Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Schmidt, Johann Georg: Die gestriegelte Rocken-Philosophia, oder auffrichtige Untersuchung derer von vielen super-klugen Weibern hochgehaltenen Aberglauben. Bd. 2. Chemnitz, 1705.

Bild:
<< vorherige Seite
Untersuchung derer von super-klugen
Das 56. Capitel.

Wenn die Schwalben in ein Hauß
nisteln/ bedeutets Armuth/ die Sperlinge
aber Glück und Reichthum.

DIe armen Schwalben sind solche Vöge-
lein/ welche sich nur mit Hinweghaschung
der Fliegen und dergleichen Ungezieffer
behelffen/ und ihre Nester von Koth und
Schlamm bauen/ dahero finden sie auch nirgend
bessere Herberge/ als bey ihres gleichen/ denen
armen Leuten. Denn reiche und vornehme Leu-
te können nicht wohl leiden/ daß diese arme Vö-
gel ihre Dreck-Nester in oder an ihre grosse aus-
gezierte Paläste anbaueten/ und ihren Koth und
Mist in die schönen Säle fallen liessen/ sondern/
wenn zuweilen die Fenster auffgelassen werden/
und die Schwalben thun einen Versuch alda
einzunisteln/ ey da müssen sie bald wieder fort/
und heist: Wo die Schwalben nisten/ da ist Ar-
muth. Und müssen demnach die armen Schwal-
ben Herberge bey denen armen Bauern suchen/
die sie gar wohl leiden können/ auch noch wohl
Späne an die Balcken in Häusern einschlagen/
auff daß die Schwalben desto beqvemer darauff
bauen können. Auch halten diese der Schwal-
ben Ankunfft nicht für ein Zeichen der Armuth/
sondern des Glücks. Denn weil die Bauern

mit
Unterſuchung derer von ſuper-klugen
Das 56. Capitel.

Wenn die Schwalben in ein Hauß
niſteln/ bedeutets Armuth/ die Sperlinge
aber Gluͤck und Reichthum.

DIe armen Schwalben ſind ſolche Voͤge-
lein/ welche ſich nur mit Hinweghaſchung
der Fliegen und dergleichen Ungezieffer
behelffen/ und ihre Neſter von Koth und
Schlamm bauen/ dahero finden ſie auch nirgend
beſſere Herberge/ als bey ihres gleichen/ denen
armen Leuten. Denn reiche und vornehme Leu-
te koͤnnen nicht wohl leiden/ daß dieſe arme Voͤ-
gel ihre Dreck-Neſter in oder an ihre groſſe aus-
gezierte Palaͤſte anbaueten/ und ihren Koth und
Miſt in die ſchoͤnen Säle fallen lieſſen/ ſondern/
wenn zuweilen die Fenſter auffgelaſſen werden/
und die Schwalben thun einen Verſuch alda
einzuniſteln/ ey da muͤſſen ſie bald wieder fort/
und heiſt: Wo die Schwalben niſten/ da iſt Ar-
muth. Und muͤſſen demnach die armen Schwal-
ben Herberge bey denen armen Bauern ſuchen/
die ſie gar wohl leiden koͤnnen/ auch noch wohl
Spaͤne an die Balcken in Haͤuſern einſchlagen/
auff daß die Schwalben deſto beqvemer darauff
bauen koͤnnen. Auch halten dieſe der Schwal-
ben Ankunfft nicht fuͤr ein Zeichen der Armuth/
ſondern des Gluͤcks. Denn weil die Bauern

