Schlesien seit dem Anfange Dezember vorigen Jahres: Gürtler Orth aus Hirschberg, Dr. John aus Schmiedeberg, Baron v. Rothkirch von Panthen, vulgo Bürger Rothkirch aus Freiburg, Buchdrucker Riek ebendaselbst, ebenso noch zwei andere, deren Namen mir unbekannt aus Freiburg, ferner: Prediger Wander, Ex-Deputirter und Kaufmann Seliger aus Striegau, Thierarzt Weisker und noch zwei aus Falkenberg, Dr. Benner und Stud. Wecker aus Köben. Viele andere Verhaftungen betreffen untergeordnetere Leute, besonders die, welche an dem Freischarenzuge nach Breslau aus dem Gebirge Theil genommen. Dieser Zug zerstreute sich in Freiburg wieder, weil die Nachrichten aus Breslau ganz ungünstig lauteten. -- Viele sind auf der Flucht oder halten sich versteckt, wie Max v. Wittenburg aus Reichenbach, Schlinke aus Breslau und andere. Processe werden in Unmasse eingeleitet wegen aller möglichen Lappalien, die im November vorgekommen. Viele Beamte, besonders Magistrate und Lehrer sind mit Disciplinar-Untersuchung bedroht oder bereits dazu gezogen. Die Reaktion sucht das Landvolk möglichst zu bearbeiten und da die Jahreszeit den Verkehr erschwert und Volksversammlungen im Freien ohnehin verboten sind, so ist man über das Resultat der nächsten Wahlen unsicher, hofft jedoch das Beste.

Es erscheint hier ein Witzblatt, "Putsch." Dieses enthielt in einer Nummer einen Brief des Kaisers Nikolaus an den hiesigen Klempner Vogt, den "königlich handgedrückten" Mann, den Mann mit der "geweihten" Hand. Wegen dieses Briefes ist der Redakteur zur Criminaluntersuchung gezogen.

General Stößer, der hier kommandirt, hat bereits in den dreißiger Jahren mit dem General-Superintendenten Hahn im Vereine eine militärische Expedition gegen die Alt-Lutheraner in Hönichern bei Oels geleitet. Die Einnahme von Liegnitz ist also nicht seine einzige Heldenthat.

X Breslau, 8. Januar.

Sie kennen die Erklärung des Ministerium Brandenburg-Manteuffel über das Wort "selbstständig." In dieser sehr auf Schrauben gestellten Erklärung vom 19. Dec. steht auch, daß die Gefangenen nicht zu den selbstständigen Preußen gehören. Wer hätte geglaubt, daß diese Erklärung gebraucht werden solle zu einem neuen "Staatsstreiche." Ich kann Ihnen nämlich aus ziemlich sicherer Quelle mittheilen: das Ministerium beabsichtigt falls die Aussichten auf demokratische Wahlen günstig sind, um dann in die organisirte damokratische Partei Unordnung, Rathlosigkeit und Bestürtzung zu bringen, den 21. Januar sämmtliche auf die Wahlen einflußreiche, demokratisch gesinnte Männer einzuziehen.

Die Aussicht auf diesen neuen Staatsstreich muß durch alle Zeitungen verbreitet werden, damit die demokratische Partei nicht überrascht und das Ministerium vielleicht durch das Bekanntwerden seiner Absicht abgeschreckt werde.

24 Breslau, 8. Januar.

In Warmbrunn sang man neulich: "Es leben unsere Linken!" Ob das die guten Leute cum grano salis gemeint haben, bleibe dahin gestellt. Jedenfalls wäre aber eine ganz bedeutende Sichtung nöthig, ehe man "unsere Linken" leben und gar erst hoch leben läßt. Was für klägliche Individuen sich unter "unsern Linken" befunden haben, das wird Jeder aus folgender Erklärung des Pfarrers Schaffraneck entnehmen können, die derselbe, um die bischöfliche Suspension rückgängig zu machen, der Oeffentlichkeit übergeben hat. Sie lautet:

Errare humanum est.

Meine politische Haltung in Berlin seit dem 9. November v. J., insbesondere meine Betheiligung in der leidigen Steuersache, hielt ich niemals für unfehlbar. Selbst die gemessensten Deduktionen gewiegter Staatsmänner und Juristen in der Residenzstadt ließen mir stets ein gewisses konstitutionelles Wagniß und nicht ganz unmerkliche Sophisterei durchschimmern. Doch die Majorität gab den Ausschlag am 15. November. Seitdem hat aber auch der Erfolg gerichtet. Ueberdies hat mein vorgesetzter Bischof, im Einklange mit ihm eine große Anzahl meiner geistlichen Amtsbrüder, und, wie sie, wohl gar der größte Theil des katholischen Volkes in geheimen und öffentlichen Erklärungen mißbilligend die Stimme über jene Maßregel der Nationalvertretung erhoben. Wie damals als politischer Volksvertreter, so -- ja mehr noch jetzt von meinem reinkirchlichen Standpunkte aus und als Priester halte ich die richtende vox populi und Ecclesiae für eine vox Dei, furchte, Aergerniß gegeben zu haben, bereue jedwede der Kirche oder einzelnen Gläubigen, wie auch Ungläubigen dadurch verursachte Betrübniß und hoffe mit dieser öffentlichen Erklärung nur desto unzweifelhafter ausgesöhnt dazustehen vor aller Welt, da es in Preußen seit der Octroyirung doch eigentlich weder Reichstags-, noch Fraktions- oder Parteiversammlung überhaupt, namentlich aber in meinem kirchenamtlichen Priesterleben nur eine Linke und Rechte Dessen giebt, der kommen wird zu richten die Lebendigen und die Todten

Breslau, den 3. Januar 1849.

Jos. Schaffraneck, susp. kathol. Pfarrer von Ober-Beuthen.

Das "schlesische Kirchenblatt" Organ des mehr als Brandenburg-Manteuffelsch gesinnten Fürstbischofs, der durch einen Hirtenbrief die Wahlen im Sinne des Absolutismus zu leiten sucht, bemerkt hierzu wohlgefällig, daß damit die Suspension Schaffraneck's selbstredend zurückgenommen sei. So haben beide Theile ihren Zweck erreicht. Wahrhaftig: "Errare humanum est." Ein hübsches Motto! Jede Jämmerlichkeit, jeden Volksverrath kann man schließlich damit bemänteln!

61 Wien, 6. Jan.

Ein 10. Armeebülletin klebt seit gestern Abend in den Straßen -- Man hoffte die Besetzung Leopoldstadts, Komorns und Budapesths darin zu finden, welche schon seit mehren Tagen als bestimmt eingetreten, gleichsam offiziell im Publikum angekündigt, und namentlich durch das Bourgeoisblatt des Kuranda als Abonnements-Empfehlung zum neuen Jahr anticipando dekretirt worden war. Die eigene Existenztendenz dieses schmiersalbigen Blattes indessen schrieb ihm diese gesinnungsvolle Standrechtszuvorkommenheit vor.

Nach diesem Bülletin befindet sich das windischgrätzische Hauptquartier seit dem 4. d. in Bia, 4 Stunden von Ofen; Jellachichs Vorposten stehen am rechten Donauufer, er selbst in Lovas Beruny; Nugent und Dahlen rücken von den Grenzen Steiermarks und Kroatiens vor, aber Schlick ist in Miskolz noch nicht eingerückt; die Gefechte bei Farro und Szikszö scheinen also nicht, wie das Bülletin behauptet, so ganz zu Gunsten der Armee ausgefallen zu sein, obwohl es darin heißt: "Der Plan ge[lan]g, die in Uebermacht auf den Höhen von Szikszö aufgestellte ungarische Kavallerie ergriff sehr bald die Flucht ... die Höhen wurden erstürmt ... nur die einbrechende Nacht rettete den Feind vor der gänzlichen Niederlage."

Schon vor 14 Tagen hatte man die Besetzung von Miskolz offiziell als Thatsache kundgemacht, jetzt stell[t] sich heraus, daß es eine Lüge gewesen; für den 29. hatte Windischgrätz die Erstürmung der Festung Leopoldstadt versprochen und das Gerücht verbreiten lassen, der Kommandant von Komorn habe diese starke Festung übergeben. Lüge! das Publikum glaubt daher gar nichts mehr. Windischgrätz muß in allen besetzten Städten Besatzungen zurücklassen, was seine Armee nicht wenig schwächt. Die Armee Perczels und Sekuluhs soll von Jellachich, wie es hieß, keineswegs geschlagen worden sein und steht in Stuhlweißenburg. Wie ich höre, soll dieselbe sich dort verstärken, um dann vereint mit der Besatzung von Komorn im Rücken des Windischgrätz aufzutreten.

Simmunich hat ebenfalls noch nichts erzielt; es soll ihm sogar schlecht gehen; er hat die Erstürmung der Festung Leopoldstadt zu erwirken. Aus dem südlichen Ungarn fehlen alle Nachrichten, und man will daraus schließen, daß dort keine glänzenden Resultate erreicht werden. Dazu kommt, daß der neue Bandenführer der Serben, Suplikaz, plötzlich mit Tod abgegangen ist. Es muß mit diesem Tod, so glaubt man, eine eigene Bewandniß haben; Niemand glaubt an den plötzlichen Brustkrampf, an welchem Suplikaz, wie die Standrechtsblätter sagen, gestorben sein soll. Zu alledem kommt eine große Schaar von Flüchtlingen, welche seit einigen Tagen aus den von den kais. Truppen besetzten Städten hiehereilen, und welche großentheils aus kais. gesinnten ungarischen Beamten bestehen. Warum fliehen sie, fragt man, wenn die Armee auf allen Punkten so siegreich vorschreitet?

Die Aufwiegelung der Slowakei wird jetzt von einem neuen kais. Abentheurer betrieben, scheint indessen auch nicht nach Wunsch zu gehen. Der Korrespondent berichtet darüber:

"Göding, 1. Jan. Der seit der September-Invasion in der Slowakei rühmlich bekannte Janecek, seines kriegerischen Talentes wegen allgemein Ziska genannt, steht neuerdings mit einer Mannschaft von 1300 Bauern bei Miawa und Werbowce, und ruft die tapferen Vaterlandssöhne auf, sich ihm anzuschließen und in dem Kampfe gegen die Magyaren ehrenvollen Antheil zu nehmen. Obwohl er bis jetzt nicht vorgerückt ist, hat er doch den Magyaren durch Wegnahme einer beträchtlichen, für die Rebellen bestimmten Zahl Pferde, Wägen, Leder, Tuch u. s. f. fühlbaren Schaden zugefügt."

Man verbreitet heute folgende Nachricht: "Neuesten Nachrichten aus Ungarn zufolge hat das Bombardement von Ofen sogleich begonnen, als Fürst Windischgrätz die mit mehreren Uebergabsbedingungen an ihn aus beiden Städten abgeschickte Deputation abgewiesen, und unbedingte Uebergabe beider Städte gefordert hatte. Das Bombardement erstreckte sich jedoch nur auf Ofen und dauerte nur 4 Stunden, worauf es in Folge einer abermals erschienenen Deputation vorläufig eingestellt wurde. Das weitere Resultat über diese Deputation ist nicht bekannt, doch soviel ist gewiß, daß der größte Theil des Bürgerstandes und auch der übrigen Bevölkerung für die Uebergabe beider Städte gestimmt ist, hieran jedoch bisher durch zahlreiche Haufen von Mobilgarden und bewaffneten Proletariern gehindert wurde. Eine große Anzahl der Revolutionsleiter soll aus Pesth geflohen, Kossuth jedoch bewacht sein.

Danach soll sich auch Pulzky bereits nach Breslau geflüchtet haben, Kossuth aber soll sich vor dem Andringen der kais. Truppen nach Debreczin geflüchtet, und die heil. Stephanskrone sammt den Reichskleinodien mitgenommen haben.

Allmählig verlassen die ungarischen Insurgentenanführer das "siegreiche" Lager der Honved. Auch Oberst Kiß hat sich, sichern Nachrichten zufolge, über Krakau ins Preußische geflüchtet.

Der Zweck, weshalb solche Nachrichten verbreitet werden, ist nur zu klar und spricht sich in folgender Behauptung des Fremdenblattes sehr deutlich aus: "Das Haus Rothschild soll der östr. Regierung wegen Uebernahme eines Theiles des neuen Anlehens von 80 Mill. bereits Anträge gemacht haben."

Endlich werden Sie mit Rücksicht auf das Gesagte auch folgende Versicherung der Frau Sophie zu würdigen wissen:

"Olmütz, 4. Jan. Briefe aus Babolna melden, daß das Hauptquartier des Fürsten Windischgrätz am 31. v. M. noch daselbst war. Sie sagen: von Fanatismus im Volke haben wir bisher keine Spur gesehen, eben so wenig bei den gefangenen Soldaten. Die angebliche üble Stimmung in den besetzten Städten und Ortschaften verschwindet immer mehr bei der Nachricht unserer Siege."

