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Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874.

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Die Beringsvölker.
schweren Aleuten immer noch einen so geringen Tiefgang, dass
der eingetauchte Querschnitt nur 0,056 Meter Widerstandsfläche
bietet. Mit einer solchen Baidarke legte ein Eingeborner in 271/2
Stunde 214,8 Kilometer oder etwas mehr als eine deutsche Meile
in der Stunde zurück, während ein Fussgänger eine Last von
60 Pfund, höchstens 2 3/5 deutsche Meilen weit in einem Tage ge-
tragen, also 11 Tage zu der obigen Entfernung gebraucht haben
würde 1). Die Baidarke befähigt den Aleuten zu den Leistungen
der mächtigsten Seethiere und die Jagd auf solche gehört zu seinem
täglichen Nahrungserwerb 2).

e. Die Thlinkiten und Vancouverstämme.

Vom Süden des Eliasberges an der Küste und an den Küsten-
inseln bis zum Dixon-Sund sitzen Völker welche die Russen
Kaljuschen oder Koluschen, die sich selbst aber Thlinkiten oder
"Menschen" nennen. Südwärts von ihnen bewohnen die Haidah
die Königin-Charlotte Inseln. Am Festland gegenüber vom 53°1/2
bis 50° N. Br. erstrecken sich die Hailtsa oder Hailtsuk. Auf
der Insel Vancouver endlich werden vier verschiedene Sprachen
geredet. Einige Stämme wie die Cowitschin und Clalam bewohnen
nicht blos Vancouver sondern das Festland am Fraserfluss und
am Puget-Sund. Schädel aus dieser Küstengegend sind nur
spärlich vorhanden, auch könnten sie uns nur wenig Belehrung
bringen, denn ihre künstliche Verunstaltung in der Jugend gehört
auf Vancouver wie in Oregon zur Mode, auch kommt nicht blos
das Flachdrücken sondern auch eine erzwungne Dolichocephalität
vor 3). Die Hautfarbe ist fast so hell wie bei Südeuropäern, das
Haar dagegen schwarz und straff.

Bei den Thlinkiten und den Haidah 4) zeigt sich hin und

1) A. Erman in der Zeitschrift für Ethnologie. 1871. Bd. 3. Heft 3.
S. 167.
2) Eine genaue Zeichnung und Beschreibung der Bauart dieser classischen
Fahrzeuge hat v. Langsdorff, Reise um die Welt. Bd. 2. S. 39 gegeben.
3) Barnard Davis, Thesaurus craniorum, p. 231.
4) R. Brown in Reports of the British Association held at Norwich
1868. London 1869. p. 133.

Die Beringsvölker.
schweren Alëuten immer noch einen so geringen Tiefgang, dass
der eingetauchte Querschnitt nur 0,056 Meter Widerstandsfläche
bietet. Mit einer solchen Baidarke legte ein Eingeborner in 27½
Stunde 214,8 Kilometer oder etwas mehr als eine deutsche Meile
in der Stunde zurück, während ein Fussgänger eine Last von
60 Pfund, höchstens 2⅗ deutsche Meilen weit in einem Tage ge-
tragen, also 11 Tage zu der obigen Entfernung gebraucht haben
würde 1). Die Baidarke befähigt den Alëuten zu den Leistungen
der mächtigsten Seethiere und die Jagd auf solche gehört zu seinem
täglichen Nahrungserwerb 2).

e. Die Thlinkiten und Vancouverstämme.

