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Rückert, Friedrich: Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 6. Leipzig, 1839.

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55.
Wiesehr auch er fürs Weib Lieb' und Verehrung hegt,
Der Mann hat immer sich den Vorzug beigelegt.
Als Erstgeschaffner, als Alleingeschaffner hat
Er sich gefühlt, aus dem das Weib hervor nur trat.
Er wußt' in Staat und Rath den Vorrang zu gewinnen;
Doch hatten Menschen auch, wie Bienen, Königinnen.
Und dienen siehest du im stillen Reich der Pflanze
Viel Männer einem Weib zu Liebeshof und Kranze.
Doch viel Insekten sind geflügelt nur, wenn männlich,
Und Vogelmännchen an Gesang und Schmuck erkennlich.
Im niedersten Gebiet der Thierwelt herrscht ein dritter
Stand über Mann und Weib, der zweigeschlecht'ge Zwitter.
Die Weibchen, in sich selbst befruchtet, mögen hecken;
Die Männchen dienen nur, die Keime zu erwecken.
So könnt' ein Menschenweib gebären ohne Mann,
Da aus sich selbst nur Zeus die Tochter zeugen kann.
55.
Wieſehr auch er fuͤrs Weib Lieb' und Verehrung hegt,
Der Mann hat immer ſich den Vorzug beigelegt.
Als Erſtgeſchaffner, als Alleingeſchaffner hat
Er ſich gefuͤhlt, aus dem das Weib hervor nur trat.
Er wußt' in Staat und Rath den Vorrang zu gewinnen;
Doch hatten Menſchen auch, wie Bienen, Koͤniginnen.
Und dienen ſieheſt du im ſtillen Reich der Pflanze
Viel Maͤnner einem Weib zu Liebeshof und Kranze.
Doch viel Inſekten ſind gefluͤgelt nur, wenn maͤnnlich,
Und Vogelmaͤnnchen an Geſang und Schmuck erkennlich.
Im niederſten Gebiet der Thierwelt herrſcht ein dritter
Stand uͤber Mann und Weib, der zweigeſchlecht'ge Zwitter.
Die Weibchen, in ſich ſelbſt befruchtet, moͤgen hecken;
Die Maͤnnchen dienen nur, die Keime zu erwecken.
So koͤnnt' ein Menſchenweib gebaͤren ohne Mann,
Da aus ſich ſelbſt nur Zeus die Tochter zeugen kann.
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[213/0223] 55. Wieſehr auch er fuͤrs Weib Lieb' und Verehrung hegt, Der Mann hat immer ſich den Vorzug beigelegt. Als Erſtgeſchaffner, als Alleingeſchaffner hat Er ſich gefuͤhlt, aus dem das Weib hervor nur trat. Er wußt' in Staat und Rath den Vorrang zu gewinnen; Doch hatten Menſchen auch, wie Bienen, Koͤniginnen. Und dienen ſieheſt du im ſtillen Reich der Pflanze Viel Maͤnner einem Weib zu Liebeshof und Kranze. Doch viel Inſekten ſind gefluͤgelt nur, wenn maͤnnlich, Und Vogelmaͤnnchen an Geſang und Schmuck erkennlich. Im niederſten Gebiet der Thierwelt herrſcht ein dritter Stand uͤber Mann und Weib, der zweigeſchlecht'ge Zwitter. Die Weibchen, in ſich ſelbſt befruchtet, moͤgen hecken; Die Maͤnnchen dienen nur, die Keime zu erwecken. So koͤnnt' ein Menſchenweib gebaͤren ohne Mann, Da aus ſich ſelbſt nur Zeus die Tochter zeugen kann.

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Zitationshilfe: Rückert, Friedrich: Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 6. Leipzig, 1839, S. 213. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/rueckert_brahmane06_1839/223>, abgerufen am 25.04.2019.