Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Stein, Lorenz von: Handbuch der Verwaltungslehre und des Verwaltungsrechts: mit Vergleichung der Literatur und Gesetzgebung von Frankreich, England und Deutschland; als Grundlage für Vorlesungen. Stuttgart, 1870.

Bild:
<< vorherige Seite
System des Industriewesens.

Wenn schon bei dem Gewerbe der leitende Gedanke für die Thätig-
keit der Verwaltung und die öffentliche Rechtsbildung die Selbstthätig-
keit der kleinen Unternehmungen sein muß, so ist dieß natürlich bei der
Industrie, in der jede Unternehmung zugleich ihr eigenes Capital besitzt,
in noch höherem Grade der Fall. Die Industrie soll sich nicht bloß im
Allgemeinen selber helfen, und die Hülfe von Seiten der Regierung
soll nur eine ausnahmsweise sein, sondern sie soll sogar, so weit sie
vermag, ihre eigene Organisation und ihr eigenes Recht bilden. Die
größte Bedeutung der Industrie liegt für das Verwaltungsrecht deßhalb
eben darin, daß sie das mächtigste Gebiet der freien Verwal-
tung ist
. In diesem Punkte beruht ihr wichtigster Einfluß auf das
Gesammtleben des öffentlichen Rechts; sie ist es in der That, welche
man als die Erzieherin der wirthschaftlichen Selbständigkeit in jedem
Volke anzusehen hat. Und daraus folgt nun, daß sie zugleich das-
jenige Organ am stärksten entwickelt, das wir als die Basis der freien
Verwaltung ansehen müssen, das wirthschaftliche Vereinswesen, an
welches sich hier das gesellschaftliche anschließt. Dieses Princip
durchdringt das ganze Gebiet des Industriewesens und gibt ihm seine
Selbständigkeit; man kann sagen, daß während alle andern Theile uns
zeigen, was die Regierung zu thun hat, die Industrie uns zeigt, was
ohne sie geschehen kann und geschehen soll. Im Industriewesen hat
die Thätigkeit der Regierung einen streng suppletorischen Cha-
rakter
; und das im Einzelnen nachzuweisen, ist die Sache des Systems
des Industriewesens.

Von diesem Standpunkt aus muß namentlich die Wirkung Adam Smiths
auf dem Continent betrachtet werden. Adam Smith ist es, der die alte Tra-
dition von der Nothwendigkeit einer direkten Unterstützung der Industrie durch
die Regierungen, wie sie das Merkantilsystem groß gezogen, zuerst geradezu
und unbedingt verneint: sein Wort, es sei eine "impertinence and presump-
tion to watch over the industry of private people"
ist das Schlagwort ge-
worden, das den Continent zunächst von der Bevormundung im Gebiete der
Volkswirthschaft befreit, und die Gesetze der Nationalökonomie an die Stelle
der Verordnungen der Behörden gesetzt hat. In ihm liegt ein unmeßbarer
Fortschritt, und dieser Gedanke von Adam Smith ist der erste und eigent-
liche Inhalt der Idee des Freihandels
, von dem die Zollfrage nur
eine specielle Anwendung ist. Aber auch diese Idee hatte noch so lange keinen
Körper, als ihr das Vereinswesen fehlte; denn nicht darauf kam es an, daß
überhaupt nichts für die Industrie geschehe, sondern darauf, daß das Noth-
wendige durch das freie Element des Vereins geschehe. Und so stehen
wir erst mit dem letzteren vor der zweiten und größeren Epoche der freien
wirthschaftlichen Entwicklung der Industrie.

Syſtem des Induſtrieweſens.

