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Rückert, Friedrich: Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 1. Leipzig, 1836.

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10.
Drei Eigenschaften gibts, die sich verschieden gatten
In dir und jedem Ding: Licht, Finsternis und Schatten.
Urgöttlich ist das Licht, ungöttlich Finsternis,
Und zwischen beiden sind die Schatten ungewis.
Die Schatten suchen Theil am Licht, um zu entstehn,
Und durch die Finsternis bestehn sie und vergehn.
Ob sie in Finsternis vergehen, ob im Licht?
Im Kampf vergehen sie, den dis und jene ficht.
Im Kampf, in welchem sie vergehn, entstehn sie immer,
Versöhnen wollen sie den Kampf und könnens nimmer.
Sie legen, um den Kampf zu sühnen, sich dazwischen,
Und müssen in den Kampf sich wider Willen mischen;
Alswie ein Brudervolk sich in zwei Völker spaltet,
Wenn um die Krone Streit von zweien Häuptern waltet.
Das ist der große Kampf, der ringt durch die Natur,
Und alles Groß' entringt sich diesem Kampfe nur.

10.
Drei Eigenſchaften gibts, die ſich verſchieden gatten
In dir und jedem Ding: Licht, Finſternis und Schatten.
Urgoͤttlich iſt das Licht, ungoͤttlich Finſternis,
Und zwiſchen beiden ſind die Schatten ungewis.
Die Schatten ſuchen Theil am Licht, um zu entſtehn,
Und durch die Finſternis beſtehn ſie und vergehn.
Ob ſie in Finſternis vergehen, ob im Licht?
Im Kampf vergehen ſie, den dis und jene ficht.
Im Kampf, in welchem ſie vergehn, entſtehn ſie immer,
Verſoͤhnen wollen ſie den Kampf und koͤnnens nimmer.
Sie legen, um den Kampf zu ſuͤhnen, ſich dazwiſchen,
Und muͤſſen in den Kampf ſich wider Willen miſchen;
Alswie ein Brudervolk ſich in zwei Voͤlker ſpaltet,
Wenn um die Krone Streit von zweien Haͤuptern waltet.
Das iſt der große Kampf, der ringt durch die Natur,
Und alles Groß' entringt ſich dieſem Kampfe nur.

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[11/0021] 10. Drei Eigenſchaften gibts, die ſich verſchieden gatten In dir und jedem Ding: Licht, Finſternis und Schatten. Urgoͤttlich iſt das Licht, ungoͤttlich Finſternis, Und zwiſchen beiden ſind die Schatten ungewis. Die Schatten ſuchen Theil am Licht, um zu entſtehn, Und durch die Finſternis beſtehn ſie und vergehn. Ob ſie in Finſternis vergehen, ob im Licht? Im Kampf vergehen ſie, den dis und jene ficht. Im Kampf, in welchem ſie vergehn, entſtehn ſie immer, Verſoͤhnen wollen ſie den Kampf und koͤnnens nimmer. Sie legen, um den Kampf zu ſuͤhnen, ſich dazwiſchen, Und muͤſſen in den Kampf ſich wider Willen miſchen; Alswie ein Brudervolk ſich in zwei Voͤlker ſpaltet, Wenn um die Krone Streit von zweien Haͤuptern waltet. Das iſt der große Kampf, der ringt durch die Natur, Und alles Groß' entringt ſich dieſem Kampfe nur.

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Zitationshilfe: Rückert, Friedrich: Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 1. Leipzig, 1836, S. 11. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/rueckert_brahmane01_1836/21>, abgerufen am 24.05.2018.