Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 1. München, 1830.

Bild:
<< vorherige Seite

Der gemeine Mann in England giebt auf Nang
überhaupt wenig, auf fremden gar nichts. Nur die
mittlere Klasse ist hierin sclavisch, und prahlt gern
mit einem fremden Nobleman, weil sie ihrer eignen
stolzen Aristokraten nicht habhaft werden kann. Der
englische Edelmann selbst aber hält sich, auch der
Geringste ihrer Lords, im Grunde des Herzens für
mehr als den König von Frankreich.

Uebrigens ist diese Art zu reisen für Jemand, der
nicht blos Ortsveränderung beabsichtigt, oder sich
durch größere Ehrfurcht der Gastwirthe und Kellner
geschmeichelt fühlt, gewiß die, welche der gewöhn-
lichen Art die große Tour zu machen vorzuziehen
wäre, da die verminderte Bequemlichkeit durch so
viel Lehrreiches und Angenehmes aufgewogen wird,
daß man bei dem Tausche hundertfach gewinnen
muß.



Meinen Rückweg von Bray nahm ich diesmal über
Kingston, längs der Küste auf einem rauhen, aber
sehr romantischen Wege. Eine Unzahl von Bettlern
standen an der Straße, denen es jedoch nicht an Be-
triebsamkeit fehlte, denn eine alte Frau unter an-
dern sammelte emsig etwas weißen Sand auf der
Straße, der von einer Wagenladung durch die Bret-
ter gefallen war. Warum konnte man den Armen
nicht eine Stunde lang die Schätze unsres Sand-

14*

Der gemeine Mann in England giebt auf Nang
überhaupt wenig, auf fremden gar nichts. Nur die
mittlere Klaſſe iſt hierin ſclaviſch, und prahlt gern
mit einem fremden Nobleman, weil ſie ihrer eignen
ſtolzen Ariſtokraten nicht habhaft werden kann. Der
engliſche Edelmann ſelbſt aber hält ſich, auch der
Geringſte ihrer Lords, im Grunde des Herzens für
mehr als den König von Frankreich.

Uebrigens iſt dieſe Art zu reiſen für Jemand, der
nicht blos Ortsveränderung beabſichtigt, oder ſich
durch größere Ehrfurcht der Gaſtwirthe und Kellner
geſchmeichelt fühlt, gewiß die, welche der gewöhn-
lichen Art die große Tour zu machen vorzuziehen
wäre, da die verminderte Bequemlichkeit durch ſo
viel Lehrreiches und Angenehmes aufgewogen wird,
daß man bei dem Tauſche hundertfach gewinnen
muß.



Meinen Rückweg von Bray nahm ich diesmal über
Kingſton, längs der Küſte auf einem rauhen, aber
ſehr romantiſchen Wege. Eine Unzahl von Bettlern
ſtanden an der Straße, denen es jedoch nicht an Be-
triebſamkeit fehlte, denn eine alte Frau unter an-
dern ſammelte emſig etwas weißen Sand auf der
Straße, der von einer Wagenladung durch die Bret-
ter gefallen war. Warum konnte man den Armen
nicht eine Stunde lang die Schätze unſres Sand-

14*
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0235" n="211"/>
Der gemeine Mann in England giebt auf Nang<lb/>
überhaupt wenig, auf fremden gar nichts. Nur die<lb/>
mittlere Kla&#x017F;&#x017F;e i&#x017F;t hierin &#x017F;clavi&#x017F;ch, und prahlt gern<lb/>
mit einem fremden Nobleman, weil &#x017F;ie ihrer eignen<lb/>
&#x017F;tolzen Ari&#x017F;tokraten nicht habhaft werden kann. Der<lb/>
engli&#x017F;che Edelmann &#x017F;elb&#x017F;t aber <choice><sic>ha&#x0307;lt</sic><corr>hält</corr></choice> &#x017F;ich, auch der<lb/>
Gering&#x017F;te ihrer Lords, im Grunde des Herzens für<lb/>
mehr als den König von Frankreich.</p><lb/>
          <p>Uebrigens i&#x017F;t die&#x017F;e Art zu rei&#x017F;en für Jemand, der<lb/>
nicht blos Ortsveränderung beab&#x017F;ichtigt, oder &#x017F;ich<lb/>
durch größere Ehrfurcht der Ga&#x017F;twirthe und Kellner<lb/>
ge&#x017F;chmeichelt fühlt, gewiß die, welche der gewöhn-<lb/>
lichen Art die große Tour zu machen vorzuziehen<lb/>
wäre, da die verminderte Bequemlichkeit durch &#x017F;o<lb/>
viel Lehrreiches und Angenehmes aufgewogen wird,<lb/>
daß man bei dem Tau&#x017F;che hundertfach gewinnen<lb/>
muß.</p>
        </div><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <div n="2">
          <opener>
            <dateline> <hi rendition="#et">Dublin, den 1<hi rendition="#sup">ten</hi> September.</hi> </dateline>
          </opener><lb/>
          <p>Meinen Rückweg von Bray nahm ich diesmal über<lb/>
King&#x017F;ton, längs der Kü&#x017F;te auf einem rauhen, aber<lb/>
&#x017F;ehr romanti&#x017F;chen Wege. Eine Unzahl von Bettlern<lb/>
&#x017F;tanden an der Straße, denen es jedoch nicht an Be-<lb/>
trieb&#x017F;amkeit fehlte, denn eine alte Frau unter an-<lb/>
dern &#x017F;ammelte em&#x017F;ig etwas weißen Sand auf der<lb/>
Straße, der von einer Wagenladung durch die Bret-<lb/>
ter gefallen war. Warum konnte man den Armen<lb/>
nicht eine Stunde lang die Schätze un&#x017F;res Sand-<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">14*</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[211/0235] Der gemeine Mann in England giebt auf Nang überhaupt wenig, auf fremden gar nichts. Nur die mittlere Klaſſe iſt hierin ſclaviſch, und prahlt gern mit einem fremden Nobleman, weil ſie ihrer eignen ſtolzen Ariſtokraten nicht habhaft werden kann. Der engliſche Edelmann ſelbſt aber hält ſich, auch der Geringſte ihrer Lords, im Grunde des Herzens für mehr als den König von Frankreich. Uebrigens iſt dieſe Art zu reiſen für Jemand, der nicht blos Ortsveränderung beabſichtigt, oder ſich durch größere Ehrfurcht der Gaſtwirthe und Kellner geſchmeichelt fühlt, gewiß die, welche der gewöhn- lichen Art die große Tour zu machen vorzuziehen wäre, da die verminderte Bequemlichkeit durch ſo viel Lehrreiches und Angenehmes aufgewogen wird, daß man bei dem Tauſche hundertfach gewinnen muß. Dublin, den 1ten September. Meinen Rückweg von Bray nahm ich diesmal über Kingſton, längs der Küſte auf einem rauhen, aber ſehr romantiſchen Wege. Eine Unzahl von Bettlern ſtanden an der Straße, denen es jedoch nicht an Be- triebſamkeit fehlte, denn eine alte Frau unter an- dern ſammelte emſig etwas weißen Sand auf der Straße, der von einer Wagenladung durch die Bret- ter gefallen war. Warum konnte man den Armen nicht eine Stunde lang die Schätze unſres Sand- 14*

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe01_1830
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe01_1830/235
Zitationshilfe: Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 1. München, 1830, S. 211. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe01_1830/235>, abgerufen am 22.04.2019.