Wenn ſchon bei dem Gewerbe der leitende Gedanke für die Thätig-
keit der Verwaltung und die öffentliche Rechtsbildung die Selbſtthätig-
keit der kleinen Unternehmungen ſein muß, ſo iſt dieß natürlich bei der
Induſtrie, in der jede Unternehmung zugleich ihr eigenes Capital beſitzt,
in noch höherem Grade der Fall. Die Induſtrie ſoll ſich nicht bloß im
Allgemeinen ſelber helfen, und die Hülfe von Seiten der Regierung
ſoll nur eine ausnahmsweiſe ſein, ſondern ſie ſoll ſogar, ſo weit ſie
vermag, ihre eigene Organiſation und ihr eigenes Recht bilden. Die
größte Bedeutung der Induſtrie liegt für das Verwaltungsrecht deßhalb
eben darin, daß ſie das mächtigſte Gebiet der freien Verwal-
tung iſt
. In dieſem Punkte beruht ihr wichtigſter Einfluß auf das
Geſammtleben des öffentlichen Rechts; ſie iſt es in der That, welche
man als die Erzieherin der wirthſchaftlichen Selbſtändigkeit in jedem
Volke anzuſehen hat. Und daraus folgt nun, daß ſie zugleich das-
jenige Organ am ſtärkſten entwickelt, das wir als die Baſis der freien
Verwaltung anſehen müſſen, das wirthſchaftliche Vereinsweſen, an
welches ſich hier das geſellſchaftliche anſchließt. Dieſes Princip
durchdringt das ganze Gebiet des Induſtrieweſens und gibt ihm ſeine
Selbſtändigkeit; man kann ſagen, daß während alle andern Theile uns
zeigen, was die Regierung zu thun hat, die Induſtrie uns zeigt, was
ohne ſie geſchehen kann und geſchehen ſoll. Im Induſtrieweſen hat
die Thätigkeit der Regierung einen ſtreng ſuppletoriſchen Cha-
rakter
; und das im Einzelnen nachzuweiſen, iſt die Sache des Syſtems
des Induſtrieweſens.

Von dieſem Standpunkt aus muß namentlich die Wirkung Adam Smiths
auf dem Continent betrachtet werden. Adam Smith iſt es, der die alte Tra-
dition von der Nothwendigkeit einer direkten Unterſtützung der Induſtrie durch
die Regierungen, wie ſie das Merkantilſyſtem groß gezogen, zuerſt geradezu
und unbedingt verneint: ſein Wort, es ſei eine „impertinence and presump-
tion to watch over the industry of private people“
iſt das Schlagwort ge-
worden, das den Continent zunächſt von der Bevormundung im Gebiete der
Volkswirthſchaft befreit, und die Geſetze der Nationalökonomie an die Stelle
der Verordnungen der Behörden geſetzt hat. In ihm liegt ein unmeßbarer
Fortſchritt, und dieſer Gedanke von Adam Smith iſt der erſte und eigent-
liche Inhalt der Idee des Freihandels
, von dem die Zollfrage nur
eine ſpecielle Anwendung iſt. Aber auch dieſe Idee hatte noch ſo lange keinen
Körper, als ihr das Vereinsweſen fehlte; denn nicht darauf kam es an, daß
überhaupt nichts für die Induſtrie geſchehe, ſondern darauf, daß das Noth-
wendige durch das freie Element des Vereins geſchehe. Und ſo ſtehen
wir erſt mit dem letzteren vor der zweiten und größeren Epoche der freien
wirthſchaftlichen Entwicklung der Induſtrie.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <div n="5">
                <pb facs="#f0378" n="354"/>
                <div n="6">
                  <head><hi rendition="#g">Sy&#x017F;tem des Indu&#x017F;triewe&#x017F;ens</hi>.</head><lb/>
                  <p>Wenn &#x017F;chon bei dem Gewerbe der leitende Gedanke für die Thätig-<lb/>
keit der Verwaltung und die öffentliche Rechtsbildung die Selb&#x017F;tthätig-<lb/>
keit der kleinen Unternehmungen &#x017F;ein muß, &#x017F;o i&#x017F;t dieß natürlich bei der<lb/>
Indu&#x017F;trie, in der jede Unternehmung zugleich ihr eigenes Capital be&#x017F;itzt,<lb/>
in noch höherem Grade der Fall. Die Indu&#x017F;trie &#x017F;oll &#x017F;ich nicht bloß im<lb/>
