Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 4. Stuttgart, 1831.

Bild:
<< vorherige Seite

ich daher gegen 2 Uhr wieder bei den Hausgöttern
anlangte. -- Dieses Theater hat das Eigenthümliche,
daß es unter wirkliches Wasser gesetzt werden kann,
in welchem Element die Schauspieler oft Stunden
lang gleich Wasserthieren umherplätschern. Uebrigens
geht nichts über den Unsinn der hier aufgeführten
Melodrame, und über den horriblen Gesang, von
dem sie begleitet werden.



Man hat noch einen Fancyball arrangirt, der mir
aber nur einen traurigen Eindruck zurückließ. Ich
bemerkte einen blassen, in einen einfachen schwarzen
Domino gehüllten Mann, in dessen Gesicht ein un-
nennbarer Zug des bittersten Seelenleidens schmerz-
lich anzog. Er blieb nicht lange, und als ich mich
bei L. nach ihm erkundigte, gab dieser mir folgende
Auskunft: Dieser beklagenswerthe Sterbliche, Obrist
S ..., sagte er, würde den Helden zu einem schauer-
lichen Roman abgeben können. Wenn man von Je-
mand sagen kann, er sey unglücklich geboren, so ist
er es. Sein großes Vermögen verlor er früh durch
den frauduleusen Banquerott eines Freundes. Hun-
dertmal kam ihm seitdem das Glück entgegen, aber
immer nur, um ihn im entscheidenden Augenblick mit
dem Verschwinden aller Hoffnung zu äffen, und fast
jedesmal waren es nur die unbedeutendsten Kleinig-
keiten, ein verspäteter Brief, eine leicht mögliche Ver-

ich daher gegen 2 Uhr wieder bei den Hausgöttern
anlangte. — Dieſes Theater hat das Eigenthümliche,
daß es unter wirkliches Waſſer geſetzt werden kann,
in welchem Element die Schauſpieler oft Stunden
lang gleich Waſſerthieren umherplätſchern. Uebrigens
geht nichts über den Unſinn der hier aufgeführten
Melodrame, und über den horriblen Geſang, von
dem ſie begleitet werden.



