Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Ramdohr, Basilius von: Venus Urania. Ueber die Natur der Liebe, über ihre Veredlung und Verschönerung. Erster Theil: Naturkunde der Liebe. Leipzig, 1798.

Bild:
<< vorherige Seite

einem Zustande wohlbehagender Auflösung. Auf der andern Seite spornt ihn zugleich das Gefühl, daß ihm als Herrn geschmeichelt wird, daß er sich als Herr herabläßt. Sie, die Gattin, fühlt sich durch das Streben und das Gelingen des Wunsches, den Beyfall des Obern zu erlangen, und ihm die Herrschaft unvermerkt abzugewinnen, angenehm gespannt: sie wird aber zugleich durch die geschmeidige Zuvorkommung des stärkeren Mannes angenehm gezärtelt.

Es ist gewiß, daß der große Haufe der Männer und Weiber in dem wechselseitigen Verhältnisse verzärtelter Eltern gegen verzogene Kinder zu stehen lieben. Aber selbst in den edelsten Verhältnissen zwischen Personen von verschiedenem Geschlecht erlauben sich diese Vieles in ihrer wechselseitigen Behandlung, was sie sich in engeren Verbindungen mit Personen des ihrigen nicht gestatten würden, ohne die gegenseitige Achtung und das Gefühl ihrer Selbstwürde zu beleidigen. Der Liebende huldigt der Geliebten oft auf eine Art, die gegen den Freund herabsetzend für diesen und für ihn selbst seyn würde; die Geliebte sorgt oft für den Liebenden auf eine Art, die gegen die Freundin ins Kindische und Wegwerfende fallen würde. Nun! in der Geschlechtsliebe, selbst in der edleren, giebt das keinen Anstoß, wenn es nicht übertrieben wird und zu häufig wieder kommt.



IV.

Eben hierher gehört auch der Zug nach geselliger Auszeichnung unter beyden Geschlechtern, die ich üppige Eitelkeit (Coquetterie) nennen möchte: das Bewußtseyn,

einem Zustande wohlbehagender Auflösung. Auf der andern Seite spornt ihn zugleich das Gefühl, daß ihm als Herrn geschmeichelt wird, daß er sich als Herr herabläßt. Sie, die Gattin, fühlt sich durch das Streben und das Gelingen des Wunsches, den Beyfall des Obern zu erlangen, und ihm die Herrschaft unvermerkt abzugewinnen, angenehm gespannt: sie wird aber zugleich durch die geschmeidige Zuvorkommung des stärkeren Mannes angenehm gezärtelt.

Es ist gewiß, daß der große Haufe der Männer und Weiber in dem wechselseitigen Verhältnisse verzärtelter Eltern gegen verzogene Kinder zu stehen lieben. Aber selbst in den edelsten Verhältnissen zwischen Personen von verschiedenem Geschlecht erlauben sich diese Vieles in ihrer wechselseitigen Behandlung, was sie sich in engeren Verbindungen mit Personen des ihrigen nicht gestatten würden, ohne die gegenseitige Achtung und das Gefühl ihrer Selbstwürde zu beleidigen. Der Liebende huldigt der Geliebten oft auf eine Art, die gegen den Freund herabsetzend für diesen und für ihn selbst seyn würde; die Geliebte sorgt oft für den Liebenden auf eine Art, die gegen die Freundin ins Kindische und Wegwerfende fallen würde. Nun! in der Geschlechtsliebe, selbst in der edleren, giebt das keinen Anstoß, wenn es nicht übertrieben wird und zu häufig wieder kommt.



IV.

Eben hierher gehört auch der Zug nach geselliger Auszeichnung unter beyden Geschlechtern, die ich üppige Eitelkeit (Coquetterie) nennen möchte: das Bewußtseyn,