Allgemeinen &#x017F;elber helfen, und die Hülfe von Seiten der Regierung<lb/>
&#x017F;oll nur eine ausnahmswei&#x017F;e &#x017F;ein, &#x017F;ondern &#x017F;ie &#x017F;oll &#x017F;ogar, &#x017F;o weit &#x017F;ie<lb/>
vermag, ihre eigene Organi&#x017F;ation und ihr eigenes Recht bilden. Die<lb/>
größte Bedeutung der Indu&#x017F;trie liegt für das Verwaltungsrecht deßhalb<lb/>
eben darin, daß &#x017F;ie das <hi rendition="#g">mächtig&#x017F;te Gebiet der freien Verwal-<lb/>
tung i&#x017F;t</hi>. In die&#x017F;em Punkte beruht ihr wichtig&#x017F;ter Einfluß auf das<lb/>
Ge&#x017F;ammtleben des öffentlichen Rechts; &#x017F;ie i&#x017F;t es in der That, welche<lb/>
man als die Erzieherin der wirth&#x017F;chaftlichen Selb&#x017F;tändigkeit in jedem<lb/>
Volke anzu&#x017F;ehen hat. Und daraus folgt nun, daß &#x017F;ie zugleich das-<lb/>
jenige Organ am &#x017F;tärk&#x017F;ten entwickelt, das wir als die Ba&#x017F;is der freien<lb/>
Verwaltung an&#x017F;ehen mü&#x017F;&#x017F;en, das <hi rendition="#g">wirth&#x017F;chaftliche</hi> Vereinswe&#x017F;en, an<lb/>
welches &#x017F;ich hier das <hi rendition="#g">ge&#x017F;ell&#x017F;chaftliche</hi> an&#x017F;chließt. Die&#x017F;es Princip<lb/>
durchdringt das ganze Gebiet des Indu&#x017F;triewe&#x017F;ens und gibt ihm &#x017F;eine<lb/>
Selb&#x017F;tändigkeit; man kann &#x017F;agen, daß während alle andern Theile uns<lb/>
zeigen, was die Regierung zu thun hat, die Indu&#x017F;trie uns zeigt, was<lb/><hi rendition="#g">ohne &#x017F;ie</hi> ge&#x017F;chehen kann und ge&#x017F;chehen &#x017F;oll. Im Indu&#x017F;triewe&#x017F;en hat<lb/>
die Thätigkeit der Regierung einen &#x017F;treng <hi rendition="#g">&#x017F;uppletori&#x017F;chen Cha-<lb/>
rakter</hi>; und das im Einzelnen nachzuwei&#x017F;en, i&#x017F;t die Sache des Sy&#x017F;tems<lb/>
des Indu&#x017F;triewe&#x017F;ens.</p><lb/>
                  <p>Von die&#x017F;em Standpunkt aus muß namentlich die Wirkung <hi rendition="#g">Adam Smiths</hi><lb/>
auf dem Continent betrachtet werden. Adam Smith i&#x017F;t es, der die alte Tra-<lb/>
dition von der Nothwendigkeit einer direkten Unter&#x017F;tützung der Indu&#x017F;trie durch<lb/>
die Regierungen, wie &#x017F;ie das Merkantil&#x017F;y&#x017F;tem groß gezogen, zuer&#x017F;t geradezu<lb/>
und unbedingt verneint: &#x017F;ein Wort, es &#x017F;ei eine <hi rendition="#aq">&#x201E;impertinence and presump-<lb/>
tion to watch over the industry of private people&#x201C;</hi> i&#x017F;t das Schlagwort ge-<lb/>
worden, das den Continent zunäch&#x017F;t von der Bevormundung im Gebiete der<lb/>
Volkswirth&#x017F;chaft befreit, und die Ge&#x017F;etze der Nationalökonomie an die Stelle<lb/>
der Verordnungen der Behörden ge&#x017F;etzt hat. <hi rendition="#g">In ihm</hi> liegt ein unmeßbarer<lb/>
Fort&#x017F;chritt, und die&#x017F;er Gedanke von Adam Smith i&#x017F;t der <hi rendition="#g">er&#x017F;te und eigent-<lb/>
liche Inhalt der Idee des Freihandels</hi>, von dem die Zollfrage nur<lb/>
eine &#x017F;pecielle Anwendung i&#x017F;t. Aber auch die&#x017F;e Idee hatte noch &#x017F;o lange keinen<lb/>
Körper, als ihr das Vereinswe&#x017F;en fehlte; denn nicht darauf kam es an, daß<lb/>
überhaupt nichts für die Indu&#x017F;trie ge&#x017F;chehe, &#x017F;ondern darauf, daß das Noth-<lb/>
wendige durch <hi rendition="#g">das freie Element des Vereins ge&#x017F;chehe</hi>. Und &#x017F;o &#x017F;tehen<lb/>
wir er&#x017F;t mit dem letzteren vor der zweiten und größeren Epoche der freien<lb/>
