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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 211. Köln, 2. Februar 1849.

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Neue Rheinische Zeitung
Organ der Demokratie.
No 211. Köln, Freitag den 2. Februar 1849.
Uebersicht.

Deutschland. Solingen. (Eine amtliche Berichtigung des Hrn. v. d. Heydt.) Barmen. (Birschel.) Düsseldorf. (Ein schwarz-weißes Abentheuer. -- v. Faldern. -- Verkleidete Gensdarmen.) Jülich. (Wahlbülletin.) Kreuznach. (Wahlbülletin. -- Verurtheilung.) Paderborn (Ein interessantes Aktenstück.) Berlin. (Wahlen zur ersten Kammer. -- Waldeck. -- Milde'sche Staatsgelderverwendung. -- Aus der Kreuzritterin.) Posen. (Wahlen -- Cholera.) Aus dem Kreise Pleschen. (Mobilmachung des 5. Armeecorps.) Landsberg. (Wahlen.) Wien. Preußens Verhältniß zu Oestreich. -- Vorbereitungen zum Empfange Metternich's. -- Die Anleihe. -- Verurtheilungen. -- 18. Bülletin. -- Der telegraphische Leitungsdraht und das Standrecht. -- Eine Niederlage der Kaiserlichen bei Szolech.) Frankfurt. (National-Versammlung.) Darmstadt. (v. Gagern's Proceß gegen Dr. Löhr.) Kassel. (Ministerkrisis beendigt.)

Italien. Florenz. (Die Absendung von 37 Deputirten zur italienischen Constituante beschlossen. -- Der Volkszirkel und die Schweizersöldlinge.) Neapel. (Revolutionäre Symptome.) Rom (Die Revolution marschirt.) Mantua. (Kein Abgeordneter zum östreichischen Landtag.)

Schweiz. Bern. (Eine Erfindung des Professor Gerber:) Zürich. (Die Güter des Klosters Rheinau.) Neuenburg. (Chambrier und Calame nicht verhaftet.)

Französische Republik. Paris. (Die Association in Paris. -- Changarnier und Aladenize -- Gensdarmen im Palais Royal -- Club der Montagnards. -- Heinrich V. -- Vermischtes. -- National-Versammlung).

Belgien. Brüssel. (Demokr.-social. Bankett).

Großbritannien. London (Julian Harney über die armen Kinder zu Tooting -- Die Vancouvers Insel im stillen Ocean).

Donaufürstenthümer. Bukarest. (Russische Wirthschaft).

Amerika. New-Yor. (Kosten der Regierung in der Union. -- Vergleich mit Deutschland).

Deutschland.
18 Solingen, 31. Jan.

Sie erinnern sich, daß vor einiger Zeit die Börsennachrichten der Ostsee mittheilten, der Parlaments-Korrespondenz sei portofreie Beförderung auf den preußischen Posten zugestanden, und daß der Handelsminister v. d. Heydt diese Mittheilung als gänzlich aus der Luft gegriffen, amtlich wiederlegt hat. Nun ist es wirklich der Fall gewesen, daß besagte Korrespondenz bis vor Kurzem Seitens der Redaktion den Interessenten sous bande franco übermacht werden; erst in neuerer Zeit haben die Herren Meusebach-Harkort angefangen, diese unnütze Ausgabe zu sparen und durch einen Kniff ihr sauberes Machwerk ohne Kosten zu verbreiten. Hören Sie, wie dies angefangen. Daß natürlich die Postbehörde dabei mit unter der Decke steckt, liegt auf der Hand. Bei einem Freunde, einem eifrigen Verehrer dieser Lekture, der dieselbe früher ebenfalls franco erhielt, hatte ich Gelegenheit, ein Exemplar derselben nebst folgendem Begleitschreiben zu Gesichte zu bekommen:

"Das unterzeichnete Comptoir benachrichtigt, daß die Parlaments-Korrespondenz ein Zeitungsdebits-Gegenstand ist. Das beifolgende Kreuzcouvert, wofür die Gebühr zur Kasse bezahlt worden ist, war beim Herausgeber unmittelbar bestellt worden, und um die Ueberkunft desto schneller bewirken zu können, hat das Hohe General-Postamt genehmigt, die Beförderung als einen Zeitungsgegenstand bewirken zu können. An Gebühr ist nichts zu entrichten, vielmehr wird die pünktlichste Weiterbeförderung angelegentlichst empfohlen.

Berlin, den 13. Jan. 1849.

Königl. Zeitungs-Comptoir.

Die aufmerksamste Recherche in dem Zeitungs-Preiscourante des Generalpostamtes, so wie in den dazu gelieferten Nachträgen bestätigt diese Angaben nicht, vielmehr weigern sich die Postanstalten Bestellungen auf diese Korrespondenz anzunehmen.

Entweder handelt nun das kgl. Zeitungs-Comptoir eigenmächtig in der Art und Weise. wie es diese Korrespondenz expedirt, ohne Vorwissen des Generalpostmeisters und des Hrn. v. d. Heydt und dann müssen diese Herren es Ihnen Dank wissen, daß Sie dieselben hierauf aufmerksam machen oder es thut dieses mit Genehmigung derselben. Dann wissen Sie, was Sie von den amtlichen Berichtigungen des Hrn. v. Heydt zu halten haben.

X Barmen, 31. Januar.

In ihrer heutigen Zeitung befindet sich ein Abdruck einer von Mettmann aus an den hiesigen "Zweiwochendemokraten" J. W. Birschel gerichteten Adresse, worin demselben der Dank für sein kürzliches Auftreten als Vorsitzer des Steuerreformvereins ausgesprochen wird. Da nun wahrscheinlich das hiesige Lokalblättchen in Mettmann nicht gelesen wird, und es den Absendern jener Adresse doch interessant sein dürfte, die neueste volksthümliche Handlung des Herrn B. zu erfahren, so theile ich sie hierdurch mit: Herr B. erklärte nämlich zur unendlichen Belustigug der hiesigen Heulerschaft, zur öffentlichen Charakteristik seiner Reformbestrebungen, daß er, da der Reformverein die Politik ebenfalls zum Gegenstand seiner Diskussionen mache, sich nicht mehr zum Mitglied desselben bekennen könne!!

O logisch-wundervolle Ansicht! Also Steuerreform und Politik ist bei dem Herrn B. zweierlei, oder besser gesagt, Steuerreform gehört in's Bereich der Naturwissenschaft!

Man kann sich jetzt kaum, wenn man nicht lange Zeit unter hiesigen frömmelnden, klüngelnden und heulenden Bourgeois gelebt hat, deren freudiges Naserümpfen und nachbarlich-pietistisches Kopfnicken vorstellen, wenn sie den Triumph ihrer geheimen Intriguen und ihrer gemeinsamen Bündelei feiern. -- Ein ehemaliger Bäcker hierselbst, der jetzt von der gottbegnadeten Missionsgesellschaft ein ansehnliches Gehalt bezieht und der neulich beim Erscheinen des B.'schen Aufrufs mit melancholisch-verdrießlicher Miene einherzog und weit und breit seinen Jammer über solche Wühlerei ausheulte, der schleicht jetzt mit gefaltenen Händen von einem Gleichgesinnten zum Andern, um seine Freude über die Reue des Herrn B. auszusprechen.

Z Düsseldorf, 28. Jan.

Halbwegs von hier und Elberfeld liegt an der Eisenbahn, da, wo sie den Berg hinauf läuft, das große Kirchdorf Erkrath, nahe den berühmten Neandershöhlen. Hier beginnt das eigentliche bergische Land und sowie der Boden dem am Rheine unähnlich zu werden beginnt, so auch die Meinungen und Ansichten des Volkes. Erkrath, ein wichtiger Vorposten des fürchterlichen Wupperthales, war bis dahin verschlossen gegen alle liberalen Ideen. Dieser Vorposten mußte von unserer Opposition genommen werden, und dies gelang den Führern derselben im ersten Anlauf, den sie an Ort und Stelle in einer Volksversammlung gegen die Schwarzweißen ausführten. Somit hätten wir die Spitze eines Keiles in das Land der Berge geschlagen, der hoffentlich noch weiter hineindringen wird. -- Dies aber verdroß die hiesigen Constitutionellen über die Maßen, und sie beschlossen, das Vorwerk wieder zu nehmen. Am verflossenen Sonntage also begaben sich mit demselben Zuge, welcher uns nach Vohwinkel, der nächsten Station vor Elberfeld zu einer Volksversammlung brachte, unsere Herren Constitutionellen, die Herren Doktoren, Professoren, auch viele höhere Offiziere in Uniform nach Erkrath um Volksversammlung zu halten. Aber es dauerte nicht lange, als sich eine Masse Jung und Alt vor dem Sitzungslokale versammelte und ein sehr unangenehmes Geschrei und Gepfeife vollführte. Dieses zu beschwichtigen, griffen die Constitutionellen zu einem bei ihnen sehr beliebten Mittel, zu dem der Bestechung. Es erschien sofort ein Offizier bei der hoffnungsvollen Jugend und dem versammelten souveränen Volke, und theilte den Buben Geldmünzen aus. Dann aber begann der Lärm desto ärger, denn die Jungen hofften vielleicht dadurch noch mehr zu erhalten. Indessen wichen die Schwarzweißen der Stimme des Volkes noch nicht. Da erinnerten sich die Dorfbewohner, wie einmal in älterer Zeit in der ehrwürdigen Stadt Hameln ein Mann durch Getöse die unzähligen Ratten aus den Gassen hinter sich her lockte, so daß die Stadt von Stund an von dem Ungeziefer befreiet war, welche Historie zum ewigen Andenken noch heute an einem der Thore jener Stadt ausgehauen zu sehen ist. Also auch beschlossen die Erkrather ihren Ort von den ungebetenen Gästen zu befreien.

Sie gingen heim und holten mancherlei schrillklingende Instrumente, ja man will behaupten es wäre keine Kuchenpfanne des Ortes unthätig geblieben, und vollführten eine so gräßliche Katzenmusik, daß selbst die Ohren eines T. -- sich davor gefürchtet haben müßten. Nun hielten die Schwarzweißen nicht länger Stand, ihre Schlachtordnung wankte, die Linie wich, sie zogen sich zurück, und zwar mit dem Feinde auf dem Nacken, immer schneller, bis ihr Rückzug in wörtlich regellose Flucht sich auflöste. Zwar deckte der Konstabler des Ortes mit gezogenem Schwerte den Rückzug, aber auch er, der Tapferste der Tapfern, mußte Fersengeld geben. So ward der Ort befreit.

