Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Reil, Johann Christian: Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen. Halle, 1803.

Bild:
<< vorherige Seite

Empfänglichkeit für dieselben und eine solche
Construktion hätten, dass ihre Reflektionspunkte
durch ihre eignen Thätigkeiten nach anderen Ge-
genden verlegt werden könnten.

§. 10.

Nahe verwandt mit dem Selbstbewusstseyn
ist die Besonnenheit. Jenes ist gleichsam die
Grundlage dieser Eigenschaft der Seele, und diese
knüpft sich wieder an die Aufmerksamkeit an.
Die Besonnenheit merkt die Objekte an, die Auf-
merksamkeit hält die angemerkten eigenmächtig
fest. Jene ist gleichsam der Compass auf dem
Meere der Sinnlichkeit, welcher die Thatkraft
der Seele auf den Zweck ihrer Glückseligkeit
zusteuert. Ohne Besonnenheit würde sie entwe-
der unverrückt, nach dem Gesetze der Stetigkeit,
auf einerley Gegenstand haften, oder ohne Leit-
stern regellos im Universum herumflattern. Was
hier in der Mitte liegt, dass keins von beiden
geschieht, ist Besonnenheit. So begegnen sich
Centrifugal- und Centripedal-Kraft in der Dia-
gonale, und gängeln die Weltkörper durch den
leeren Raum, dass sie die Spur, ohne sie zu
haben, nie verlieren.

Was ist Besonnenheit, und worauf gründet
sie sich? Sie ist Fortdauer des Wahr-
nehmungsvermögens der Seele, wäh-
rend ihrer Anstrengungen, und grün-
det sich auf eine Irritabilität für

Empfänglichkeit für dieſelben und eine ſolche
Conſtruktion hätten, daſs ihre Reflektionspunkte
durch ihre eignen Thätigkeiten nach anderen Ge-
genden verlegt werden könnten.

§. 10.

Nahe verwandt mit dem Selbſtbewuſstſeyn
iſt die Beſonnenheit. Jenes iſt gleichſam die
Grundlage dieſer Eigenſchaft der Seele, und dieſe
knüpft ſich wieder an die Aufmerkſamkeit an.
Die Beſonnenheit merkt die Objekte an, die Auf-
merkſamkeit hält die angemerkten eigenmächtig
feſt. Jene iſt gleichſam der Compaſs auf dem
Meere der Sinnlichkeit, welcher die Thatkraft
der Seele auf den Zweck ihrer Glückſeligkeit
zuſteuert. Ohne Beſonnenheit würde ſie entwe-
der unverrückt, nach dem Geſetze der Stetigkeit,
auf einerley Gegenſtand haften, oder ohne Leit-
ſtern regellos im Univerſum herumflattern. Was
hier in der Mitte liegt, daſs keins von beiden
geſchieht, iſt Beſonnenheit. So begegnen ſich
Centrifugal- und Centripedal-Kraft in der Dia-
gonale, und gängeln die Weltkörper durch den
leeren Raum, daſs ſie die Spur, ohne ſie zu
haben, nie verlieren.

Was iſt Beſonnenheit, und worauf gründet
ſie ſich? Sie iſt Fortdauer des Wahr-
nehmungsvermögens der Seele, wäh-
rend ihrer Anſtrengungen, und grün-
det ſich auf eine Irritabilität für

