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Steinthal, Heymann: Grammatik, Logik und Psychologie. Ihre Principien und ihr Verhältniss zu einander. Berlin, 1855.

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Logik gingen als solche in die Grammatik ein. Daneben wur-
den die lautlichen Formungen angegeben, durch welche jede Be-
griffsform sprachlich bezeichnet wurde; die Schemata wurden
aufgestellt. Der Dualismus ist hier noch klaffender; denn die
eine, die begriffliche, Seite war geschaffen von den griechischen
Philosophen, bevor die alexandrinischen Grammatiker die laut-
liche Seite schematisch ordneten; und nachdem dies nun ge-
schehen war, hat sich die Betrachtung der Begriffsformen wie-
der von der der Lautformen abgelöst und selbständig als all-
gemeine und philosophische Grammatik hingestellt.

§ 28. Gleichheit Beckers mit der alten Grammatik.

Nichts also als ein mechanisches Conglomerat von
Laut und Gedanken war die Sprache, und ist sie auch noch bei
Becker. Es muß Lachen erregen, wenn man sieht, wie Becker
etwas Neues zu sagen glaubt, indem er behauptet, in der Sprache
seien die Formen der Anschauung und des Denkens zu finden:
da dies nicht bloß von Plato und Aristoteles, sondern zu allen
Zeiten von allen Grammatikern ausgesprochen oder anerkannt
worden ist. Es ist durchaus in Abrede zu stellen, daß sich die
Grammatik je von der Logik getrennt habe, und daß man erst
in neuerer Zeit mit ihrer Umgestaltung auch auf ihre Verei-
nigung zurückgekommen sei. Die Grammatica speculativa des
alten Scholastikers Joannes Duns Scotus ebenso wie Scaligers
De causis linguae latinae tragen ihren logischen Charakter und
Gehalt unzweideutig vor sich her. Letzteres Werk ist durchaus
das Erzeugniß eines geistreichen Peripatetikers, der sich be-
müht, den Fußstapfen des Meisters zu folgen. Es heißt z. B.
bei ihm rücksichtlich der Redetheile: Si igitur dictio rerum nota
est, pro rerum speciebus partes quoque suas sortietur. Videa-
mus ergo in magna autorum controversia, quot, quaeve sint.
Quod Graeci on vocant, apud nos autem usitato potius quam
Latino caret nomine, id partim significat res permanentes ut equum,
album, decempedam, quarum natura postquam perfecta est, diu
perstat; partim fluentes, quarum natura est, esse tandiu, quandiu
fiunt: ubi vero sunt absolutae, non sunt amplius. In hac parti-
tione tota vis orationis nostrae consistit ... Constantium igitur
rerum notam nomen dixere, eorum vero quae fluunt, verbum.

Wir haben hier nicht zu untersuchen, ob Beckers Definitionen
vom Nomen und Verbum besser sind als Scaligers: das Princip
ist in diesen wie in jenen logisch-metaphysich, und Scaligers

Logik gingen als solche in die Grammatik ein. Daneben wur-
den die lautlichen Formungen angegeben, durch welche jede Be-
griffsform sprachlich bezeichnet wurde; die Schemata wurden
aufgestellt. Der Dualismus ist hier noch klaffender; denn die
eine, die begriffliche, Seite war geschaffen von den griechischen
Philosophen, bevor die alexandrinischen Grammatiker die laut-
liche Seite schematisch ordneten; und nachdem dies nun ge-
schehen war, hat sich die Betrachtung der Begriffsformen wie-
der von der der Lautformen abgelöst und selbständig als all-
gemeine und philosophische Grammatik hingestellt.

§ 28. Gleichheit Beckers mit der alten Grammatik.