mit
<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0140" n="316"/>
      <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#fr">Unter&#x017F;uchung derer von</hi> <hi rendition="#i"> <hi rendition="#aq">&#x017F;uper-</hi> </hi> <hi rendition="#fr">klugen</hi> </fw><lb/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b">Das 56. Capitel.</hi> </head><lb/>
        <argument>
          <p>Wenn die Schwalben in ein Hauß<lb/><hi rendition="#c">ni&#x017F;teln/ bedeutets Armuth/ die Sperlinge<lb/>
aber Glu&#x0364;ck und Reichthum.</hi></p>
        </argument><lb/>
        <p><hi rendition="#in">D</hi>Ie armen Schwalben &#x017F;ind &#x017F;olche Vo&#x0364;ge-<lb/>
lein/ welche &#x017F;ich nur mit Hinwegha&#x017F;chung<lb/>
der Fliegen und dergleichen Ungezieffer<lb/>
behelffen/ und ihre Ne&#x017F;ter von Koth und<lb/>
Schlamm bauen/ dahero finden &#x017F;ie auch nirgend<lb/>
be&#x017F;&#x017F;ere Herberge/ als bey ihres gleichen/ denen<lb/>
armen Leuten. Denn reiche und vornehme Leu-<lb/>
te ko&#x0364;nnen nicht wohl leiden/ daß die&#x017F;e arme Vo&#x0364;-<lb/>
gel ihre Dreck-Ne&#x017F;ter in oder an ihre gro&#x017F;&#x017F;e aus-<lb/>
gezierte Pala&#x0364;&#x017F;te anbaueten/ und ihren Koth und<lb/>
Mi&#x017F;t in die &#x017F;cho&#x0364;nen Säle fallen lie&#x017F;&#x017F;en/ &#x017F;ondern/<lb/>
wenn zuweilen die Fen&#x017F;ter auffgela&#x017F;&#x017F;en werden/<lb/>
und die Schwalben thun einen Ver&#x017F;uch alda<lb/>
einzuni&#x017F;teln/ ey da mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en &#x017F;ie bald wieder fort/<lb/>
und hei&#x017F;t: Wo die Schwalben ni&#x017F;ten/ da i&#x017F;t Ar-<lb/>
muth. Und mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en demnach die armen Schwal-<lb/>
ben Herberge bey denen armen Bauern &#x017F;uchen/<lb/>
die &#x017F;ie gar wohl leiden ko&#x0364;nnen/ auch noch wohl<lb/>
Spa&#x0364;ne an die Balcken in Ha&#x0364;u&#x017F;ern ein&#x017F;chlagen/<lb/>
auff daß die Schwalben de&#x017F;to beqvemer darauff<lb/>
bauen ko&#x0364;nnen. Auch halten die&#x017F;e der Schwal-<lb/>
ben Ankunfft nicht fu&#x0364;r ein Zeichen der Armuth/<lb/>
&#x017F;ondern des Glu&#x0364;cks. Denn weil die Bauern<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">mit</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[316/0140] Unterſuchung derer von ſuper-klugen Das 56. Capitel. Wenn die Schwalben in ein Hauß niſteln/ bedeutets Armuth/ die Sperlinge aber Gluͤck und Reichthum. DIe armen Schwalben ſind ſolche Voͤge- lein/ welche ſich nur mit Hinweghaſchung der Fliegen und dergleichen Ungezieffer behelffen/ und ihre Neſter von Koth und Schlamm bauen/ dahero finden ſie auch nirgend beſſere Herberge/ als bey ihres gleichen/ denen armen Leuten. Denn reiche und vornehme Leu- te koͤnnen nicht wohl leiden/ daß dieſe arme Voͤ- gel ihre Dreck-Neſter in oder an ihre groſſe aus- gezierte Palaͤſte anbaueten/ und ihren Koth und Miſt in die ſchoͤnen Säle fallen lieſſen/ ſondern/ wenn zuweilen die Fenſter auffgelaſſen werden/ und die Schwalben thun einen Verſuch alda einzuniſteln/ ey da muͤſſen ſie bald wieder fort/ und heiſt: Wo die Schwalben niſten/ da iſt Ar- muth. Und muͤſſen demnach die armen Schwal- ben Herberge bey denen armen Bauern ſuchen/ die ſie gar wohl leiden koͤnnen/ auch noch wohl Spaͤne an die Balcken in Haͤuſern einſchlagen/ auff daß die Schwalben deſto beqvemer darauff bauen koͤnnen. Auch halten dieſe der Schwal- ben Ankunfft nicht fuͤr ein Zeichen der Armuth/ ſondern des Gluͤcks. Denn weil die Bauern mit

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/schmidt_rockenphilosophia02_1705
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/schmidt_rockenphilosophia02_1705/140
Zitationshilfe: Schmidt, Johann Georg: Die gestriegelte Rocken-Philosophia, oder auffrichtige Untersuchung derer von vielen super-klugen Weibern hochgehaltenen Aberglauben. Bd. 2. Chemnitz, 1705, S. 316. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schmidt_rockenphilosophia02_1705/140>, abgerufen am 21.04.2019.