Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Philippi, Johann Ernst: Regeln und Maximen der edlen Reimschmiede-Kunst, auch kriechender Poesie. Altenburg, 1743.

Bild:
<< vorherige Seite
für einen Froschmäusler.
Ode mit jambischen und trochäischen Ver-
sen abwechseln?
Antwort.

Es kömmt auf den Liebhaber an, und ist an
sich unverwehret. Denn wer hat die neuern
Poeten geheissen, so strenge Reim-Gesetze vor-
zuschreiben. Man kann also per licentiam
poeticam
nicht nur die Vers-Arten unter ein-
ander versetzen, sondern auch lange Füße zu kur-
zen, und kurze zu langen machen; der Abschnitt
des Verses kann auch wegbleiben, wie es die
Lateiner bey elegischen Versen oft thun; als:

1) Probe einer dactylischen Ode:
Jhr scheinet, ihr lieblichen Sterne,
Zwar jetzo im Dunkeln von ferne:
Doch gebt ihr genugsames Licht,
Mein Liebgen am Fenster zu sehen,
Jch seh sie im Hemdgen da stehen,
Und denket das Närrgen, ich sähe sie nicht.
2) Probe versetzter jambischer und trochäi-
scher Verse:

Jamb. Jch sterbe, wo du mich nicht liebest,
Troch. Schaue doch mein banges Herz!
Lindre, Schöne, meinen Schmerz.
Jamb. Wenn du mich gleich in Stücken hiebest,
Wünsch ich, daß ich dein Herz erweich.
Troch. Doch nein, nein, der stirbt nicht gleich,
Jamb. Den Liebes-Kützel plagt.
Mein Leid hab ich dir gnug geklagt,
Willst du mich nicht anhören?
Troch. Nun so will ich auch verschwören,
Daß mich je Cupidens Reich
Jamb. Bestricken soll,
Drum lebe wohl!
Trennt
fuͤr einen Froſchmaͤusler.
Ode mit jambiſchen und trochaͤiſchen Ver-
ſen abwechſeln?
Antwort.

Es koͤmmt auf den Liebhaber an, und iſt an
ſich unverwehret. Denn wer hat die neuern
Poeten geheiſſen, ſo ſtrenge Reim-Geſetze vor-
zuſchreiben. Man kann alſo per licentiam
poëticam
nicht nur die Vers-Arten unter ein-
ander verſetzen, ſondern auch lange Fuͤße zu kur-
zen, und kurze zu langen machen; der Abſchnitt
des Verſes kann auch wegbleiben, wie es die
Lateiner bey elegiſchen Verſen oft thun; als:

1) Probe einer dactyliſchen Ode:
Jhr ſcheinet, ihr lieblichen Sterne,
Zwar jetzo im Dunkeln von ferne:
Doch gebt ihr genugſames Licht,
Mein Liebgen am Fenſter zu ſehen,
Jch ſeh ſie im Hemdgen da ſtehen,
Und denket das Naͤrrgen, ich ſaͤhe ſie nicht.
2) Probe verſetzter jambiſcher und trochaͤi-
ſcher Verſe:

