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Sachs, Julius: Geschichte der Botanik. München, 1875.

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Geschichte der Ernährungstheorie der Pflanzen.
fäße aufsaugen (phys. des arb. II. p. 189, 230). Obgleich
er ferner aus seinen eigenen Vegetationsversuchen, Landpflanzen
ohne Erde und durch gewöhnliches Wasser zu ernähren, den
Schluß zieht, daß dieses den Pflanzen nur sehr wenig aufgelöste
Theile darbiete, weiß er doch aus Hales' Angaben über die
Mitwirkung der Luft bei dem Aufbau der Pflanze, keinen Vor-
theil zu ziehen und schließt (l. c. p. 204), er habe eben nur
beweisen wollen, daß das reinste und einfachste Wasser den
Pflanzen ihre Nahrung darbieten könne, was seine Versuche nicht
beweisen.-- So ist fast Alles was Du Hamel über die Er-
nährung sagt, ein Gemenge richtiger Wahrnehmungen im Ein-
zelnen mit ganz verfehlten Schlüssen und Reflexionen, die sich
immer an das Einzelne anklammern, ohne dem Zusammenhang
im Ganzen Rechnung zu tragen. In noch viel höherem Grade
treten diese Fehler in dem späteren, fast noch umfangreicheren
Werk Mustel's: Traite theorique et pratique de la vege-
tation
1781 hervor. Je weiter man sich in der Zeit von den Be-
gründern der Pflanzenphysiologie entfernte, desto umfangreicher
wurden die Bücher, desto dünner aber auch der Faden, der die
einzelnen Erfahrungen zusammenhielt, bis er endlich ganz zerriß.
Es war höchste Zeit, daß der Ernährungslehre wieder neues
Licht zugeführt wurde, an der sie, wie eine vergeilte und ver-
wässerte Pflanze, nun wieder erstarken konnte. Dieß geschah
durch die Entdeckungen des Ingen-Houß und durch den ge-
waltigen Aufschwung, den die Chemie seit den siebziger Jahren
durch Lavoisier nahm.

4.
Begründung der neueren Ernährungslehre durch Ingen-Houß und
Th. de Saussure.

1779-1804.

Die beiden Cardinalfactoren der Ernährungslehre der
Pflanzen, daß die Blätter die nahrungsbereitenden Organe sind
und daß ein großer Theil der Pflanzensubstanz aus der Atmo-

Geſchichte der Ernährungstheorie der Pflanzen.
fäße aufſaugen (phys. des arb. II. p. 189, 230). Obgleich
er ferner aus ſeinen eigenen Vegetationsverſuchen, Landpflanzen
ohne Erde und durch gewöhnliches Waſſer zu ernähren, den
Schluß zieht, daß dieſes den Pflanzen nur ſehr wenig aufgelöſte
Theile darbiete, weiß er doch aus Hales' Angaben über die
Mitwirkung der Luft bei dem Aufbau der Pflanze, keinen Vor-
theil zu ziehen und ſchließt (l. c. p. 204), er habe eben nur
beweiſen wollen, daß das reinſte und einfachſte Waſſer den
Pflanzen ihre Nahrung darbieten könne, was ſeine Verſuche nicht
beweiſen.— So iſt faſt Alles was Du Hamel über die Er-
nährung ſagt, ein Gemenge richtiger Wahrnehmungen im Ein-
zelnen mit ganz verfehlten Schlüſſen und Reflexionen, die ſich
immer an das Einzelne anklammern, ohne dem Zuſammenhang
im Ganzen Rechnung zu tragen. In noch viel höherem Grade
treten dieſe Fehler in dem ſpäteren, faſt noch umfangreicheren
Werk Muſtel's: Traité théorique et pratique de la végé-
tation
1781 hervor. Je weiter man ſich in der Zeit von den Be-
gründern der Pflanzenphyſiologie entfernte, deſto umfangreicher
wurden die Bücher, deſto dünner aber auch der Faden, der die
einzelnen Erfahrungen zuſammenhielt, bis er endlich ganz zerriß.
Es war höchſte Zeit, daß der Ernährungslehre wieder neues
Licht zugeführt wurde, an der ſie, wie eine vergeilte und ver-
wäſſerte Pflanze, nun wieder erſtarken konnte. Dieß geſchah
durch die Entdeckungen des Ingen-Houß und durch den ge-
waltigen Aufſchwung, den die Chemie ſeit den ſiebziger Jahren
durch Lavoiſier nahm.

4.
Begründung der neueren Ernährungslehre durch Ingen-Houß und
Th. de Sauſſure.

1779-1804.

Die beiden Cardinalfactoren der Ernährungslehre der
Pflanzen, daß die Blätter die nahrungsbereitenden Organe ſind
und daß ein großer Theil der Pflanzenſubſtanz aus der Atmo-

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[530/0542] Geſchichte der Ernährungstheorie der Pflanzen. fäße aufſaugen (phys. des arb. II. p. 189, 230). Obgleich er ferner aus ſeinen eigenen Vegetationsverſuchen, Landpflanzen ohne Erde und durch gewöhnliches Waſſer zu ernähren, den Schluß zieht, daß dieſes den Pflanzen nur ſehr wenig aufgelöſte Theile darbiete, weiß er doch aus Hales' Angaben über die Mitwirkung der Luft bei dem Aufbau der Pflanze, keinen Vor- theil zu ziehen und ſchließt (l. c. p. 204), er habe eben nur beweiſen wollen, daß das reinſte und einfachſte Waſſer den Pflanzen ihre Nahrung darbieten könne, was ſeine Verſuche nicht beweiſen.— So iſt faſt Alles was Du Hamel über die Er- nährung ſagt, ein Gemenge richtiger Wahrnehmungen im Ein- zelnen mit ganz verfehlten Schlüſſen und Reflexionen, die ſich immer an das Einzelne anklammern, ohne dem Zuſammenhang im Ganzen Rechnung zu tragen. In noch viel höherem Grade treten dieſe Fehler in dem ſpäteren, faſt noch umfangreicheren Werk Muſtel's: Traité théorique et pratique de la végé- tation 1781 hervor. Je weiter man ſich in der Zeit von den Be- gründern der Pflanzenphyſiologie entfernte, deſto umfangreicher wurden die Bücher, deſto dünner aber auch der Faden, der die einzelnen Erfahrungen zuſammenhielt, bis er endlich ganz zerriß. Es war höchſte Zeit, daß der Ernährungslehre wieder neues Licht zugeführt wurde, an der ſie, wie eine vergeilte und ver- wäſſerte Pflanze, nun wieder erſtarken konnte. Dieß geſchah durch die Entdeckungen des Ingen-Houß und durch den ge- waltigen Aufſchwung, den die Chemie ſeit den ſiebziger Jahren durch Lavoiſier nahm. 4. Begründung der neueren Ernährungslehre durch Ingen-Houß und Th. de Sauſſure. 1779-1804. Die beiden Cardinalfactoren der Ernährungslehre der Pflanzen, daß die Blätter die nahrungsbereitenden Organe ſind und daß ein großer Theil der Pflanzenſubſtanz aus der Atmo-

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Zitationshilfe: Sachs, Julius: Geschichte der Botanik. München, 1875, S. 530. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/sachs_botanik_1875/542>, abgerufen am 22.04.2019.