Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Poppe, Johann Friedrich]: Characteristik der merkwürdigsten Asiatischen Nationen. Bd. 1. Breslau, 1776.

Bild:
<< vorherige Seite


Sechstes Kapitel.

Von der Justiz und dem bürgerlichen
Rechte -- Vom Criminalrechte und
Policey der Perser.

Die Jurisprudenz ist von der practischen
Theologie bey den Persern wenig oder
gar nicht unterschieden. Mohammed hat hier-
in vielleicht dem Beyspiele der Alten folgen
wollen, welche ihre bürgerliche und politische
Anordnungen auf die Grundsätze der Religion,
die sie bekannten, gründeten, um dadurch glaub-
haft zu machen, daß die Gesetze eben sowohl,
als die Vorschriften der Religion, von Gott
kämen. Diesen Kunstgriff haben die Gesetzge-
ber des Alterthums von jeher beobachtet, weil
sie überzeugt waren, daß sie das Volk dadurch
zur Beobachtung ihrer Gesetze viel bereitwilli-
ger finden würden. - Chardin aber will der
Meynung seyn, daß Mohammed bey seiner Ge-
setzgebung mehr auf das jüdische Gesetzbuch,
und besonders auf das dritte Buch Mosis ge-
sehen habe, welches die bürgerlichen und Ceri-
monialgesetze, mit einander verbunden, enthält.

Die Perser haben ein Gesetzbuch, welches sie
Cherait nennen, und das die Gesetze des
Bürgerlichen- und Criminalrechts enthält; al-

lein


Sechſtes Kapitel.

Von der Juſtiz und dem buͤrgerlichen
Rechte — Vom Criminalrechte und
Policey der Perſer.

Die Jurisprudenz iſt von der practiſchen
Theologie bey den Perſern wenig oder
gar nicht unterſchieden. Mohammed hat hier-
in vielleicht dem Beyſpiele der Alten folgen
wollen, welche ihre buͤrgerliche und politiſche
Anordnungen auf die Grundſaͤtze der Religion,
die ſie bekannten, gruͤndeten, um dadurch glaub-
haft zu machen, daß die Geſetze eben ſowohl,
als die Vorſchriften der Religion, von Gott
kaͤmen. Dieſen Kunſtgriff haben die Geſetzge-
ber des Alterthums von jeher beobachtet, weil
ſie uͤberzeugt waren, daß ſie das Volk dadurch
zur Beobachtung ihrer Geſetze viel bereitwilli-
ger finden wuͤrden. ‒ Chardin aber will der
Meynung ſeyn, daß Mohammed bey ſeiner Ge-
ſetzgebung mehr auf das juͤdiſche Geſetzbuch,
und beſonders auf das dritte Buch Moſis ge-
ſehen habe, welches die buͤrgerlichen und Ceri-
monialgeſetze, mit einander verbunden, enthaͤlt.

Die Perſer haben ein Geſetzbuch, welches ſie
Cherait nennen, und das die Geſetze des
Buͤrgerlichen- und Criminalrechts enthaͤlt; al-

lein
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0156" n="136"/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b">Sech&#x017F;tes Kapitel.</hi> </head><lb/>
          <argument>
            <p>Von der Ju&#x017F;tiz und dem bu&#x0364;rgerlichen<lb/><hi rendition="#c">Rechte &#x2014; Vom Criminalrechte und<lb/>
Policey der Per&#x017F;er.</hi></p>
          </argument><lb/>
          <p><hi rendition="#in">D</hi>ie Jurisprudenz i&#x017F;t von der practi&#x017F;chen<lb/>
Theologie bey den Per&#x017F;ern wenig oder<lb/>
gar nicht unter&#x017F;chieden. Mohammed hat hier-<lb/>
in vielleicht dem Bey&#x017F;piele der Alten folgen<lb/>
wollen, welche ihre bu&#x0364;rgerliche und politi&#x017F;che<lb/>
Anordnungen auf die Grund&#x017F;a&#x0364;tze der Religion,<lb/>
die &#x017F;ie bekannten, gru&#x0364;ndeten, um dadurch glaub-<lb/>
haft zu machen, daß die Ge&#x017F;etze eben &#x017F;owohl,<lb/>
als die Vor&#x017F;chriften der Religion, von Gott<lb/>
ka&#x0364;men. Die&#x017F;en Kun&#x017F;tgriff haben die Ge&#x017F;etzge-<lb/>
ber des Alterthums von jeher beobachtet, weil<lb/>
&#x017F;ie u&#x0364;berzeugt waren, daß &#x017F;ie das Volk dadurch<lb/>
zur Beobachtung ihrer Ge&#x017F;etze viel bereitwilli-<lb/>
ger finden wu&#x0364;rden. &#x2012; <hi rendition="#fr">Chardin</hi> aber will der<lb/>
Meynung &#x017F;eyn, daß Mohammed bey &#x017F;einer Ge-<lb/>
&#x017F;etzgebung mehr auf das ju&#x0364;di&#x017F;che Ge&#x017F;etzbuch,<lb/>
und be&#x017F;onders auf das dritte Buch Mo&#x017F;is ge-<lb/>
&#x017F;ehen habe, welches die bu&#x0364;rgerlichen und Ceri-<lb/>
monialge&#x017F;etze, mit einander verbunden, entha&#x0364;lt.</p><lb/>
          <p>Die Per&#x017F;er haben ein Ge&#x017F;etzbuch, welches &#x017F;ie<lb/><hi rendition="#fr">Cherait</hi> nennen, und das die Ge&#x017F;etze des<lb/>
Bu&#x0364;rgerlichen- und Criminalrechts entha&#x0364;lt; al-<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">lein</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[136/0156] Sechſtes Kapitel. Von der Juſtiz und dem buͤrgerlichen Rechte — Vom Criminalrechte und Policey der Perſer. Die Jurisprudenz iſt von der practiſchen Theologie bey den Perſern wenig oder gar nicht unterſchieden. Mohammed hat hier- in vielleicht dem Beyſpiele der Alten folgen wollen, welche ihre buͤrgerliche und politiſche Anordnungen auf die Grundſaͤtze der Religion, die ſie bekannten, gruͤndeten, um dadurch glaub- haft zu machen, daß die Geſetze eben ſowohl, als die Vorſchriften der Religion, von Gott kaͤmen. Dieſen Kunſtgriff haben die Geſetzge- ber des Alterthums von jeher beobachtet, weil ſie uͤberzeugt waren, daß ſie das Volk dadurch zur Beobachtung ihrer Geſetze viel bereitwilli- ger finden wuͤrden. ‒ Chardin aber will der Meynung ſeyn, daß Mohammed bey ſeiner Ge- ſetzgebung mehr auf das juͤdiſche Geſetzbuch, und beſonders auf das dritte Buch Moſis ge- ſehen habe, welches die buͤrgerlichen und Ceri- monialgeſetze, mit einander verbunden, enthaͤlt. Die Perſer haben ein Geſetzbuch, welches ſie Cherait nennen, und das die Geſetze des Buͤrgerlichen- und Criminalrechts enthaͤlt; al- lein

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/poppe_charakteristik01_1776
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/poppe_charakteristik01_1776/156
Zitationshilfe: [Poppe, Johann Friedrich]: Characteristik der merkwürdigsten Asiatischen Nationen. Bd. 1. Breslau, 1776, S. 136. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/poppe_charakteristik01_1776/156>, abgerufen am 24.05.2019.