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Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 2. Leipzig, 1886.

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III. Kunstgewerbe und Verwandtes.
gleiters, aus gefärbtem und wie Krepp aussehendem Papier der Haar-
schmuck, welcher dem ärmeren Mädchen den seidenen zu ersetzen be-
stimmt war etc.*)

Rohmaterialien für die japanische Papierbereitung.

Zur Darstellung des Büttenpapiers dienen: 1) der Bast von Brous-
sonetia papyrifera; 2) von Edgeworthia papyrifera; 3) von Wickstroe-
mia canescens; 4) von Morus alba; 5) von Aphananthe aspera; 6) aus-
nahmsweise von Cannabis sativa, Boehmeria platanifolia, Wistaria
chinensis und einigen andern Pflanzen, sowie auch Baumwolle; 7) Stroh;
8) gebrauchtes Papier. Als Bindemittel verwendet man: 1) den Wur-
zelschleim von Hibiscus Manihot; 2) den Bastschleim von Hydrangea
paniculata; 3) von Katsura japonica; 4) Reiskleister.**)

1) Broussonetia papyrifera Vent. (Morus papyrifera L.),
Fam. Moreae, der Papiermaulbeerbaum, jap. Kodzo (auch Kozo-no-ki,
Kozo, Kago, Kaji, Kaji-no-ki, je nach der Gegend). Dieses, für die
Papierindustrie wichtigste Gewächs -- weitaus das meiste und stärkste
Papier wird aus seinem Baste bereitet***) -- stammt aus China,+)
wird aber seit lange in allen Provinzen Japans südlich der Tsugaru-
Strasse, mit Ausnahme der fruchtbaren Ebenen, angebaut. Man
findet es in den Gebirgsthälern, längs der Wege, auf den schmalen
Rainen, welche die terrassenförmig angelegten Reisfelder von ein-
ander trennen, an den Flussdämmen, wo die Pflanze, wie bei uns die
Weiden, zugleich zur Befestigung dient, endlich auch auf trocknen
Feldern und zwar nicht selten, abwechselnd mit der weissen Maul-

*) Um das Jahr 1260 n. Chr., also zur Zeit, wo das Papier in Europa erst auf-
kam, liess Kublai Khan in Peking schon Papiergeld verfertigen.
**) In der Papierindustrie Europas hat sich die Verwendung vegetabiler Kleb-
stoffe erst in den letzten 15 Jahren mehr und mehr eingebürgert und diejenige
des thierischen Leims zurückgedrängt. In Ostasien und Indien ist sie so alt, wie
die Industrie selbst.
***) Obgleich diese hohe Bedeutung der Papiermaulbeere für die Papierindustrie
Japans schon durch Kaempfer und Thunberg ausführlich betont wurde, finden
wir noch in dem sonst sehr lesenswerthen officiellen Bericht der Wiener Welt-
ausstellung (Gruppe XI) vom Ingenieur und Papierfabrikanten E. Twerdy die
Ansicht ausgesprochen, dass das japanische Bastpapier wahrscheinlich vorzugs-
weise aus der Faser des Chinagrases (Urtica nivea) bereitet werde.
+) Bekanntlich ist diese Pflanze auch über Polynesien verbreitet. Ihr Bast
liefert noch immer den Bewohnern der Viti-Inseln, auf Samoa, Tonga, Tahiti,
Hawai etc. den Bekleidungsstoff, die Tapa, welche man freilich nur bei trocke-
nem Wetter tragen kann. "Der taktmässige Lärm der Tapaklöppel ist für ein
Vitidorf ebenso charakteristisch und stimmungsvoll, wie bei uns auf den Dörfern
im Herbst das Dreschen." M. Buchner, Reise durch den Stillen Ocean. 1878.

III. Kunstgewerbe und Verwandtes.
gleiters, aus gefärbtem und wie Krepp aussehendem Papier der Haar-
schmuck, welcher dem ärmeren Mädchen den seidenen zu ersetzen be-
stimmt war etc.*)

Rohmaterialien für die japanische Papierbereitung.

Zur Darstellung des Büttenpapiers dienen: 1) der Bast von Brous-
sonetia papyrifera; 2) von Edgeworthia papyrifera; 3) von Wickstroe-
mia canescens; 4) von Morus alba; 5) von Aphananthe aspera; 6) aus-
nahmsweise von Cannabis sativa, Boehmeria platanifolia, Wistaria
chinensis und einigen andern Pflanzen, sowie auch Baumwolle; 7) Stroh;
8) gebrauchtes Papier. Als Bindemittel verwendet man: 1) den Wur-
zelschleim von Hibiscus Manihot; 2) den Bastschleim von Hydrangea
paniculata; 3) von Katsura japonica; 4) Reiskleister.**)

1) Broussonetia papyrifera Vent. (Morus papyrifera L.),
Fam. Moreae, der Papiermaulbeerbaum, jap. Kôdzo (auch Kôzo-no-ki,
Kôzo, Kago, Kaji, Kaji-no-ki, je nach der Gegend). Dieses, für die
Papierindustrie wichtigste Gewächs — weitaus das meiste und stärkste
Papier wird aus seinem Baste bereitet***) — stammt aus China,†)
wird aber seit lange in allen Provinzen Japans südlich der Tsugaru-
Strasse, mit Ausnahme der fruchtbaren Ebenen, angebaut. Man
findet es in den Gebirgsthälern, längs der Wege, auf den schmalen
Rainen, welche die terrassenförmig angelegten Reisfelder von ein-
ander trennen, an den Flussdämmen, wo die Pflanze, wie bei uns die
Weiden, zugleich zur Befestigung dient, endlich auch auf trocknen
Feldern und zwar nicht selten, abwechselnd mit der weissen Maul-

