Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Rückert, Friedrich: Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 2. Leipzig, 1837.

Bild:
<< vorherige Seite
2.
Wenn einen Henkel zum Anfassen hat der Krug,
Mag bei dem Henkel ihn anfassen, wer ist klug.
Doch wenn der Henkel fehlt, so greift, wer es versteht,
Auch ohne Henkel an, und trinkt sogut es geht.
Man muß Gelegenheit, wo sie sich zeigt, benutzen,
Und vor Verlegenheit, wo sie erscheint, nicht stutzen.

3.
Was ist bei diesem Spiel des Lebens zu gewinnen?
Wer's nicht verlieren will, der sollt' es nicht beginnen.
Denn zum Verlieren nur ist ein Gewinn der Lust,
Und zu gewinnen ist nichts sicher als Verlust.
Dich schmerzt, was du verlorst, dich, was du nicht gewannst,
Am meisten schmerzt dich, was du noch verlieren kannst.
Und alles hast du, wenn du hast den Muth gewonnen,
Es auszuspielen weil es einmal ist begonnen.
2.
Wenn einen Henkel zum Anfaſſen hat der Krug,
Mag bei dem Henkel ihn anfaſſen, wer iſt klug.
Doch wenn der Henkel fehlt, ſo greift, wer es verſteht,
Auch ohne Henkel an, und trinkt ſogut es geht.
Man muß Gelegenheit, wo ſie ſich zeigt, benutzen,
Und vor Verlegenheit, wo ſie erſcheint, nicht ſtutzen.

3.
Was iſt bei dieſem Spiel des Lebens zu gewinnen?
Wer's nicht verlieren will, der ſollt' es nicht beginnen.
Denn zum Verlieren nur iſt ein Gewinn der Luſt,
Und zu gewinnen iſt nichts ſicher als Verluſt.
Dich ſchmerzt, was du verlorſt, dich, was du nicht gewannſt,
Am meiſten ſchmerzt dich, was du noch verlieren kannſt.
Und alles haſt du, wenn du haſt den Muth gewonnen,
Es auszuſpielen weil es einmal iſt begonnen.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0209" n="199"/>
        <div n="2">
          <head>2.</head><lb/>
          <lg type="poem">
            <lg n="1">
              <l>Wenn einen Henkel zum Anfa&#x017F;&#x017F;en hat der Krug,</l><lb/>
              <l>Mag bei dem Henkel ihn anfa&#x017F;&#x017F;en, wer i&#x017F;t klug.</l>
            </lg><lb/>
            <lg n="2">
              <l>Doch wenn der Henkel fehlt, &#x017F;o greift, wer es ver&#x017F;teht,</l><lb/>
              <l>Auch ohne Henkel an, und trinkt &#x017F;ogut es geht.</l>
            </lg><lb/>
            <lg n="3">
              <l>Man muß Gelegenheit, wo &#x017F;ie &#x017F;ich zeigt, benutzen,</l><lb/>
              <l>Und vor Verlegenheit, wo &#x017F;ie er&#x017F;cheint, nicht &#x017F;tutzen.</l>
            </lg><lb/>
          </lg>
        </div>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <div n="2">
          <head>3.</head><lb/>
          <lg type="poem">
            <lg n="1">
              <l>Was i&#x017F;t bei die&#x017F;em Spiel des Lebens zu gewinnen?</l><lb/>
              <l>Wer's nicht verlieren will, der &#x017F;ollt' es nicht beginnen.</l>
            </lg><lb/>
            <lg n="2">
              <l>Denn zum Verlieren nur i&#x017F;t ein Gewinn der Lu&#x017F;t,</l><lb/>
              <l>Und zu gewinnen i&#x017F;t nichts &#x017F;icher als Verlu&#x017F;t.</l>
            </lg><lb/>
            <lg n="3">
              <l>Dich &#x017F;chmerzt, was du verlor&#x017F;t, dich, was du nicht gewann&#x017F;t,</l><lb/>
              <l>Am mei&#x017F;ten &#x017F;chmerzt dich, was du noch verlieren kann&#x017F;t.</l>
            </lg><lb/>
            <lg n="4">
              <l>Und alles ha&#x017F;t du, wenn du ha&#x017F;t den Muth gewonnen,</l><lb/>
              <l>Es auszu&#x017F;pielen weil es einmal i&#x017F;t begonnen.</l>
            </lg><lb/>
            <l>
</l>
          </lg>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[199/0209] 2. Wenn einen Henkel zum Anfaſſen hat der Krug, Mag bei dem Henkel ihn anfaſſen, wer iſt klug. Doch wenn der Henkel fehlt, ſo greift, wer es verſteht, Auch ohne Henkel an, und trinkt ſogut es geht. Man muß Gelegenheit, wo ſie ſich zeigt, benutzen, Und vor Verlegenheit, wo ſie erſcheint, nicht ſtutzen. 3. Was iſt bei dieſem Spiel des Lebens zu gewinnen? Wer's nicht verlieren will, der ſollt' es nicht beginnen. Denn zum Verlieren nur iſt ein Gewinn der Luſt, Und zu gewinnen iſt nichts ſicher als Verluſt. Dich ſchmerzt, was du verlorſt, dich, was du nicht gewannſt, Am meiſten ſchmerzt dich, was du noch verlieren kannſt. Und alles haſt du, wenn du haſt den Muth gewonnen, Es auszuſpielen weil es einmal iſt begonnen.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/rueckert_brahmane02_1837
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/rueckert_brahmane02_1837/209
Zitationshilfe: Rückert, Friedrich: Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 2. Leipzig, 1837, S. 199. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/rueckert_brahmane02_1837/209>, abgerufen am 15.07.2020.