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Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 4. Stuttgart, 1831.

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die Jugend, und man kann wirklich sagen National-
bildung, sehr vortheilhaft einwirkt.



Mit dem Grafen B. und einem Sohne der berühm-
ten Madame Tallien, fuhr ich diesen Morgen in die
City, um das Indiahouse zu besehen, wo viele merk-
würdige Gegenstände aufbewahrt werden. Tippo
Saybs Traumbuch unter andern, in dem er jeden
Tag selbst seine Träume und ihre Auslegung auf-
schrieb, und dem er auch seinen Untergang, gleich
Wallenstein, hauptsächlich dankte. Seine Rüstung,
ein Theil seines goldnen Thrones, und eine seltsame
Drehorgel werden gleichfalls hier aufbewahrt. Die
letzte befindet sich in dem Bauche eines sehr gut dar-
gestellten, metallenen Tigers, in natürlichen Farben
und Lebensgröße. Unter dem Tiger liegt ein Eng-
länder in rother Uniform, den er zerfleischt, und wäh-
rend man dreht, wird täuschend das Geschrei und
Gewimmer eines mit der Todes-Agonie kämpfenden
Menschen, schauerlich abwechselnd mit dem Brüllen
und Grunzen des Tigers, nachgeahmt. Es ist dieß
Instrument recht charakteristisch zur Würdigung je-
nes furchtbaren Feindes der Engländer, der selbst die
Tigerstreifen zu seinem Wappen machte, und von sich
zu sagen pflegte: daß er lieber einen Tag lang ein
auf Raub ausgehender Tiger, als ein Jahrhundert
lang ein ruhig weidendes Schaaf seyn möge.

die Jugend, und man kann wirklich ſagen National-
bildung, ſehr vortheilhaft einwirkt.



Mit dem Grafen B. und einem Sohne der berühm-
ten Madame Tallien, fuhr ich dieſen Morgen in die
City, um das Indiahouſe zu beſehen, wo viele merk-
würdige Gegenſtände aufbewahrt werden. Tippo
Saybs Traumbuch unter andern, in dem er jeden
Tag ſelbſt ſeine Träume und ihre Auslegung auf-
ſchrieb, und dem er auch ſeinen Untergang, gleich
Wallenſtein, hauptſächlich dankte. Seine Rüſtung,
ein Theil ſeines goldnen Thrones, und eine ſeltſame
Drehorgel werden gleichfalls hier aufbewahrt. Die
letzte befindet ſich in dem Bauche eines ſehr gut dar-
geſtellten, metallenen Tigers, in natürlichen Farben
und Lebensgröße. Unter dem Tiger liegt ein Eng-
länder in rother Uniform, den er zerfleiſcht, und wäh-
rend man dreht, wird täuſchend das Geſchrei und
Gewimmer eines mit der Todes-Agonie kämpfenden
Menſchen, ſchauerlich abwechſelnd mit dem Brüllen
und Grunzen des Tigers, nachgeahmt. Es iſt dieß
Inſtrument recht charakteriſtiſch zur Würdigung je-
nes furchtbaren Feindes der Engländer, der ſelbſt die
Tigerſtreifen zu ſeinem Wappen machte, und von ſich
zu ſagen pflegte: daß er lieber einen Tag lang ein
auf Raub ausgehender Tiger, als ein Jahrhundert
lang ein ruhig weidendes Schaaf ſeyn möge.

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[300/0318] die Jugend, und man kann wirklich ſagen National- bildung, ſehr vortheilhaft einwirkt. Den 14ten. Mit dem Grafen B. und einem Sohne der berühm- ten Madame Tallien, fuhr ich dieſen Morgen in die City, um das Indiahouſe zu beſehen, wo viele merk- würdige Gegenſtände aufbewahrt werden. Tippo Saybs Traumbuch unter andern, in dem er jeden Tag ſelbſt ſeine Träume und ihre Auslegung auf- ſchrieb, und dem er auch ſeinen Untergang, gleich Wallenſtein, hauptſächlich dankte. Seine Rüſtung, ein Theil ſeines goldnen Thrones, und eine ſeltſame Drehorgel werden gleichfalls hier aufbewahrt. Die letzte befindet ſich in dem Bauche eines ſehr gut dar- geſtellten, metallenen Tigers, in natürlichen Farben und Lebensgröße. Unter dem Tiger liegt ein Eng- länder in rother Uniform, den er zerfleiſcht, und wäh- rend man dreht, wird täuſchend das Geſchrei und Gewimmer eines mit der Todes-Agonie kämpfenden Menſchen, ſchauerlich abwechſelnd mit dem Brüllen und Grunzen des Tigers, nachgeahmt. Es iſt dieß Inſtrument recht charakteriſtiſch zur Würdigung je- nes furchtbaren Feindes der Engländer, der ſelbſt die Tigerſtreifen zu ſeinem Wappen machte, und von ſich zu ſagen pflegte: daß er lieber einen Tag lang ein auf Raub ausgehender Tiger, als ein Jahrhundert lang ein ruhig weidendes Schaaf ſeyn möge.

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Zitationshilfe: Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 4. Stuttgart, 1831, S. 300. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe04_1831/318>, abgerufen am 24.03.2019.