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Ramdohr, Basilius von: Venus Urania. Ueber die Natur der Liebe, über ihre Veredlung und Verschönerung. Erster Theil: Naturkunde der Liebe. Leipzig, 1798.

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Zwey und zwanzigstes Kapitel.

Gefahren der Begeisterung für wahre Liebe.

Keine Leidenschaft ist ohne Begeisterung: keine, worin nicht die Bilder des begehrten Gegenstandes äußerst lebhaft und anhaltend vor unserer Seele schwebten, auf Lieblingsneigungen träfen, und unsere Kräfte in ungewöhnlicher Maße nach Erlangung des Gegenstandes unserer Begierden hinspannen sollten. Einige Arten der Leidenschaften, vorzüglich diejenige, welche auf Geschlechtssympathie beruht, sind gemeiniglich mit Besessenheit und dem figierten Streben nach Selbstverwandlung gepaart.

Das Bild, welches uns in einem von diesen verschiedenen Zuständen der Begeisterung beherrscht, ist nun niemahls demjenigen Menschen völlig ähnlich, mit dem wir vereinigt zu werden streben. Allein die Grade der Untreue in der Darstellung sind sehr verschieden. Sehr oft ist es ein verschönertes, aber doch wieder zu erkennendes Bildniß; sehr oft aber ist es auch ein Ideal, das nicht die geringste Aehnlichkeit mit der Person hat, deren Vorzüge nur eine sehr entfernte Veranlassung gegeben haben, das Bild, welches uns begeistert, zusammenzusetzen. Diese Person wird bloß das Symbol des idealischen Gegenstandes, den wir anbeten, und dient dem schwärmerischen Verehrer einer unsichtbaren Gottheit zur Versinnlichung des geistigen Wesens.

Hier entdecken sich sogleich die Gefahren, welche der Liebe, die sich ohne Vereinigung mit einer neben uns existierenden bestimmten Person nicht denken läßt, aus

Zwey und zwanzigstes Kapitel.

Gefahren der Begeisterung für wahre Liebe.

Keine Leidenschaft ist ohne Begeisterung: keine, worin nicht die Bilder des begehrten Gegenstandes äußerst lebhaft und anhaltend vor unserer Seele schwebten, auf Lieblingsneigungen träfen, und unsere Kräfte in ungewöhnlicher Maße nach Erlangung des Gegenstandes unserer Begierden hinspannen sollten. Einige Arten der Leidenschaften, vorzüglich diejenige, welche auf Geschlechtssympathie beruht, sind gemeiniglich mit Besessenheit und dem figierten Streben nach Selbstverwandlung gepaart.

Das Bild, welches uns in einem von diesen verschiedenen Zuständen der Begeisterung beherrscht, ist nun niemahls demjenigen Menschen völlig ähnlich, mit dem wir vereinigt zu werden streben. Allein die Grade der Untreue in der Darstellung sind sehr verschieden. Sehr oft ist es ein verschönertes, aber doch wieder zu erkennendes Bildniß; sehr oft aber ist es auch ein Ideal, das nicht die geringste Aehnlichkeit mit der Person hat, deren Vorzüge nur eine sehr entfernte Veranlassung gegeben haben, das Bild, welches uns begeistert, zusammenzusetzen. Diese Person wird bloß das Symbol des idealischen Gegenstandes, den wir anbeten, und dient dem schwärmerischen Verehrer einer unsichtbaren Gottheit zur Versinnlichung des geistigen Wesens.

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[327/0327] Zwey und zwanzigstes Kapitel. Gefahren der Begeisterung für wahre Liebe. Keine Leidenschaft ist ohne Begeisterung: keine, worin nicht die Bilder des begehrten Gegenstandes äußerst lebhaft und anhaltend vor unserer Seele schwebten, auf Lieblingsneigungen träfen, und unsere Kräfte in ungewöhnlicher Maße nach Erlangung des Gegenstandes unserer Begierden hinspannen sollten. Einige Arten der Leidenschaften, vorzüglich diejenige, welche auf Geschlechtssympathie beruht, sind gemeiniglich mit Besessenheit und dem figierten Streben nach Selbstverwandlung gepaart. Das Bild, welches uns in einem von diesen verschiedenen Zuständen der Begeisterung beherrscht, ist nun niemahls demjenigen Menschen völlig ähnlich, mit dem wir vereinigt zu werden streben. Allein die Grade der Untreue in der Darstellung sind sehr verschieden. Sehr oft ist es ein verschönertes, aber doch wieder zu erkennendes Bildniß; sehr oft aber ist es auch ein Ideal, das nicht die geringste Aehnlichkeit mit der Person hat, deren Vorzüge nur eine sehr entfernte Veranlassung gegeben haben, das Bild, welches uns begeistert, zusammenzusetzen. Diese Person wird bloß das Symbol des idealischen Gegenstandes, den wir anbeten, und dient dem schwärmerischen Verehrer einer unsichtbaren Gottheit zur Versinnlichung des geistigen Wesens. Hier entdecken sich sogleich die Gefahren, welche der Liebe, die sich ohne Vereinigung mit einer neben uns existierenden bestimmten Person nicht denken läßt, aus

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Zitationshilfe: Ramdohr, Basilius von: Venus Urania. Ueber die Natur der Liebe, über ihre Veredlung und Verschönerung. Erster Theil: Naturkunde der Liebe. Leipzig, 1798, S. 327. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/ramdohr_venus01_1798/327>, abgerufen am 22.03.2019.