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="2">
            <div n="3">
              <p><pb facs="#f0179" n="179"/>
einem Zustande wohlbehagender Auflösung. Auf der andern Seite spornt ihn zugleich das Gefühl, daß ihm als Herrn geschmeichelt wird, daß er sich als Herr herabläßt. Sie, die Gattin, fühlt sich durch das Streben und das Gelingen des Wunsches, den Beyfall des Obern zu erlangen, und ihm die Herrschaft unvermerkt abzugewinnen, angenehm gespannt: sie wird aber zugleich durch die geschmeidige Zuvorkommung des stärkeren Mannes angenehm gezärtelt.</p>
              <p>Es ist gewiß, daß der große Haufe der Männer und Weiber in dem wechselseitigen Verhältnisse verzärtelter Eltern gegen verzogene Kinder zu stehen lieben. Aber selbst in den edelsten Verhältnissen zwischen Personen von verschiedenem Geschlecht erlauben sich diese Vieles in ihrer wechselseitigen Behandlung, was sie sich in engeren Verbindungen mit Personen des ihrigen nicht gestatten würden, ohne die gegenseitige Achtung und das Gefühl ihrer Selbstwürde zu beleidigen. Der Liebende huldigt der Geliebten oft auf eine Art, die gegen den Freund herabsetzend für diesen und für ihn selbst seyn würde; die Geliebte sorgt oft für den Liebenden auf eine Art, die gegen die Freundin ins Kindische und Wegwerfende fallen würde. Nun! in der Geschlechtsliebe, selbst in der edleren, giebt das keinen Anstoß, wenn es nicht übertrieben wird und zu häufig wieder kommt.</p>
            </div>
            <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
            <div n="3">
              <head>IV.<lb/></head>
              <p>Eben hierher gehört auch der Zug nach geselliger Auszeichnung unter beyden Geschlechtern, die ich üppige Eitelkeit (Coquetterie) nennen möchte: das Bewußtseyn,
</p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[179/0179] einem Zustande wohlbehagender Auflösung. Auf der andern Seite spornt ihn zugleich das Gefühl, daß ihm als Herrn geschmeichelt wird, daß er sich als Herr herabläßt. Sie, die Gattin, fühlt sich durch das Streben und das Gelingen des Wunsches, den Beyfall des Obern zu erlangen, und ihm die Herrschaft unvermerkt abzugewinnen, angenehm gespannt: sie wird aber zugleich durch die geschmeidige Zuvorkommung des stärkeren Mannes angenehm gezärtelt. Es ist gewiß, daß der große Haufe der Männer und Weiber in dem wechselseitigen Verhältnisse verzärtelter Eltern gegen verzogene Kinder zu stehen lieben. Aber selbst in den edelsten Verhältnissen zwischen Personen von verschiedenem Geschlecht erlauben sich diese Vieles in ihrer wechselseitigen Behandlung, was sie sich in engeren Verbindungen mit Personen des ihrigen nicht gestatten würden, ohne die gegenseitige Achtung und das Gefühl ihrer Selbstwürde zu beleidigen. Der Liebende huldigt der Geliebten oft auf eine Art, die gegen den Freund herabsetzend für diesen und für ihn selbst seyn würde; die Geliebte sorgt oft für den Liebenden auf eine Art, die gegen die Freundin ins Kindische und Wegwerfende fallen würde. Nun! in der Geschlechtsliebe, selbst in der edleren, giebt das keinen Anstoß, wenn es nicht übertrieben wird und zu häufig wieder kommt. IV. Eben hierher gehört auch der Zug nach geselliger Auszeichnung unter beyden Geschlechtern, die ich üppige Eitelkeit (Coquetterie) nennen möchte: das Bewußtseyn,

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Wikisource: Bereitstellung der Texttranskription und Auszeichnung in Wikisource-Syntax. (2012-11-20T10:30:31Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme aus Wikisource entsprechen muss.
Wikimedia Commons: Bereitstellung der Bilddigitalisate (2012-11-20T10:30:31Z)
Frank Wiegand: Konvertierung von Wikisource-Markup nach XML/TEI gemäß DTA-Basisformat. (2012-11-20T10:30:31Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:

  • Als Grundlage dienen die Wikisource:Editionsrichtlinien.
  • Der Seitenwechsel erfolgt bei Worttrennung nach dem gesamten Wort.
  • Geviertstriche (—) wurden durch Halbgeviertstriche ersetzt (–).
  • Übergeschriebenes „e“ über „a“, „o“ und „u“ wird als moderner Umlaut (ä, ö, ü) transkribiert.



Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/ramdohr_venus01_1798
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/ramdohr_venus01_1798/179
Zitationshilfe: Ramdohr, Basilius von: Venus Urania. Ueber die Natur der Liebe, über ihre Veredlung und Verschönerung. Erster Theil: Naturkunde der Liebe. Leipzig, 1798, S. 179. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/ramdohr_venus01_1798/179>, abgerufen am 19.03.2019.