121 Wien, 6. Jan.

Aus dem Proteste, welchen Stadion im Tone eines berittenen Kommandeurs im Namen des Gesammtministeriums am 4. in Kremsier wider §. 1 der Grundrechte erhob, und welchen der Reichstag, indem er auf den Antrag der Kreatur Szabel die Berathung bis zum 8. verschob, mit bebendem Stillschweigen anhörte, dürften insbesondere folgende Worte zu beachten sein: "Unter dem Banner dieser Theorie (d. h. der absoluten Volkssouveränetät), die nach dem vorliegenden Kommissionsantrage an die Spitze der Verfassung gestellt werden soll, wurden die Gesetze verletzt (Schmerlings), den Vollzugsorgane offener Widerstand entgegensetzt, unter ihrem Banner wurden die Begriffe der Menge verwirrt, die Straßen zum Schauplatze wilder Ausschweifungen gemacht, wurde das Blut des edlen Grafen Latour vergossen. Das Recht der Krone darf von dieser hohen Versammlung nicht in Frage gestellt werden; eine solche Sendung lag nicht in der Berechtigung der Wähler."

Wie es heißt, wird der Reichstag sich beeilen, den §. 1 zurückzuziehen, sonst ... ja sonst ruft Stadion die That von seinem Gedanken herbei. Ein furchtsam serviler Hund, das ist der Reichstag in Kremsier. In Wien beschloß z. B. mit Majorität, daß die Stadt Tarnow in Galizien den Reichstag mit noch einem Abgeordneten beschicke; die Stadt wählt dazu den Polen Wapusa, einen freisinnigen Mann, aber Stadion protestirt gegen dessen Eintritt, indem Tarnow nicht das Recht habe, zwei Abgeordnete zu wählen. Was thut der servile Hans Jörg? Er kassirt nach dem Antrage Stadions seinen frühern Beschluß und sendet den Wapusa wieder heim. Wäre Wapusa eine Kanaille von 1846 gewesen, Stadion würde für die Wahl gesprochen haben.

Die akademische Legion von Brünn hat sich aufgelöst, um nicht mit Gewalt aufgelöst zu werden. -- Im hiesigen Militärspitale sind Cholerafälle vorgekommen. -- Unsere Universität scheint ganz einzugehen; es darf sich kein nicht nach Wien zuständiger Student in Folge dessen hier aufhalten. "Die neuen verschärften militärischen Maßregeln, sagt das Fremdenblatt, sollen durch eine von Frankfurt an das hiesige Ministerium gelangte Mittheilung, daß hier noch immer demokratische Vereine bestünden, veranlaßt worden sein." Das diesjährige Defizit der Stadt Wien stellt sich auf 1,337,451 fl. C.-M

Der Gemeinderath verwendet die ihm für die Freiheitskämpfer aus Amerika zugekommenen Summen zur Anfertigung von 5000 Hemden und 5000 Unterhosen für das kais. Militär!! Die Amerikaner sollten ihr Geld zurückfordern lassen. Ihr Geschäftsträger sollte es von selbst thun.

Ich habe Ihnen neulich Borkowski's Rede wider die Bewilligung der 80 Mill. mitgetheilt, derselbe muthige Pole hat nunmehr auch gegen den Beschluß der Bewilligung protestirt, wofür ihn die Standrechtsblätter heute mit dem boshaftesten Geifer überschütten.

Der Hofrath Werner, ein Kroatier, die Metternich zu allen geheimen Diensten gebrauchte und der namentlich dazu verwendet wurde, das Potsdamer Kabinet zur Auflösung des 1846 nach Berlin berufenen Vereinigten Landtags zu veranlassen, ist Unterstaatssekreeär im Auswärtigen geworden. Der Ministerpräsident Schwarzenberg will den frühern "Oestr. Beobachter" wieder ins Leben rufen, und zwar durch eine aristokratische Aktiengesellschaft, die Aktie zu 1000 fl. C.-M.

Die Diebstähle mehren sich namentlich in den Vorstädten außerordentlich und Raubanfälle sind auf den Glacis nichts Seltenes. -- Wie ich nachträglich zum Gestrigen noch bemerken muß, hatte man die beiden verurtheilten Spione Pova und Padovani, absichtlich nach der Grenzfestung Theresienstadt gebracht, um die Entweichung zu erleichtern. -- In den Provinzen ist die Zwanzigernoth noch größer, als hier; die Kaufleute machen dort Papierzwanziger und Zehner, um wechseln zu können. Das wird einst eine schöne Sauce werden, wenn dazu noch die von Kossuth angefertigten ungarischen Noten kommen.

14 Wien, 6. Januar.

Die Erbärmlichkeit des Czechenthums wird immer großartiger. Die Slovanska Lipa von Prag will die alten Hussitenzeiten wieder heraufbeschwören und gleicht darin der Frankfurter Gesellschaft mit ihrem Kaiser aus dem Kyffhäuser.

In der Neujahrsnacht feierte diese Slovanska Lipa auf der Sophieninsel eine Beseda, auf welcher sich die Herren Czechen wie die Urbären benommen haben sollen. Für denjenigen, welcher, wie ich, Prag aus persönlichem Aufenthalte kennt, wird dies s. g. slavisch-demokratische Verhalten um so lächerlicher, als eben dasselbe Prag seiner Wesenheit nach deutsch ist, und von dort das Czechenthum als eine besondere Volksmacht erst neuerdings gleichsam erfunden hat. Sämmtliche Herren Czechen sprechen in der Regel besser deutsch, als czechisch, wovon man sich a l'evidence schon im Reichstag überzeugen kann. Die meisten dieser Herren sind weiter nichts, als Kreaturen a la Palaky und Rieger, die sich mit antideutschem Insektengifte auffüllen, und nichts können, als dem Absolutismus in die Hände arbeiten. -- Ein gewisser Leitenberger richtete an die Slovanska Lipa eine Adresse von wegen eines Anschlusses an den deutschen Zollverein. Leitenberger kennt kein czechisch, darum beschließt diese sich demokratisch nennende Slovanska Lipa, ihm auf czechisch, und nur auf czechisch zu antworten!

Da das Ministerium nicht den Muth besitzt, eine direkte Polemik wider Preußen zu eröffnen, so schickt es unaufhörlich Aufsätze in auswärtige Blätter, namentlich in die englischen, und bringt sie dann in seinen offiziellen Organen als auswärtige Ueberzeugungen. Sie sollen viel Geld kosten diese Ueberzeugungen, von denen "The Times" vom 20. Dez.: ein starkes Müsterchen enthalten.

121 Wien, 7. Jan.

Die Wiener Zeitung von heute bringt Ihnen ein 11tes Armeebülletin, welches gestern Abend ausgegeben wurde. Dasselbe wird für ebenso bedeutungslos gehalten, wie das vorhergehende; man sieht's ihm an der Stirn an, daß es darauf berechnet ist, an der Börse und im Auslande Wunder zu wirken. Die Magyaren sind immer an Streitkräfte überlegen (eine Lüge, da Windischgrätz 90,000 Mann hat), ziehen sich jedoch stets rasch und ohne Gefecht zurück und schicken Unterwerfungs-Deputationen. "Es wurde ihr ganz lakonisch bedeutet u. s. w." entlockte den Lesern des Bülletins überall ein unwillkürliches Lächeln. -- Wenn Windischgrätz vordringt, so dringt er nur unter furchtbaren Verlusten und nach den hartnäckigsten Kämpfen vor. Daß er aber seine Einbußen und Niederlagen verschweigt, ist natürlich. Schon Italiens und der 80 Millionen wegen muß er's thun. Obschon die Presse unter standrechtlicher Drohung angewiesen ist, jedes nachtheilige Gerücht zu verschweigen und dafür um so mehr günstige zu verbreiten, so lassen sich die vollständigen Schlappen, welche die Armee sammt den auffanatisirten Natiönchen im Süden erhalten, doch nicht verbergen. Die serbischen Horden unter Suplikaz sind am 18. Dez. bei Jankowac gänzlich vernichtet worden; es ist eine Lüge, daß Suplikaz in Pancsowa am Brustkrampf plötzlich gestorben ist; er ist vielmehr mit niedergemacht worden.

entdeckt. Henaumont schmunzelte stillverschämt, als Bonaparte Westhoff sich melancholisch zu ihm herüberbeugte und bewundernd stotterte: „Henaumont, habt Ihr das selbst gemacht?“ Henaumont deutete auf seine Stirn und drehte sich dreimal auf dem Absatze herum.

Leider rissen die Erfolge Peter Görings und Henaumonts ein junges Genie, Haustrunk, oder wie der hoffnungsvolle Jüngling sonst heißt, über die gesetzlichen Schranken der Konkurrenz hinweg. Dieser Haustrunk betrachtet sich seit geraumer Zeit als eventuellen konservativen Deputirten und Unterstaatssekretär in spe.

Es galt seine Rivalen zu überbieten und der Unterstaatssekretär in spe schrieb eigenhändig auf die verhängnißvolle Liste:

„Punctum
„Streu Sand drum.“
(unterz.) Bloem II.

Dr. Bloem II., höchst erstaunt über dies qui pro quo, fand bald die Spur des „Verbrechers“, des Verbrechers nicht aus verlorner, sondern erst zu gewinnender Ehre. Oeffentlich stellte er den Unterstaatssekretair in spe zur Rede und Trunkhaus legte heulend und weinend vor der in pleno versammelten Gesellschaft „Verein“ die feierliche Erklärung ab, wie er zu seiner Schande gestehen müsse, voreilig gewesen zu sein, indem er sich einer falschen Unterschrift bedient habe.

Tröste Dich Trunkhaus! Weine, weine, weine nur nicht! Auch der Gerechte strauchelt siebenmal an einem Tage. Wie nicht ein Unterstaatssekretär und ventrus in spe?

12 Essen, 8. Jan.

Der Wahltag für die erste Kammer, ein Tag, dessen Resultate einen unendlichen Einfluß auf die Revision der, von der gottbegnadeten Regierung in die Welt geschickten Verfassung ausüben wird, ist nahe. Die Listen der Urwähler für diese Kammer sind angefertigt, und 63 von dem Magistrate darin eingeschrieben. Sage 63, bei einer Bevölkerung von nahe an 10,000 Einwohnern; bei einer Bevölkerung, welche verhältnißmäßig sehr begütert ist, welche ein unmerkliches Proletariat in sich faßt, ja, ein solches eigentlich gar nicht kennt. Wie das möglich ist, wird leicht begreiflich werden, wenn man die Sache etwas beim Lichte besieht. Daß die Demokratie hier stark wächst und daß sie bis jetzt noch bei allen Parteikämpfen glänzend siegte, wird vorausgeschickt und ergibt nach Vorstehendem, daß dieselbe auch viele Begüterte unter sich zählen muß. Wer ist nun in die Wählerliste aufgenommen? Die Antwort ist bitter aber wahr! Es ist die Büreaukratie mit den dicksten Geldsäcken gepaart! Es sind die Herren reagentes! Und findet man wirklich einige (?) freisinnige Männer, die müssen wie vom Himmel dazwischen geschneit sein. Man hat sie gewiß nur mit einem Seufzer eingeschrieben, weil man nicht anders konnte. Hunderte, welche theils über 500 Thlr. jährliche Einnahme, theils im Grundvermögen noch weit über 5000 Thlr. haben, wurden entweder durch viele Abweisungen Anderer abgeschreckt sich zu melden, oder mit einer wichtigen Bureaukratenmiene von dem Magistrate an den Landrath verwiesen. Sie mußten — o Traurigkeit! — passiven Widerstand leisten! Der Landrath fordert Beweise und so sind die Leute gezwungen, ihr Vermögen auf eigene Kosten abschätzen zu lassen, und dennoch wissen sie nicht ob ein solcher Beweis beachtet wird, denn wenn die Behörde in die Aufnahme willigen wollte, so konnte sie die Erfordernisse dazu leicht in der Grundsteuer-Mutterrolle und im Kataster,- die sie in Händen hat, finden. Freilich, zu den Herren reagentes geht der Bürgermeister besorglich ins Haus und ertheilt kurz selbst ein Attest. Warum geht er nicht auch zu Anderen? Warum werden Wähler zur ersten Kammer nicht ebenso wie die zur zweiten von Haus zu Haus aufgenommen? Warum wird, wenn eine genaue Abschätzung nöthig ist, hierzu vom Magistrate nicht eine besondere Kommission auf Kosten der Stadt niedergesetzt. Warum endlich behandelt man eine so wichtige Angelegenheit so oberflächlich, ja, man möchte sagen versteckt, da in allen Bürgermeistereibezirken noch nicht einmal eine Aufforderung zur Meldung an das Publikum ergangen ist?