Man hat noch einen Fancyball arrangirt, der mir
aber nur einen traurigen Eindruck zurückließ. Ich
bemerkte einen blaſſen, in einen einfachen ſchwarzen
Domino gehüllten Mann, in deſſen Geſicht ein un-
nennbarer Zug des bitterſten Seelenleidens ſchmerz-
lich anzog. Er blieb nicht lange, und als ich mich
bei L. nach ihm erkundigte, gab dieſer mir folgende
Auskunft: Dieſer beklagenswerthe Sterbliche, Obriſt
S …, ſagte er, würde den Helden zu einem ſchauer-
lichen Roman abgeben können. Wenn man von Je-
mand ſagen kann, er ſey unglücklich geboren, ſo iſt
er es. Sein großes Vermögen verlor er früh durch
den frauduleuſen Banquerott eines Freundes. Hun-
dertmal kam ihm ſeitdem das Glück entgegen, aber
immer nur, um ihn im entſcheidenden Augenblick mit
dem Verſchwinden aller Hoffnung zu äffen, und faſt
jedesmal waren es nur die unbedeutendſten Kleinig-
keiten, ein verſpäteter Brief, eine leicht mögliche Ver-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0396" n="376"/>
ich daher gegen 2 Uhr wieder bei den Hausgöttern<lb/>
anlangte. &#x2014; Die&#x017F;es Theater hat das Eigenthümliche,<lb/>
daß es unter wirkliches Wa&#x017F;&#x017F;er ge&#x017F;etzt werden kann,<lb/>
in welchem Element die Schau&#x017F;pieler oft Stunden<lb/>
lang gleich Wa&#x017F;&#x017F;erthieren umherplät&#x017F;chern. Uebrigens<lb/>
geht nichts über den Un&#x017F;inn der hier aufgeführten<lb/>
Melodrame, und über den horriblen Ge&#x017F;ang, von<lb/>
dem &#x017F;ie begleitet werden.</p>
        </div><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <div n="2">
          <opener>
            <dateline> <hi rendition="#et">Den 20&#x017F;ten.</hi> </dateline>
          </opener><lb/>
          <p>Man hat noch einen Fancyball arrangirt, der mir<lb/>
aber nur einen traurigen Eindruck zurückließ. Ich<lb/>
bemerkte einen bla&#x017F;&#x017F;en, in einen einfachen &#x017F;chwarzen<lb/>
Domino gehüllten Mann, in de&#x017F;&#x017F;en Ge&#x017F;icht ein un-<lb/>
nennbarer Zug des bitter&#x017F;ten Seelenleidens &#x017F;chmerz-<lb/>
lich anzog. Er blieb nicht lange, und als ich mich<lb/>
bei L. nach ihm erkundigte, gab die&#x017F;er mir folgende<lb/>
Auskunft: Die&#x017F;er beklagenswerthe Sterbliche, Obri&#x017F;t<lb/>
S &#x2026;, &#x017F;agte er, würde den Helden zu einem &#x017F;chauer-<lb/>
lichen Roman abgeben können. Wenn man von Je-<lb/>
mand &#x017F;agen kann, er &#x017F;ey unglücklich geboren, &#x017F;o i&#x017F;t<lb/>
er es. Sein großes Vermögen verlor er früh durch<lb/>
den frauduleu&#x017F;en Banquerott eines Freundes. Hun-<lb/>
dertmal kam ihm &#x017F;eitdem das Glück entgegen, aber<lb/>
immer nur, um ihn im ent&#x017F;cheidenden Augenblick mit<lb/>
dem Ver&#x017F;chwinden aller Hoffnung zu äffen, und fa&#x017F;t<lb/>
jedesmal waren es nur die unbedeutend&#x017F;ten Kleinig-<lb/>
keiten, ein ver&#x017F;päteter Brief, eine leicht mögliche Ver-<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[376/0396] ich daher gegen 2 Uhr wieder bei den Hausgöttern anlangte. — Dieſes Theater hat das Eigenthümliche, daß es unter wirkliches Waſſer geſetzt werden kann, in welchem Element die Schauſpieler oft Stunden lang gleich Waſſerthieren umherplätſchern. Uebrigens geht nichts über den Unſinn der hier aufgeführten Melodrame, und über den horriblen Geſang, von dem ſie begleitet werden. Den 20ſten. Man hat noch einen Fancyball arrangirt, der mir aber nur einen traurigen Eindruck zurückließ. Ich bemerkte einen blaſſen, in einen einfachen ſchwarzen Domino gehüllten Mann, in deſſen Geſicht ein un- nennbarer Zug des bitterſten Seelenleidens ſchmerz- lich anzog. Er blieb nicht lange, und als ich mich bei L. nach ihm erkundigte, gab dieſer mir folgende Auskunft: Dieſer beklagenswerthe Sterbliche, Obriſt S …, ſagte er, würde den Helden zu einem ſchauer- lichen Roman abgeben können. Wenn man von Je- mand ſagen kann, er ſey unglücklich geboren, ſo iſt er es. Sein großes Vermögen verlor er früh durch den frauduleuſen Banquerott eines Freundes. Hun- dertmal kam ihm ſeitdem das Glück entgegen, aber immer nur, um ihn im entſcheidenden Augenblick mit dem Verſchwinden aller Hoffnung zu äffen, und faſt jedesmal waren es nur die unbedeutendſten Kleinig- keiten, ein verſpäteter Brief, eine leicht mögliche Ver-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe04_1831
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe04_1831/396
Zitationshilfe: Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 4. Stuttgart, 1831, S. 376. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe04_1831/396>, abgerufen am 21.03.2019.