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Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 1. Leipzig, 1881.

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I. Geschichte des japanischen Volkes.
sechs als Bauern verkleidete Samurai aus einem Bambusdickicht her-
vor und hieben ihn und den Kutscher nieder. Die Mörder, aus der
Provinz Kaga stammend, meldeten hierauf sich und ihre That auf
der nächsten Polizeistation. Am nämlichen Tage erhielten zwei ja-
panische Zeitungen in Tokio Abschriften eines Documents an den
Mikado, welches der Führer der Bande auf dem Körper trug, mit der
Ueberschrift: "Geschichte der Ermordung eines Verräthers". Als ihr
Hauptmotiv zur That geben sie darin an, den Tod Saigo's an dessen
grösstem Gegner zu rächen, und wiederholten zugleich alle Anklagen
der Tosa-Samurai gegen die bestehende Regierung, welche in dem
Folgenden noch näher erwähnt wird.

d. Das heutige Japan, seine Regierung, Civilisationsbestrebungen
und Beziehungen zu den Fremden
.

Man kann die neue Epoche, in welche Japan mit dem Sturze
des Feudalsystems eintrat, die Zeit seiner Aufklärung nennen, da
das japanische Volk mit ihr zur geistigen Selbständigkeit und Selbst-
thätigkeit gelangte, und diese auf allen Gebieten äussert, besonders
aber durch die Presse. So wenig wie eine Rückkehr zum alten
System und seiner Absperrung möglich scheint, so wenig ist das
wachsende Volksbewusstsein geneigt, sich irgend einer anderen abso-
luten Gewalt blind zu ergeben. Aus dem Occident zurückkehrende
Japaner haben, gleich den vielen fremden Büchern und ihren Ueber-
setzungen, eine Menge neuer Ideen ins Land getragen, vermehrt durch
die, welche von in Japan weilenden Fremden vermittelt wurden, und
bewirkt, dass fast alle wichtigen Fragen des Staatslebens, namentlich
Seitens der Samurai, auf das eifrigste discutiert werden. Das Volk
verlangt seit Jahren eine Controle der Regierung und eine Theil-
nahme an der für dasselbe bestimmten Gesetzgebung und hat diesem
Verlangen oft und in verschiedener Weise Ausdruck gegeben. Wäh-
rend der Satsuma-Rebellion hatten z. B. die drei politischen Parteien,
in welche die Samurai von Tosa zerfielen, Denkschriften über die
politische Lage und die Ursachen ihrer Unzufriedenheit an den Thron
gerichtet. Das lange Memorandum der Rishisha (rechtschaffenen Ge-
sellschaft), wozu auch Itagaki gehörte, erregte damals auch bei den
Fremden wegen des Freimuthes und der logischen Schärfe, verbun-
den mit einer gemässigten, ehrerbietigen Sprache, worin dasselbe ab-
gefasst war, viel Aufsehen und Beifall. Die Beschwerde bezog sich
auf folgende sieben Punkte:

1. Die Rathgeber der Krone haben bisher verhindert, dass der
Mikado das feierliche Versprechen constitutioneller Reformen und

I. Geschichte des japanischen Volkes.
sechs als Bauern verkleidete Samurai aus einem Bambusdickicht her-
vor und hieben ihn und den Kutscher nieder. Die Mörder, aus der
Provinz Kaga stammend, meldeten hierauf sich und ihre That auf
der nächsten Polizeistation. Am nämlichen Tage erhielten zwei ja-
panische Zeitungen in Tôkio Abschriften eines Documents an den
Mikado, welches der Führer der Bande auf dem Körper trug, mit der
Ueberschrift: »Geschichte der Ermordung eines Verräthers«. Als ihr
Hauptmotiv zur That geben sie darin an, den Tod Saigô’s an dessen
grösstem Gegner zu rächen, und wiederholten zugleich alle Anklagen
der Tosa-Samurai gegen die bestehende Regierung, welche in dem
Folgenden noch näher erwähnt wird.

d. Das heutige Japan, seine Regierung, Civilisationsbestrebungen
und Beziehungen zu den Fremden
.

