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Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 2. Leipzig, 1886.

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3. Lackindustrie.
übrigen ist eine eingehende Erörterung all der verschiedenen Kunst-
griffe und Mittel, deren sich der japanische Lackkünstler bedient,
einschliesslich der Einlage von Elfenbein, Perlmutter und Platten von
Edelmetall selbstverständlich ganz unmöglich. Auch dürfte ein weiterer
Versuch in dieser Richtung weder von Interesse, noch von Nutzen sein.

Bei der vom Monde beleuchteten Herbstlandschaft (Tafel VII) hat
der Künstler verschiedene der unter Hira-makiye und Taka-makiye
erwähnten Verzierungen angewandt. Da finden wir die Nacht durch
das in den schwarzen Lackanstrich unregelmässig eingestreute Nashi-ji
und den hinter einer Wolke aufgegangenen Mond angedeutet, den Herbst
durch die niederfliegenden wilden Gänse (gan) und zwei Lieblings-
blumen, rechts Kiku-no-hana (Chrysanthemum sp.), links Omina-
meshi
(Patrinia sp.). Gänse, Bachufer und Blumen sind Reliefmalerei
und wurden zuletzt ausgeführt. Das fliessende Wasser ist auf analoge
Weise, wie das Maserstück (Taf. VI c), dargestellt worden Kin-ji (Gold-
grund), Gin-ji (Silbergrund) und Nashi-ji (Birnengrund) erkennt
man ebenfalls an verschiedenen Stellen. Auch ist in dem Gefieder der
Gänse die sorgfältige Modellierung und Ciselierung vom Relief, bevor
dasselbe den Goldschmuck erhielt, wiederzuerkennen. Nur eine Ver-
zierungsweise erhabener Lackarbeiten, welche namentlich oft auf Baum-
stämmen und Felsen wahrgenommen, stets mit echtem Golde ausgeführt
wird und ein untrügliches Zeichen sorgfältigerer Arbeit ist, das Giyo-
bu-Nashi-ji
, bleibt hier noch kurz zu erwähnen. Wir sehen nämlich
die erhabenen Bachufer mit quadratischen Goldblättchen belegt. Sie
bilden Reihen wie Pflastersteine, nehmen an Grösse ab und verlieren
sich allmählich nach aussen. Diese Goldblättchen, Kiri-kane genannt
(siehe 1 pg. 436), werden eins nach dem andern mit der Spitze des
Hirame-fude (siehe 7 pg. 421) auf die zuvor mit frischem Lack be-
strichenen Stellen übertragen.

Tsui-shiu, Geschnitzter Zinnoberlack oder Pekinglack.

Unter dem Namen Pekinglack oder geschnittene Lackarbeit sind
in unsern Kunstgewerbemuseen aus China und Japan stammende kleine
Tischchen, zum Teil mit durchbrochener Arbeit, Schalen, Dosen (Fig. 13),
Schachteln und andere Gegenstände zu sehen, die in ihrer schönen und
höchst eigenthümlichen Verzierungsweise von den bisher erwähnten
Arbeiten weit abweichen, nur noch selten zu haben sind und sehr ge-
schätzt werden. Auf die Holzunterlagen derselben wurde Zinnoberlack
teils rein, teils mit Ro-iro versetzt und dann in verschiedenen brau-
nen Abstufungen in gleichmässigen Schichten breiigflüssig aufgetragen,
bis endlich eine feste Kruste von 1--2 mm Dicke erzielt war. In

3. Lackindustrie.
übrigen ist eine eingehende Erörterung all der verschiedenen Kunst-
griffe und Mittel, deren sich der japanische Lackkünstler bedient,
einschliesslich der Einlage von Elfenbein, Perlmutter und Platten von
Edelmetall selbstverständlich ganz unmöglich. Auch dürfte ein weiterer
Versuch in dieser Richtung weder von Interesse, noch von Nutzen sein.

Bei der vom Monde beleuchteten Herbstlandschaft (Tafel VII) hat
der Künstler verschiedene der unter Hira-makiye und Taka-makiye
erwähnten Verzierungen angewandt. Da finden wir die Nacht durch
das in den schwarzen Lackanstrich unregelmässig eingestreute Nashi-ji
und den hinter einer Wolke aufgegangenen Mond angedeutet, den Herbst
durch die niederfliegenden wilden Gänse (gan) und zwei Lieblings-
blumen, rechts Kiku-no-hana (Chrysanthemum sp.), links Omina-
meshi
(Patrinia sp.). Gänse, Bachufer und Blumen sind Reliefmalerei
und wurden zuletzt ausgeführt. Das fliessende Wasser ist auf analoge
Weise, wie das Maserstück (Taf. VI c), dargestellt worden Kin-ji (Gold-
grund), Gin-ji (Silbergrund) und Nashi-ji (Birnengrund) erkennt
man ebenfalls an verschiedenen Stellen. Auch ist in dem Gefieder der
Gänse die sorgfältige Modellierung und Ciselierung vom Relief, bevor
dasselbe den Goldschmuck erhielt, wiederzuerkennen. Nur eine Ver-
zierungsweise erhabener Lackarbeiten, welche namentlich oft auf Baum-
stämmen und Felsen wahrgenommen, stets mit echtem Golde ausgeführt
wird und ein untrügliches Zeichen sorgfältigerer Arbeit ist, das Giyô-
bu-Nashi-ji
, bleibt hier noch kurz zu erwähnen. Wir sehen nämlich
die erhabenen Bachufer mit quadratischen Goldblättchen belegt. Sie
bilden Reihen wie Pflastersteine, nehmen an Grösse ab und verlieren
sich allmählich nach aussen. Diese Goldblättchen, Kiri-kane genannt
(siehe 1 pg. 436), werden eins nach dem andern mit der Spitze des
Hirame-fude (siehe 7 pg. 421) auf die zuvor mit frischem Lack be-
strichenen Stellen übertragen.