Hier am Platze hat uns die v. Faldern'sche Geschichte köstlich amüsirt. Er hat zwar unsere Sitzungen nicht weiter gestört, allein die Oberprokuratur breitet ihre Schwingen über den Polizeimann. Man citirt ein vorsündfluthliches Gesetz -- obgleich ein allgemeines Gesetz vom vorigen Frühjahre alle frühern dahin bezüglichen außer Kraft setzt; weiß das Hr. v. Ammon vielleicht nicht? -- vom Jahre 1807, wonach der Polizei das Recht zusteht in die Räume öffentlicher Wirthshäuser zu dringen. (Also auch in vermiethete, oder in die Schlafzimmer der Hausfrauen?) -- Wir haben in der That jetzt viele Gesetze in Preußen, multa, sed non multum. -- Die Wahlen für die erste Kammer hierorts sind den unzähligen Machinationen gegenüber noch leidlich ausgefallen: von 8 Wahlmännern 2 Oppositionnelle, 5 Schwarzweiße und 1 Schwankender. -- Man erwartet als hiesigen Regierungspräsidenten den Bruder des Ministers Camphausen an Stelle v. Möllers. -- A propos; bei den neulichen Aufläufen in v. Faldern's Sachen, will man unter der Masse von Gensd'armen viele verkleidete Unteroffiziere wiederholt Abends bemerkt haben. Wiederum ein neues Manöver zur Verstärkung der Polizei.

14 Jülich.

Auch hier in unserm kleinen Städtchen sind die Wahlen der Mehrzahl nach oppositionell ausgefallen trotz aller List und allen Versammlungen der Schwarz-weißen und Aristokraten sogar bei verschlossenen Thüren. In dem zweiten Wahlbezirk fielen sämmtliche 8 aristokratische Kandidaten mit Glanz durch, während sie in dem ersten Bezirk mit aller Mühe und allen Umtrieben drei der Ihrigen durchbringen konnten. Nachdem bis 4 Uhr schon 5 Wahlmänner gewählt worden waren, wobei der Herr Wahlkommissar das hohe Vergnügen hatte, durchzufallen, fiel es den Herren ein, daß es wohl besser wäre, die Wahl am folgenden Tage fortzusetzen. Als aber hiergegen die Bürger mit aller Macht protestirten, sahen sie sich genöthigt, dem gesetzlichen Wunsche Folge zu leisten. Doch jetzt wurde von der aristokratischen Partei Unterstützung geholt. Während bei den 6 vorigen Wahlen die Stimmzettel nur die Zahl 250 erreicht hatten, stiegen sie bei der vorletzten Wahl schon bis auf 260 und bei der letzten, der Wahl des Bürgermeisters bis auf 324, trotzdem daß sehr viele Bürger sich schon entfernt hatten. Ein Protest eines Bürgers gegen die Gültigkeit der letzten Wahl, indem Personen mitstimmten, die nicht zum Stimmen berechtigt wären, wurde von dem Vorsitzenden mit ächt preußisch-büreaukratischer Grobheit erwiedert.

132 Kreuznach, 30. Jan.

Die Freude der Geld- und Beamtenaristokratie ist groß. Sie haben ihre Kandidaten zur ersten Kammer durchgesetzt. In Kreuznach waren ungefähr 300 Urwähler. Berechnet man die Masse Beamten, verbunden mit dem Geldsack, so war an ihrem Siege nicht zu zweifeln. Außerdem hatten sich die demokratischen Urwähler gespalten. Die einen wollten aus Grundsatz nicht wählen, weil sie eine erste Kammer nicht anerkennen könnten; die andern brachten dagegen den Nützlichkeitsgrund vor, ein demokratischer Wahlmann sei der beste Protest. Die Büreaukratie und Bourgeoisie, gereizt durch ihre Niederlage bei den Wahlen zur zweiten Kammer, bildeten eine kompakte Masse und setzten ihre drei Kandidaten durch, ein Kleeblatt, welches man nicht besser hätte heraussuchen können. Als die Demokraten es erfuhren, brachen sie in ein homerisches Gelächter aus. -- Die Kluft zwischen Aristokratie (Büreaukraten und Geldmänner) und Demokratie (Mittelstand und Arbeiter) wird immer größer. Wie jene vor den Wahlen kein unsauberes Mittel scheute, sogar Geld und Wein anwandte, so sucht sie sich jetzt durch Arbeitsentziehung zu rächen. -- G. Würmle, der Redakteur des Kreuznacher Demokraten, wurde am 26. Oktober wegen Aufreizung gegen die Obrigkeit zu drei Monaten Gefängniß, und in alle Kosten verurtheilt. Das Urtheil wurde dadurch motivirt, daß die Nationalversammlung vertagt und ihr Beschluß nicht auf dem ordentlichen Wege bekannt gemacht gewesen sei.

Heute Nacht war die ganze Polizei und Gensd'armerie auf den Beinen; außerdem durchzogen Soldaten die Stadt mit "Kugeln im Lauf". Die Häuser der Wahlmänner waren besetzt. Weshalb? Weil man eine Demonstration von Seiten des Volks befürchtete. Es geschah aber -- nichts; die Polizei fand leider keine Arbeit.

Paderborn, 28. Jan.

Die "Westphälische Ztg." hat heute eine Extra-Beilage mit einem merkwürdigen Aktenstück der königl. preuß. Regierung ausgegeben. Es ist ein von der k. Regierung zu Minden an die Landräthe gerichtetes Schreiben und lautet: "Das durch die Verfassungs-Urkunde vom 5. v. M. von Neuem verbürgte Recht der freien Versammlung ist an verschiedenen Orten aus Unkunde oder übler Absicht so gedeutet worden, als ob dadurch die Stellung der Behörden und Corporationen, welche zur Besorgung der öffentlichen Angelegenheiten gesetzlich berufen sind, wesentlich verändert worden sei. Auf Veranlassung einzelner Privatpersonen sind mehr oder minder zahlreiche Zusammenkünfte abgehalten worden, um im Namen des Volks oder einer Gemeinde Beschlüsse zu fassen oder Wünsche auszudrücken. Es liegt am Tage, daß die Behörden einem solchen Treiben nicht ruhig zusehen und am wenigsten demselben durch Ertheilung der Erlaubniß zu solchen ungesetzlichen Unternehmungen oder gar durch Einräumung von Gemeindelokalen -- wie es mitunter geschehen ist -- Vorschub leisten dürfen. Sofern dergleichen Ungehörigkeiten in dem dortigen Kreise vorgekommen oder zu besorgen sein möchten, muß denselben durch geeignete Belehrung entgegengewirkt, und nöthigenfalls mit Nachdruck und Strenge unter Anwendung der gesetzlichen Exekutivmittel dagegen eingeschritten werden. Hiernach sind die Unterbehörden (Magistrate, Amtmänner, Bürgermeister und Vorsteher) Ihres Kreises zu instruiren, zu welchem Zwecke wir die für Ihren Kreis erforderlichen Exemplare dieser Verfügung beifügen. Minden, am 16. Jan. 1849. Königl. Regierung, Abtheilung des Innern. Rüdiger."

X Berlin, 30. Jan.

Man kennt heute das ganze Resultat der gestrigen Urwahlen für die erste Kammer; sie sind hier sämmtlich entschieden reaktionär ausgefallen. Die größere Hälfte der Wahlmänner sind hohe Beamte, Bureaukraten vom reinsten Wasser. Die andere Hälfte Geistliche, Banquiers und Aristokraten der Fabrik und des Comptoirs. Alle miteinander sind mehr oder minder die Geschlagenen des 22., und dieser Umstand beweist am besten, in welchem Verhältniß die zukünftige erste Kammer zur großen Mehrheit des Volkes und zu den eigentlichen Volksvertretern stehen wird. Es stellt sich, sowohl aus den hiesigen Wahlen, so wie aus denen, die man bis jetzt aus der Provinz kennt, immer klarer eine erste Kammer in Aussicht, welche ganz und gar aus Aristokraten jeder Art und aus Bureaukraten zusammengesetzt sein dürfte. Männer wie Bornemann, Grabow würden die äußerste Linke in dieser Versammlung bilden. Diese äußerste Linke aber wird in sehr vielen Fällen und namentlich in den Fragen über Aufhebung der feudalen Vorrechte, Steuergleichheit u. dgl. mehr, nicht die Opposition gegen die etwaigen Vorschläge der Regierung sein; sondern diese Opposition wird auf der äußersten Rechten sitzen und aus den Erkorenen des Junkerparlaments und der Preußenvereine bestehen. Im übrigen ist für die demokratische Partei, wenn es ihr nun einmal nicht gelingen konnte, eine entschiedene liberale Majorität, oder eine imposante Minorität zu erlangen, diese reine reaktionäre Zusammensetzung der ersten Kammer insofern kein Nachtheil als eben jener Tag der unausbleiblichen Entscheidung um so schneller herbeigeführt wird, an dem es sich zeigen wird, ob das preußische Volk in seiner Mehrheit ein Volk ist oder eine Heerde von Schafen, die sich eben geduldig scheeren lassen.

Waldeck's Wahl ist in wenigstens drei der hiesigen Wahlbezirken sicher; dem vierten Bezirke ist er etwas zu gemäßigt. Dagegen kann Jacoby im letztern auf die große Majorität rechnen. Von neuen Kandidaten, die sich en masse melden, haben die wenigsten Aussicht bei den ersten Wahlen durchzukommen, da es gelungen ist, auch den Handwerkern die Ueberzeugung beizubringen, daß die Befriedigung ihrer, auf sociale Reformen gerichteten Wünsche und Bedürfnisse erst nach gründlicher Umgestaltung unserer politischen Zustände, möglich ist. Sie haben daher auch ihre Sondergelüste auf Vertretung durch Mitglieder ihres eigenen Standes aufgegeben.

Ueber die Art und Weise, wie der saubere Herr Baumwollen-Milde aus Breslau als Minister mit den Staatsgeldern gewirthschaftet hat, führt die "N. Pr. Ztg." Folgendes an:

"Wir hören, daß Herr Milde zur Begründung der "deutschen Reform" 40,000 Thaler aus Staatsfonds verbraucht hat; Zinsen und Dividende wird es schwerlich geben, und doch ist das Geld gut angewandt, denn schon Comienz sagte: "Wenn ich keine Opposition hätte, so kaufte ich mir eine."

Beruht diese Angabe auf Wahrheit, so ersieht man daraus, daß zum Verschleudern der Pfennige des Armen nicht gerade 14ahnige Junker (Bodelschwingh und Consorten) gehören, daß vielmehr auch ein ganz hohler, baumwollen-bürgerlicher Bursche, wie jener Bres-

Neue Rheinische Zeitung
Organ der Demokratie.
No 211. Köln, Freitag den 2. Februar 1849.
Uebersicht.