Man kann die neue Epoche, in welche Japan mit dem Sturze
des Feudalsystems eintrat, die Zeit seiner Aufklärung nennen, da
das japanische Volk mit ihr zur geistigen Selbständigkeit und Selbst-
thätigkeit gelangte, und diese auf allen Gebieten äussert, besonders
aber durch die Presse. So wenig wie eine Rückkehr zum alten
System und seiner Absperrung möglich scheint, so wenig ist das
wachsende Volksbewusstsein geneigt, sich irgend einer anderen abso-
luten Gewalt blind zu ergeben. Aus dem Occident zurückkehrende
Japaner haben, gleich den vielen fremden Büchern und ihren Ueber-
setzungen, eine Menge neuer Ideen ins Land getragen, vermehrt durch
die, welche von in Japan weilenden Fremden vermittelt wurden, und
bewirkt, dass fast alle wichtigen Fragen des Staatslebens, namentlich
Seitens der Samurai, auf das eifrigste discutiert werden. Das Volk
verlangt seit Jahren eine Controle der Regierung und eine Theil-
nahme an der für dasselbe bestimmten Gesetzgebung und hat diesem
Verlangen oft und in verschiedener Weise Ausdruck gegeben. Wäh-
rend der Satsuma-Rebellion hatten z. B. die drei politischen Parteien,
in welche die Samurai von Tosa zerfielen, Denkschriften über die
politische Lage und die Ursachen ihrer Unzufriedenheit an den Thron
gerichtet. Das lange Memorandum der Rishisha (rechtschaffenen Ge-
sellschaft), wozu auch Itagaki gehörte, erregte damals auch bei den
Fremden wegen des Freimuthes und der logischen Schärfe, verbun-
den mit einer gemässigten, ehrerbietigen Sprache, worin dasselbe ab-
gefasst war, viel Aufsehen und Beifall. Die Beschwerde bezog sich
auf folgende sieben Punkte:

1. Die Rathgeber der Krone haben bisher verhindert, dass der
Mikado das feierliche Versprechen constitutioneller Reformen und

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[434/0462] I. Geschichte des japanischen Volkes. sechs als Bauern verkleidete Samurai aus einem Bambusdickicht her- vor und hieben ihn und den Kutscher nieder. Die Mörder, aus der Provinz Kaga stammend, meldeten hierauf sich und ihre That auf der nächsten Polizeistation. Am nämlichen Tage erhielten zwei ja- panische Zeitungen in Tôkio Abschriften eines Documents an den Mikado, welches der Führer der Bande auf dem Körper trug, mit der Ueberschrift: »Geschichte der Ermordung eines Verräthers«. Als ihr Hauptmotiv zur That geben sie darin an, den Tod Saigô’s an dessen grösstem Gegner zu rächen, und wiederholten zugleich alle Anklagen der Tosa-Samurai gegen die bestehende Regierung, welche in dem Folgenden noch näher erwähnt wird. d. Das heutige Japan, seine Regierung, Civilisationsbestrebungen und Beziehungen zu den Fremden. Man kann die neue Epoche, in welche Japan mit dem Sturze des Feudalsystems eintrat, die Zeit seiner Aufklärung nennen, da das japanische Volk mit ihr zur geistigen Selbständigkeit und Selbst- thätigkeit gelangte, und diese auf allen Gebieten äussert, besonders aber durch die Presse. So wenig wie eine Rückkehr zum alten System und seiner Absperrung möglich scheint, so wenig ist das wachsende Volksbewusstsein geneigt, sich irgend einer anderen abso- luten Gewalt blind zu ergeben. Aus dem Occident zurückkehrende Japaner haben, gleich den vielen fremden Büchern und ihren Ueber- setzungen, eine Menge neuer Ideen ins Land getragen, vermehrt durch die, welche von in Japan weilenden Fremden vermittelt wurden, und bewirkt, dass fast alle wichtigen Fragen des Staatslebens, namentlich Seitens der Samurai, auf das eifrigste discutiert werden. Das Volk verlangt seit Jahren eine Controle der Regierung und eine Theil- nahme an der für dasselbe bestimmten Gesetzgebung und hat diesem Verlangen oft und in verschiedener Weise Ausdruck gegeben. Wäh- rend der Satsuma-Rebellion hatten z. B. die drei politischen Parteien, in welche die Samurai von Tosa zerfielen, Denkschriften über die politische Lage und die Ursachen ihrer Unzufriedenheit an den Thron gerichtet. Das lange Memorandum der Rishisha (rechtschaffenen Ge- sellschaft), wozu auch Itagaki gehörte, erregte damals auch bei den Fremden wegen des Freimuthes und der logischen Schärfe, verbun- den mit einer gemässigten, ehrerbietigen Sprache, worin dasselbe ab- gefasst war, viel Aufsehen und Beifall. Die Beschwerde bezog sich auf folgende sieben Punkte: 1. Die Rathgeber der Krone haben bisher verhindert, dass der Mikado das feierliche Versprechen constitutioneller Reformen und

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Zitationshilfe: Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 1. Leipzig, 1881, S. 434. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/rein_japan01_1881/462>, abgerufen am 24.03.2019.