wirth&#x017F;chaftlichen Entwicklung der Indu&#x017F;trie.</p><lb/>
                </div>
              </div>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[354/0378] Syſtem des Induſtrieweſens. Wenn ſchon bei dem Gewerbe der leitende Gedanke für die Thätig- keit der Verwaltung und die öffentliche Rechtsbildung die Selbſtthätig- keit der kleinen Unternehmungen ſein muß, ſo iſt dieß natürlich bei der Induſtrie, in der jede Unternehmung zugleich ihr eigenes Capital beſitzt, in noch höherem Grade der Fall. Die Induſtrie ſoll ſich nicht bloß im Allgemeinen ſelber helfen, und die Hülfe von Seiten der Regierung ſoll nur eine ausnahmsweiſe ſein, ſondern ſie ſoll ſogar, ſo weit ſie vermag, ihre eigene Organiſation und ihr eigenes Recht bilden. Die größte Bedeutung der Induſtrie liegt für das Verwaltungsrecht deßhalb eben darin, daß ſie das mächtigſte Gebiet der freien Verwal- tung iſt. In dieſem Punkte beruht ihr wichtigſter Einfluß auf das Geſammtleben des öffentlichen Rechts; ſie iſt es in der That, welche man als die Erzieherin der wirthſchaftlichen Selbſtändigkeit in jedem Volke anzuſehen hat. Und daraus folgt nun, daß ſie zugleich das- jenige Organ am ſtärkſten entwickelt, das wir als die Baſis der freien Verwaltung anſehen müſſen, das wirthſchaftliche Vereinsweſen, an welches ſich hier das geſellſchaftliche anſchließt. Dieſes Princip durchdringt das ganze Gebiet des Induſtrieweſens und gibt ihm ſeine Selbſtändigkeit; man kann ſagen, daß während alle andern Theile uns zeigen, was die Regierung zu thun hat, die Induſtrie uns zeigt, was ohne ſie geſchehen kann und geſchehen ſoll. Im Induſtrieweſen hat die Thätigkeit der Regierung einen ſtreng ſuppletoriſchen Cha- rakter; und das im Einzelnen nachzuweiſen, iſt die Sache des Syſtems des Induſtrieweſens. Von dieſem Standpunkt aus muß namentlich die Wirkung Adam Smiths auf dem Continent betrachtet werden. Adam Smith iſt es, der die alte Tra- dition von der Nothwendigkeit einer direkten Unterſtützung der Induſtrie durch die Regierungen, wie ſie das Merkantilſyſtem groß gezogen, zuerſt geradezu und unbedingt verneint: ſein Wort, es ſei eine „impertinence and presump- tion to watch over the industry of private people“ iſt das Schlagwort ge- worden, das den Continent zunächſt von der Bevormundung im Gebiete der Volkswirthſchaft befreit, und die Geſetze der Nationalökonomie an die Stelle der Verordnungen der Behörden geſetzt hat. In ihm liegt ein unmeßbarer Fortſchritt, und dieſer Gedanke von Adam Smith iſt der erſte und eigent- liche Inhalt der Idee des Freihandels, von dem die Zollfrage nur eine ſpecielle Anwendung iſt. Aber auch dieſe Idee hatte noch ſo lange keinen Körper, als ihr das Vereinsweſen fehlte; denn nicht darauf kam es an, daß überhaupt nichts für die Induſtrie geſchehe, ſondern darauf, daß das Noth- wendige durch das freie Element des Vereins geſchehe. Und ſo ſtehen wir erſt mit dem letzteren vor der zweiten und größeren Epoche der freien wirthſchaftlichen Entwicklung der Induſtrie.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/stein_handbuch_1870
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/stein_handbuch_1870/378
Zitationshilfe: Stein, Lorenz von: Handbuch der Verwaltungslehre und des Verwaltungsrechts: mit Vergleichung der Literatur und Gesetzgebung von Frankreich, England und Deutschland; als Grundlage für Vorlesungen. Stuttgart, 1870, S. 354. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/stein_handbuch_1870/378>, abgerufen am 20.04.2019.