Deutschland. Solingen. (Eine amtliche Berichtigung des Hrn. v. d. Heydt.) Barmen. (Birschel.) Düsseldorf. (Ein schwarz-weißes Abentheuer. — v. Faldern. — Verkleidete Gensdarmen.) Jülich. (Wahlbülletin.) Kreuznach. (Wahlbülletin. — Verurtheilung.) Paderborn (Ein interessantes Aktenstück.) Berlin. (Wahlen zur ersten Kammer. — Waldeck. — Milde'sche Staatsgelderverwendung. — Aus der Kreuzritterin.) Posen. (Wahlen — Cholera.) Aus dem Kreise Pleschen. (Mobilmachung des 5. Armeecorps.) Landsberg. (Wahlen.) Wien. Preußens Verhältniß zu Oestreich. — Vorbereitungen zum Empfange Metternich's. — Die Anleihe. — Verurtheilungen. — 18. Bülletin. — Der telegraphische Leitungsdraht und das Standrecht. — Eine Niederlage der Kaiserlichen bei Szolech.) Frankfurt. (National-Versammlung.) Darmstadt. (v. Gagern's Proceß gegen Dr. Löhr.) Kassel. (Ministerkrisis beendigt.)

Italien. Florenz. (Die Absendung von 37 Deputirten zur italienischen Constituante beschlossen. — Der Volkszirkel und die Schweizersöldlinge.) Neapel. (Revolutionäre Symptome.) Rom (Die Revolution marschirt.) Mantua. (Kein Abgeordneter zum östreichischen Landtag.)

Schweiz. Bern. (Eine Erfindung des Professor Gerber:) Zürich. (Die Güter des Klosters Rheinau.) Neuenburg. (Chambrier und Calame nicht verhaftet.)

Französische Republik. Paris. (Die Association in Paris. — Changarnier und Aladenize — Gensdarmen im Palais Royal — Club der Montagnards. — Heinrich V. — Vermischtes. — National-Versammlung).

Belgien. Brüssel. (Demokr.-social. Bankett).

Großbritannien. London (Julian Harney über die armen Kinder zu Tooting — Die Vancouvers Insel im stillen Ocean).

Donaufürstenthümer. Bukarest. (Russische Wirthschaft).

Amerika. New-Yor. (Kosten der Regierung in der Union. — Vergleich mit Deutschland).

Deutschland.
18 Solingen, 31. Jan.

Sie erinnern sich, daß vor einiger Zeit die Börsennachrichten der Ostsee mittheilten, der Parlaments-Korrespondenz sei portofreie Beförderung auf den preußischen Posten zugestanden, und daß der Handelsminister v. d. Heydt diese Mittheilung als gänzlich aus der Luft gegriffen, amtlich wiederlegt hat. Nun ist es wirklich der Fall gewesen, daß besagte Korrespondenz bis vor Kurzem Seitens der Redaktion den Interessenten sous bande franco übermacht werden; erst in neuerer Zeit haben die Herren Meusebach-Harkort angefangen, diese unnütze Ausgabe zu sparen und durch einen Kniff ihr sauberes Machwerk ohne Kosten zu verbreiten. Hören Sie, wie dies angefangen. Daß natürlich die Postbehörde dabei mit unter der Decke steckt, liegt auf der Hand. Bei einem Freunde, einem eifrigen Verehrer dieser Lekture, der dieselbe früher ebenfalls franco erhielt, hatte ich Gelegenheit, ein Exemplar derselben nebst folgendem Begleitschreiben zu Gesichte zu bekommen:

„Das unterzeichnete Comptoir benachrichtigt, daß die Parlaments-Korrespondenz ein Zeitungsdebits-Gegenstand ist. Das beifolgende Kreuzcouvert, wofür die Gebühr zur Kasse bezahlt worden ist, war beim Herausgeber unmittelbar bestellt worden, und um die Ueberkunft desto schneller bewirken zu können, hat das Hohe General-Postamt genehmigt, die Beförderung als einen Zeitungsgegenstand bewirken zu können. An Gebühr ist nichts zu entrichten, vielmehr wird die pünktlichste Weiterbeförderung angelegentlichst empfohlen.

Berlin, den 13. Jan. 1849.

Königl. Zeitungs-Comptoir.

Die aufmerksamste Recherche in dem Zeitungs-Preiscourante des Generalpostamtes, so wie in den dazu gelieferten Nachträgen bestätigt diese Angaben nicht, vielmehr weigern sich die Postanstalten Bestellungen auf diese Korrespondenz anzunehmen.

Entweder handelt nun das kgl. Zeitungs-Comptoir eigenmächtig in der Art und Weise. wie es diese Korrespondenz expedirt, ohne Vorwissen des Generalpostmeisters und des Hrn. v. d. Heydt und dann müssen diese Herren es Ihnen Dank wissen, daß Sie dieselben hierauf aufmerksam machen oder es thut dieses mit Genehmigung derselben. Dann wissen Sie, was Sie von den amtlichen Berichtigungen des Hrn. v. Heydt zu halten haben.

X Barmen, 31. Januar.

In ihrer heutigen Zeitung befindet sich ein Abdruck einer von Mettmann aus an den hiesigen „Zweiwochendemokraten“ J. W. Birschel gerichteten Adresse, worin demselben der Dank für sein kürzliches Auftreten als Vorsitzer des Steuerreformvereins ausgesprochen wird. Da nun wahrscheinlich das hiesige Lokalblättchen in Mettmann nicht gelesen wird, und es den Absendern jener Adresse doch interessant sein dürfte, die neueste volksthümliche Handlung des Herrn B. zu erfahren, so theile ich sie hierdurch mit: Herr B. erklärte nämlich zur unendlichen Belustigug der hiesigen Heulerschaft, zur öffentlichen Charakteristik seiner Reformbestrebungen, daß er, da der Reformverein die Politik ebenfalls zum Gegenstand seiner Diskussionen mache, sich nicht mehr zum Mitglied desselben bekennen könne!!

O logisch-wundervolle Ansicht! Also Steuerreform und Politik ist bei dem Herrn B. zweierlei, oder besser gesagt, Steuerreform gehört in's Bereich der Naturwissenschaft!

Man kann sich jetzt kaum, wenn man nicht lange Zeit unter hiesigen frömmelnden, klüngelnden und heulenden Bourgeois gelebt hat, deren freudiges Naserümpfen und nachbarlich-pietistisches Kopfnicken vorstellen, wenn sie den Triumph ihrer geheimen Intriguen und ihrer gemeinsamen Bündelei feiern. — Ein ehemaliger Bäcker hierselbst, der jetzt von der gottbegnadeten Missionsgesellschaft ein ansehnliches Gehalt bezieht und der neulich beim Erscheinen des B.'schen Aufrufs mit melancholisch-verdrießlicher Miene einherzog und weit und breit seinen Jammer über solche Wühlerei ausheulte, der schleicht jetzt mit gefaltenen Händen von einem Gleichgesinnten zum Andern, um seine Freude über die Reue des Herrn B. auszusprechen.

Z Düsseldorf, 28. Jan.

Halbwegs von hier und Elberfeld liegt an der Eisenbahn, da, wo sie den Berg hinauf läuft, das große Kirchdorf Erkrath, nahe den berühmten Neandershöhlen. Hier beginnt das eigentliche bergische Land und sowie der Boden dem am Rheine unähnlich zu werden beginnt, so auch die Meinungen und Ansichten des Volkes. Erkrath, ein wichtiger Vorposten des fürchterlichen Wupperthales, war bis dahin verschlossen gegen alle liberalen Ideen. Dieser Vorposten mußte von unserer Opposition genommen werden, und dies gelang den Führern derselben im ersten Anlauf, den sie an Ort und Stelle in einer Volksversammlung gegen die Schwarzweißen ausführten. Somit hätten wir die Spitze eines Keiles in das Land der Berge geschlagen, der hoffentlich noch weiter hineindringen wird. — Dies aber verdroß die hiesigen Constitutionellen über die Maßen, und sie beschlossen, das Vorwerk wieder zu nehmen. Am verflossenen Sonntage also begaben sich mit demselben Zuge, welcher uns nach Vohwinkel, der nächsten Station vor Elberfeld zu einer Volksversammlung brachte, unsere Herren Constitutionellen, die Herren Doktoren, Professoren, auch viele höhere Offiziere in Uniform nach Erkrath um Volksversammlung zu halten. Aber es dauerte nicht lange, als sich eine Masse Jung und Alt vor dem Sitzungslokale versammelte und ein sehr unangenehmes Geschrei und Gepfeife vollführte. Dieses zu beschwichtigen, griffen die Constitutionellen zu einem bei ihnen sehr beliebten Mittel, zu dem der Bestechung. Es erschien sofort ein Offizier bei der hoffnungsvollen Jugend und dem versammelten souveränen Volke, und theilte den Buben Geldmünzen aus. Dann aber begann der Lärm desto ärger, denn die Jungen hofften vielleicht dadurch noch mehr zu erhalten. Indessen wichen die Schwarzweißen der Stimme des Volkes noch nicht. Da erinnerten sich die Dorfbewohner, wie einmal in älterer Zeit in der ehrwürdigen Stadt Hameln ein Mann durch Getöse die unzähligen Ratten aus den Gassen hinter sich her lockte, so daß die Stadt von Stund an von dem Ungeziefer befreiet war, welche Historie zum ewigen Andenken noch heute an einem der Thore jener Stadt ausgehauen zu sehen ist. Also auch beschlossen die Erkrather ihren Ort von den ungebetenen Gästen zu befreien.

Sie gingen heim und holten mancherlei schrillklingende Instrumente, ja man will behaupten es wäre keine Kuchenpfanne des Ortes unthätig geblieben, und vollführten eine so gräßliche Katzenmusik, daß selbst die Ohren eines T. — sich davor gefürchtet haben müßten. Nun hielten die Schwarzweißen nicht länger Stand, ihre Schlachtordnung wankte, die Linie wich, sie zogen sich zurück, und zwar mit dem Feinde auf dem Nacken, immer schneller, bis ihr Rückzug in wörtlich regellose Flucht sich auflöste. Zwar deckte der Konstabler des Ortes mit gezogenem Schwerte den Rückzug, aber auch er, der Tapferste der Tapfern, mußte Fersengeld geben. So ward der Ort befreit.