*) Um das Jahr 1260 n. Chr., also zur Zeit, wo das Papier in Europa erst auf-
kam, liess Kublai Khan in Peking schon Papiergeld verfertigen.
**) In der Papierindustrie Europas hat sich die Verwendung vegetabiler Kleb-
stoffe erst in den letzten 15 Jahren mehr und mehr eingebürgert und diejenige
des thierischen Leims zurückgedrängt. In Ostasien und Indien ist sie so alt, wie
die Industrie selbst.
***) Obgleich diese hohe Bedeutung der Papiermaulbeere für die Papierindustrie
Japans schon durch Kaempfer und Thunberg ausführlich betont wurde, finden
wir noch in dem sonst sehr lesenswerthen officiellen Bericht der Wiener Welt-
ausstellung (Gruppe XI) vom Ingenieur und Papierfabrikanten E. Twerdy die
Ansicht ausgesprochen, dass das japanische Bastpapier wahrscheinlich vorzugs-
weise aus der Faser des Chinagrases (Urtica nivea) bereitet werde.
†) Bekanntlich ist diese Pflanze auch über Polynesien verbreitet. Ihr Bast
liefert noch immer den Bewohnern der Viti-Inseln, auf Samoa, Tonga, Tahiti,
Hawai etc. den Bekleidungsstoff, die Tapa, welche man freilich nur bei trocke-
nem Wetter tragen kann. »Der taktmässige Lärm der Tapaklöppel ist für ein
Vitidorf ebenso charakteristisch und stimmungsvoll, wie bei uns auf den Dörfern
im Herbst das Dreschen.« M. Buchner, Reise durch den Stillen Ocean. 1878.
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[468/0502] III. Kunstgewerbe und Verwandtes. gleiters, aus gefärbtem und wie Krepp aussehendem Papier der Haar- schmuck, welcher dem ärmeren Mädchen den seidenen zu ersetzen be- stimmt war etc. *) Rohmaterialien für die japanische Papierbereitung. Zur Darstellung des Büttenpapiers dienen: 1) der Bast von Brous- sonetia papyrifera; 2) von Edgeworthia papyrifera; 3) von Wickstroe- mia canescens; 4) von Morus alba; 5) von Aphananthe aspera; 6) aus- nahmsweise von Cannabis sativa, Boehmeria platanifolia, Wistaria chinensis und einigen andern Pflanzen, sowie auch Baumwolle; 7) Stroh; 8) gebrauchtes Papier. Als Bindemittel verwendet man: 1) den Wur- zelschleim von Hibiscus Manihot; 2) den Bastschleim von Hydrangea paniculata; 3) von Katsura japonica; 4) Reiskleister. **) 1) Broussonetia papyrifera Vent. (Morus papyrifera L.), Fam. Moreae, der Papiermaulbeerbaum, jap. Kôdzo (auch Kôzo-no-ki, Kôzo, Kago, Kaji, Kaji-no-ki, je nach der Gegend). Dieses, für die Papierindustrie wichtigste Gewächs — weitaus das meiste und stärkste Papier wird aus seinem Baste bereitet ***) — stammt aus China, †) wird aber seit lange in allen Provinzen Japans südlich der Tsugaru- Strasse, mit Ausnahme der fruchtbaren Ebenen, angebaut. Man findet es in den Gebirgsthälern, längs der Wege, auf den schmalen Rainen, welche die terrassenförmig angelegten Reisfelder von ein- ander trennen, an den Flussdämmen, wo die Pflanze, wie bei uns die Weiden, zugleich zur Befestigung dient, endlich auch auf trocknen Feldern und zwar nicht selten, abwechselnd mit der weissen Maul- *) Um das Jahr 1260 n. Chr., also zur Zeit, wo das Papier in Europa erst auf- kam, liess Kublai Khan in Peking schon Papiergeld verfertigen. **) In der Papierindustrie Europas hat sich die Verwendung vegetabiler Kleb- stoffe erst in den letzten 15 Jahren mehr und mehr eingebürgert und diejenige des thierischen Leims zurückgedrängt. In Ostasien und Indien ist sie so alt, wie die Industrie selbst. ***) Obgleich diese hohe Bedeutung der Papiermaulbeere für die Papierindustrie Japans schon durch Kaempfer und Thunberg ausführlich betont wurde, finden wir noch in dem sonst sehr lesenswerthen officiellen Bericht der Wiener Welt- ausstellung (Gruppe XI) vom Ingenieur und Papierfabrikanten E. Twerdy die Ansicht ausgesprochen, dass das japanische Bastpapier wahrscheinlich vorzugs- weise aus der Faser des Chinagrases (Urtica nivea) bereitet werde. †) Bekanntlich ist diese Pflanze auch über Polynesien verbreitet. Ihr Bast liefert noch immer den Bewohnern der Viti-Inseln, auf Samoa, Tonga, Tahiti, Hawai etc. den Bekleidungsstoff, die Tapa, welche man freilich nur bei trocke- nem Wetter tragen kann. »Der taktmässige Lärm der Tapaklöppel ist für ein Vitidorf ebenso charakteristisch und stimmungsvoll, wie bei uns auf den Dörfern im Herbst das Dreschen.« M. Buchner, Reise durch den Stillen Ocean. 1878.

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Zitationshilfe: Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 2. Leipzig, 1886, S. 468. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/rein_japan02_1886/502>, abgerufen am 19.03.2019.