Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Jean Paul: Titan. Bd. 1. Berlin, 1800.

Bild:
<< vorherige Seite
Zykel.

An Karl.

"Fremder! jetzt in der Stunde, wo uns
"im Todtenmeere und in den Thränen die
"Siegessäulen und Thronen der Menschen
"und ihre Brückenpfeiler gebrochen er¬
"scheinen, fragt Dich frei ein wahres Herz --
"und Deines antwort' ihm treu und gern!

"Wurde Dir das längste Gebet des Men¬
"schen erhört, Fremder, und hast Du
"Deinen Freund? Wachsen Deine Wünsche
"und Nerven und Tage mit seinen zu¬
"sammen wie die vier Zedern auf Liba¬
"non, die nichts um sich dulden als Ad¬
"ler? Hast Du zwei Herzen und vier Arme
"und lebst du zweimal wie unsterblich in
"der kämpfenden Welt? -- Oder stehst
"Du einsam auf einer frostigen verstumm¬
"ten schmalen Gletscherspitze und hast kei¬
"nen Menschen, dem Du die Alpen der
"Schöpfung zeigen könntest, und der Him¬
"mel wölbt sich weit von Dir und Klüfte
"unter Dir? -- Wenn Dein Geburtstag
"kommt, hast Du kein Wesen, das Deine

"Hand
Zykel.

An Karl.

„Fremder! jetzt in der Stunde, wo uns
„im Todtenmeere und in den Thränen die
„Siegesſäulen und Thronen der Menſchen
„und ihre Brückenpfeiler gebrochen er¬
„ſcheinen, fragt Dich frei ein wahres Herz —
„und Deines antwort' ihm treu und gern!

„Wurde Dir das längſte Gebet des Men¬
„ſchen erhört, Fremder, und haſt Du
„Deinen Freund? Wachſen Deine Wünſche
„und Nerven und Tage mit ſeinen zu¬
„ſammen wie die vier Zedern auf Liba¬
„non, die nichts um ſich dulden als Ad¬
„ler? Haſt Du zwei Herzen und vier Arme
„und lebſt du zweimal wie unſterblich in
„der kämpfenden Welt? — Oder ſtehſt
„Du einſam auf einer froſtigen verſtumm¬
„ten ſchmalen Gletſcherſpitze und haſt kei¬
„nen Menſchen, dem Du die Alpen der
„Schöpfung zeigen könnteſt, und der Him¬
„mel wölbt ſich weit von Dir und Klüfte
„unter Dir? — Wenn Dein Geburtstag
kommt, haſt Du kein Weſen, das Deine

„Hand
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0484" n="464"/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#g">Zykel.</hi><lb/>
            </head>
            <p rendition="#et">An Karl.</p><lb/>
            <p>&#x201E;Fremder! jetzt in der Stunde, wo uns<lb/>
&#x201E;im Todtenmeere und in den Thränen die<lb/>
&#x201E;Sieges&#x017F;äulen und Thronen der Men&#x017F;chen<lb/>
&#x201E;und ihre Brückenpfeiler <hi rendition="#g">gebrochen</hi> er¬<lb/>
&#x201E;&#x017F;cheinen, fragt Dich frei ein wahres Herz &#x2014;<lb/>
&#x201E;und Deines antwort' ihm treu und gern!</p><lb/>
            <p>&#x201E;Wurde Dir das läng&#x017F;te Gebet des Men¬<lb/>
&#x201E;&#x017F;chen erhört, Fremder, und ha&#x017F;t Du<lb/>
&#x201E;Deinen Freund? Wach&#x017F;en Deine Wün&#x017F;che<lb/>
&#x201E;und Nerven und Tage mit &#x017F;einen zu¬<lb/>
&#x201E;&#x017F;ammen wie die vier Zedern auf Liba¬<lb/>
&#x201E;non, die nichts um &#x017F;ich dulden als Ad¬<lb/>
&#x201E;ler? Ha&#x017F;t Du zwei Herzen und vier Arme<lb/>
&#x201E;und leb&#x017F;t du zweimal wie un&#x017F;terblich in<lb/>
&#x201E;der kämpfenden Welt? &#x2014; Oder &#x017F;teh&#x017F;t<lb/>
&#x201E;Du ein&#x017F;am auf einer fro&#x017F;tigen ver&#x017F;tumm¬<lb/>
&#x201E;ten &#x017F;chmalen Glet&#x017F;cher&#x017F;pitze und ha&#x017F;t kei¬<lb/>
&#x201E;nen Men&#x017F;chen, dem Du die Alpen der<lb/>
&#x201E;Schöpfung zeigen könnte&#x017F;t, und der Him¬<lb/>
&#x201E;mel wölbt &#x017F;ich weit von Dir und Klüfte<lb/>
&#x201E;unter Dir? &#x2014; Wenn Dein Geburtstag<lb/>
&#x201E;<choice><sic>kömmt</sic><corr type="corrigenda">kommt</corr></choice>, ha&#x017F;t Du kein We&#x017F;en, das Deine<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">&#x201E;Hand<lb/></fw>
</p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[464/0484] Zykel. An Karl. „Fremder! jetzt in der Stunde, wo uns „im Todtenmeere und in den Thränen die „Siegesſäulen und Thronen der Menſchen „und ihre Brückenpfeiler gebrochen er¬ „ſcheinen, fragt Dich frei ein wahres Herz — „und Deines antwort' ihm treu und gern! „Wurde Dir das längſte Gebet des Men¬ „ſchen erhört, Fremder, und haſt Du „Deinen Freund? Wachſen Deine Wünſche „und Nerven und Tage mit ſeinen zu¬ „ſammen wie die vier Zedern auf Liba¬ „non, die nichts um ſich dulden als Ad¬ „ler? Haſt Du zwei Herzen und vier Arme „und lebſt du zweimal wie unſterblich in „der kämpfenden Welt? — Oder ſtehſt „Du einſam auf einer froſtigen verſtumm¬ „ten ſchmalen Gletſcherſpitze und haſt kei¬ „nen Menſchen, dem Du die Alpen der „Schöpfung zeigen könnteſt, und der Him¬ „mel wölbt ſich weit von Dir und Klüfte „unter Dir? — Wenn Dein Geburtstag „kommt, haſt Du kein Weſen, das Deine „Hand

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/paul_titan01_1800
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/paul_titan01_1800/484
Zitationshilfe: Jean Paul: Titan. Bd. 1. Berlin, 1800. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/paul_titan01_1800/484>, S. 464, abgerufen am 11.12.2017.