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Riegl, Alois: Stilfragen. Berlin, 1893.

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B. Das Pflanzenornament in der griechischen Kunst.
somit geeignet, die Bedeutung der rhodischen Kunst für die Fortbildung
des griechischen Pflanzenornaments zu erhöhen. Centrale Zusammen-
setzungen von vegetabilischen Motiven, ähnlich wie in Fig. 78, begegnen
uns schon in den altorientalischen Künsten, z. B. in der assyrischen
(Fig. 34); der bekannte aus je vier Lotusknospen und Palmettenfächern
zusammengesetzte Stern, der sich auch in Kameiros86) gefunden hat,
hängt noch eng mit jenen altorientalischen Bildungen zusammen.
Aber die richtige Grundlage für die Verschiebung und Verschränkung
der alternirenden Lotusblüthen und Palmetten war erst dann gegeben,
sobald man sich daran gewöhnt hatte, die Spirale völlig frei
zur Kelchbildung zu gebrauchen, und die Blumenmotive sich
von blossen Füllungen zu selbständigen Ornamenten eman-
cipirt hatten
. Diese Stufe der Entwicklung hat aber, soviel wir heute
sehen können, zuerst die "rhodische" Kunst erreicht87).

5. Altböotisches. Frühattisches.

Mit der Betrachtung der melischen und rhodischen Vasen haben
wir die Entwicklungsgeschichte des Pflanzenornaments über die my-
kenische Stufe hinaus weiter verfolgt und insbesondere an den Blüthen-
motiven des rhodischen Stils und ihren Verbindungsweisen deutlich die
Ausgangspunkte für die nachfolgende, unbestritten griechische Entwick-
lung erkannt. Es ist nun an der Zeit, in der Abwicklung der Fort-
bildungsgeschichte eine Weile innezuhalten und einige andere Denk-
mälergruppen zu Worte kommen zu lassen, die zwar keine wesentliche
oder gar führende Rolle in der Entwicklung des griechischen Pflanzen-
ornaments gespielt haben, aber durch gewisse Eigenthümlichkeiten uns
in Stand setzen, den zurückgelegten Process noch besser zu verstehen
und uns von der Stichhaltigkeit der aufgestellten Entwicklungsreihe
noch mehr zu überzeugen.

Dies gilt insbesondere von den böotischen Vasen, die Joh. Böhlau

86) Salzmann Taf. 2.
87) Als Versuch, und gewiss nur einer unter vielen minder gelungenen
Versuchen, ist die Schale aus Kameiros auf Taf. 33 bei Salzmann lehrreich.
Mit den Spiralen sind hier ganz zweckentsprechend die Volutenkelche für
ebensoviele Palmetten gebildet. Die Ausfüllung der Zwischenräume ist dem
Maler aber nicht mehr gelungen: zwei Lotusblüthen war er im Stande anzu-
bringen, mit dem dritten Zwischenraum ist er aber dermaassen in die Enge
gerathen, dass er sich mit der Einfügung einer Knospe begnügen musste.
Dem gegenüber ist die Lösung in Fig. 78 eine klassische zu nennen.

B. Das Pflanzenornament in der griechischen Kunst.
somit geeignet, die Bedeutung der rhodischen Kunst für die Fortbildung
des griechischen Pflanzenornaments zu erhöhen. Centrale Zusammen-
setzungen von vegetabilischen Motiven, ähnlich wie in Fig. 78, begegnen
uns schon in den altorientalischen Künsten, z. B. in der assyrischen
(Fig. 34); der bekannte aus je vier Lotusknospen und Palmettenfächern
zusammengesetzte Stern, der sich auch in Kameiros86) gefunden hat,
hängt noch eng mit jenen altorientalischen Bildungen zusammen.
Aber die richtige Grundlage für die Verschiebung und Verschränkung
der alternirenden Lotusblüthen und Palmetten war erst dann gegeben,
sobald man sich daran gewöhnt hatte, die Spirale völlig frei
zur Kelchbildung zu gebrauchen, und die Blumenmotive sich
von blossen Füllungen zu selbständigen Ornamenten eman-
cipirt hatten
. Diese Stufe der Entwicklung hat aber, soviel wir heute
sehen können, zuerst die „rhodische“ Kunst erreicht87).