Eine Antwort hierauf geben uns die Manteuffel'schen Andeutungen (s. Nr. 185 d. Bl.) und mit diesen hängt wahrscheinlich auch ein mehrtägiger Besuch des provisorischen Regierungspräsidenten v. Möller aus Düsseldorf zusammen, welcher bei vielen Mitgliedern des hiesigen Heulervereins Besuche machte. Nun, man kann es ihm nicht verdenken, wenn er hier nebenbei als Kandidat für die erste Kammer auftritt, und sich im Hintergrunde eine Ministerstelle denkt. Dieser Herr wird gewiß dem wohlweisen Magistrate die Manteuffel'schen Andeutungen recht begreiflich gemacht haben! O, es wird gewiß noch schöner! Man wird am Ende den Urwählern für die zweite Kammer noch aufgeben, ihren Taufschein mitzubringen. Michel! Michel! wie lange willst Du noch schlafen? Du wirst jetzt derbe gerüttelt!

24 Breslau, 8. Januar.

Politische Verhaftungen in Schlesien seit dem Anfange Dezember vorigen Jahres: Gürtler Orth aus Hirschberg, Dr. John aus Schmiedeberg, Baron v. Rothkirch von Panthen, vulgo Bürger Rothkirch aus Freiburg, Buchdrucker Riek ebendaselbst, ebenso noch zwei andere, deren Namen mir unbekannt aus Freiburg, ferner: Prediger Wander, Ex-Deputirter und Kaufmann Seliger aus Striegau, Thierarzt Weisker und noch zwei aus Falkenberg, Dr. Benner und Stud. Wecker aus Köben. Viele andere Verhaftungen betreffen untergeordnetere Leute, besonders die, welche an dem Freischarenzuge nach Breslau aus dem Gebirge Theil genommen. Dieser Zug zerstreute sich in Freiburg wieder, weil die Nachrichten aus Breslau ganz ungünstig lauteten. — Viele sind auf der Flucht oder halten sich versteckt, wie Max v. Wittenburg aus Reichenbach, Schlinke aus Breslau und andere. Processe werden in Unmasse eingeleitet wegen aller möglichen Lappalien, die im November vorgekommen. Viele Beamte, besonders Magistrate und Lehrer sind mit Disciplinar-Untersuchung bedroht oder bereits dazu gezogen. Die Reaktion sucht das Landvolk möglichst zu bearbeiten und da die Jahreszeit den Verkehr erschwert und Volksversammlungen im Freien ohnehin verboten sind, so ist man über das Resultat der nächsten Wahlen unsicher, hofft jedoch das Beste.

Es erscheint hier ein Witzblatt, „Putsch.“ Dieses enthielt in einer Nummer einen Brief des Kaisers Nikolaus an den hiesigen Klempner Vogt, den „königlich handgedrückten“ Mann, den Mann mit der „geweihten“ Hand. Wegen dieses Briefes ist der Redakteur zur Criminaluntersuchung gezogen.

General Stößer, der hier kommandirt, hat bereits in den dreißiger Jahren mit dem General-Superintendenten Hahn im Vereine eine militärische Expedition gegen die Alt-Lutheraner in Hönichern bei Oels geleitet. Die Einnahme von Liegnitz ist also nicht seine einzige Heldenthat.

X Breslau, 8. Januar.

Sie kennen die Erklärung des Ministerium Brandenburg-Manteuffel über das Wort „selbstständig.“ In dieser sehr auf Schrauben gestellten Erklärung vom 19. Dec. steht auch, daß die Gefangenen nicht zu den selbstständigen Preußen gehören. Wer hätte geglaubt, daß diese Erklärung gebraucht werden solle zu einem neuen „Staatsstreiche.“ Ich kann Ihnen nämlich aus ziemlich sicherer Quelle mittheilen: das Ministerium beabsichtigt falls die Aussichten auf demokratische Wahlen günstig sind, um dann in die organisirte damokratische Partei Unordnung, Rathlosigkeit und Bestürtzung zu bringen, den 21. Januar sämmtliche auf die Wahlen einflußreiche, demokratisch gesinnte Männer einzuziehen.

Die Aussicht auf diesen neuen Staatsstreich muß durch alle Zeitungen verbreitet werden, damit die demokratische Partei nicht überrascht und das Ministerium vielleicht durch das Bekanntwerden seiner Absicht abgeschreckt werde.

24 Breslau, 8. Januar.

In Warmbrunn sang man neulich: „Es leben unsere Linken!“ Ob das die guten Leute cum grano salis gemeint haben, bleibe dahin gestellt. Jedenfalls wäre aber eine ganz bedeutende Sichtung nöthig, ehe man „unsere Linken“ leben und gar erst hoch leben läßt. Was für klägliche Individuen sich unter „unsern Linken“ befunden haben, das wird Jeder aus folgender Erklärung des Pfarrers Schaffraneck entnehmen können, die derselbe, um die bischöfliche Suspension rückgängig zu machen, der Oeffentlichkeit übergeben hat. Sie lautet:

Errare humanum est.

Meine politische Haltung in Berlin seit dem 9. November v. J., insbesondere meine Betheiligung in der leidigen Steuersache, hielt ich niemals für unfehlbar. Selbst die gemessensten Deduktionen gewiegter Staatsmänner und Juristen in der Residenzstadt ließen mir stets ein gewisses konstitutionelles Wagniß und nicht ganz unmerkliche Sophisterei durchschimmern. Doch die Majorität gab den Ausschlag am 15. November. Seitdem hat aber auch der Erfolg gerichtet. Ueberdies hat mein vorgesetzter Bischof, im Einklange mit ihm eine große Anzahl meiner geistlichen Amtsbrüder, und, wie sie, wohl gar der größte Theil des katholischen Volkes in geheimen und öffentlichen Erklärungen mißbilligend die Stimme über jene Maßregel der Nationalvertretung erhoben. Wie damals als politischer Volksvertreter, so — ja mehr noch jetzt von meinem reinkirchlichen Standpunkte aus und als Priester halte ich die richtende vox populi und Ecclesiae für eine vox Dei, furchte, Aergerniß gegeben zu haben, bereue jedwede der Kirche oder einzelnen Gläubigen, wie auch Ungläubigen dadurch verursachte Betrübniß und hoffe mit dieser öffentlichen Erklärung nur desto unzweifelhafter ausgesöhnt dazustehen vor aller Welt, da es in Preußen seit der Octroyirung doch eigentlich weder Reichstags-, noch Fraktions- oder Parteiversammlung überhaupt, namentlich aber in meinem kirchenamtlichen Priesterleben nur eine Linke und Rechte Dessen giebt, der kommen wird zu richten die Lebendigen und die Todten

Breslau, den 3. Januar 1849.

Jos. Schaffraneck, susp. kathol. Pfarrer von Ober-Beuthen.

Das „schlesische Kirchenblatt“ Organ des mehr als Brandenburg-Manteuffelsch gesinnten Fürstbischofs, der durch einen Hirtenbrief die Wahlen im Sinne des Absolutismus zu leiten sucht, bemerkt hierzu wohlgefällig, daß damit die Suspension Schaffraneck's selbstredend zurückgenommen sei. So haben beide Theile ihren Zweck erreicht. Wahrhaftig: „Errare humanum est.“ Ein hübsches Motto! Jede Jämmerlichkeit, jeden Volksverrath kann man schließlich damit bemänteln!

61 Wien, 6. Jan.

Ein 10. Armeebülletin klebt seit gestern Abend in den Straßen — Man hoffte die Besetzung Leopoldstadts, Komorns und Budapesths darin zu finden, welche schon seit mehren Tagen als bestimmt eingetreten, gleichsam offiziell im Publikum angekündigt, und namentlich durch das Bourgeoisblatt des Kuranda als Abonnements-Empfehlung zum neuen Jahr anticipando dekretirt worden war. Die eigene Existenztendenz dieses schmiersalbigen Blattes indessen schrieb ihm diese gesinnungsvolle Standrechtszuvorkommenheit vor.

Nach diesem Bülletin befindet sich das windischgrätzische Hauptquartier seit dem 4. d. in Bia, 4 Stunden von Ofen; Jellachichs Vorposten stehen am rechten Donauufer, er selbst in Lovas Beruny; Nugent und Dahlen rücken von den Grenzen Steiermarks und Kroatiens vor, aber Schlick ist in Miskolz noch nicht eingerückt; die Gefechte bei Farro und Szikszö scheinen also nicht, wie das Bülletin behauptet, so ganz zu Gunsten der Armee ausgefallen zu sein, obwohl es darin heißt: „Der Plan ge[lan]g, die in Uebermacht auf den Höhen von Szikszö aufgestellte ungarische Kavallerie ergriff sehr bald die Flucht … die Höhen wurden erstürmt … nur die einbrechende Nacht rettete den Feind vor der gänzlichen Niederlage.“

Schon vor 14 Tagen hatte man die Besetzung von Miskolz offiziell als Thatsache kundgemacht, jetzt stell[t] sich heraus, daß es eine Lüge gewesen; für den 29. hatte Windischgrätz die Erstürmung der Festung Leopoldstadt versprochen und das Gerücht verbreiten lassen, der Kommandant von Komorn habe diese starke Festung übergeben. Lüge! das Publikum glaubt daher gar nichts mehr. Windischgrätz muß in allen besetzten Städten Besatzungen zurücklassen, was seine Armee nicht wenig schwächt. Die Armee Perczels und Sekuluhs soll von Jellachich, wie es hieß, keineswegs geschlagen worden sein und steht in Stuhlweißenburg. Wie ich höre, soll dieselbe sich dort verstärken, um dann vereint mit der Besatzung von Komorn im Rücken des Windischgrätz aufzutreten.

Simmunich hat ebenfalls noch nichts erzielt; es soll ihm sogar schlecht gehen; er hat die Erstürmung der Festung Leopoldstadt zu erwirken. Aus dem südlichen Ungarn fehlen alle Nachrichten, und man will daraus schließen, daß dort keine glänzenden Resultate erreicht werden. Dazu kommt, daß der neue Bandenführer der Serben, Suplikaz, plötzlich mit Tod abgegangen ist. Es muß mit diesem Tod, so glaubt man, eine eigene Bewandniß haben; Niemand glaubt an den plötzlichen Brustkrampf, an welchem Suplikaz, wie die Standrechtsblätter sagen, gestorben sein soll. Zu alledem kommt eine große Schaar von Flüchtlingen, welche seit einigen Tagen aus den von den kais. Truppen besetzten Städten hiehereilen, und welche großentheils aus kais. gesinnten ungarischen Beamten bestehen. Warum fliehen sie, fragt man, wenn die Armee auf allen Punkten so siegreich vorschreitet?

Die Aufwiegelung der Slowakei wird jetzt von einem neuen kais. Abentheurer betrieben, scheint indessen auch nicht nach Wunsch zu gehen. Der Korrespondent berichtet darüber:

Göding, 1. Jan. Der seit der September-Invasion in der Slowakei rühmlich bekannte Janecek, seines kriegerischen Talentes wegen allgemein Ziska genannt, steht neuerdings mit einer Mannschaft von 1300 Bauern bei Miawa und Werbowce, und ruft die tapferen Vaterlandssöhne auf, sich ihm anzuschließen und in dem Kampfe gegen die Magyaren ehrenvollen Antheil zu nehmen. Obwohl er bis jetzt nicht vorgerückt ist, hat er doch den Magyaren durch Wegnahme einer beträchtlichen, für die Rebellen bestimmten Zahl Pferde, Wägen, Leder, Tuch u. s. f. fühlbaren Schaden zugefügt.“

Man verbreitet heute folgende Nachricht: „Neuesten Nachrichten aus Ungarn zufolge hat das Bombardement von Ofen sogleich begonnen, als Fürst Windischgrätz die mit mehreren Uebergabsbedingungen an ihn aus beiden Städten abgeschickte Deputation abgewiesen, und unbedingte Uebergabe beider Städte gefordert hatte. Das Bombardement erstreckte sich jedoch nur auf Ofen und dauerte nur 4 Stunden, worauf es in Folge einer abermals erschienenen Deputation vorläufig eingestellt wurde. Das weitere Resultat über diese Deputation ist nicht bekannt, doch soviel ist gewiß, daß der größte Theil des Bürgerstandes und auch der übrigen Bevölkerung für die Uebergabe beider Städte gestimmt ist, hieran jedoch bisher durch zahlreiche Haufen von Mobilgarden und bewaffneten Proletariern gehindert wurde. Eine große Anzahl der Revolutionsleiter soll aus Pesth geflohen, Kossuth jedoch bewacht sein.

Danach soll sich auch Pulzky bereits nach Breslau geflüchtet haben, Kossuth aber soll sich vor dem Andringen der kais. Truppen nach Debreczin geflüchtet, und die heil. Stephanskrone sammt den Reichskleinodien mitgenommen haben.

Allmählig verlassen die ungarischen Insurgentenanführer das „siegreiche“ Lager der Honved. Auch Oberst Kiß hat sich, sichern Nachrichten zufolge, über Krakau ins Preußische geflüchtet.

