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Savigny, Friedrich Carl von: System des heutigen Römischen Rechts. Bd. 3. Berlin, 1840.

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Beylage VIII.

Diese Grundsätze kommen in unsren Rechtsquellen nir-
gend in der Allgemeinheit vor, worin sie hier aufgestellt
worden sind; dagegen werden sie in folgenden einzelnen
Anwendungen zum Theil so bestimmt und unverkennbar
vorausgesetzt, daß wir berechtigt sind, diese bestimmteren
Vorschriften theilweise auch auf diejenigen Fälle anzuwen-
den, worüber wir weniger genau bestimmte Vorschriften
besitzen.

XXI.

Zum Begriff des Diebstahls gehört rechtswidrige, und
zwar insbesondere gewinnsüchtige Absicht. Wer nun dem
Andern eine Sache entwendet, die er irrigerweise für seine
eigene hält, begeht keinen Diebstahl, und macht die Sache
nicht zur res furtiva, selbst wenn er durch Rechtsirrthum
zu jener Meynung gekommen wäre; z. B. wenn er den
Niesbrauch einer Sklavin hat, und an dem Kind derselben
aus Rechtsirrthum Eigenthum zu haben meynt (a). Die

I. § 12 (von Modestin): "Non-
nunquam per ignorantiam de-
linquentibus juris civilis venia
tribui solet, si modo rem facti
quis, non juris ignoret:
quae
scilicet consilio delinquentibus
praestari non solet. Propter
quod necessarium est, addita
distinctione considerare, utrum
sciente an ignorante aliquo quid
gestum proponatur."
Hier wird
unzweifelhaft unter der juris igno-
rantia,
die niemals entschuldigen
soll, die Unbekanntschaft mit dem
Strafgesetz verstanden, und auch
dafür blos die Regel vorgetragen,
mit Übergehung der persönlichen
Ausnahmen, die dadurch nicht
etwa von Modestin verneint wer-
den sollen. Das Nonnunquam
bezieht sich darauf, daß die Straf-
losigkeit selbst des factischen Irr-
thums nicht für alle Delicte be-
hauptet werden kann, sondern
nur für die dolosen.
(a) § 5 J. de usuc. (2. 5.),
L. 36 § 1 L. 37 pr. de usurp.
(41. 3.).
Beylage VIII.

Dieſe Grundſätze kommen in unſren Rechtsquellen nir-
gend in der Allgemeinheit vor, worin ſie hier aufgeſtellt
worden ſind; dagegen werden ſie in folgenden einzelnen
Anwendungen zum Theil ſo beſtimmt und unverkennbar
vorausgeſetzt, daß wir berechtigt ſind, dieſe beſtimmteren
Vorſchriften theilweiſe auch auf diejenigen Fälle anzuwen-
den, worüber wir weniger genau beſtimmte Vorſchriften
beſitzen.

XXI.

Zum Begriff des Diebſtahls gehört rechtswidrige, und
zwar insbeſondere gewinnſüchtige Abſicht. Wer nun dem
Andern eine Sache entwendet, die er irrigerweiſe für ſeine
eigene hält, begeht keinen Diebſtahl, und macht die Sache
nicht zur res furtiva, ſelbſt wenn er durch Rechtsirrthum
zu jener Meynung gekommen wäre; z. B. wenn er den
Niesbrauch einer Sklavin hat, und an dem Kind derſelben
aus Rechtsirrthum Eigenthum zu haben meynt (a). Die

I. § 12 (von Modeſtin): „Non-
nunquam per ignorantiam de-
linquentibus juris civilis venia
tribui solet, si modo rem facti
quis, non juris ignoret:
quae
scilicet consilio delinquentibus
praestari non solet. Propter
quod necessarium est, addita
distinctione considerare, utrum
sciente an ignorante aliquo quid
gestum proponatur.”
Hier wird
unzweifelhaft unter der juris igno-
rantia,
die niemals entſchuldigen
ſoll, die Unbekanntſchaft mit dem
Strafgeſetz verſtanden, und auch
dafür blos die Regel vorgetragen,
mit Übergehung der perſönlichen
Ausnahmen, die dadurch nicht
etwa von Modeſtin verneint wer-
den ſollen. Das Nonnunquam
bezieht ſich darauf, daß die Straf-
loſigkeit ſelbſt des factiſchen Irr-
thums nicht für alle Delicte be-
hauptet werden kann, ſondern
nur für die doloſen.
(a) § 5 J. de usuc. (2. 5.),
L. 36 § 1 L. 37 pr. de usurp.
(41. 3.).
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[390/0402] Beylage VIII. Dieſe Grundſätze kommen in unſren Rechtsquellen nir- gend in der Allgemeinheit vor, worin ſie hier aufgeſtellt worden ſind; dagegen werden ſie in folgenden einzelnen Anwendungen zum Theil ſo beſtimmt und unverkennbar vorausgeſetzt, daß wir berechtigt ſind, dieſe beſtimmteren Vorſchriften theilweiſe auch auf diejenigen Fälle anzuwen- den, worüber wir weniger genau beſtimmte Vorſchriften beſitzen. XXI. Zum Begriff des Diebſtahls gehört rechtswidrige, und zwar insbeſondere gewinnſüchtige Abſicht. Wer nun dem Andern eine Sache entwendet, die er irrigerweiſe für ſeine eigene hält, begeht keinen Diebſtahl, und macht die Sache nicht zur res furtiva, ſelbſt wenn er durch Rechtsirrthum zu jener Meynung gekommen wäre; z. B. wenn er den Niesbrauch einer Sklavin hat, und an dem Kind derſelben aus Rechtsirrthum Eigenthum zu haben meynt (a). Die (c) (a) § 5 J. de usuc. (2. 5.), L. 36 § 1 L. 37 pr. de usurp. (41. 3.). (c) I. § 12 (von Modeſtin): „Non- nunquam per ignorantiam de- linquentibus juris civilis venia tribui solet, si modo rem facti quis, non juris ignoret: quae scilicet consilio delinquentibus praestari non solet. Propter quod necessarium est, addita distinctione considerare, utrum sciente an ignorante aliquo quid gestum proponatur.” Hier wird unzweifelhaft unter der juris igno- rantia, die niemals entſchuldigen ſoll, die Unbekanntſchaft mit dem Strafgeſetz verſtanden, und auch dafür blos die Regel vorgetragen, mit Übergehung der perſönlichen Ausnahmen, die dadurch nicht etwa von Modeſtin verneint wer- den ſollen. Das Nonnunquam bezieht ſich darauf, daß die Straf- loſigkeit ſelbſt des factiſchen Irr- thums nicht für alle Delicte be- hauptet werden kann, ſondern nur für die doloſen.

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Zitationshilfe: Savigny, Friedrich Carl von: System des heutigen Römischen Rechts. Bd. 3. Berlin, 1840, S. 390. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/savigny_system03_1840/402>, abgerufen am 25.06.2018.