Hier am Platze hat uns die v. Faldern'sche Geschichte köstlich amüsirt. Er hat zwar unsere Sitzungen nicht weiter gestört, allein die Oberprokuratur breitet ihre Schwingen über den Polizeimann. Man citirt ein vorsündfluthliches Gesetz — obgleich ein allgemeines Gesetz vom vorigen Frühjahre alle frühern dahin bezüglichen außer Kraft setzt; weiß das Hr. v. Ammon vielleicht nicht? — vom Jahre 1807, wonach der Polizei das Recht zusteht in die Räume öffentlicher Wirthshäuser zu dringen. (Also auch in vermiethete, oder in die Schlafzimmer der Hausfrauen?) — Wir haben in der That jetzt viele Gesetze in Preußen, multa, sed non multum. — Die Wahlen für die erste Kammer hierorts sind den unzähligen Machinationen gegenüber noch leidlich ausgefallen: von 8 Wahlmännern 2 Oppositionnelle, 5 Schwarzweiße und 1 Schwankender. — Man erwartet als hiesigen Regierungspräsidenten den Bruder des Ministers Camphausen an Stelle v. Möllers. — A propos; bei den neulichen Aufläufen in v. Faldern's Sachen, will man unter der Masse von Gensd'armen viele verkleidete Unteroffiziere wiederholt Abends bemerkt haben. Wiederum ein neues Manöver zur Verstärkung der Polizei.

14 Jülich.

Auch hier in unserm kleinen Städtchen sind die Wahlen der Mehrzahl nach oppositionell ausgefallen trotz aller List und allen Versammlungen der Schwarz-weißen und Aristokraten sogar bei verschlossenen Thüren. In dem zweiten Wahlbezirk fielen sämmtliche 8 aristokratische Kandidaten mit Glanz durch, während sie in dem ersten Bezirk mit aller Mühe und allen Umtrieben drei der Ihrigen durchbringen konnten. Nachdem bis 4 Uhr schon 5 Wahlmänner gewählt worden waren, wobei der Herr Wahlkommissar das hohe Vergnügen hatte, durchzufallen, fiel es den Herren ein, daß es wohl besser wäre, die Wahl am folgenden Tage fortzusetzen. Als aber hiergegen die Bürger mit aller Macht protestirten, sahen sie sich genöthigt, dem gesetzlichen Wunsche Folge zu leisten. Doch jetzt wurde von der aristokratischen Partei Unterstützung geholt. Während bei den 6 vorigen Wahlen die Stimmzettel nur die Zahl 250 erreicht hatten, stiegen sie bei der vorletzten Wahl schon bis auf 260 und bei der letzten, der Wahl des Bürgermeisters bis auf 324, trotzdem daß sehr viele Bürger sich schon entfernt hatten. Ein Protest eines Bürgers gegen die Gültigkeit der letzten Wahl, indem Personen mitstimmten, die nicht zum Stimmen berechtigt wären, wurde von dem Vorsitzenden mit ächt preußisch-büreaukratischer Grobheit erwiedert.

132 Kreuznach, 30. Jan.

Die Freude der Geld- und Beamtenaristokratie ist groß. Sie haben ihre Kandidaten zur ersten Kammer durchgesetzt. In Kreuznach waren ungefähr 300 Urwähler. Berechnet man die Masse Beamten, verbunden mit dem Geldsack, so war an ihrem Siege nicht zu zweifeln. Außerdem hatten sich die demokratischen Urwähler gespalten. Die einen wollten aus Grundsatz nicht wählen, weil sie eine erste Kammer nicht anerkennen könnten; die andern brachten dagegen den Nützlichkeitsgrund vor, ein demokratischer Wahlmann sei der beste Protest. Die Büreaukratie und Bourgeoisie, gereizt durch ihre Niederlage bei den Wahlen zur zweiten Kammer, bildeten eine kompakte Masse und setzten ihre drei Kandidaten durch, ein Kleeblatt, welches man nicht besser hätte heraussuchen können. Als die Demokraten es erfuhren, brachen sie in ein homerisches Gelächter aus. — Die Kluft zwischen Aristokratie (Büreaukraten und Geldmänner) und Demokratie (Mittelstand und Arbeiter) wird immer größer. Wie jene vor den Wahlen kein unsauberes Mittel scheute, sogar Geld und Wein anwandte, so sucht sie sich jetzt durch Arbeitsentziehung zu rächen. — G. Würmle, der Redakteur des Kreuznacher Demokraten, wurde am 26. Oktober wegen Aufreizung gegen die Obrigkeit zu drei Monaten Gefängniß, und in alle Kosten verurtheilt. Das Urtheil wurde dadurch motivirt, daß die Nationalversammlung vertagt und ihr Beschluß nicht auf dem ordentlichen Wege bekannt gemacht gewesen sei.

Heute Nacht war die ganze Polizei und Gensd'armerie auf den Beinen; außerdem durchzogen Soldaten die Stadt mit „Kugeln im Lauf“. Die Häuser der Wahlmänner waren besetzt. Weshalb? Weil man eine Demonstration von Seiten des Volks befürchtete. Es geschah aber — nichts; die Polizei fand leider keine Arbeit.

Paderborn, 28. Jan.

Die „Westphälische Ztg.“ hat heute eine Extra-Beilage mit einem merkwürdigen Aktenstück der königl. preuß. Regierung ausgegeben. Es ist ein von der k. Regierung zu Minden an die Landräthe gerichtetes Schreiben und lautet: „Das durch die Verfassungs-Urkunde vom 5. v. M. von Neuem verbürgte Recht der freien Versammlung ist an verschiedenen Orten aus Unkunde oder übler Absicht so gedeutet worden, als ob dadurch die Stellung der Behörden und Corporationen, welche zur Besorgung der öffentlichen Angelegenheiten gesetzlich berufen sind, wesentlich verändert worden sei. Auf Veranlassung einzelner Privatpersonen sind mehr oder minder zahlreiche Zusammenkünfte abgehalten worden, um im Namen des Volks oder einer Gemeinde Beschlüsse zu fassen oder Wünsche auszudrücken. Es liegt am Tage, daß die Behörden einem solchen Treiben nicht ruhig zusehen und am wenigsten demselben durch Ertheilung der Erlaubniß zu solchen ungesetzlichen Unternehmungen oder gar durch Einräumung von Gemeindelokalen — wie es mitunter geschehen ist — Vorschub leisten dürfen. Sofern dergleichen Ungehörigkeiten in dem dortigen Kreise vorgekommen oder zu besorgen sein möchten, muß denselben durch geeignete Belehrung entgegengewirkt, und nöthigenfalls mit Nachdruck und Strenge unter Anwendung der gesetzlichen Exekutivmittel dagegen eingeschritten werden. Hiernach sind die Unterbehörden (Magistrate, Amtmänner, Bürgermeister und Vorsteher) Ihres Kreises zu instruiren, zu welchem Zwecke wir die für Ihren Kreis erforderlichen Exemplare dieser Verfügung beifügen. Minden, am 16. Jan. 1849. Königl. Regierung, Abtheilung des Innern. Rüdiger.“

X Berlin, 30. Jan.

Man kennt heute das ganze Resultat der gestrigen Urwahlen für die erste Kammer; sie sind hier sämmtlich entschieden reaktionär ausgefallen. Die größere Hälfte der Wahlmänner sind hohe Beamte, Bureaukraten vom reinsten Wasser. Die andere Hälfte Geistliche, Banquiers und Aristokraten der Fabrik und des Comptoirs. Alle miteinander sind mehr oder minder die Geschlagenen des 22., und dieser Umstand beweist am besten, in welchem Verhältniß die zukünftige erste Kammer zur großen Mehrheit des Volkes und zu den eigentlichen Volksvertretern stehen wird. Es stellt sich, sowohl aus den hiesigen Wahlen, so wie aus denen, die man bis jetzt aus der Provinz kennt, immer klarer eine erste Kammer in Aussicht, welche ganz und gar aus Aristokraten jeder Art und aus Bureaukraten zusammengesetzt sein dürfte. Männer wie Bornemann, Grabow würden die äußerste Linke in dieser Versammlung bilden. Diese äußerste Linke aber wird in sehr vielen Fällen und namentlich in den Fragen über Aufhebung der feudalen Vorrechte, Steuergleichheit u. dgl. mehr, nicht die Opposition gegen die etwaigen Vorschläge der Regierung sein; sondern diese Opposition wird auf der äußersten Rechten sitzen und aus den Erkorenen des Junkerparlaments und der Preußenvereine bestehen. Im übrigen ist für die demokratische Partei, wenn es ihr nun einmal nicht gelingen konnte, eine entschiedene liberale Majorität, oder eine imposante Minorität zu erlangen, diese reine reaktionäre Zusammensetzung der ersten Kammer insofern kein Nachtheil als eben jener Tag der unausbleiblichen Entscheidung um so schneller herbeigeführt wird, an dem es sich zeigen wird, ob das preußische Volk in seiner Mehrheit ein Volk ist oder eine Heerde von Schafen, die sich eben geduldig scheeren lassen.

Waldeck's Wahl ist in wenigstens drei der hiesigen Wahlbezirken sicher; dem vierten Bezirke ist er etwas zu gemäßigt. Dagegen kann Jacoby im letztern auf die große Majorität rechnen. Von neuen Kandidaten, die sich en masse melden, haben die wenigsten Aussicht bei den ersten Wahlen durchzukommen, da es gelungen ist, auch den Handwerkern die Ueberzeugung beizubringen, daß die Befriedigung ihrer, auf sociale Reformen gerichteten Wünsche und Bedürfnisse erst nach gründlicher Umgestaltung unserer politischen Zustände, möglich ist. Sie haben daher auch ihre Sondergelüste auf Vertretung durch Mitglieder ihres eigenen Standes aufgegeben.