Der Zweck, weshalb solche Nachrichten verbreitet werden, ist nur zu klar und spricht sich in folgender Behauptung des Fremdenblattes sehr deutlich aus: „Das Haus Rothschild soll der östr. Regierung wegen Uebernahme eines Theiles des neuen Anlehens von 80 Mill. bereits Anträge gemacht haben.“

Endlich werden Sie mit Rücksicht auf das Gesagte auch folgende Versicherung der Frau Sophie zu würdigen wissen:

Olmütz, 4. Jan. Briefe aus Babolna melden, daß das Hauptquartier des Fürsten Windischgrätz am 31. v. M. noch daselbst war. Sie sagen: von Fanatismus im Volke haben wir bisher keine Spur gesehen, eben so wenig bei den gefangenen Soldaten. Die angebliche üble Stimmung in den besetzten Städten und Ortschaften verschwindet immer mehr bei der Nachricht unserer Siege.“

121 Wien, 6. Jan.

Aus dem Proteste, welchen Stadion im Tone eines berittenen Kommandeurs im Namen des Gesammtministeriums am 4. in Kremsier wider §. 1 der Grundrechte erhob, und welchen der Reichstag, indem er auf den Antrag der Kreatur Szabel die Berathung bis zum 8. verschob, mit bebendem Stillschweigen anhörte, dürften insbesondere folgende Worte zu beachten sein: „Unter dem Banner dieser Theorie (d. h. der absoluten Volkssouveränetät), die nach dem vorliegenden Kommissionsantrage an die Spitze der Verfassung gestellt werden soll, wurden die Gesetze verletzt (Schmerlings), den Vollzugsorgane offener Widerstand entgegensetzt, unter ihrem Banner wurden die Begriffe der Menge verwirrt, die Straßen zum Schauplatze wilder Ausschweifungen gemacht, wurde das Blut des edlen Grafen Latour vergossen. Das Recht der Krone darf von dieser hohen Versammlung nicht in Frage gestellt werden; eine solche Sendung lag nicht in der Berechtigung der Wähler.“

Wie es heißt, wird der Reichstag sich beeilen, den §. 1 zurückzuziehen, sonst … ja sonst ruft Stadion die That von seinem Gedanken herbei. Ein furchtsam serviler Hund, das ist der Reichstag in Kremsier. In Wien beschloß z. B. mit Majorität, daß die Stadt Tarnow in Galizien den Reichstag mit noch einem Abgeordneten beschicke; die Stadt wählt dazu den Polen Wapusa, einen freisinnigen Mann, aber Stadion protestirt gegen dessen Eintritt, indem Tarnow nicht das Recht habe, zwei Abgeordnete zu wählen. Was thut der servile Hans Jörg? Er kassirt nach dem Antrage Stadions seinen frühern Beschluß und sendet den Wapusa wieder heim. Wäre Wapusa eine Kanaille von 1846 gewesen, Stadion würde für die Wahl gesprochen haben.

Die akademische Legion von Brünn hat sich aufgelöst, um nicht mit Gewalt aufgelöst zu werden. — Im hiesigen Militärspitale sind Cholerafälle vorgekommen. — Unsere Universität scheint ganz einzugehen; es darf sich kein nicht nach Wien zuständiger Student in Folge dessen hier aufhalten. „Die neuen verschärften militärischen Maßregeln, sagt das Fremdenblatt, sollen durch eine von Frankfurt an das hiesige Ministerium gelangte Mittheilung, daß hier noch immer demokratische Vereine bestünden, veranlaßt worden sein.“ Das diesjährige Defizit der Stadt Wien stellt sich auf 1,337,451 fl. C.-M

Der Gemeinderath verwendet die ihm für die Freiheitskämpfer aus Amerika zugekommenen Summen zur Anfertigung von 5000 Hemden und 5000 Unterhosen für das kais. Militär!! Die Amerikaner sollten ihr Geld zurückfordern lassen. Ihr Geschäftsträger sollte es von selbst thun.

Ich habe Ihnen neulich Borkowski's Rede wider die Bewilligung der 80 Mill. mitgetheilt, derselbe muthige Pole hat nunmehr auch gegen den Beschluß der Bewilligung protestirt, wofür ihn die Standrechtsblätter heute mit dem boshaftesten Geifer überschütten.

Der Hofrath Werner, ein Kroatier, die Metternich zu allen geheimen Diensten gebrauchte und der namentlich dazu verwendet wurde, das Potsdamer Kabinet zur Auflösung des 1846 nach Berlin berufenen Vereinigten Landtags zu veranlassen, ist Unterstaatssekreeär im Auswärtigen geworden. Der Ministerpräsident Schwarzenberg will den frühern „Oestr. Beobachter“ wieder ins Leben rufen, und zwar durch eine aristokratische Aktiengesellschaft, die Aktie zu 1000 fl. C.-M.

Die Diebstähle mehren sich namentlich in den Vorstädten außerordentlich und Raubanfälle sind auf den Glacis nichts Seltenes. — Wie ich nachträglich zum Gestrigen noch bemerken muß, hatte man die beiden verurtheilten Spione Pova und Padovani, absichtlich nach der Grenzfestung Theresienstadt gebracht, um die Entweichung zu erleichtern. — In den Provinzen ist die Zwanzigernoth noch größer, als hier; die Kaufleute machen dort Papierzwanziger und Zehner, um wechseln zu können. Das wird einst eine schöne Sauce werden, wenn dazu noch die von Kossuth angefertigten ungarischen Noten kommen.

14 Wien, 6. Januar.

Die Erbärmlichkeit des Czechenthums wird immer großartiger. Die Slovanska Lipa von Prag will die alten Hussitenzeiten wieder heraufbeschwören und gleicht darin der Frankfurter Gesellschaft mit ihrem Kaiser aus dem Kyffhäuser.

In der Neujahrsnacht feierte diese Slovanska Lipa auf der Sophieninsel eine Beseda, auf welcher sich die Herren Czechen wie die Urbären benommen haben sollen. Für denjenigen, welcher, wie ich, Prag aus persönlichem Aufenthalte kennt, wird dies s. g. slavisch-demokratische Verhalten um so lächerlicher, als eben dasselbe Prag seiner Wesenheit nach deutsch ist, und von dort das Czechenthum als eine besondere Volksmacht erst neuerdings gleichsam erfunden hat. Sämmtliche Herren Czechen sprechen in der Regel besser deutsch, als czechisch, wovon man sich à l'evidence schon im Reichstag überzeugen kann. Die meisten dieser Herren sind weiter nichts, als Kreaturen à la Palaky und Rieger, die sich mit antideutschem Insektengifte auffüllen, und nichts können, als dem Absolutismus in die Hände arbeiten. — Ein gewisser Leitenberger richtete an die Slovanska Lipa eine Adresse von wegen eines Anschlusses an den deutschen Zollverein. Leitenberger kennt kein czechisch, darum beschließt diese sich demokratisch nennende Slovanska Lipa, ihm auf czechisch, und nur auf czechisch zu antworten!

Da das Ministerium nicht den Muth besitzt, eine direkte Polemik wider Preußen zu eröffnen, so schickt es unaufhörlich Aufsätze in auswärtige Blätter, namentlich in die englischen, und bringt sie dann in seinen offiziellen Organen als auswärtige Ueberzeugungen. Sie sollen viel Geld kosten diese Ueberzeugungen, von denen „The Times“ vom 20. Dez.: ein starkes Müsterchen enthalten.

121 Wien, 7. Jan.

Die Wiener Zeitung von heute bringt Ihnen ein 11tes Armeebülletin, welches gestern Abend ausgegeben wurde. Dasselbe wird für ebenso bedeutungslos gehalten, wie das vorhergehende; man sieht's ihm an der Stirn an, daß es darauf berechnet ist, an der Börse und im Auslande Wunder zu wirken. Die Magyaren sind immer an Streitkräfte überlegen (eine Lüge, da Windischgrätz 90,000 Mann hat), ziehen sich jedoch stets rasch und ohne Gefecht zurück und schicken Unterwerfungs-Deputationen. „Es wurde ihr ganz lakonisch bedeutet u. s. w.“ entlockte den Lesern des Bülletins überall ein unwillkürliches Lächeln. — Wenn Windischgrätz vordringt, so dringt er nur unter furchtbaren Verlusten und nach den hartnäckigsten Kämpfen vor. Daß er aber seine Einbußen und Niederlagen verschweigt, ist natürlich. Schon Italiens und der 80 Millionen wegen muß er's thun. Obschon die Presse unter standrechtlicher Drohung angewiesen ist, jedes nachtheilige Gerücht zu verschweigen und dafür um so mehr günstige zu verbreiten, so lassen sich die vollständigen Schlappen, welche die Armee sammt den auffanatisirten Natiönchen im Süden erhalten, doch nicht verbergen. Die serbischen Horden unter Suplikaz sind am 18. Dez. bei Jankowac gänzlich vernichtet worden; es ist eine Lüge, daß Suplikaz in Pancsowa am Brustkrampf plötzlich gestorben ist; er ist vielmehr mit niedergemacht worden.