Nichts also als ein mechanisches Conglomerat von
Laut und Gedanken war die Sprache, und ist sie auch noch bei
Becker. Es muß Lachen erregen, wenn man sieht, wie Becker
etwas Neues zu sagen glaubt, indem er behauptet, in der Sprache
seien die Formen der Anschauung und des Denkens zu finden:
da dies nicht bloß von Plato und Aristoteles, sondern zu allen
Zeiten von allen Grammatikern ausgesprochen oder anerkannt
worden ist. Es ist durchaus in Abrede zu stellen, daß sich die
Grammatik je von der Logik getrennt habe, und daß man erst
in neuerer Zeit mit ihrer Umgestaltung auch auf ihre Verei-
nigung zurückgekommen sei. Die Grammatica speculativa des
alten Scholastikers Joannes Duns Scotus ebenso wie Scaligers
De causis linguae latinae tragen ihren logischen Charakter und
Gehalt unzweideutig vor sich her. Letzteres Werk ist durchaus
das Erzeugniß eines geistreichen Peripatetikers, der sich be-
müht, den Fußstapfen des Meisters zu folgen. Es heißt z. B.
bei ihm rücksichtlich der Redetheile: Si igitur dictio rerum nota
est, pro rerum speciebus partes quoque suas sortietur. Videa-
mus ergo in magna autorum controversia, quot, quaeve sint.
Quod Graeci ὄν vocant, apud nos autem usitato potius quam
Latino caret nomine, id partim significat res permanentes ut equum,
album, decempedam, quarum natura postquam perfecta est, diu
perstat; partim fluentes, quarum natura est, esse tandiu, quandiu
fiunt: ubi vero sunt absolutae, non sunt amplius. In hac parti-
tione tota vis orationis nostrae consistit … Constantium igitur
rerum notam nomen dixere, eorum vero quae fluunt, verbum.

Wir haben hier nicht zu untersuchen, ob Beckers Definitionen
vom Nomen und Verbum besser sind als Scaligers: das Princip
ist in diesen wie in jenen logisch-metaphysich, und Scaligers

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[62/0100] Logik gingen als solche in die Grammatik ein. Daneben wur- den die lautlichen Formungen angegeben, durch welche jede Be- griffsform sprachlich bezeichnet wurde; die Schemata wurden aufgestellt. Der Dualismus ist hier noch klaffender; denn die eine, die begriffliche, Seite war geschaffen von den griechischen Philosophen, bevor die alexandrinischen Grammatiker die laut- liche Seite schematisch ordneten; und nachdem dies nun ge- schehen war, hat sich die Betrachtung der Begriffsformen wie- der von der der Lautformen abgelöst und selbständig als all- gemeine und philosophische Grammatik hingestellt. § 28. Gleichheit Beckers mit der alten Grammatik. Nichts also als ein mechanisches Conglomerat von Laut und Gedanken war die Sprache, und ist sie auch noch bei Becker. Es muß Lachen erregen, wenn man sieht, wie Becker etwas Neues zu sagen glaubt, indem er behauptet, in der Sprache seien die Formen der Anschauung und des Denkens zu finden: da dies nicht bloß von Plato und Aristoteles, sondern zu allen Zeiten von allen Grammatikern ausgesprochen oder anerkannt worden ist. Es ist durchaus in Abrede zu stellen, daß sich die Grammatik je von der Logik getrennt habe, und daß man erst in neuerer Zeit mit ihrer Umgestaltung auch auf ihre Verei- nigung zurückgekommen sei. Die Grammatica speculativa des alten Scholastikers Joannes Duns Scotus ebenso wie Scaligers De causis linguae latinae tragen ihren logischen Charakter und Gehalt unzweideutig vor sich her. Letzteres Werk ist durchaus das Erzeugniß eines geistreichen Peripatetikers, der sich be- müht, den Fußstapfen des Meisters zu folgen. Es heißt z. B. bei ihm rücksichtlich der Redetheile: Si igitur dictio rerum nota est, pro rerum speciebus partes quoque suas sortietur. Videa- mus ergo in magna autorum controversia, quot, quaeve sint. Quod Graeci ὄν vocant, apud nos autem usitato potius quam Latino caret nomine, id partim significat res permanentes ut equum, album, decempedam, quarum natura postquam perfecta est, diu perstat; partim fluentes, quarum natura est, esse tandiu, quandiu fiunt: ubi vero sunt absolutae, non sunt amplius. In hac parti- tione tota vis orationis nostrae consistit … Constantium igitur rerum notam nomen dixere, eorum vero quae fluunt, verbum. Wir haben hier nicht zu untersuchen, ob Beckers Definitionen vom Nomen und Verbum besser sind als Scaligers: das Princip ist in diesen wie in jenen logisch-metaphysich, und Scaligers

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Zitationshilfe: Steinthal, Heymann: Grammatik, Logik und Psychologie. Ihre Principien und ihr Verhältniss zu einander. Berlin, 1855, S. 62. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/steinthal_grammatik_1855/100>, abgerufen am 26.04.2019.