Ueber die Art und Weise, wie der saubere Herr Baumwollen-Milde aus Breslau als Minister mit den Staatsgeldern gewirthschaftet hat, führt die „N. Pr. Ztg.“ Folgendes an:

„Wir hören, daß Herr Milde zur Begründung der „deutschen Reform“ 40,000 Thaler aus Staatsfonds verbraucht hat; Zinsen und Dividende wird es schwerlich geben, und doch ist das Geld gut angewandt, denn schon Comienz sagte: „Wenn ich keine Opposition hätte, so kaufte ich mir eine.“

Beruht diese Angabe auf Wahrheit, so ersieht man daraus, daß zum Verschleudern der Pfennige des Armen nicht gerade 14ahnige Junker (Bodelschwingh und Consorten) gehören, daß vielmehr auch ein ganz hohler, baumwollen-bürgerlicher Bursche, wie jener Bres-

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        <titlePart type="main">Neue Rheinische Zeitung</titlePart>
        <titlePart type="sub">Organ der Demokratie.</titlePart>
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          <docDate>No 211. Köln, Freitag den 2. Februar 1849.</docDate>
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        <head>Uebersicht.</head>
        <p><hi rendition="#g">Deutschland</hi>. Solingen. (Eine amtliche Berichtigung des Hrn. v. d. Heydt.) Barmen. (Birschel.) Düsseldorf. (Ein schwarz-weißes Abentheuer. &#x2014; v. Faldern. &#x2014; Verkleidete Gensdarmen.) Jülich. (Wahlbülletin.) Kreuznach. (Wahlbülletin. &#x2014; Verurtheilung.) Paderborn (Ein interessantes Aktenstück.) Berlin. (Wahlen zur ersten Kammer. &#x2014; Waldeck. &#x2014; Milde'sche Staatsgelderverwendung. &#x2014; Aus der Kreuzritterin.) Posen. (Wahlen &#x2014; Cholera.) Aus dem Kreise Pleschen. (Mobilmachung des 5. Armeecorps.) Landsberg. (Wahlen.) Wien. Preußens Verhältniß zu Oestreich. &#x2014; Vorbereitungen zum Empfange Metternich's. &#x2014; Die Anleihe. &#x2014; Verurtheilungen. &#x2014; 18. Bülletin. &#x2014; Der telegraphische Leitungsdraht und das Standrecht. &#x2014; Eine Niederlage der Kaiserlichen bei Szolech.) Frankfurt. (National-Versammlung.) Darmstadt. (v. Gagern's Proceß gegen Dr. Löhr.) Kassel. (Ministerkrisis beendigt.)</p>
        <p><hi rendition="#g">Italien</hi>. Florenz. (Die Absendung von 37 Deputirten zur italienischen Constituante beschlossen. &#x2014; Der Volkszirkel und die Schweizersöldlinge.) Neapel. (Revolutionäre Symptome.) Rom (Die Revolution marschirt.) Mantua. (Kein Abgeordneter zum östreichischen Landtag.)</p>
        <p><hi rendition="#g">Schweiz</hi>. Bern. (Eine Erfindung des Professor Gerber:) Zürich. (Die Güter des Klosters Rheinau.) Neuenburg. (Chambrier und Calame nicht verhaftet.)</p>
        <p><hi rendition="#g">Französische Republik</hi>. Paris. (Die Association in Paris. &#x2014; Changarnier und Aladenize &#x2014; Gensdarmen im Palais Royal &#x2014; Club der Montagnards. &#x2014; Heinrich V. &#x2014; Vermischtes. &#x2014; National-Versammlung).</p>
        <p><hi rendition="#g">Belgien</hi>. Brüssel. (Demokr.-social. Bankett).</p>
        <p><hi rendition="#g">Großbritannien</hi>. London (Julian Harney über die armen Kinder zu Tooting &#x2014; Die Vancouvers Insel im stillen Ocean).</p>
        <p><hi rendition="#g">Donaufürstenthümer</hi>. Bukarest. (Russische Wirthschaft).</p>
        <p><hi rendition="#g">Amerika</hi>. New-Yor. (Kosten der Regierung in der Union. &#x2014; Vergleich mit Deutschland).</p>
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        <head>Deutschland.</head>
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          <head><bibl><author>18</author></bibl> Solingen, 31. Jan.</head>
          <p>Sie erinnern sich, daß vor einiger Zeit die Börsennachrichten der Ostsee mittheilten, der Parlaments-Korrespondenz sei portofreie Beförderung auf den preußischen Posten zugestanden, und daß der Handelsminister v. d. Heydt diese Mittheilung als gänzlich aus der Luft gegriffen, amtlich wiederlegt hat. Nun ist es wirklich der Fall gewesen, daß besagte Korrespondenz bis vor Kurzem Seitens der Redaktion den Interessenten sous bande franco übermacht werden; erst in neuerer Zeit haben die Herren Meusebach-Harkort angefangen, diese unnütze Ausgabe zu sparen und durch einen Kniff ihr sauberes Machwerk ohne Kosten zu verbreiten. Hören Sie, wie dies angefangen. Daß natürlich die Postbehörde dabei mit unter der Decke steckt, liegt auf der Hand. Bei einem Freunde, einem eifrigen Verehrer dieser Lekture, der dieselbe früher ebenfalls franco erhielt, hatte ich Gelegenheit, ein Exemplar derselben nebst folgendem Begleitschreiben zu Gesichte zu bekommen:</p>
          <p rendition="#et">&#x201E;Das unterzeichnete Comptoir benachrichtigt, daß die Parlaments-Korrespondenz ein Zeitungsdebits-Gegenstand ist. Das beifolgende Kreuzcouvert, wofür die Gebühr zur Kasse bezahlt worden ist, war beim Herausgeber unmittelbar bestellt worden, und um die Ueberkunft desto schneller bewirken zu können, hat das Hohe General-Postamt genehmigt, die Beförderung als einen Zeitungsgegenstand bewirken zu können. An Gebühr ist nichts zu entrichten, vielmehr wird die pünktlichste Weiterbeförderung angelegentlichst empfohlen.</p>
          <p>Berlin, den 13. Jan. 1849.</p>
          <p>Königl. Zeitungs-Comptoir.</p>
          <p>Die aufmerksamste Recherche in dem Zeitungs-Preiscourante des Generalpostamtes, so wie in den dazu gelieferten Nachträgen bestätigt diese Angaben nicht, vielmehr weigern sich die Postanstalten Bestellungen auf diese Korrespondenz anzunehmen.</p>
          <p>Entweder handelt nun das kgl. Zeitungs-Comptoir eigenmächtig in der Art und Weise. wie es diese Korrespondenz expedirt, ohne Vorwissen des Generalpostmeisters und des Hrn. v. d. Heydt und dann müssen diese Herren es Ihnen Dank wissen, daß Sie dieselben hierauf aufmerksam machen oder es thut dieses mit Genehmigung derselben. Dann wissen Sie, was Sie von den amtlichen Berichtigungen des Hrn. v. Heydt zu halten haben.</p>
        </div>
        <div xml:id="ar211_002" type="jArticle">
          <head><bibl><author>X</author></bibl> Barmen, 31. Januar.</head>
          <p>In ihrer heutigen Zeitung befindet sich ein Abdruck einer von Mettmann aus an den hiesigen &#x201E;Zweiwochendemokraten&#x201C; J. W. Birschel gerichteten Adresse, worin demselben der Dank für sein kürzliches Auftreten als Vorsitzer des Steuerreformvereins ausgesprochen wird. Da nun wahrscheinlich das hiesige Lokalblättchen in Mettmann nicht gelesen wird, und es den Absendern jener Adresse doch interessant sein dürfte, die neueste volksthümliche Handlung des Herrn B. zu erfahren, so theile ich sie hierdurch mit: Herr B. erklärte nämlich zur unendlichen Belustigug der hiesigen Heulerschaft, zur öffentlichen Charakteristik seiner Reformbestrebungen, daß er, da der Reformverein die Politik ebenfalls zum Gegenstand seiner Diskussionen mache, sich nicht mehr zum Mitglied desselben bekennen könne!!</p>
          <p>O logisch-wundervolle Ansicht! Also Steuerreform und Politik ist bei dem Herrn B. zweierlei, oder besser gesagt, Steuerreform gehört in's Bereich der Naturwissenschaft!</p>
          <p>Man kann sich jetzt kaum, wenn man nicht lange Zeit unter hiesigen frömmelnden, klüngelnden und heulenden Bourgeois gelebt hat, deren freudiges Naserümpfen und nachbarlich-pietistisches Kopfnicken vorstellen, wenn sie den Triumph ihrer geheimen Intriguen und ihrer gemeinsamen Bündelei feiern. &#x2014; Ein ehemaliger Bäcker hierselbst, der jetzt von der gottbegnadeten Missionsgesellschaft ein ansehnliches Gehalt bezieht und der neulich beim Erscheinen des B.'schen Aufrufs mit melancholisch-verdrießlicher Miene einherzog und weit und breit seinen Jammer über solche Wühlerei ausheulte, der schleicht jetzt mit gefaltenen Händen von einem Gleichgesinnten zum Andern, um seine Freude über die Reue des Herrn B. auszusprechen.</p>
        </div>
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          <head><bibl><author>Z</author></bibl> Düsseldorf, 28. Jan.</head>
          <p>Halbwegs von hier und Elberfeld liegt an der Eisenbahn, da, wo sie den Berg hinauf läuft, das große Kirchdorf Erkrath, nahe den berühmten Neandershöhlen. Hier beginnt das eigentliche bergische Land und sowie der Boden dem am Rheine unähnlich zu werden beginnt, so auch die Meinungen und Ansichten des Volkes. Erkrath, ein wichtiger Vorposten des fürchterlichen Wupperthales, war bis dahin verschlossen gegen alle liberalen Ideen. Dieser Vorposten mußte von unserer Opposition genommen werden, und dies gelang den Führern derselben im ersten Anlauf, den sie an Ort und Stelle in einer Volksversammlung gegen die Schwarzweißen ausführten. Somit hätten wir die Spitze eines Keiles in das Land der Berge geschlagen, der hoffentlich noch weiter hineindringen wird. &#x2014; Dies aber verdroß die hiesigen Constitutionellen über die Maßen, und sie beschlossen, das Vorwerk wieder zu nehmen. Am verflossenen Sonntage also begaben sich mit demselben Zuge, welcher uns nach Vohwinkel, der nächsten Station vor Elberfeld zu einer Volksversammlung brachte, unsere Herren Constitutionellen, die Herren Doktoren, Professoren, auch viele höhere Offiziere in Uniform nach Erkrath um Volksversammlung zu halten. Aber es dauerte nicht lange, als sich eine Masse Jung und Alt vor dem Sitzungslokale versammelte und ein sehr unangenehmes Geschrei und Gepfeife vollführte. Dieses zu beschwichtigen, griffen die Constitutionellen zu einem bei ihnen sehr beliebten Mittel, zu dem der Bestechung. Es erschien sofort ein Offizier bei der hoffnungsvollen Jugend und dem versammelten souveränen Volke, und theilte den Buben Geldmünzen aus. Dann aber begann der Lärm desto ärger, denn die Jungen hofften vielleicht dadurch noch mehr zu erhalten. Indessen wichen die Schwarzweißen der Stimme des Volkes noch nicht. Da erinnerten sich die Dorfbewohner, wie einmal in älterer Zeit in der ehrwürdigen Stadt Hameln ein Mann durch Getöse die unzähligen Ratten aus den Gassen hinter sich her lockte, so daß die Stadt von Stund an von dem Ungeziefer befreiet war, welche Historie zum ewigen Andenken noch heute an einem der Thore jener Stadt ausgehauen zu sehen ist. Also auch beschlossen die Erkrather ihren Ort von den ungebetenen Gästen zu befreien.</p>