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entdeckt. Henaumont schmunzelte stillverschämt, als Bonaparte Westhoff sich melancholisch zu ihm herüberbeugte und bewundernd stotterte: &#x201E;Henaumont, habt Ihr das selbst gemacht?&#x201C; Henaumont deutete auf seine Stirn und drehte sich dreimal auf dem Absatze herum.</p>
          <p>Leider rissen die Erfolge Peter Görings und Henaumonts ein junges Genie, <hi rendition="#g">Haustrunk,</hi> oder wie der hoffnungsvolle Jüngling sonst heißt, über die gesetzlichen Schranken der Konkurrenz hinweg. Dieser Haustrunk betrachtet sich seit geraumer Zeit als eventuellen konservativen Deputirten und Unterstaatssekretär in spe.</p>
          <p>Es galt seine Rivalen zu überbieten und der Unterstaatssekretär in spe schrieb eigenhändig auf die verhängnißvolle Liste:</p>
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&#x201E;Streu Sand drum.&#x201C;<lb/>
(unterz.) <hi rendition="#g">Bloem</hi> II.</p>
          <p>Dr. Bloem II., höchst erstaunt über dies qui pro quo, fand bald die Spur des &#x201E;Verbrechers&#x201C;, des Verbrechers nicht aus verlorner, sondern erst zu gewinnender Ehre. Oeffentlich stellte er den Unterstaatssekretair in spe zur Rede und Trunkhaus legte heulend und weinend vor der in pleno versammelten Gesellschaft &#x201E;Verein&#x201C; die feierliche Erklärung ab, wie er zu seiner Schande gestehen müsse, voreilig gewesen zu sein, indem er sich einer <hi rendition="#g">falschen Unterschrift</hi> bedient habe.</p>
          <p>Tröste Dich Trunkhaus! Weine, weine, weine nur nicht! Auch der Gerechte strauchelt siebenmal an einem Tage. Wie nicht ein Unterstaatssekretär und ventrus in spe?</p>
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          <head><bibl><author>12</author></bibl> Essen, 8. Jan.</head>
          <p>Der Wahltag für die erste Kammer, ein Tag, dessen Resultate einen unendlichen Einfluß auf die Revision der, von der gottbegnadeten Regierung in die Welt geschickten Verfassung ausüben wird, ist nahe. Die Listen der Urwähler für diese Kammer sind angefertigt, und 63 von dem Magistrate darin eingeschrieben. Sage 63, bei einer Bevölkerung von nahe an 10,000 Einwohnern; bei einer Bevölkerung, welche verhältnißmäßig sehr begütert ist, welche ein unmerkliches Proletariat in sich faßt, ja, ein solches eigentlich gar nicht kennt. Wie das möglich ist, wird leicht begreiflich werden, wenn man die Sache etwas beim Lichte besieht. Daß die Demokratie hier stark wächst und daß sie bis jetzt noch bei allen Parteikämpfen glänzend siegte, wird vorausgeschickt und ergibt nach Vorstehendem, daß dieselbe auch viele Begüterte unter sich zählen muß. Wer ist nun in die Wählerliste aufgenommen? Die Antwort ist bitter aber wahr! Es ist die Büreaukratie mit den dicksten Geldsäcken gepaart! Es sind die Herren reagentes! Und findet man wirklich einige (?) freisinnige Männer, die müssen wie vom Himmel dazwischen geschneit sein. Man hat sie gewiß nur mit einem Seufzer eingeschrieben, weil man nicht anders konnte. Hunderte, welche theils über 500 Thlr. jährliche Einnahme, theils im Grundvermögen noch weit über 5000 Thlr. haben, wurden entweder durch viele Abweisungen Anderer abgeschreckt sich zu melden, oder mit einer wichtigen Bureaukratenmiene von dem Magistrate an den Landrath verwiesen. Sie mußten &#x2014; o Traurigkeit! &#x2014; passiven Widerstand leisten! Der Landrath fordert Beweise und so sind die Leute gezwungen, ihr Vermögen auf eigene Kosten abschätzen zu lassen, und dennoch wissen sie nicht ob ein solcher Beweis beachtet wird, denn wenn die Behörde in die Aufnahme willigen wollte, so konnte sie die Erfordernisse dazu leicht in der Grundsteuer-Mutterrolle und im Kataster,- die sie in Händen hat, finden. Freilich, zu den Herren reagentes geht der Bürgermeister besorglich ins Haus und ertheilt kurz selbst ein Attest. Warum geht er nicht auch zu Anderen? Warum werden Wähler zur ersten Kammer nicht ebenso wie die zur zweiten von Haus zu Haus aufgenommen? Warum wird, wenn eine genaue Abschätzung nöthig ist, hierzu vom Magistrate nicht eine besondere Kommission auf Kosten der Stadt niedergesetzt. Warum endlich behandelt man eine so wichtige Angelegenheit so oberflächlich, ja, man möchte sagen versteckt, da in allen Bürgermeistereibezirken noch nicht einmal eine Aufforderung zur Meldung an das Publikum ergangen ist?</p>
          <p>Eine Antwort hierauf geben uns die Manteuffel'schen Andeutungen (s. Nr. 185 d. Bl.) und mit diesen hängt wahrscheinlich auch ein mehrtägiger Besuch des provisorischen Regierungspräsidenten v. Möller aus Düsseldorf zusammen, welcher bei vielen Mitgliedern des hiesigen Heulervereins Besuche machte. Nun, man kann es ihm nicht verdenken, wenn er hier nebenbei als Kandidat für die erste Kammer auftritt, und sich im Hintergrunde eine Ministerstelle denkt. Dieser Herr wird gewiß dem wohlweisen Magistrate die Manteuffel'schen Andeutungen recht begreiflich gemacht haben! O, es wird gewiß <hi rendition="#g">noch</hi> schöner! Man wird am Ende den Urwählern für die zweite Kammer noch aufgeben, ihren Taufschein mitzubringen. Michel! Michel! wie lange willst Du noch schlafen? Du wirst jetzt derbe gerüttelt!</p>
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          <head><bibl><author>24</author></bibl> Breslau, 8. Januar.</head>
          <p>Politische Verhaftungen in Schlesien seit dem Anfange Dezember vorigen Jahres: Gürtler Orth aus Hirschberg, Dr. John aus Schmiedeberg, Baron v. Rothkirch von Panthen, vulgo Bürger Rothkirch aus Freiburg, Buchdrucker Riek ebendaselbst, ebenso noch zwei andere, deren Namen mir unbekannt aus Freiburg, ferner: Prediger Wander, Ex-Deputirter und Kaufmann Seliger aus Striegau, Thierarzt Weisker und noch zwei aus Falkenberg, Dr. Benner und Stud. Wecker aus Köben. Viele andere Verhaftungen betreffen untergeordnetere Leute, besonders die, welche an dem Freischarenzuge nach Breslau aus dem Gebirge Theil genommen. Dieser Zug zerstreute sich in Freiburg wieder, weil die Nachrichten aus Breslau ganz ungünstig lauteten. &#x2014; Viele sind auf der Flucht oder halten sich versteckt, wie Max v. Wittenburg aus Reichenbach, Schlinke aus Breslau und andere. Processe werden in Unmasse eingeleitet wegen aller möglichen Lappalien, die im November vorgekommen. Viele Beamte, besonders Magistrate und Lehrer sind mit Disciplinar-Untersuchung bedroht oder bereits dazu gezogen. Die Reaktion sucht das Landvolk möglichst zu bearbeiten und da die Jahreszeit den Verkehr erschwert und Volksversammlungen im Freien ohnehin verboten sind, so ist man über das Resultat der nächsten Wahlen unsicher, hofft jedoch das Beste.</p>
          <p>Es erscheint hier ein Witzblatt, &#x201E;Putsch.&#x201C; Dieses enthielt in einer Nummer einen Brief des Kaisers Nikolaus an den hiesigen Klempner Vogt, den &#x201E;königlich handgedrückten&#x201C; Mann, den Mann mit der &#x201E;geweihten&#x201C; Hand. Wegen dieses Briefes ist der Redakteur zur Criminaluntersuchung gezogen.</p>
          <p>General Stößer, der hier kommandirt, hat bereits in den dreißiger Jahren mit dem General-Superintendenten Hahn im Vereine eine militärische Expedition gegen die Alt-Lutheraner in Hönichern bei Oels geleitet. Die Einnahme von Liegnitz ist also nicht seine einzige Heldenthat.</p>
        </div>
        <div xml:id="ar193_006" type="jArticle">
          <head><bibl><author>X</author></bibl> Breslau, 8. Januar.</head>
          <p>Sie kennen die Erklärung des Ministerium Brandenburg-Manteuffel über das Wort &#x201E;selbstständig.&#x201C; In dieser sehr auf Schrauben gestellten Erklärung vom 19. Dec. steht auch, daß die <hi rendition="#g">Gefangenen</hi> nicht zu den selbstständigen Preußen gehören. Wer hätte geglaubt, daß diese Erklärung gebraucht werden solle zu einem neuen &#x201E;Staatsstreiche.&#x201C; Ich kann Ihnen nämlich aus ziemlich sicherer Quelle mittheilen: das Ministerium beabsichtigt falls die Aussichten auf <hi rendition="#g">demokratische</hi> Wahlen günstig sind, um dann in die organisirte damokratische Partei Unordnung, Rathlosigkeit und Bestürtzung zu bringen, den 21. Januar sämmtliche auf die Wahlen einflußreiche, demokratisch gesinnte Männer einzuziehen.</p>
          <p>Die Aussicht auf diesen neuen Staatsstreich muß durch alle Zeitungen verbreitet werden, damit die demokratische Partei nicht überrascht und das Ministerium vielleicht durch das Bekanntwerden seiner Absicht abgeschreckt werde.</p>
        </div>
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          <head><bibl><author>24</author></bibl> Breslau, 8. Januar.</head>
          <p>In Warmbrunn sang man neulich: &#x201E;Es leben unsere Linken!&#x201C; Ob das die guten Leute cum grano salis gemeint haben, bleibe dahin gestellt. Jedenfalls wäre aber eine ganz bedeutende Sichtung nöthig, ehe man &#x201E;unsere Linken&#x201C; leben und gar erst hoch leben läßt. Was für klägliche Individuen sich unter &#x201E;unsern Linken&#x201C; befunden haben, das wird Jeder aus folgender Erklärung des Pfarrers Schaffraneck entnehmen können, die derselbe, um die bischöfliche Suspension rückgängig zu machen, der Oeffentlichkeit übergeben hat. Sie lautet:</p>
          <p>Errare humanum est.</p>
          <p>Meine politische Haltung in Berlin seit dem 9. November v. J., insbesondere meine Betheiligung in der leidigen Steuersache, hielt ich niemals für unfehlbar. Selbst die gemessensten Deduktionen gewiegter Staatsmänner und Juristen in der Residenzstadt ließen mir stets ein gewisses konstitutionelles Wagniß und nicht ganz unmerkliche Sophisterei durchschimmern. Doch die Majorität gab den Ausschlag am 15. November. Seitdem hat aber auch der Erfolg gerichtet. Ueberdies hat mein vorgesetzter Bischof, im Einklange mit ihm eine große Anzahl meiner geistlichen Amtsbrüder, und, wie sie, wohl gar der größte Theil des katholischen Volkes in geheimen und öffentlichen Erklärungen mißbilligend die Stimme über jene Maßregel der Nationalvertretung erhoben. Wie damals als politischer Volksvertreter, so &#x2014; ja mehr noch jetzt von meinem reinkirchlichen Standpunkte aus und als Priester halte ich die richtende vox populi und Ecclesiae für eine vox Dei, furchte, Aergerniß gegeben zu haben, bereue jedwede der Kirche oder einzelnen Gläubigen, wie auch Ungläubigen dadurch verursachte Betrübniß und hoffe mit dieser öffentlichen Erklärung nur desto unzweifelhafter ausgesöhnt dazustehen vor aller Welt, da es in Preußen seit der Octroyirung doch eigentlich weder Reichstags-, noch Fraktions- oder Parteiversammlung überhaupt, namentlich aber in meinem kirchenamtlichen Priesterleben nur eine Linke und Rechte Dessen giebt, der kommen wird zu richten die Lebendigen und die Todten</p>
          <p>Breslau, den 3. Januar 1849.</p>
          <p><hi rendition="#g">Jos. Schaffraneck,</hi> susp. kathol. Pfarrer von Ober-Beuthen.</p>
          <p>Das &#x201E;schlesische Kirchenblatt&#x201C; Organ des mehr als Brandenburg-Manteuffelsch gesinnten Fürstbischofs, der durch einen Hirtenbrief die Wahlen im Sinne des Absolutismus zu leiten sucht, bemerkt hierzu wohlgefällig, daß damit die Suspension Schaffraneck's selbstredend zurückgenommen sei. So haben beide Theile ihren Zweck erreicht. Wahrhaftig: &#x201E;Errare humanum est.&#x201C; Ein hübsches Motto! Jede Jämmerlichkeit, jeden Volksverrath kann man schließlich damit bemänteln!</p>
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          <head><bibl><author>61</author></bibl> Wien, 6. Jan.</head>
          <p>Ein 10. Armeebülletin klebt seit gestern Abend in den Straßen &#x2014; Man hoffte die Besetzung Leopoldstadts, Komorns und Budapesths darin zu finden, welche schon seit mehren Tagen als bestimmt eingetreten, gleichsam offiziell im Publikum angekündigt, und namentlich durch das Bourgeoisblatt des Kuranda als Abonnements-Empfehlung zum neuen Jahr anticipando dekretirt worden war. Die eigene Existenztendenz dieses schmiersalbigen Blattes indessen schrieb ihm diese gesinnungsvolle Standrechtszuvorkommenheit vor.</p>