5. Altböotisches. Frühattisches.

Mit der Betrachtung der melischen und rhodischen Vasen haben
wir die Entwicklungsgeschichte des Pflanzenornaments über die my-
kenische Stufe hinaus weiter verfolgt und insbesondere an den Blüthen-
motiven des rhodischen Stils und ihren Verbindungsweisen deutlich die
Ausgangspunkte für die nachfolgende, unbestritten griechische Entwick-
lung erkannt. Es ist nun an der Zeit, in der Abwicklung der Fort-
bildungsgeschichte eine Weile innezuhalten und einige andere Denk-
mälergruppen zu Worte kommen zu lassen, die zwar keine wesentliche
oder gar führende Rolle in der Entwicklung des griechischen Pflanzen-
ornaments gespielt haben, aber durch gewisse Eigenthümlichkeiten uns
in Stand setzen, den zurückgelegten Process noch besser zu verstehen
und uns von der Stichhaltigkeit der aufgestellten Entwicklungsreihe
noch mehr zu überzeugen.

Dies gilt insbesondere von den böotischen Vasen, die Joh. Böhlau

86) Salzmann Taf. 2.
87) Als Versuch, und gewiss nur einer unter vielen minder gelungenen
Versuchen, ist die Schale aus Kameiros auf Taf. 33 bei Salzmann lehrreich.
Mit den Spiralen sind hier ganz zweckentsprechend die Volutenkelche für
ebensoviele Palmetten gebildet. Die Ausfüllung der Zwischenräume ist dem
Maler aber nicht mehr gelungen: zwei Lotusblüthen war er im Stande anzu-
bringen, mit dem dritten Zwischenraum ist er aber dermaassen in die Enge
gerathen, dass er sich mit der Einfügung einer Knospe begnügen musste.
Dem gegenüber ist die Lösung in Fig. 78 eine klassische zu nennen.
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[172/0198] B. Das Pflanzenornament in der griechischen Kunst. somit geeignet, die Bedeutung der rhodischen Kunst für die Fortbildung des griechischen Pflanzenornaments zu erhöhen. Centrale Zusammen- setzungen von vegetabilischen Motiven, ähnlich wie in Fig. 78, begegnen uns schon in den altorientalischen Künsten, z. B. in der assyrischen (Fig. 34); der bekannte aus je vier Lotusknospen und Palmettenfächern zusammengesetzte Stern, der sich auch in Kameiros 86) gefunden hat, hängt noch eng mit jenen altorientalischen Bildungen zusammen. Aber die richtige Grundlage für die Verschiebung und Verschränkung der alternirenden Lotusblüthen und Palmetten war erst dann gegeben, sobald man sich daran gewöhnt hatte, die Spirale völlig frei zur Kelchbildung zu gebrauchen, und die Blumenmotive sich von blossen Füllungen zu selbständigen Ornamenten eman- cipirt hatten. Diese Stufe der Entwicklung hat aber, soviel wir heute sehen können, zuerst die „rhodische“ Kunst erreicht 87). 5. Altböotisches. Frühattisches. Mit der Betrachtung der melischen und rhodischen Vasen haben wir die Entwicklungsgeschichte des Pflanzenornaments über die my- kenische Stufe hinaus weiter verfolgt und insbesondere an den Blüthen- motiven des rhodischen Stils und ihren Verbindungsweisen deutlich die Ausgangspunkte für die nachfolgende, unbestritten griechische Entwick- lung erkannt. Es ist nun an der Zeit, in der Abwicklung der Fort- bildungsgeschichte eine Weile innezuhalten und einige andere Denk- mälergruppen zu Worte kommen zu lassen, die zwar keine wesentliche oder gar führende Rolle in der Entwicklung des griechischen Pflanzen- ornaments gespielt haben, aber durch gewisse Eigenthümlichkeiten uns in Stand setzen, den zurückgelegten Process noch besser zu verstehen und uns von der Stichhaltigkeit der aufgestellten Entwicklungsreihe noch mehr zu überzeugen. Dies gilt insbesondere von den böotischen Vasen, die Joh. Böhlau 86) Salzmann Taf. 2. 87) Als Versuch, und gewiss nur einer unter vielen minder gelungenen Versuchen, ist die Schale aus Kameiros auf Taf. 33 bei Salzmann lehrreich. Mit den Spiralen sind hier ganz zweckentsprechend die Volutenkelche für ebensoviele Palmetten gebildet. Die Ausfüllung der Zwischenräume ist dem Maler aber nicht mehr gelungen: zwei Lotusblüthen war er im Stande anzu- bringen, mit dem dritten Zwischenraum ist er aber dermaassen in die Enge gerathen, dass er sich mit der Einfügung einer Knospe begnügen musste. Dem gegenüber ist die Lösung in Fig. 78 eine klassische zu nennen.

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Zitationshilfe: Riegl, Alois: Stilfragen. Berlin, 1893, S. 172. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/riegl_stilfragen_1893/198>, abgerufen am 22.03.2019.