Vom Süden des Eliasberges an der Küste und an den Küsten-
inseln bis zum Dixon-Sund sitzen Völker welche die Russen
Kaljuschen oder Koluschen, die sich selbst aber Thlinkiten oder
„Menschen“ nennen. Südwärts von ihnen bewohnen die Haidah
die Königin-Charlotte Inseln. Am Festland gegenüber vom 53°½
bis 50° N. Br. erstrecken sich die Hailtsa oder Hailtsuk. Auf
der Insel Vancouver endlich werden vier verschiedene Sprachen
geredet. Einige Stämme wie die Cowitschin und Clalam bewohnen
nicht blos Vancouver sondern das Festland am Fraserfluss und
am Puget-Sund. Schädel aus dieser Küstengegend sind nur
spärlich vorhanden, auch könnten sie uns nur wenig Belehrung
bringen, denn ihre künstliche Verunstaltung in der Jugend gehört
auf Vancouver wie in Oregon zur Mode, auch kommt nicht blos
das Flachdrücken sondern auch eine erzwungne Dolichocephalität
vor 3). Die Hautfarbe ist fast so hell wie bei Südeuropäern, das
Haar dagegen schwarz und straff.

Bei den Thlinkiten und den Haidah 4) zeigt sich hin und

1) A. Erman in der Zeitschrift für Ethnologie. 1871. Bd. 3. Heft 3.
S. 167.
2) Eine genaue Zeichnung und Beschreibung der Bauart dieser classischen
Fahrzeuge hat v. Langsdorff, Reise um die Welt. Bd. 2. S. 39 gegeben.
3) Barnard Davis, Thesaurus craniorum, p. 231.
4) R. Brown in Reports of the British Association held at Norwich
1868. London 1869. p. 133.
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[425/0443] Die Beringsvölker. schweren Alëuten immer noch einen so geringen Tiefgang, dass der eingetauchte Querschnitt nur 0,056 Meter Widerstandsfläche bietet. Mit einer solchen Baidarke legte ein Eingeborner in 27½ Stunde 214,8 Kilometer oder etwas mehr als eine deutsche Meile in der Stunde zurück, während ein Fussgänger eine Last von 60 Pfund, höchstens 2⅗ deutsche Meilen weit in einem Tage ge- tragen, also 11 Tage zu der obigen Entfernung gebraucht haben würde 1). Die Baidarke befähigt den Alëuten zu den Leistungen der mächtigsten Seethiere und die Jagd auf solche gehört zu seinem täglichen Nahrungserwerb 2). e. Die Thlinkiten und Vancouverstämme. Vom Süden des Eliasberges an der Küste und an den Küsten- inseln bis zum Dixon-Sund sitzen Völker welche die Russen Kaljuschen oder Koluschen, die sich selbst aber Thlinkiten oder „Menschen“ nennen. Südwärts von ihnen bewohnen die Haidah die Königin-Charlotte Inseln. Am Festland gegenüber vom 53°½ bis 50° N. Br. erstrecken sich die Hailtsa oder Hailtsuk. Auf der Insel Vancouver endlich werden vier verschiedene Sprachen geredet. Einige Stämme wie die Cowitschin und Clalam bewohnen nicht blos Vancouver sondern das Festland am Fraserfluss und am Puget-Sund. Schädel aus dieser Küstengegend sind nur spärlich vorhanden, auch könnten sie uns nur wenig Belehrung bringen, denn ihre künstliche Verunstaltung in der Jugend gehört auf Vancouver wie in Oregon zur Mode, auch kommt nicht blos das Flachdrücken sondern auch eine erzwungne Dolichocephalität vor 3). Die Hautfarbe ist fast so hell wie bei Südeuropäern, das Haar dagegen schwarz und straff. Bei den Thlinkiten und den Haidah 4) zeigt sich hin und 1) A. Erman in der Zeitschrift für Ethnologie. 1871. Bd. 3. Heft 3. S. 167. 2) Eine genaue Zeichnung und Beschreibung der Bauart dieser classischen Fahrzeuge hat v. Langsdorff, Reise um die Welt. Bd. 2. S. 39 gegeben. 3) Barnard Davis, Thesaurus craniorum, p. 231. 4) R. Brown in Reports of the British Association held at Norwich 1868. London 1869. p. 133.

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Zitationshilfe: Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874, S. 425. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/443>, abgerufen am 20.03.2019.