          <p>Nach diesem Bülletin befindet sich das windischgrätzische Hauptquartier seit dem 4. d. in <hi rendition="#g">Bia,</hi> 4 Stunden von Ofen; Jellachichs Vorposten stehen am rechten Donauufer, er selbst in <hi rendition="#g">Lovas Beruny; Nugent</hi> und <hi rendition="#g">Dahlen</hi> rücken von den Grenzen Steiermarks und Kroatiens vor, aber <hi rendition="#g">Schlick</hi> ist in Miskolz noch nicht eingerückt; die Gefechte bei Farro und Szikszö scheinen also nicht, wie das Bülletin behauptet, so ganz zu Gunsten der Armee ausgefallen zu sein, obwohl es darin heißt: &#x201E;Der Plan ge[lan]g, die in Uebermacht auf den Höhen von Szikszö aufgestellte ungarische Kavallerie ergriff sehr bald die Flucht &#x2026; die Höhen wurden erstürmt &#x2026; nur die einbrechende Nacht rettete den Feind vor der gänzlichen Niederlage.&#x201C;</p>
          <p>Schon vor 14 Tagen hatte man die Besetzung von <hi rendition="#g">Miskolz</hi> offiziell als Thatsache kundgemacht, jetzt stell[t] sich heraus, daß es eine Lüge gewesen; für den 29. hatte Windischgrätz die Erstürmung der Festung Leopoldstadt versprochen und das Gerücht verbreiten lassen, der Kommandant von Komorn habe diese starke Festung übergeben. Lüge! das Publikum glaubt daher gar nichts mehr. Windischgrätz muß in allen besetzten Städten Besatzungen zurücklassen, was seine Armee nicht wenig schwächt. Die Armee Perczels und Sekuluhs soll von Jellachich, wie es hieß, keineswegs geschlagen worden sein und steht in <hi rendition="#g">Stuhlweißenburg</hi>. Wie ich höre, soll dieselbe sich dort verstärken, um dann vereint mit der Besatzung von Komorn im Rücken des Windischgrätz aufzutreten.</p>
          <p><hi rendition="#g">Simmunich</hi> hat ebenfalls noch nichts erzielt; es soll ihm sogar schlecht gehen; er hat die Erstürmung der Festung Leopoldstadt zu erwirken. Aus dem südlichen Ungarn fehlen alle Nachrichten, und man will daraus schließen, daß dort keine glänzenden Resultate erreicht werden. Dazu kommt, daß der neue Bandenführer der Serben, <hi rendition="#g">Suplikaz</hi>, plötzlich mit Tod abgegangen ist. Es muß mit diesem Tod, so glaubt man, eine eigene Bewandniß haben; Niemand glaubt an den plötzlichen Brustkrampf, an welchem Suplikaz, wie die Standrechtsblätter sagen, gestorben sein soll. Zu alledem kommt eine große Schaar von Flüchtlingen, welche seit einigen Tagen aus den von den kais. Truppen besetzten Städten hiehereilen, und welche großentheils aus kais. gesinnten ungarischen Beamten bestehen. Warum fliehen sie, fragt man, wenn die Armee auf allen Punkten so siegreich vorschreitet?</p>
          <p>Die Aufwiegelung der Slowakei wird jetzt von einem neuen kais. Abentheurer betrieben, scheint indessen auch nicht nach Wunsch zu gehen. Der Korrespondent berichtet darüber:</p>
          <p>&#x201E;<hi rendition="#g">Göding,</hi> 1. Jan. Der seit der September-Invasion in der Slowakei rühmlich bekannte <hi rendition="#g">Janecek,</hi> seines kriegerischen Talentes wegen allgemein Ziska genannt, steht neuerdings mit einer Mannschaft von 1300 Bauern bei Miawa und Werbowce, und ruft die tapferen Vaterlandssöhne auf, sich ihm anzuschließen und in dem Kampfe gegen die Magyaren ehrenvollen Antheil zu nehmen. Obwohl er bis jetzt nicht vorgerückt ist, hat er doch den Magyaren durch Wegnahme einer beträchtlichen, für die Rebellen bestimmten Zahl Pferde, Wägen, Leder, Tuch u. s. f. fühlbaren Schaden zugefügt.&#x201C;</p>
          <p>Man verbreitet heute folgende Nachricht: &#x201E;Neuesten Nachrichten aus Ungarn zufolge hat das Bombardement von Ofen sogleich begonnen, als Fürst Windischgrätz die mit mehreren Uebergabsbedingungen an ihn aus beiden Städten abgeschickte Deputation abgewiesen, und unbedingte Uebergabe beider Städte gefordert hatte. Das Bombardement erstreckte sich jedoch nur auf Ofen und dauerte nur 4 Stunden, worauf es in Folge einer abermals erschienenen Deputation vorläufig eingestellt wurde. Das weitere Resultat über diese Deputation ist nicht bekannt, doch soviel ist gewiß, daß der größte Theil des Bürgerstandes und auch der übrigen Bevölkerung für die Uebergabe beider Städte gestimmt ist, hieran jedoch bisher durch zahlreiche Haufen von Mobilgarden und bewaffneten Proletariern gehindert wurde. Eine große Anzahl der Revolutionsleiter soll aus Pesth geflohen, Kossuth jedoch bewacht sein.</p>
          <p>Danach soll sich auch <hi rendition="#g">Pulzky</hi> bereits nach Breslau geflüchtet haben, <hi rendition="#g">Kossuth</hi> aber soll sich vor dem Andringen der kais. Truppen nach Debreczin geflüchtet, und die heil. Stephanskrone sammt den Reichskleinodien mitgenommen haben.</p>
          <p>Allmählig verlassen die ungarischen Insurgentenanführer das &#x201E;siegreiche&#x201C; Lager der Honved. Auch Oberst Kiß hat sich, sichern Nachrichten zufolge, über Krakau ins Preußische geflüchtet.</p>
          <p>Der Zweck, weshalb solche Nachrichten verbreitet werden, ist nur zu klar und spricht sich in folgender Behauptung des Fremdenblattes sehr deutlich aus: &#x201E;Das Haus Rothschild soll der östr. Regierung wegen Uebernahme eines Theiles des neuen Anlehens von 80 Mill. bereits Anträge gemacht haben.&#x201C;</p>
          <p>Endlich werden Sie mit Rücksicht auf das Gesagte auch folgende Versicherung der Frau Sophie zu würdigen wissen:</p>
          <p>&#x201E;<hi rendition="#g">Olmütz,</hi> 4. Jan. Briefe aus Babolna melden, daß das Hauptquartier des Fürsten Windischgrätz am 31. v. M. noch daselbst war. Sie sagen: von Fanatismus im Volke haben wir bisher keine Spur gesehen, eben so wenig bei den gefangenen Soldaten. Die <hi rendition="#g">angebliche üble Stimmung</hi> in den besetzten Städten und Ortschaften verschwindet immer mehr bei der Nachricht unserer Siege.&#x201C;</p>
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          <head><bibl><author>121</author></bibl> Wien, 6. Jan.</head>
          <p>Aus dem Proteste, welchen Stadion im Tone eines berittenen Kommandeurs im Namen des Gesammtministeriums am 4. in Kremsier wider §. 1 der Grundrechte erhob, und welchen der Reichstag, indem er auf den Antrag der Kreatur Szabel die Berathung bis zum 8. verschob, mit bebendem Stillschweigen anhörte, dürften insbesondere folgende Worte zu beachten sein: &#x201E;Unter dem Banner dieser Theorie (d. h. der absoluten Volkssouveränetät), die nach dem vorliegenden Kommissionsantrage an die Spitze der Verfassung gestellt werden soll, wurden die Gesetze verletzt (Schmerlings), den Vollzugsorgane offener Widerstand entgegensetzt, unter ihrem Banner wurden die Begriffe der Menge verwirrt, die Straßen zum Schauplatze wilder Ausschweifungen gemacht, wurde das Blut des edlen Grafen Latour vergossen. Das Recht der Krone darf von dieser hohen Versammlung nicht in Frage gestellt werden; eine solche Sendung lag nicht in der Berechtigung der Wähler.&#x201C;</p>
          <p>Wie es heißt, wird der Reichstag sich beeilen, den §. 1 zurückzuziehen, sonst &#x2026; ja sonst ruft Stadion die That von seinem Gedanken herbei. Ein furchtsam serviler Hund, das ist der Reichstag in Kremsier. In Wien beschloß z. B. mit Majorität, daß die Stadt <hi rendition="#g">Tarnow</hi> in Galizien den Reichstag mit noch einem Abgeordneten beschicke; die Stadt wählt dazu den Polen <hi rendition="#g">Wapusa,</hi> einen freisinnigen Mann, aber Stadion protestirt gegen dessen Eintritt, indem Tarnow nicht das Recht habe, zwei Abgeordnete zu wählen. Was thut der servile Hans Jörg? Er kassirt nach dem Antrage Stadions seinen frühern Beschluß und sendet den Wapusa wieder heim. Wäre Wapusa eine Kanaille von 1846 gewesen, Stadion würde <hi rendition="#g">für</hi> die Wahl gesprochen haben.</p>
          <p>Die akademische Legion von Brünn hat sich aufgelöst, um nicht mit Gewalt aufgelöst zu werden. &#x2014; Im hiesigen Militärspitale sind Cholerafälle vorgekommen. &#x2014; Unsere Universität scheint ganz einzugehen; es darf sich kein nicht nach Wien zuständiger Student in Folge dessen hier aufhalten. &#x201E;Die neuen verschärften militärischen Maßregeln, sagt das Fremdenblatt, sollen durch eine von Frankfurt an das hiesige Ministerium gelangte Mittheilung, daß hier noch immer demokratische Vereine bestünden, veranlaßt worden sein.&#x201C; Das diesjährige Defizit der Stadt Wien stellt sich auf 1,337,451 fl. C.-M</p>
          <p>Der Gemeinderath verwendet die ihm für die Freiheitskämpfer aus Amerika zugekommenen Summen zur Anfertigung von 5000 Hemden und 5000 Unterhosen für das kais. Militär!! Die Amerikaner sollten ihr Geld zurückfordern lassen. Ihr Geschäftsträger sollte es von selbst thun.</p>
          <p>Ich habe Ihnen neulich <hi rendition="#g">Borkowski's</hi> Rede wider die Bewilligung der 80 Mill. mitgetheilt, derselbe muthige Pole hat nunmehr auch gegen den Beschluß der Bewilligung protestirt, wofür ihn die Standrechtsblätter heute mit dem boshaftesten Geifer überschütten.</p>
          <p>Der Hofrath <hi rendition="#g">Werner,</hi> ein Kroatier, die Metternich zu allen geheimen Diensten gebrauchte und der namentlich dazu verwendet wurde, das Potsdamer Kabinet zur Auflösung des 1846 nach Berlin berufenen Vereinigten Landtags zu veranlassen, ist Unterstaatssekreeär im Auswärtigen geworden. Der Ministerpräsident Schwarzenberg will den frühern &#x201E;<hi rendition="#g">Oestr. Beobachter</hi>&#x201C; wieder ins Leben rufen, und zwar durch eine aristokratische Aktiengesellschaft, die Aktie zu 1000 fl. C.-M.</p>
          <p>Die Diebstähle mehren sich namentlich in den Vorstädten außerordentlich und Raubanfälle sind auf den Glacis nichts Seltenes. &#x2014; Wie ich nachträglich zum Gestrigen noch bemerken muß, hatte man die beiden verurtheilten Spione Pova und Padovani, absichtlich nach der <hi rendition="#g">Grenz</hi>festung Theresienstadt gebracht, um die Entweichung zu erleichtern. &#x2014; In den Provinzen ist die Zwanzigernoth noch größer, als hier; die Kaufleute machen dort Papierzwanziger und Zehner, um wechseln zu können. Das wird einst eine schöne Sauce werden, wenn dazu noch die von Kossuth angefertigten ungarischen Noten kommen.</p>
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          <head><bibl><author>14</author></bibl> Wien, 6. Januar.</head>
          <p>Die Erbärmlichkeit des Czechenthums wird immer großartiger. Die Slovanska Lipa von Prag will die alten Hussitenzeiten wieder heraufbeschwören und gleicht darin der Frankfurter Gesellschaft mit ihrem Kaiser aus dem Kyffhäuser.</p>
          <p>In der Neujahrsnacht feierte diese Slovanska Lipa auf der Sophieninsel eine Beseda, auf welcher sich die Herren Czechen wie die Urbären benommen haben sollen. Für denjenigen, welcher, wie ich, Prag aus persönlichem Aufenthalte kennt, wird dies s. g. slavisch-demokratische Verhalten um so lächerlicher, als eben dasselbe Prag seiner Wesenheit nach <hi rendition="#g">deutsch</hi> ist, und von dort das Czechenthum als eine besondere Volksmacht erst neuerdings gleichsam erfunden hat. Sämmtliche Herren Czechen sprechen in der Regel besser deutsch, als czechisch, wovon man sich à l'evidence schon im Reichstag überzeugen kann. Die meisten dieser Herren sind weiter nichts, als Kreaturen à la Palaky und Rieger, die sich mit antideutschem Insektengifte auffüllen, und nichts können, als dem Absolutismus in die Hände arbeiten. &#x2014; Ein gewisser Leitenberger richtete an die Slovanska Lipa eine Adresse von wegen eines Anschlusses an den deutschen Zollverein. Leitenberger kennt kein czechisch, darum beschließt diese sich demokratisch nennende Slovanska Lipa, ihm auf czechisch, und nur auf czechisch zu antworten!</p>
          <p>Da das Ministerium nicht den Muth besitzt, eine direkte Polemik wider Preußen zu eröffnen, so schickt es unaufhörlich Aufsätze in auswärtige Blätter, namentlich in die englischen, und bringt sie dann in seinen offiziellen Organen als auswärtige Ueberzeugungen. Sie sollen viel Geld kosten diese Ueberzeugungen, von denen &#x201E;The Times&#x201C; vom 20. Dez.: ein starkes Müsterchen enthalten.</p>
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          <head><bibl><author>121</author></bibl> Wien, 7. Jan.</head>