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0103" n="98"/>
Empfänglichkeit für die&#x017F;elben und eine &#x017F;olche<lb/>
Con&#x017F;truktion hätten, da&#x017F;s ihre Reflektionspunkte<lb/>
durch ihre eignen Thätigkeiten nach anderen Ge-<lb/>
genden verlegt werden könnten.</p>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <head>§. 10.</head><lb/>
          <p>Nahe verwandt mit dem Selb&#x017F;tbewu&#x017F;st&#x017F;eyn<lb/>
i&#x017F;t die <hi rendition="#g">Be&#x017F;onnenheit</hi>. Jenes i&#x017F;t gleich&#x017F;am die<lb/>
Grundlage die&#x017F;er Eigen&#x017F;chaft der Seele, und die&#x017F;e<lb/>
knüpft &#x017F;ich wieder an die Aufmerk&#x017F;amkeit an.<lb/>
Die Be&#x017F;onnenheit merkt die Objekte an, die Auf-<lb/>
merk&#x017F;amkeit hält die angemerkten eigenmächtig<lb/>
fe&#x017F;t. Jene i&#x017F;t gleich&#x017F;am der Compa&#x017F;s auf dem<lb/>
Meere der Sinnlichkeit, welcher die Thatkraft<lb/>
der Seele auf den Zweck ihrer Glück&#x017F;eligkeit<lb/>
zu&#x017F;teuert. Ohne Be&#x017F;onnenheit würde &#x017F;ie entwe-<lb/>
der unverrückt, nach dem Ge&#x017F;etze der Stetigkeit,<lb/>
auf einerley Gegen&#x017F;tand haften, oder ohne Leit-<lb/>
&#x017F;tern regellos im Univer&#x017F;um herumflattern. Was<lb/>
hier in der Mitte liegt, da&#x017F;s keins von beiden<lb/>
ge&#x017F;chieht, i&#x017F;t Be&#x017F;onnenheit. So begegnen &#x017F;ich<lb/>
Centrifugal- und Centripedal-Kraft in der Dia-<lb/>
gonale, und gängeln die Weltkörper durch den<lb/>
leeren Raum, da&#x017F;s &#x017F;ie die Spur, ohne &#x017F;ie zu<lb/>
haben, nie verlieren.</p><lb/>
          <p>Was i&#x017F;t Be&#x017F;onnenheit, und worauf gründet<lb/>
&#x017F;ie &#x017F;ich? <hi rendition="#g">Sie i&#x017F;t Fortdauer des Wahr-<lb/>
nehmungsvermögens der Seele, wäh-<lb/>
rend ihrer An&#x017F;trengungen, und grün-<lb/>
det &#x017F;ich auf eine Irritabilität für<lb/></hi></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[98/0103] Empfänglichkeit für dieſelben und eine ſolche Conſtruktion hätten, daſs ihre Reflektionspunkte durch ihre eignen Thätigkeiten nach anderen Ge- genden verlegt werden könnten. §. 10. Nahe verwandt mit dem Selbſtbewuſstſeyn iſt die Beſonnenheit. Jenes iſt gleichſam die Grundlage dieſer Eigenſchaft der Seele, und dieſe knüpft ſich wieder an die Aufmerkſamkeit an. Die Beſonnenheit merkt die Objekte an, die Auf- merkſamkeit hält die angemerkten eigenmächtig feſt. Jene iſt gleichſam der Compaſs auf dem Meere der Sinnlichkeit, welcher die Thatkraft der Seele auf den Zweck ihrer Glückſeligkeit zuſteuert. Ohne Beſonnenheit würde ſie entwe- der unverrückt, nach dem Geſetze der Stetigkeit, auf einerley Gegenſtand haften, oder ohne Leit- ſtern regellos im Univerſum herumflattern. Was hier in der Mitte liegt, daſs keins von beiden geſchieht, iſt Beſonnenheit. So begegnen ſich Centrifugal- und Centripedal-Kraft in der Dia- gonale, und gängeln die Weltkörper durch den leeren Raum, daſs ſie die Spur, ohne ſie zu haben, nie verlieren. Was iſt Beſonnenheit, und worauf gründet ſie ſich? Sie iſt Fortdauer des Wahr- nehmungsvermögens der Seele, wäh- rend ihrer Anſtrengungen, und grün- det ſich auf eine Irritabilität für

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/reil_curmethode_1803
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/reil_curmethode_1803/103
Zitationshilfe: Reil, Johann Christian: Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen. Halle, 1803, S. 98. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/reil_curmethode_1803/103>, abgerufen am 25.04.2019.