Jamb. Jch ſterbe, wo du mich nicht liebeſt,
Troch. Schaue doch mein banges Herz!
Lindre, Schoͤne, meinen Schmerz.
Jamb. Wenn du mich gleich in Stuͤcken hiebeſt,
Wuͤnſch ich, daß ich dein Herz erweich.
Troch. Doch nein, nein, der ſtirbt nicht gleich,
Jamb. Den Liebes-Kuͤtzel plagt.
Mein Leid hab ich dir gnug geklagt,
Willſt du mich nicht anhoͤren?
Troch. Nun ſo will ich auch verſchwoͤren,
Daß mich je Cupidens Reich
Jamb. Beſtricken ſoll,
Drum lebe wohl!
Trennt
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <list>
            <item>
              <pb facs="#f0103" n="95"/>
              <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#b">fu&#x0364;r einen Fro&#x017F;chma&#x0364;usler.</hi> </fw><lb/> <hi rendition="#fr">Ode mit jambi&#x017F;chen und trocha&#x0364;i&#x017F;chen Ver-<lb/>
&#x017F;en abwech&#x017F;eln?</hi> </item>
          </list><lb/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#b">Antwort.</hi> </head><lb/>
            <p>Es ko&#x0364;mmt auf den Liebhaber an, und i&#x017F;t an<lb/>
&#x017F;ich unverwehret. Denn wer hat die neuern<lb/>
Poeten gehei&#x017F;&#x017F;en, &#x017F;o &#x017F;trenge Reim-Ge&#x017F;etze vor-<lb/>
zu&#x017F;chreiben. Man kann al&#x017F;o <hi rendition="#aq">per licentiam<lb/>
poëticam</hi> nicht nur die Vers-Arten unter ein-<lb/>
ander ver&#x017F;etzen, &#x017F;ondern auch lange Fu&#x0364;ße zu kur-<lb/>
zen, und kurze zu langen machen; der Ab&#x017F;chnitt<lb/>
des Ver&#x017F;es kann auch wegbleiben, wie es die<lb/>
Lateiner bey elegi&#x017F;chen Ver&#x017F;en oft thun; als:</p><lb/>
            <list>
              <item>1) <hi rendition="#fr">Probe einer dactyli&#x017F;chen Ode:</hi><lb/><lg type="poem"><l>Jhr &#x017F;cheinet, ihr lieblichen Sterne,</l><lb/><l>Zwar jetzo im Dunkeln von ferne:</l><lb/><l>Doch gebt ihr genug&#x017F;ames Licht,</l><lb/><l>Mein Liebgen am Fen&#x017F;ter zu &#x017F;ehen,</l><lb/><l>Jch &#x017F;eh &#x017F;ie im Hemdgen da &#x017F;tehen,</l><lb/><l>Und denket das Na&#x0364;rrgen, ich &#x017F;a&#x0364;he &#x017F;ie nicht.</l></lg></item><lb/>
              <item>2) <hi rendition="#fr">Probe ver&#x017F;etzter jambi&#x017F;cher und trocha&#x0364;i-<lb/>
&#x017F;cher Ver&#x017F;e:</hi><lb/><lg type="poem"><l><hi rendition="#fr">Jamb.</hi> Jch &#x017F;terbe, wo du mich nicht liebe&#x017F;t,</l><lb/><l><hi rendition="#fr">Troch.</hi> Schaue doch mein banges Herz!</l><lb/><l>Lindre, Scho&#x0364;ne, meinen Schmerz.</l><lb/><l><hi rendition="#fr">Jamb.</hi> Wenn du mich gleich in Stu&#x0364;cken hiebe&#x017F;t,</l><lb/><l>Wu&#x0364;n&#x017F;ch ich, daß ich dein Herz erweich.</l><lb/><l><hi rendition="#fr">Troch.</hi> Doch nein, nein, der &#x017F;tirbt nicht gleich,</l><lb/><l><hi rendition="#fr">Jamb.</hi> Den Liebes-Ku&#x0364;tzel plagt.</l><lb/><l>Mein Leid hab ich dir gnug geklagt,</l><lb/><l>Will&#x017F;t du mich nicht anho&#x0364;ren?</l><lb/><l><hi rendition="#fr">Troch.</hi> Nun &#x017F;o will ich auch ver&#x017F;chwo&#x0364;ren,</l><lb/><l>Daß mich je Cupidens Reich</l><lb/><l><hi rendition="#fr">Jamb.</hi> Be&#x017F;tricken &#x017F;oll,</l><lb/><l>Drum lebe wohl!</l><lb/>
<fw place="bottom" type="catch">Trennt</fw><lb/></lg></item>
            </list>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[95/0103] fuͤr einen Froſchmaͤusler. Ode mit jambiſchen und trochaͤiſchen Ver- ſen abwechſeln? Antwort. Es koͤmmt auf den Liebhaber an, und iſt an ſich unverwehret. Denn wer hat die neuern Poeten geheiſſen, ſo ſtrenge Reim-Geſetze vor- zuſchreiben. Man kann alſo per licentiam poëticam nicht nur die Vers-Arten unter ein- ander verſetzen, ſondern auch lange Fuͤße zu kur- zen, und kurze zu langen machen; der Abſchnitt des Verſes kann auch wegbleiben, wie es die Lateiner bey elegiſchen Verſen oft thun; als: 1) Probe einer dactyliſchen Ode: Jhr ſcheinet, ihr lieblichen Sterne, Zwar jetzo im Dunkeln von ferne: Doch gebt ihr genugſames Licht, Mein Liebgen am Fenſter zu ſehen, Jch ſeh ſie im Hemdgen da ſtehen, Und denket das Naͤrrgen, ich ſaͤhe ſie nicht. 2) Probe verſetzter jambiſcher und trochaͤi- ſcher Verſe: Jamb. Jch ſterbe, wo du mich nicht liebeſt, Troch. Schaue doch mein banges Herz! Lindre, Schoͤne, meinen Schmerz. Jamb. Wenn du mich gleich in Stuͤcken hiebeſt, Wuͤnſch ich, daß ich dein Herz erweich. Troch. Doch nein, nein, der ſtirbt nicht gleich, Jamb. Den Liebes-Kuͤtzel plagt. Mein Leid hab ich dir gnug geklagt, Willſt du mich nicht anhoͤren? Troch. Nun ſo will ich auch verſchwoͤren, Daß mich je Cupidens Reich Jamb. Beſtricken ſoll, Drum lebe wohl! Trennt

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/philippi_reimschmiedekunst_1743
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/philippi_reimschmiedekunst_1743/103
Zitationshilfe: Philippi, Johann Ernst: Regeln und Maximen der edlen Reimschmiede-Kunst, auch kriechender Poesie. Altenburg, 1743, S. 95. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/philippi_reimschmiedekunst_1743/103>, abgerufen am 21.04.2019.