          <p>Die Wiener Zeitung von heute bringt Ihnen ein 11tes Armeebülletin, welches gestern Abend ausgegeben wurde. Dasselbe wird für ebenso bedeutungslos gehalten, wie das vorhergehende; man sieht's ihm an der Stirn an, daß es darauf berechnet ist, an der Börse und im Auslande Wunder zu wirken. Die Magyaren sind immer an Streitkräfte überlegen (eine Lüge, da Windischgrätz 90,000 Mann hat), ziehen sich jedoch stets rasch und ohne Gefecht zurück und schicken Unterwerfungs-Deputationen. &#x201E;Es wurde ihr ganz lakonisch bedeutet u. s. w.&#x201C; entlockte den Lesern des Bülletins überall ein unwillkürliches Lächeln. &#x2014; Wenn Windischgrätz vordringt, so dringt er nur unter furchtbaren Verlusten und nach den hartnäckigsten Kämpfen vor. Daß er aber seine Einbußen und Niederlagen verschweigt, ist natürlich. Schon Italiens und der 80 Millionen wegen muß er's thun. Obschon die Presse unter standrechtlicher Drohung angewiesen ist, jedes nachtheilige Gerücht zu verschweigen und dafür um so mehr günstige zu verbreiten, so lassen sich die vollständigen Schlappen, welche die Armee sammt den auffanatisirten Natiönchen im Süden erhalten, doch nicht verbergen. Die serbischen Horden unter Suplikaz sind am 18. Dez. bei <hi rendition="#g">Jankowac</hi> gänzlich vernichtet worden; es ist eine Lüge, daß Suplikaz in Pancsowa am Brustkrampf plötzlich gestorben ist; er ist vielmehr mit niedergemacht worden.
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[1044/0002] entdeckt. Henaumont schmunzelte stillverschämt, als Bonaparte Westhoff sich melancholisch zu ihm herüberbeugte und bewundernd stotterte: „Henaumont, habt Ihr das selbst gemacht?“ Henaumont deutete auf seine Stirn und drehte sich dreimal auf dem Absatze herum. Leider rissen die Erfolge Peter Görings und Henaumonts ein junges Genie, Haustrunk, oder wie der hoffnungsvolle Jüngling sonst heißt, über die gesetzlichen Schranken der Konkurrenz hinweg. Dieser Haustrunk betrachtet sich seit geraumer Zeit als eventuellen konservativen Deputirten und Unterstaatssekretär in spe. Es galt seine Rivalen zu überbieten und der Unterstaatssekretär in spe schrieb eigenhändig auf die verhängnißvolle Liste: „Punctum „Streu Sand drum.“ (unterz.) Bloem II. Dr. Bloem II., höchst erstaunt über dies qui pro quo, fand bald die Spur des „Verbrechers“, des Verbrechers nicht aus verlorner, sondern erst zu gewinnender Ehre. Oeffentlich stellte er den Unterstaatssekretair in spe zur Rede und Trunkhaus legte heulend und weinend vor der in pleno versammelten Gesellschaft „Verein“ die feierliche Erklärung ab, wie er zu seiner Schande gestehen müsse, voreilig gewesen zu sein, indem er sich einer falschen Unterschrift bedient habe. Tröste Dich Trunkhaus! Weine, weine, weine nur nicht! Auch der Gerechte strauchelt siebenmal an einem Tage. Wie nicht ein Unterstaatssekretär und ventrus in spe? 12 Essen, 8. Jan. Der Wahltag für die erste Kammer, ein Tag, dessen Resultate einen unendlichen Einfluß auf die Revision der, von der gottbegnadeten Regierung in die Welt geschickten Verfassung ausüben wird, ist nahe. Die Listen der Urwähler für diese Kammer sind angefertigt, und 63 von dem Magistrate darin eingeschrieben. Sage 63, bei einer Bevölkerung von nahe an 10,000 Einwohnern; bei einer Bevölkerung, welche verhältnißmäßig sehr begütert ist, welche ein unmerkliches Proletariat in sich faßt, ja, ein solches eigentlich gar nicht kennt. Wie das möglich ist, wird leicht begreiflich werden, wenn man die Sache etwas beim Lichte besieht. Daß die Demokratie hier stark wächst und daß sie bis jetzt noch bei allen Parteikämpfen glänzend siegte, wird vorausgeschickt und ergibt nach Vorstehendem, daß dieselbe auch viele Begüterte unter sich zählen muß. Wer ist nun in die Wählerliste aufgenommen? Die Antwort ist bitter aber wahr! Es ist die Büreaukratie mit den dicksten Geldsäcken gepaart! Es sind die Herren reagentes! Und findet man wirklich einige (?) freisinnige Männer, die müssen wie vom Himmel dazwischen geschneit sein. Man hat sie gewiß nur mit einem Seufzer eingeschrieben, weil man nicht anders konnte. Hunderte, welche theils über 500 Thlr. jährliche Einnahme, theils im Grundvermögen noch weit über 5000 Thlr. haben, wurden entweder durch viele Abweisungen Anderer abgeschreckt sich zu melden, oder mit einer wichtigen Bureaukratenmiene von dem Magistrate an den Landrath verwiesen. Sie mußten — o Traurigkeit! — passiven Widerstand leisten! Der Landrath fordert Beweise und so sind die Leute gezwungen, ihr Vermögen auf eigene Kosten abschätzen zu lassen, und dennoch wissen sie nicht ob ein solcher Beweis beachtet wird, denn wenn die Behörde in die Aufnahme willigen wollte, so konnte sie die Erfordernisse dazu leicht in der Grundsteuer-Mutterrolle und im Kataster,- die sie in Händen hat, finden. Freilich, zu den Herren reagentes geht der Bürgermeister besorglich ins Haus und ertheilt kurz selbst ein Attest. Warum geht er nicht auch zu Anderen? Warum werden Wähler zur ersten Kammer nicht ebenso wie die zur zweiten von Haus zu Haus aufgenommen? Warum wird, wenn eine genaue Abschätzung nöthig ist, hierzu vom Magistrate nicht eine besondere Kommission auf Kosten der Stadt niedergesetzt. Warum endlich behandelt man eine so wichtige Angelegenheit so oberflächlich, ja, man möchte sagen versteckt, da in allen Bürgermeistereibezirken noch nicht einmal eine Aufforderung zur Meldung an das Publikum ergangen ist? Eine Antwort hierauf geben uns die Manteuffel'schen Andeutungen (s. Nr. 185 d. Bl.) und mit diesen hängt wahrscheinlich auch ein mehrtägiger Besuch des provisorischen Regierungspräsidenten v. Möller aus Düsseldorf zusammen, welcher bei vielen Mitgliedern des hiesigen Heulervereins Besuche machte. Nun, man kann es ihm nicht verdenken, wenn er hier nebenbei als Kandidat für die erste Kammer auftritt, und sich im Hintergrunde eine Ministerstelle denkt. Dieser Herr wird gewiß dem wohlweisen Magistrate die Manteuffel'schen Andeutungen recht begreiflich gemacht haben! O, es wird gewiß noch schöner! Man wird am Ende den Urwählern für die zweite Kammer noch aufgeben, ihren Taufschein mitzubringen. Michel! Michel! wie lange willst Du noch schlafen? Du wirst jetzt derbe gerüttelt! 24 Breslau, 8. Januar. Politische Verhaftungen in Schlesien seit dem Anfange Dezember vorigen Jahres: Gürtler Orth aus Hirschberg, Dr. John aus Schmiedeberg, Baron v. Rothkirch von Panthen, vulgo Bürger Rothkirch aus Freiburg, Buchdrucker Riek ebendaselbst, ebenso noch zwei andere, deren Namen mir unbekannt aus Freiburg, ferner: Prediger Wander, Ex-Deputirter und Kaufmann Seliger aus Striegau, Thierarzt Weisker und noch zwei aus Falkenberg, Dr. Benner und Stud. Wecker aus Köben. Viele andere Verhaftungen betreffen untergeordnetere Leute, besonders die, welche an dem Freischarenzuge nach Breslau aus dem Gebirge Theil genommen. Dieser Zug zerstreute sich in Freiburg wieder, weil die Nachrichten aus Breslau ganz ungünstig lauteten. — Viele sind auf der Flucht oder halten sich versteckt, wie Max v. Wittenburg aus Reichenbach, Schlinke aus Breslau und andere. Processe werden in Unmasse eingeleitet wegen aller möglichen Lappalien, die im November vorgekommen. Viele Beamte, besonders Magistrate und Lehrer sind mit Disciplinar-Untersuchung bedroht oder bereits dazu gezogen. Die Reaktion sucht das Landvolk möglichst zu bearbeiten und da die Jahreszeit den Verkehr erschwert und Volksversammlungen im Freien ohnehin verboten sind, so ist man über das Resultat der nächsten Wahlen unsicher, hofft jedoch das Beste. Es erscheint hier ein Witzblatt, „Putsch.“ Dieses enthielt in einer Nummer einen Brief des Kaisers Nikolaus an den hiesigen Klempner Vogt, den „königlich handgedrückten“ Mann, den Mann mit der „geweihten“ Hand. Wegen dieses Briefes ist der Redakteur zur Criminaluntersuchung gezogen. General Stößer, der hier kommandirt, hat bereits in den dreißiger Jahren mit dem General-Superintendenten Hahn im Vereine eine militärische Expedition gegen die Alt-Lutheraner in Hönichern bei Oels geleitet. Die Einnahme von Liegnitz ist also nicht seine einzige Heldenthat. X Breslau, 8. Januar. Sie kennen die Erklärung des Ministerium Brandenburg-Manteuffel über das Wort „selbstständig.“ In dieser sehr auf Schrauben gestellten Erklärung vom 19. Dec. steht auch, daß die Gefangenen nicht zu den selbstständigen Preußen gehören. Wer hätte geglaubt, daß diese Erklärung gebraucht werden solle zu einem neuen „Staatsstreiche.“ Ich kann Ihnen nämlich aus ziemlich sicherer Quelle mittheilen: das Ministerium beabsichtigt falls die Aussichten auf demokratische Wahlen günstig sind, um dann in die organisirte damokratische Partei Unordnung, Rathlosigkeit und Bestürtzung zu bringen, den 21. Januar sämmtliche auf die Wahlen einflußreiche, demokratisch gesinnte Männer einzuziehen. Die Aussicht auf diesen neuen Staatsstreich muß durch alle Zeitungen verbreitet werden, damit die demokratische Partei nicht überrascht und das Ministerium vielleicht durch das Bekanntwerden seiner Absicht abgeschreckt werde. 24 Breslau, 8. Januar. In Warmbrunn sang man neulich: „Es leben unsere Linken!“ Ob das die guten Leute cum grano salis gemeint haben, bleibe dahin gestellt. Jedenfalls wäre aber eine ganz bedeutende Sichtung nöthig, ehe man „unsere Linken“ leben und gar erst hoch leben läßt. Was für klägliche Individuen sich unter „unsern Linken“ befunden haben, das wird Jeder aus folgender Erklärung des Pfarrers Schaffraneck entnehmen können, die derselbe, um die bischöfliche Suspension rückgängig zu machen, der Oeffentlichkeit übergeben hat. Sie lautet: Errare humanum est. Meine politische Haltung in Berlin seit dem 9. November v. J., insbesondere meine Betheiligung in der leidigen Steuersache, hielt ich niemals für unfehlbar. Selbst die gemessensten Deduktionen gewiegter Staatsmänner und Juristen in der Residenzstadt ließen mir stets ein gewisses konstitutionelles Wagniß und nicht ganz unmerkliche Sophisterei durchschimmern. Doch die Majorität gab den Ausschlag am 15. November. Seitdem hat aber auch der Erfolg gerichtet. Ueberdies hat mein vorgesetzter Bischof, im Einklange mit ihm eine große Anzahl meiner geistlichen Amtsbrüder, und, wie sie, wohl gar der größte Theil des katholischen Volkes in geheimen und öffentlichen Erklärungen mißbilligend die Stimme über jene Maßregel der Nationalvertretung erhoben. Wie damals als politischer Volksvertreter, so — ja mehr noch jetzt von meinem reinkirchlichen Standpunkte aus und als Priester halte ich die richtende vox populi und Ecclesiae für eine vox Dei, furchte, Aergerniß gegeben zu haben, bereue jedwede der Kirche oder einzelnen Gläubigen, wie auch Ungläubigen dadurch verursachte Betrübniß und hoffe mit dieser öffentlichen Erklärung nur desto unzweifelhafter ausgesöhnt dazustehen vor aller Welt, da es in Preußen seit der Octroyirung doch eigentlich weder Reichstags-, noch Fraktions- oder Parteiversammlung überhaupt, namentlich aber in meinem kirchenamtlichen Priesterleben nur eine Linke und Rechte Dessen giebt, der kommen wird zu richten die Lebendigen und die Todten Breslau, den 3. Januar 1849. Jos. Schaffraneck, susp. kathol. Pfarrer von Ober-Beuthen. Das „schlesische Kirchenblatt“ Organ des mehr als Brandenburg-Manteuffelsch gesinnten Fürstbischofs, der durch einen Hirtenbrief die Wahlen im Sinne des Absolutismus zu leiten sucht, bemerkt hierzu wohlgefällig, daß damit die Suspension Schaffraneck's selbstredend zurückgenommen sei. So haben beide Theile ihren Zweck erreicht. Wahrhaftig: „Errare humanum est.“ Ein hübsches Motto! Jede Jämmerlichkeit, jeden Volksverrath kann man schließlich damit bemänteln! 61 Wien, 6. Jan. Ein 10. Armeebülletin klebt seit gestern Abend in den Straßen — Man hoffte die Besetzung Leopoldstadts, Komorns und Budapesths darin zu finden, welche schon seit mehren Tagen als bestimmt eingetreten, gleichsam offiziell im Publikum angekündigt, und namentlich durch das Bourgeoisblatt des Kuranda als Abonnements-Empfehlung zum neuen Jahr anticipando dekretirt worden war. Die eigene Existenztendenz dieses schmiersalbigen Blattes indessen schrieb ihm diese gesinnungsvolle Standrechtszuvorkommenheit vor. Nach diesem Bülletin befindet sich das windischgrätzische Hauptquartier seit dem 4. d. in Bia, 4 Stunden von Ofen; Jellachichs Vorposten stehen am rechten Donauufer, er selbst in Lovas Beruny; Nugent und Dahlen rücken von den Grenzen Steiermarks und Kroatiens vor, aber Schlick ist in Miskolz noch nicht eingerückt; die Gefechte bei Farro und Szikszö scheinen also nicht, wie das Bülletin behauptet, so ganz zu Gunsten der Armee ausgefallen zu sein, obwohl es darin heißt: „Der Plan ge[lan]g, die in Uebermacht auf den Höhen von Szikszö aufgestellte ungarische Kavallerie ergriff sehr bald die Flucht … die Höhen wurden erstürmt … nur die einbrechende Nacht rettete den Feind vor der gänzlichen Niederlage.