          <p>Sie gingen heim und holten mancherlei schrillklingende Instrumente, ja man will behaupten es wäre keine Kuchenpfanne des Ortes unthätig geblieben, und vollführten eine so gräßliche Katzenmusik, daß selbst die Ohren eines T. &#x2014; sich davor gefürchtet haben müßten. Nun hielten die Schwarzweißen nicht länger Stand, ihre Schlachtordnung wankte, die Linie wich, sie zogen sich zurück, und zwar mit dem Feinde auf dem Nacken, immer schneller, bis ihr Rückzug in wörtlich regellose Flucht sich auflöste. Zwar deckte der Konstabler des Ortes mit gezogenem Schwerte den Rückzug, aber auch er, der Tapferste der Tapfern, mußte Fersengeld geben. So ward der Ort befreit.</p>
          <p>Hier am Platze hat uns die v. Faldern'sche Geschichte köstlich amüsirt. Er hat zwar unsere Sitzungen nicht weiter gestört, allein die Oberprokuratur breitet ihre Schwingen über den Polizeimann. Man citirt ein vorsündfluthliches Gesetz &#x2014; obgleich ein allgemeines Gesetz vom vorigen Frühjahre alle frühern dahin bezüglichen außer Kraft setzt; weiß das Hr. v. Ammon vielleicht nicht? &#x2014; vom Jahre 1807, wonach der Polizei das Recht zusteht in die Räume öffentlicher Wirthshäuser zu dringen. (Also auch in vermiethete, oder in die Schlafzimmer der Hausfrauen?) &#x2014; Wir haben in der That jetzt viele Gesetze in Preußen, multa, sed non multum. &#x2014; Die Wahlen für die erste Kammer hierorts sind den unzähligen Machinationen gegenüber noch leidlich ausgefallen: von 8 Wahlmännern 2 Oppositionnelle, 5 Schwarzweiße und 1 Schwankender. &#x2014; Man erwartet als hiesigen Regierungspräsidenten den Bruder des Ministers Camphausen an Stelle v. Möllers. &#x2014; A propos; bei den neulichen Aufläufen in v. Faldern's Sachen, will man unter der Masse von Gensd'armen viele verkleidete Unteroffiziere wiederholt Abends bemerkt haben. Wiederum ein neues Manöver zur Verstärkung der Polizei.</p>
        </div>
        <div xml:id="ar211_004" type="jArticle">
          <head><bibl><author>14</author></bibl> Jülich.</head>
          <p>Auch hier in unserm kleinen Städtchen sind die Wahlen der Mehrzahl nach oppositionell ausgefallen trotz aller List und allen Versammlungen der Schwarz-weißen und Aristokraten sogar bei verschlossenen Thüren. In dem zweiten Wahlbezirk fielen sämmtliche 8 aristokratische Kandidaten mit Glanz durch, während sie in dem ersten Bezirk mit aller Mühe und allen Umtrieben drei der Ihrigen durchbringen konnten. Nachdem bis 4 Uhr schon 5 Wahlmänner gewählt worden waren, wobei der Herr Wahlkommissar das hohe Vergnügen hatte, durchzufallen, fiel es den Herren ein, daß es wohl besser wäre, die Wahl am folgenden Tage fortzusetzen. Als aber hiergegen die Bürger mit aller Macht protestirten, sahen sie sich genöthigt, dem gesetzlichen Wunsche Folge zu leisten. Doch jetzt wurde von der aristokratischen Partei Unterstützung geholt. Während bei den 6 vorigen Wahlen die Stimmzettel nur die Zahl 250 erreicht hatten, stiegen sie bei der vorletzten Wahl schon bis auf 260 und bei der letzten, der Wahl des Bürgermeisters bis auf 324, trotzdem daß sehr viele Bürger sich schon entfernt hatten. Ein Protest eines Bürgers gegen die Gültigkeit der letzten Wahl, indem Personen mitstimmten, die nicht zum Stimmen berechtigt wären, wurde von dem Vorsitzenden mit ächt preußisch-büreaukratischer Grobheit erwiedert.</p>
        </div>
        <div xml:id="ar211_005" type="jArticle">
          <head><bibl><author>132</author></bibl> Kreuznach, 30. Jan.</head>
          <p>Die Freude der Geld- und Beamtenaristokratie ist groß. Sie haben ihre Kandidaten zur ersten Kammer durchgesetzt. In Kreuznach waren ungefähr 300 Urwähler. Berechnet man die Masse Beamten, verbunden mit dem Geldsack, so war an ihrem Siege nicht zu zweifeln. Außerdem hatten sich die demokratischen Urwähler gespalten. Die einen wollten aus Grundsatz nicht wählen, weil sie eine erste Kammer nicht anerkennen könnten; die andern brachten dagegen den Nützlichkeitsgrund vor, ein demokratischer Wahlmann sei der beste Protest. Die Büreaukratie und Bourgeoisie, gereizt durch ihre Niederlage bei den Wahlen zur zweiten Kammer, bildeten eine kompakte Masse und setzten ihre drei Kandidaten durch, ein Kleeblatt, welches man nicht besser hätte heraussuchen können. Als die Demokraten es erfuhren, brachen sie in ein homerisches Gelächter aus. &#x2014; Die Kluft zwischen Aristokratie (Büreaukraten und Geldmänner) und Demokratie (Mittelstand und Arbeiter) wird immer größer. Wie jene vor den Wahlen kein unsauberes Mittel scheute, sogar Geld und Wein anwandte, so sucht sie sich jetzt durch Arbeitsentziehung zu rächen. &#x2014; G. Würmle, der Redakteur des Kreuznacher Demokraten, wurde am 26. Oktober wegen Aufreizung gegen die Obrigkeit zu drei Monaten Gefängniß, und in alle Kosten verurtheilt. Das Urtheil wurde dadurch motivirt, daß die Nationalversammlung vertagt und ihr Beschluß nicht auf dem ordentlichen Wege bekannt gemacht gewesen sei.</p>
          <p>Heute Nacht war die ganze Polizei und Gensd'armerie auf den Beinen; außerdem durchzogen Soldaten die Stadt mit &#x201E;Kugeln im Lauf&#x201C;. Die Häuser der Wahlmänner waren besetzt. Weshalb? Weil man eine Demonstration von Seiten des Volks befürchtete. Es geschah aber &#x2014; nichts; die Polizei fand leider keine Arbeit.</p>
        </div>
        <div xml:id="ar211_006" type="jArticle">
          <head>Paderborn, 28. Jan.</head>
          <p>Die &#x201E;Westphälische Ztg.&#x201C; hat heute eine Extra-Beilage mit einem merkwürdigen Aktenstück der königl. preuß. Regierung ausgegeben. Es ist ein von der k. Regierung zu Minden an die Landräthe gerichtetes Schreiben und lautet: &#x201E;Das durch die Verfassungs-Urkunde vom 5. v. M. von Neuem verbürgte Recht der freien Versammlung ist an verschiedenen Orten aus Unkunde oder übler Absicht so gedeutet worden, als ob dadurch die Stellung der Behörden und Corporationen, welche zur Besorgung der öffentlichen Angelegenheiten gesetzlich berufen sind, wesentlich verändert worden sei. Auf Veranlassung einzelner Privatpersonen sind mehr oder minder zahlreiche Zusammenkünfte abgehalten worden, um <hi rendition="#g">im Namen des Volks oder einer Gemeinde</hi> Beschlüsse zu fassen oder Wünsche auszudrücken. Es liegt am Tage, daß die Behörden einem solchen Treiben nicht ruhig zusehen und am wenigsten demselben durch Ertheilung der Erlaubniß zu solchen ungesetzlichen Unternehmungen oder gar durch Einräumung von Gemeindelokalen &#x2014; wie es mitunter geschehen ist &#x2014; Vorschub leisten dürfen. Sofern dergleichen Ungehörigkeiten in dem dortigen Kreise vorgekommen oder zu besorgen sein möchten, muß denselben durch geeignete Belehrung entgegengewirkt, und nöthigenfalls mit Nachdruck und Strenge unter Anwendung der gesetzlichen Exekutivmittel dagegen eingeschritten werden. Hiernach sind die Unterbehörden (Magistrate, Amtmänner, Bürgermeister und Vorsteher) Ihres Kreises zu instruiren, zu welchem Zwecke wir die für Ihren Kreis erforderlichen Exemplare dieser Verfügung beifügen. <hi rendition="#g">Minden,</hi> am 16. Jan. 1849. Königl. Regierung, Abtheilung des Innern. <hi rendition="#g">Rüdiger</hi>.&#x201C;</p>
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          <head><bibl><author>X</author></bibl> Berlin, 30. Jan.</head>
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          <p><hi rendition="#g">Waldeck's</hi> Wahl ist in wenigstens drei der hiesigen Wahlbezirken sicher; dem vierten Bezirke ist er etwas zu gemäßigt. Dagegen kann <hi rendition="#g">Jacoby</hi> im letztern auf die große Majorität rechnen. Von neuen Kandidaten, die sich en masse melden, haben die wenigsten Aussicht bei den ersten Wahlen durchzukommen, da es gelungen ist, auch den Handwerkern die Ueberzeugung beizubringen, daß die Befriedigung ihrer, auf sociale Reformen gerichteten Wünsche und Bedürfnisse erst nach gründlicher Umgestaltung unserer politischen Zustände, möglich ist. Sie haben daher auch ihre Sondergelüste auf Vertretung durch Mitglieder ihres eigenen Standes aufgegeben.</p>
          <p>Ueber die Art und Weise, wie der saubere Herr Baumwollen-Milde aus Breslau als Minister mit den Staatsgeldern gewirthschaftet hat, führt die &#x201E;N. Pr. Ztg.&#x201C; Folgendes an:</p>
          <p>&#x201E;Wir hören, daß Herr Milde zur Begründung der &#x201E;deutschen Reform&#x201C; 40,000 Thaler aus Staatsfonds verbraucht hat; Zinsen und Dividende wird es schwerlich geben, und doch ist das Geld gut angewandt, denn schon Comienz sagte: &#x201E;Wenn ich keine Opposition hätte, so kaufte ich mir eine.&#x201C;</p>