Tsui-shiu, Geschnitzter Zinnoberlack oder Pekinglack.

Unter dem Namen Pekinglack oder geschnittene Lackarbeit sind
in unsern Kunstgewerbemuseen aus China und Japan stammende kleine
Tischchen, zum Teil mit durchbrochener Arbeit, Schalen, Dosen (Fig. 13),
Schachteln und andere Gegenstände zu sehen, die in ihrer schönen und
höchst eigenthümlichen Verzierungsweise von den bisher erwähnten
Arbeiten weit abweichen, nur noch selten zu haben sind und sehr ge-
schätzt werden. Auf die Holzunterlagen derselben wurde Zinnoberlack
teils rein, teils mit Rô-iro versetzt und dann in verschiedenen brau-
nen Abstufungen in gleichmässigen Schichten breiigflüssig aufgetragen,
bis endlich eine feste Kruste von 1—2 mm Dicke erzielt war. In

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[441/0471] 3. Lackindustrie. übrigen ist eine eingehende Erörterung all der verschiedenen Kunst- griffe und Mittel, deren sich der japanische Lackkünstler bedient, einschliesslich der Einlage von Elfenbein, Perlmutter und Platten von Edelmetall selbstverständlich ganz unmöglich. Auch dürfte ein weiterer Versuch in dieser Richtung weder von Interesse, noch von Nutzen sein. Bei der vom Monde beleuchteten Herbstlandschaft (Tafel VII) hat der Künstler verschiedene der unter Hira-makiye und Taka-makiye erwähnten Verzierungen angewandt. Da finden wir die Nacht durch das in den schwarzen Lackanstrich unregelmässig eingestreute Nashi-ji und den hinter einer Wolke aufgegangenen Mond angedeutet, den Herbst durch die niederfliegenden wilden Gänse (gan) und zwei Lieblings- blumen, rechts Kiku-no-hana (Chrysanthemum sp.), links Omina- meshi (Patrinia sp.). Gänse, Bachufer und Blumen sind Reliefmalerei und wurden zuletzt ausgeführt. Das fliessende Wasser ist auf analoge Weise, wie das Maserstück (Taf. VI c), dargestellt worden Kin-ji (Gold- grund), Gin-ji (Silbergrund) und Nashi-ji (Birnengrund) erkennt man ebenfalls an verschiedenen Stellen. Auch ist in dem Gefieder der Gänse die sorgfältige Modellierung und Ciselierung vom Relief, bevor dasselbe den Goldschmuck erhielt, wiederzuerkennen. Nur eine Ver- zierungsweise erhabener Lackarbeiten, welche namentlich oft auf Baum- stämmen und Felsen wahrgenommen, stets mit echtem Golde ausgeführt wird und ein untrügliches Zeichen sorgfältigerer Arbeit ist, das Giyô- bu-Nashi-ji, bleibt hier noch kurz zu erwähnen. Wir sehen nämlich die erhabenen Bachufer mit quadratischen Goldblättchen belegt. Sie bilden Reihen wie Pflastersteine, nehmen an Grösse ab und verlieren sich allmählich nach aussen. Diese Goldblättchen, Kiri-kane genannt (siehe 1 pg. 436), werden eins nach dem andern mit der Spitze des Hirame-fude (siehe 7 pg. 421) auf die zuvor mit frischem Lack be- strichenen Stellen übertragen. Tsui-shiu, Geschnitzter Zinnoberlack oder Pekinglack. Unter dem Namen Pekinglack oder geschnittene Lackarbeit sind in unsern Kunstgewerbemuseen aus China und Japan stammende kleine Tischchen, zum Teil mit durchbrochener Arbeit, Schalen, Dosen (Fig. 13), Schachteln und andere Gegenstände zu sehen, die in ihrer schönen und höchst eigenthümlichen Verzierungsweise von den bisher erwähnten Arbeiten weit abweichen, nur noch selten zu haben sind und sehr ge- schätzt werden. Auf die Holzunterlagen derselben wurde Zinnoberlack teils rein, teils mit Rô-iro versetzt und dann in verschiedenen brau- nen Abstufungen in gleichmässigen Schichten breiigflüssig aufgetragen, bis endlich eine feste Kruste von 1—2 mm Dicke erzielt war. In

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Zitationshilfe: Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 2. Leipzig, 1886, S. 441. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/rein_japan02_1886/471>, abgerufen am 18.03.2019.