“ Schon vor 14 Tagen hatte man die Besetzung von Miskolz offiziell als Thatsache kundgemacht, jetzt stell[t] sich heraus, daß es eine Lüge gewesen; für den 29. hatte Windischgrätz die Erstürmung der Festung Leopoldstadt versprochen und das Gerücht verbreiten lassen, der Kommandant von Komorn habe diese starke Festung übergeben. Lüge! das Publikum glaubt daher gar nichts mehr. Windischgrätz muß in allen besetzten Städten Besatzungen zurücklassen, was seine Armee nicht wenig schwächt. Die Armee Perczels und Sekuluhs soll von Jellachich, wie es hieß, keineswegs geschlagen worden sein und steht in Stuhlweißenburg. Wie ich höre, soll dieselbe sich dort verstärken, um dann vereint mit der Besatzung von Komorn im Rücken des Windischgrätz aufzutreten. Simmunich hat ebenfalls noch nichts erzielt; es soll ihm sogar schlecht gehen; er hat die Erstürmung der Festung Leopoldstadt zu erwirken. Aus dem südlichen Ungarn fehlen alle Nachrichten, und man will daraus schließen, daß dort keine glänzenden Resultate erreicht werden. Dazu kommt, daß der neue Bandenführer der Serben, Suplikaz, plötzlich mit Tod abgegangen ist. Es muß mit diesem Tod, so glaubt man, eine eigene Bewandniß haben; Niemand glaubt an den plötzlichen Brustkrampf, an welchem Suplikaz, wie die Standrechtsblätter sagen, gestorben sein soll. Zu alledem kommt eine große Schaar von Flüchtlingen, welche seit einigen Tagen aus den von den kais. Truppen besetzten Städten hiehereilen, und welche großentheils aus kais. gesinnten ungarischen Beamten bestehen. Warum fliehen sie, fragt man, wenn die Armee auf allen Punkten so siegreich vorschreitet? Die Aufwiegelung der Slowakei wird jetzt von einem neuen kais. Abentheurer betrieben, scheint indessen auch nicht nach Wunsch zu gehen. Der Korrespondent berichtet darüber: „Göding, 1. Jan. Der seit der September-Invasion in der Slowakei rühmlich bekannte Janecek, seines kriegerischen Talentes wegen allgemein Ziska genannt, steht neuerdings mit einer Mannschaft von 1300 Bauern bei Miawa und Werbowce, und ruft die tapferen Vaterlandssöhne auf, sich ihm anzuschließen und in dem Kampfe gegen die Magyaren ehrenvollen Antheil zu nehmen. Obwohl er bis jetzt nicht vorgerückt ist, hat er doch den Magyaren durch Wegnahme einer beträchtlichen, für die Rebellen bestimmten Zahl Pferde, Wägen, Leder, Tuch u. s. f. fühlbaren Schaden zugefügt.“ Man verbreitet heute folgende Nachricht: „Neuesten Nachrichten aus Ungarn zufolge hat das Bombardement von Ofen sogleich begonnen, als Fürst Windischgrätz die mit mehreren Uebergabsbedingungen an ihn aus beiden Städten abgeschickte Deputation abgewiesen, und unbedingte Uebergabe beider Städte gefordert hatte. Das Bombardement erstreckte sich jedoch nur auf Ofen und dauerte nur 4 Stunden, worauf es in Folge einer abermals erschienenen Deputation vorläufig eingestellt wurde. Das weitere Resultat über diese Deputation ist nicht bekannt, doch soviel ist gewiß, daß der größte Theil des Bürgerstandes und auch der übrigen Bevölkerung für die Uebergabe beider Städte gestimmt ist, hieran jedoch bisher durch zahlreiche Haufen von Mobilgarden und bewaffneten Proletariern gehindert wurde. Eine große Anzahl der Revolutionsleiter soll aus Pesth geflohen, Kossuth jedoch bewacht sein. Danach soll sich auch Pulzky bereits nach Breslau geflüchtet haben, Kossuth aber soll sich vor dem Andringen der kais. Truppen nach Debreczin geflüchtet, und die heil. Stephanskrone sammt den Reichskleinodien mitgenommen haben. Allmählig verlassen die ungarischen Insurgentenanführer das „siegreiche“ Lager der Honved. Auch Oberst Kiß hat sich, sichern Nachrichten zufolge, über Krakau ins Preußische geflüchtet. Der Zweck, weshalb solche Nachrichten verbreitet werden, ist nur zu klar und spricht sich in folgender Behauptung des Fremdenblattes sehr deutlich aus: „Das Haus Rothschild soll der östr. Regierung wegen Uebernahme eines Theiles des neuen Anlehens von 80 Mill. bereits Anträge gemacht haben.“ Endlich werden Sie mit Rücksicht auf das Gesagte auch folgende Versicherung der Frau Sophie zu würdigen wissen: „Olmütz, 4. Jan. Briefe aus Babolna melden, daß das Hauptquartier des Fürsten Windischgrätz am 31. v. M. noch daselbst war. Sie sagen: von Fanatismus im Volke haben wir bisher keine Spur gesehen, eben so wenig bei den gefangenen Soldaten. Die angebliche üble Stimmung in den besetzten Städten und Ortschaften verschwindet immer mehr bei der Nachricht unserer Siege.“ 121 Wien, 6. Jan. Aus dem Proteste, welchen Stadion im Tone eines berittenen Kommandeurs im Namen des Gesammtministeriums am 4. in Kremsier wider §. 1 der Grundrechte erhob, und welchen der Reichstag, indem er auf den Antrag der Kreatur Szabel die Berathung bis zum 8. verschob, mit bebendem Stillschweigen anhörte, dürften insbesondere folgende Worte zu beachten sein: „Unter dem Banner dieser Theorie (d. h. der absoluten Volkssouveränetät), die nach dem vorliegenden Kommissionsantrage an die Spitze der Verfassung gestellt werden soll, wurden die Gesetze verletzt (Schmerlings), den Vollzugsorgane offener Widerstand entgegensetzt, unter ihrem Banner wurden die Begriffe der Menge verwirrt, die Straßen zum Schauplatze wilder Ausschweifungen gemacht, wurde das Blut des edlen Grafen Latour vergossen. Das Recht der Krone darf von dieser hohen Versammlung nicht in Frage gestellt werden; eine solche Sendung lag nicht in der Berechtigung der Wähler.“ Wie es heißt, wird der Reichstag sich beeilen, den §. 1 zurückzuziehen, sonst … ja sonst ruft Stadion die That von seinem Gedanken herbei. Ein furchtsam serviler Hund, das ist der Reichstag in Kremsier. In Wien beschloß z. B. mit Majorität, daß die Stadt Tarnow in Galizien den Reichstag mit noch einem Abgeordneten beschicke; die Stadt wählt dazu den Polen Wapusa, einen freisinnigen Mann, aber Stadion protestirt gegen dessen Eintritt, indem Tarnow nicht das Recht habe, zwei Abgeordnete zu wählen. Was thut der servile Hans Jörg? Er kassirt nach dem Antrage Stadions seinen frühern Beschluß und sendet den Wapusa wieder heim. Wäre Wapusa eine Kanaille von 1846 gewesen, Stadion würde für die Wahl gesprochen haben. Die akademische Legion von Brünn hat sich aufgelöst, um nicht mit Gewalt aufgelöst zu werden. — Im hiesigen Militärspitale sind Cholerafälle vorgekommen. — Unsere Universität scheint ganz einzugehen; es darf sich kein nicht nach Wien zuständiger Student in Folge dessen hier aufhalten. „Die neuen verschärften militärischen Maßregeln, sagt das Fremdenblatt, sollen durch eine von Frankfurt an das hiesige Ministerium gelangte Mittheilung, daß hier noch immer demokratische Vereine bestünden, veranlaßt worden sein.“ Das diesjährige Defizit der Stadt Wien stellt sich auf 1,337,451 fl. C.-M Der Gemeinderath verwendet die ihm für die Freiheitskämpfer aus Amerika zugekommenen Summen zur Anfertigung von 5000 Hemden und 5000 Unterhosen für das kais. Militär!! Die Amerikaner sollten ihr Geld zurückfordern lassen. Ihr Geschäftsträger sollte es von selbst thun. Ich habe Ihnen neulich Borkowski's Rede wider die Bewilligung der 80 Mill. mitgetheilt, derselbe muthige Pole hat nunmehr auch gegen den Beschluß der Bewilligung protestirt, wofür ihn die Standrechtsblätter heute mit dem boshaftesten Geifer überschütten. Der Hofrath Werner, ein Kroatier, die Metternich zu allen geheimen Diensten gebrauchte und der namentlich dazu verwendet wurde, das Potsdamer Kabinet zur Auflösung des 1846 nach Berlin berufenen Vereinigten Landtags zu veranlassen, ist Unterstaatssekreeär im Auswärtigen geworden. Der Ministerpräsident Schwarzenberg will den frühern „Oestr. Beobachter“ wieder ins Leben rufen, und zwar durch eine aristokratische Aktiengesellschaft, die Aktie zu 1000 fl. C.-M. Die Diebstähle mehren sich namentlich in den Vorstädten außerordentlich und Raubanfälle sind auf den Glacis nichts Seltenes. — Wie ich nachträglich zum Gestrigen noch bemerken muß, hatte man die beiden verurtheilten Spione Pova und Padovani, absichtlich nach der Grenzfestung Theresienstadt gebracht, um die Entweichung zu erleichtern. — In den Provinzen ist die Zwanzigernoth noch größer, als hier; die Kaufleute machen dort Papierzwanziger und Zehner, um wechseln zu können. Das wird einst eine schöne Sauce werden, wenn dazu noch die von Kossuth angefertigten ungarischen Noten kommen. 14 Wien, 6. Januar. Die Erbärmlichkeit des Czechenthums wird immer großartiger. Die Slovanska Lipa von Prag will die alten Hussitenzeiten wieder heraufbeschwören und gleicht darin der Frankfurter Gesellschaft mit ihrem Kaiser aus dem Kyffhäuser. In der Neujahrsnacht feierte diese Slovanska Lipa auf der Sophieninsel eine Beseda, auf welcher sich die Herren Czechen wie die Urbären benommen haben sollen. Für denjenigen, welcher, wie ich, Prag aus persönlichem Aufenthalte kennt, wird dies s. g. slavisch-demokratische Verhalten um so lächerlicher, als eben dasselbe Prag seiner Wesenheit nach deutsch ist, und von dort das Czechenthum als eine besondere Volksmacht erst neuerdings gleichsam erfunden hat. Sämmtliche Herren Czechen sprechen in der Regel besser deutsch, als czechisch, wovon man sich à l'evidence schon im Reichstag überzeugen kann. Die meisten dieser Herren sind weiter nichts, als Kreaturen à la Palaky und Rieger, die sich mit antideutschem Insektengifte auffüllen, und nichts können, als dem Absolutismus in die Hände arbeiten. — Ein gewisser Leitenberger richtete an die Slovanska Lipa eine Adresse von wegen eines Anschlusses an den deutschen Zollverein. Leitenberger kennt kein czechisch, darum beschließt diese sich demokratisch nennende Slovanska Lipa, ihm auf czechisch, und nur auf czechisch zu antworten! Da das Ministerium nicht den Muth besitzt, eine direkte Polemik wider Preußen zu eröffnen, so schickt es unaufhörlich Aufsätze in auswärtige Blätter, namentlich in die englischen, und bringt sie dann in seinen offiziellen Organen als auswärtige Ueberzeugungen. Sie sollen viel Geld kosten diese Ueberzeugungen, von denen „The Times“ vom 20. Dez.: ein starkes Müsterchen enthalten. 121 Wien, 7. Jan. Die Wiener Zeitung von heute bringt Ihnen ein 11tes Armeebülletin, welches gestern Abend ausgegeben wurde. Dasselbe wird für ebenso bedeutungslos gehalten, wie das vorhergehende; man sieht's ihm an der Stirn an, daß es darauf berechnet ist, an der Börse und im Auslande Wunder zu wirken. Die Magyaren sind immer an Streitkräfte überlegen (eine Lüge, da Windischgrätz 90,000 Mann hat), ziehen sich jedoch stets rasch und ohne Gefecht zurück und schicken Unterwerfungs-Deputationen. „Es wurde ihr ganz lakonisch bedeutet u. s. w.“ entlockte den Lesern des Bülletins überall ein unwillkürliches Lächeln. — Wenn Windischgrätz vordringt, so dringt er nur unter furchtbaren Verlusten und nach den hartnäckigsten Kämpfen vor. Daß er aber seine Einbußen und Niederlagen verschweigt, ist natürlich. Schon Italiens und der 80 Millionen wegen muß er's thun. Obschon die Presse unter standrechtlicher Drohung angewiesen ist, jedes nachtheilige Gerücht zu verschweigen und dafür um so mehr günstige zu verbreiten, so lassen sich die vollständigen Schlappen, welche die Armee sammt den auffanatisirten Natiönchen im Süden erhalten, doch nicht verbergen. Die serbischen Horden unter Suplikaz sind am 18. Dez. bei Jankowac gänzlich vernichtet worden; es ist eine Lüge, daß Suplikaz in Pancsowa am Brustkrampf plötzlich gestorben ist; er ist vielmehr mit niedergemacht worden.

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Die angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe: Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie. Bd. 2 (Nummer 184 bis Nummer 301) Köln, 1. Januar 1849 bis 19. Mai 1849. Glashütten im Taunus, Verlag Detlev Auvermann KG 1973.




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Zitationshilfe: Neue Rheinische Zeitung. Nr. 193. Köln, 12. Januar 1849, S. 1044. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_nrhz193_1849/2>, abgerufen am 23.03.2019.