          <p>Beruht diese Angabe auf Wahrheit, so ersieht man daraus, daß zum Verschleudern der Pfennige des Armen nicht gerade 14ahnige Junker (Bodelschwingh und Consorten) gehören, daß vielmehr auch ein ganz hohler, baumwollen-bürgerlicher Bursche, wie jener Bres-
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[1155/0001] Neue Rheinische Zeitung Organ der Demokratie. No 211. Köln, Freitag den 2. Februar 1849. Uebersicht. Deutschland. Solingen. (Eine amtliche Berichtigung des Hrn. v. d. Heydt.) Barmen. (Birschel.) Düsseldorf. (Ein schwarz-weißes Abentheuer. — v. Faldern. — Verkleidete Gensdarmen.) Jülich. (Wahlbülletin.) Kreuznach. (Wahlbülletin. — Verurtheilung.) Paderborn (Ein interessantes Aktenstück.) Berlin. (Wahlen zur ersten Kammer. — Waldeck. — Milde'sche Staatsgelderverwendung. — Aus der Kreuzritterin.) Posen. (Wahlen — Cholera.) Aus dem Kreise Pleschen. (Mobilmachung des 5. Armeecorps.) Landsberg. (Wahlen.) Wien. Preußens Verhältniß zu Oestreich. — Vorbereitungen zum Empfange Metternich's. — Die Anleihe. — Verurtheilungen. — 18. Bülletin. — Der telegraphische Leitungsdraht und das Standrecht. — Eine Niederlage der Kaiserlichen bei Szolech.) Frankfurt. (National-Versammlung.) Darmstadt. (v. Gagern's Proceß gegen Dr. Löhr.) Kassel. (Ministerkrisis beendigt.) Italien. Florenz. (Die Absendung von 37 Deputirten zur italienischen Constituante beschlossen. — Der Volkszirkel und die Schweizersöldlinge.) Neapel. (Revolutionäre Symptome.) Rom (Die Revolution marschirt.) Mantua. (Kein Abgeordneter zum östreichischen Landtag.) Schweiz. Bern. (Eine Erfindung des Professor Gerber:) Zürich. (Die Güter des Klosters Rheinau.) Neuenburg. (Chambrier und Calame nicht verhaftet.) Französische Republik. Paris. (Die Association in Paris. — Changarnier und Aladenize — Gensdarmen im Palais Royal — Club der Montagnards. — Heinrich V. — Vermischtes. — National-Versammlung). Belgien. Brüssel. (Demokr.-social. Bankett). Großbritannien. London (Julian Harney über die armen Kinder zu Tooting — Die Vancouvers Insel im stillen Ocean). Donaufürstenthümer. Bukarest. (Russische Wirthschaft). Amerika. New-Yor. (Kosten der Regierung in der Union. — Vergleich mit Deutschland). Deutschland. 18 Solingen, 31. Jan. Sie erinnern sich, daß vor einiger Zeit die Börsennachrichten der Ostsee mittheilten, der Parlaments-Korrespondenz sei portofreie Beförderung auf den preußischen Posten zugestanden, und daß der Handelsminister v. d. Heydt diese Mittheilung als gänzlich aus der Luft gegriffen, amtlich wiederlegt hat. Nun ist es wirklich der Fall gewesen, daß besagte Korrespondenz bis vor Kurzem Seitens der Redaktion den Interessenten sous bande franco übermacht werden; erst in neuerer Zeit haben die Herren Meusebach-Harkort angefangen, diese unnütze Ausgabe zu sparen und durch einen Kniff ihr sauberes Machwerk ohne Kosten zu verbreiten. Hören Sie, wie dies angefangen. Daß natürlich die Postbehörde dabei mit unter der Decke steckt, liegt auf der Hand. Bei einem Freunde, einem eifrigen Verehrer dieser Lekture, der dieselbe früher ebenfalls franco erhielt, hatte ich Gelegenheit, ein Exemplar derselben nebst folgendem Begleitschreiben zu Gesichte zu bekommen: „Das unterzeichnete Comptoir benachrichtigt, daß die Parlaments-Korrespondenz ein Zeitungsdebits-Gegenstand ist. Das beifolgende Kreuzcouvert, wofür die Gebühr zur Kasse bezahlt worden ist, war beim Herausgeber unmittelbar bestellt worden, und um die Ueberkunft desto schneller bewirken zu können, hat das Hohe General-Postamt genehmigt, die Beförderung als einen Zeitungsgegenstand bewirken zu können. An Gebühr ist nichts zu entrichten, vielmehr wird die pünktlichste Weiterbeförderung angelegentlichst empfohlen. Berlin, den 13. Jan. 1849. Königl. Zeitungs-Comptoir. Die aufmerksamste Recherche in dem Zeitungs-Preiscourante des Generalpostamtes, so wie in den dazu gelieferten Nachträgen bestätigt diese Angaben nicht, vielmehr weigern sich die Postanstalten Bestellungen auf diese Korrespondenz anzunehmen. Entweder handelt nun das kgl. Zeitungs-Comptoir eigenmächtig in der Art und Weise. wie es diese Korrespondenz expedirt, ohne Vorwissen des Generalpostmeisters und des Hrn. v. d. Heydt und dann müssen diese Herren es Ihnen Dank wissen, daß Sie dieselben hierauf aufmerksam machen oder es thut dieses mit Genehmigung derselben. Dann wissen Sie, was Sie von den amtlichen Berichtigungen des Hrn. v. Heydt zu halten haben. X Barmen, 31. Januar. In ihrer heutigen Zeitung befindet sich ein Abdruck einer von Mettmann aus an den hiesigen „Zweiwochendemokraten“ J. W. Birschel gerichteten Adresse, worin demselben der Dank für sein kürzliches Auftreten als Vorsitzer des Steuerreformvereins ausgesprochen wird. Da nun wahrscheinlich das hiesige Lokalblättchen in Mettmann nicht gelesen wird, und es den Absendern jener Adresse doch interessant sein dürfte, die neueste volksthümliche Handlung des Herrn B. zu erfahren, so theile ich sie hierdurch mit: Herr B. erklärte nämlich zur unendlichen Belustigug der hiesigen Heulerschaft, zur öffentlichen Charakteristik seiner Reformbestrebungen, daß er, da der Reformverein die Politik ebenfalls zum Gegenstand seiner Diskussionen mache, sich nicht mehr zum Mitglied desselben bekennen könne!! O logisch-wundervolle Ansicht! Also Steuerreform und Politik ist bei dem Herrn B. zweierlei, oder besser gesagt, Steuerreform gehört in's Bereich der Naturwissenschaft! Man kann sich jetzt kaum, wenn man nicht lange Zeit unter hiesigen frömmelnden, klüngelnden und heulenden Bourgeois gelebt hat, deren freudiges Naserümpfen und nachbarlich-pietistisches Kopfnicken vorstellen, wenn sie den Triumph ihrer geheimen Intriguen und ihrer gemeinsamen Bündelei feiern. — Ein ehemaliger Bäcker hierselbst, der jetzt von der gottbegnadeten Missionsgesellschaft ein ansehnliches Gehalt bezieht und der neulich beim Erscheinen des B.'schen Aufrufs mit melancholisch-verdrießlicher Miene einherzog und weit und breit seinen Jammer über solche Wühlerei ausheulte, der schleicht jetzt mit gefaltenen Händen von einem Gleichgesinnten zum Andern, um seine Freude über die Reue des Herrn B. auszusprechen. Z Düsseldorf, 28. Jan. Halbwegs von hier und Elberfeld liegt an der Eisenbahn, da, wo sie den Berg hinauf läuft, das große Kirchdorf Erkrath, nahe den berühmten Neandershöhlen. Hier beginnt das eigentliche bergische Land und sowie der Boden dem am Rheine unähnlich zu werden beginnt, so auch die Meinungen und Ansichten des Volkes. Erkrath, ein wichtiger Vorposten des fürchterlichen Wupperthales, war bis dahin verschlossen gegen alle liberalen Ideen. Dieser Vorposten mußte von unserer Opposition genommen werden, und dies gelang den Führern derselben im ersten Anlauf, den sie an Ort und Stelle in einer Volksversammlung gegen die Schwarzweißen ausführten. Somit hätten wir die Spitze eines Keiles in das Land der Berge geschlagen, der hoffentlich noch weiter hineindringen wird. — Dies aber verdroß die hiesigen Constitutionellen über die Maßen, und sie beschlossen, das Vorwerk wieder zu nehmen. Am verflossenen Sonntage also begaben sich mit demselben Zuge, welcher uns nach Vohwinkel, der nächsten Station vor Elberfeld zu einer Volksversammlung brachte, unsere Herren Constitutionellen, die Herren Doktoren, Professoren, auch viele höhere Offiziere in Uniform nach Erkrath um Volksversammlung zu halten. Aber es dauerte nicht lange, als sich eine Masse Jung und Alt vor dem Sitzungslokale versammelte und ein sehr unangenehmes Geschrei und Gepfeife vollführte. Dieses zu beschwichtigen, griffen die Constitutionellen zu einem bei ihnen sehr beliebten Mittel, zu dem der Bestechung. Es erschien sofort ein Offizier bei der hoffnungsvollen Jugend und dem versammelten souveränen Volke, und theilte den Buben Geldmünzen aus. Dann aber begann der Lärm desto ärger, denn die Jungen hofften vielleicht dadurch noch mehr zu erhalten. Indessen wichen die Schwarzweißen der Stimme des Volkes noch nicht. Da erinnerten sich die Dorfbewohner, wie einmal in älterer Zeit in der ehrwürdigen Stadt Hameln ein Mann durch Getöse die unzähligen Ratten aus den Gassen hinter sich her lockte, so daß die Stadt von Stund an von dem Ungeziefer befreiet war, welche Historie zum ewigen Andenken noch heute an einem der Thore jener Stadt ausgehauen zu sehen ist. Also auch beschlossen die Erkrather ihren Ort von den ungebetenen Gästen zu befreien. Sie gingen heim und holten mancherlei schrillklingende Instrumente, ja man will behaupten es wäre keine Kuchenpfanne des Ortes unthätig geblieben, und vollführten eine so gräßliche Katzenmusik, daß selbst die Ohren eines T. — sich davor gefürchtet haben müßten. Nun hielten die Schwarzweißen nicht länger Stand, ihre Schlachtordnung wankte, die Linie wich, sie zogen sich zurück, und zwar mit dem Feinde auf dem Nacken, immer schneller, bis ihr Rückzug in wörtlich regellose Flucht sich auflöste. Zwar deckte der Konstabler des Ortes mit gezogenem Schwerte den Rückzug, aber auch er, der Tapferste der Tapfern, mußte Fersengeld geben. So ward der Ort befreit. Hier am Platze hat uns die v. Faldern'sche Geschichte köstlich amüsirt. Er hat zwar unsere Sitzungen nicht weiter gestört, allein die Oberprokuratur breitet ihre Schwingen über den Polizeimann. Man citirt ein vorsündfluthliches Gesetz — obgleich ein allgemeines Gesetz vom vorigen Frühjahre alle frühern dahin bezüglichen außer Kraft setzt; weiß das Hr. v. Ammon vielleicht nicht? — vom Jahre 1807, wonach der Polizei das Recht zusteht in die Räume öffentlicher Wirthshäuser zu dringen. (Also auch in vermiethete, oder in die Schlafzimmer der Hausfrauen?) — Wir haben in der That jetzt viele Gesetze in Preußen, multa, sed non multum. — Die Wahlen für die erste Kammer hierorts sind den unzähligen Machinationen gegenüber noch leidlich ausgefallen: von 8 Wahlmännern 2 Oppositionnelle, 5 Schwarzweiße und 1 Schwankender. — Man erwartet als hiesigen Regierungspräsidenten den Bruder des Ministers Camphausen an Stelle v. Möllers. — A propos; bei den neulichen Aufläufen in v. Faldern's Sachen, will man unter der Masse von Gensd'armen viele verkleidete Unteroffiziere wiederholt Abends bemerkt haben. Wiederum ein neues Manöver zur Verstärkung der Polizei. 