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Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 4. Stuttgart, 1831.

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Mit mehrern Damen diesen Morgen spazieren rei-
tend, erhob sich die Frage, welchen Weg man neh-
men sollte, die herrliche Frühlingsnacht am besten zu
genießen. Da sahen wir am hohen Himmel einen
Luftballon schweben, und die Frage war beantwor-
tet. Mehr als 10 Meilen folgten die unermüdlichen
Damen, gleich einer steeple chase, dem luftigen Füh-
rer, der aber doch endlich unsern Blicken ganz ent-
schwand.

Der Mittag war einem großen diplomatischen Dine
gewidmet, wo mehrere der neuen Minister zugegen
waren, und der Abend einem Ball in einem deutschen
Hause, dessen solide und geschmackvolle Pracht den
besten englischen gleichkömmt, und durch die liebens-
würdigen Eigenschaften der Wirthe die meisten über-
trifft, ich meine beim Fürsten Esterhazy.

Bald aber wird mein Journal den Reiseberichten
des weiland Bernouilly gleichen, die auch nur von
Einladungen, Mittagsmahlen und Abendunterhal-
tungen handeln. Aber Du mußt es nun schon hin-
nehmen, wie es sich trifft. Vergleiche dies Tagebuch
mit einem Gewande, auf dem sehr verschiedne, rei-
chere und ärmlichere Stickereien vorkommen. Der
feste dauerhafte Stoff repräsentirt meine immer gleiche
Liebe zu Dir und den Wunsch, Dich, so gut es geht,
mein fernes Leben mit leben zu lassen; die Sticke-
reien aber, die nur Copieen des Erlebten sind, müssen


Mit mehrern Damen dieſen Morgen ſpazieren rei-
tend, erhob ſich die Frage, welchen Weg man neh-
men ſollte, die herrliche Frühlingsnacht am beſten zu
genießen. Da ſahen wir am hohen Himmel einen
Luftballon ſchweben, und die Frage war beantwor-
tet. Mehr als 10 Meilen folgten die unermüdlichen
Damen, gleich einer steeple chase, dem luftigen Füh-
rer, der aber doch endlich unſern Blicken ganz ent-
ſchwand.

Der Mittag war einem großen diplomatiſchen Diné
gewidmet, wo mehrere der neuen Miniſter zugegen
waren, und der Abend einem Ball in einem deutſchen
Hauſe, deſſen ſolide und geſchmackvolle Pracht den
beſten engliſchen gleichkömmt, und durch die liebens-
würdigen Eigenſchaften der Wirthe die meiſten über-
trifft, ich meine beim Fürſten Eſterhazy.

Bald aber wird mein Journal den Reiſeberichten
des weiland Bernouilly gleichen, die auch nur von
Einladungen, Mittagsmahlen und Abendunterhal-
tungen handeln. Aber Du mußt es nun ſchon hin-
nehmen, wie es ſich trifft. Vergleiche dies Tagebuch
mit einem Gewande, auf dem ſehr verſchiedne, rei-
chere und ärmlichere Stickereien vorkommen. Der
feſte dauerhafte Stoff repräſentirt meine immer gleiche
Liebe zu Dir und den Wunſch, Dich, ſo gut es geht,
mein fernes Leben mit leben zu laſſen; die Sticke-
reien aber, die nur Copieen des Erlebten ſind, müſſen

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[32/0048] Den 15ten. Mit mehrern Damen dieſen Morgen ſpazieren rei- tend, erhob ſich die Frage, welchen Weg man neh- men ſollte, die herrliche Frühlingsnacht am beſten zu genießen. Da ſahen wir am hohen Himmel einen Luftballon ſchweben, und die Frage war beantwor- tet. Mehr als 10 Meilen folgten die unermüdlichen Damen, gleich einer steeple chase, dem luftigen Füh- rer, der aber doch endlich unſern Blicken ganz ent- ſchwand. Der Mittag war einem großen diplomatiſchen Diné gewidmet, wo mehrere der neuen Miniſter zugegen waren, und der Abend einem Ball in einem deutſchen Hauſe, deſſen ſolide und geſchmackvolle Pracht den beſten engliſchen gleichkömmt, und durch die liebens- würdigen Eigenſchaften der Wirthe die meiſten über- trifft, ich meine beim Fürſten Eſterhazy. Bald aber wird mein Journal den Reiſeberichten des weiland Bernouilly gleichen, die auch nur von Einladungen, Mittagsmahlen und Abendunterhal- tungen handeln. Aber Du mußt es nun ſchon hin- nehmen, wie es ſich trifft. Vergleiche dies Tagebuch mit einem Gewande, auf dem ſehr verſchiedne, rei- chere und ärmlichere Stickereien vorkommen. Der feſte dauerhafte Stoff repräſentirt meine immer gleiche Liebe zu Dir und den Wunſch, Dich, ſo gut es geht, mein fernes Leben mit leben zu laſſen; die Sticke- reien aber, die nur Copieen des Erlebten ſind, müſſen

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Zitationshilfe: Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 4. Stuttgart, 1831, S. 32. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe04_1831/48>, abgerufen am 20.03.2019.