14 Jülich. Auch hier in unserm kleinen Städtchen sind die Wahlen der Mehrzahl nach oppositionell ausgefallen trotz aller List und allen Versammlungen der Schwarz-weißen und Aristokraten sogar bei verschlossenen Thüren. In dem zweiten Wahlbezirk fielen sämmtliche 8 aristokratische Kandidaten mit Glanz durch, während sie in dem ersten Bezirk mit aller Mühe und allen Umtrieben drei der Ihrigen durchbringen konnten. Nachdem bis 4 Uhr schon 5 Wahlmänner gewählt worden waren, wobei der Herr Wahlkommissar das hohe Vergnügen hatte, durchzufallen, fiel es den Herren ein, daß es wohl besser wäre, die Wahl am folgenden Tage fortzusetzen. Als aber hiergegen die Bürger mit aller Macht protestirten, sahen sie sich genöthigt, dem gesetzlichen Wunsche Folge zu leisten. Doch jetzt wurde von der aristokratischen Partei Unterstützung geholt. Während bei den 6 vorigen Wahlen die Stimmzettel nur die Zahl 250 erreicht hatten, stiegen sie bei der vorletzten Wahl schon bis auf 260 und bei der letzten, der Wahl des Bürgermeisters bis auf 324, trotzdem daß sehr viele Bürger sich schon entfernt hatten. Ein Protest eines Bürgers gegen die Gültigkeit der letzten Wahl, indem Personen mitstimmten, die nicht zum Stimmen berechtigt wären, wurde von dem Vorsitzenden mit ächt preußisch-büreaukratischer Grobheit erwiedert. 132 Kreuznach, 30. Jan. Die Freude der Geld- und Beamtenaristokratie ist groß. Sie haben ihre Kandidaten zur ersten Kammer durchgesetzt. In Kreuznach waren ungefähr 300 Urwähler. Berechnet man die Masse Beamten, verbunden mit dem Geldsack, so war an ihrem Siege nicht zu zweifeln. Außerdem hatten sich die demokratischen Urwähler gespalten. Die einen wollten aus Grundsatz nicht wählen, weil sie eine erste Kammer nicht anerkennen könnten; die andern brachten dagegen den Nützlichkeitsgrund vor, ein demokratischer Wahlmann sei der beste Protest. Die Büreaukratie und Bourgeoisie, gereizt durch ihre Niederlage bei den Wahlen zur zweiten Kammer, bildeten eine kompakte Masse und setzten ihre drei Kandidaten durch, ein Kleeblatt, welches man nicht besser hätte heraussuchen können. Als die Demokraten es erfuhren, brachen sie in ein homerisches Gelächter aus. — Die Kluft zwischen Aristokratie (Büreaukraten und Geldmänner) und Demokratie (Mittelstand und Arbeiter) wird immer größer. Wie jene vor den Wahlen kein unsauberes Mittel scheute, sogar Geld und Wein anwandte, so sucht sie sich jetzt durch Arbeitsentziehung zu rächen. — G. Würmle, der Redakteur des Kreuznacher Demokraten, wurde am 26. Oktober wegen Aufreizung gegen die Obrigkeit zu drei Monaten Gefängniß, und in alle Kosten verurtheilt. Das Urtheil wurde dadurch motivirt, daß die Nationalversammlung vertagt und ihr Beschluß nicht auf dem ordentlichen Wege bekannt gemacht gewesen sei. Heute Nacht war die ganze Polizei und Gensd'armerie auf den Beinen; außerdem durchzogen Soldaten die Stadt mit „Kugeln im Lauf“. Die Häuser der Wahlmänner waren besetzt. Weshalb? Weil man eine Demonstration von Seiten des Volks befürchtete. Es geschah aber — nichts; die Polizei fand leider keine Arbeit. Paderborn, 28. Jan. Die „Westphälische Ztg.“ hat heute eine Extra-Beilage mit einem merkwürdigen Aktenstück der königl. preuß. Regierung ausgegeben. Es ist ein von der k. Regierung zu Minden an die Landräthe gerichtetes Schreiben und lautet: „Das durch die Verfassungs-Urkunde vom 5. v. M. von Neuem verbürgte Recht der freien Versammlung ist an verschiedenen Orten aus Unkunde oder übler Absicht so gedeutet worden, als ob dadurch die Stellung der Behörden und Corporationen, welche zur Besorgung der öffentlichen Angelegenheiten gesetzlich berufen sind, wesentlich verändert worden sei. Auf Veranlassung einzelner Privatpersonen sind mehr oder minder zahlreiche Zusammenkünfte abgehalten worden, um im Namen des Volks oder einer Gemeinde Beschlüsse zu fassen oder Wünsche auszudrücken. Es liegt am Tage, daß die Behörden einem solchen Treiben nicht ruhig zusehen und am wenigsten demselben durch Ertheilung der Erlaubniß zu solchen ungesetzlichen Unternehmungen oder gar durch Einräumung von Gemeindelokalen — wie es mitunter geschehen ist — Vorschub leisten dürfen. Sofern dergleichen Ungehörigkeiten in dem dortigen Kreise vorgekommen oder zu besorgen sein möchten, muß denselben durch geeignete Belehrung entgegengewirkt, und nöthigenfalls mit Nachdruck und Strenge unter Anwendung der gesetzlichen Exekutivmittel dagegen eingeschritten werden. Hiernach sind die Unterbehörden (Magistrate, Amtmänner, Bürgermeister und Vorsteher) Ihres Kreises zu instruiren, zu welchem Zwecke wir die für Ihren Kreis erforderlichen Exemplare dieser Verfügung beifügen. Minden, am 16. Jan. 1849. Königl. Regierung, Abtheilung des Innern. Rüdiger.“ X Berlin, 30. Jan. Man kennt heute das ganze Resultat der gestrigen Urwahlen für die erste Kammer; sie sind hier sämmtlich entschieden reaktionär ausgefallen. Die größere Hälfte der Wahlmänner sind hohe Beamte, Bureaukraten vom reinsten Wasser. Die andere Hälfte Geistliche, Banquiers und Aristokraten der Fabrik und des Comptoirs. Alle miteinander sind mehr oder minder die Geschlagenen des 22., und dieser Umstand beweist am besten, in welchem Verhältniß die zukünftige erste Kammer zur großen Mehrheit des Volkes und zu den eigentlichen Volksvertretern stehen wird. Es stellt sich, sowohl aus den hiesigen Wahlen, so wie aus denen, die man bis jetzt aus der Provinz kennt, immer klarer eine erste Kammer in Aussicht, welche ganz und gar aus Aristokraten jeder Art und aus Bureaukraten zusammengesetzt sein dürfte. Männer wie Bornemann, Grabow würden die äußerste Linke in dieser Versammlung bilden. Diese äußerste Linke aber wird in sehr vielen Fällen und namentlich in den Fragen über Aufhebung der feudalen Vorrechte, Steuergleichheit u. dgl. mehr, nicht die Opposition gegen die etwaigen Vorschläge der Regierung sein; sondern diese Opposition wird auf der äußersten Rechten sitzen und aus den Erkorenen des Junkerparlaments und der Preußenvereine bestehen. Im übrigen ist für die demokratische Partei, wenn es ihr nun einmal nicht gelingen konnte, eine entschiedene liberale Majorität, oder eine imposante Minorität zu erlangen, diese reine reaktionäre Zusammensetzung der ersten Kammer insofern kein Nachtheil als eben jener Tag der unausbleiblichen Entscheidung um so schneller herbeigeführt wird, an dem es sich zeigen wird, ob das preußische Volk in seiner Mehrheit ein Volk ist oder eine Heerde von Schafen, die sich eben geduldig scheeren lassen. Waldeck's Wahl ist in wenigstens drei der hiesigen Wahlbezirken sicher; dem vierten Bezirke ist er etwas zu gemäßigt. Dagegen kann Jacoby im letztern auf die große Majorität rechnen. Von neuen Kandidaten, die sich en masse melden, haben die wenigsten Aussicht bei den ersten Wahlen durchzukommen, da es gelungen ist, auch den Handwerkern die Ueberzeugung beizubringen, daß die Befriedigung ihrer, auf sociale Reformen gerichteten Wünsche und Bedürfnisse erst nach gründlicher Umgestaltung unserer politischen Zustände, möglich ist. Sie haben daher auch ihre Sondergelüste auf Vertretung durch Mitglieder ihres eigenen Standes aufgegeben. Ueber die Art und Weise, wie der saubere Herr Baumwollen-Milde aus Breslau als Minister mit den Staatsgeldern gewirthschaftet hat, führt die „N. Pr. Ztg.“ Folgendes an: „Wir hören, daß Herr Milde zur Begründung der „deutschen Reform“ 40,000 Thaler aus Staatsfonds verbraucht hat; Zinsen und Dividende wird es schwerlich geben, und doch ist das Geld gut angewandt, denn schon Comienz sagte: „Wenn ich keine Opposition hätte, so kaufte ich mir eine.“ Beruht diese Angabe auf Wahrheit, so ersieht man daraus, daß zum Verschleudern der Pfennige des Armen nicht gerade 14ahnige Junker (Bodelschwingh und Consorten) gehören, daß vielmehr auch ein ganz hohler, baumwollen-bürgerlicher Bursche, wie jener Bres-

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Die angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe: Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie. Bd. 2 (Nummer 184 bis Nummer 301) Köln, 1. Januar 1849 bis 19. Mai 1849. Glashütten im Taunus, Verlag Detlev Auvermann KG 1973.




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Zitationshilfe: Neue Rheinische Zeitung. Nr. 211. Köln, 2. Februar 1849, S. 1155. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_nrhz211_1849/1>, abgerufen am 17.10.2019.