Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Steinthal, Heymann: Grammatik, Logik und Psychologie. Ihre Principien und ihr Verhältniss zu einander. Berlin, 1855.

Bild:
<< vorherige Seite

deuten, welche zugleich die innere Wirkung im Hörenden wird:
Bedeutungslehre.

Die Wirkung der Sprache ist aber eben so, wie ihre Ur-
sache eine doppelte. Wie die Sprache überhaupt ein Doppel-
wesen ist, so wird sie von innen her durch die Bedeutung, von
außen her durch die tönenden Organe erzeugt. Und so wirkt
sie auch doppelt: sie erweckt erstlich im Hörenden dieselbe Be-
deutung, aus der sie hervorgegangen ist; sie wirkt aber auch
außerdem noch als bloßes Tönen. Hieher gehört zunächst die
Wirkung des Wohl- oder Uebellauts der Sprache, sowohl der
Sprache eines Volkes, als auch des Einzelnen, der etwas Hei-
seres, Rauhes, Hartes, Schreiendes in seiner Stimme hat. Fer-
ner beruht hierauf die rhythmische Schönheit der Verse, wie
der Prosa, und endlich die Declamation, der pathetische Vor-
trag. Im Gesange nun gar wird die Sprache selbst zugleich
Musik.

§. 118. Was die Sprache bedeutet.

Verlangt man nun eine Definition von der Sprache, so wür-
den wir sagen: sie sei das pathologische articulirte Tö-
nen der Vorstellung und vermittelst derselben der
Intelligenz und des Gefühls, des menschlichen In-
nern überhaupt
. Als Tönen ist die Sprache von jeder stum-
men Aeußerung des Innern abgeschieden. Sie ist es ferner von
sonstigen pathognomischen Tönen, wie Lachen, Seufzen, durch
die Articulation, äußerlich genommen, und durch die Vorstel-
lung, nach der innern Seite; denn was in jenen Tönen liegt, ist
bloßes Gefühl. Dieser Umstand bewirkt auch den Unterschied
zwischen Sprache und Musik. In letzterer tönt das Gefühl, aber
nicht in Geräuschen, wie Lachen, Seufzen, sondern in reinen
Tönen und vorzüglich vermöge der gegenseitigen Verhältnisse
der Töne zu einander. Das Gefühl kann wohl auch sprachlich
ausgedrückt werden; aber nicht unmittelbar, sondern nur die
Vorstellung davon. Es muß angeschaut werden, wie die Em-
pfindung; und so wird nicht das Gefühl, sondern die Anschauung
des Gefühls als innere Sprachform an den Laut geknüpft. Wie
denn überhaupt beachtet werden muß, daß, wenn man die Spra-
che bedeutsames Tönen nennt, und wenn man der Lautlehre die
Bedeutungslehre hinzufügt, unter Bedeutung ein Doppeltes ver-
standen wird; denn unmittelbar bedeutet der Laut die innere

deuten, welche zugleich die innere Wirkung im Hörenden wird:
Bedeutungslehre.

Die Wirkung der Sprache ist aber eben so, wie ihre Ur-
sache eine doppelte. Wie die Sprache überhaupt ein Doppel-
wesen ist, so wird sie von innen her durch die Bedeutung, von
außen her durch die tönenden Organe erzeugt. Und so wirkt
sie auch doppelt: sie erweckt erstlich im Hörenden dieselbe Be-
deutung, aus der sie hervorgegangen ist; sie wirkt aber auch
außerdem noch als bloßes Tönen. Hieher gehört zunächst die
Wirkung des Wohl- oder Uebellauts der Sprache, sowohl der
Sprache eines Volkes, als auch des Einzelnen, der etwas Hei-
seres, Rauhes, Hartes, Schreiendes in seiner Stimme hat. Fer-
ner beruht hierauf die rhythmische Schönheit der Verse, wie
der Prosa, und endlich die Declamation, der pathetische Vor-
trag. Im Gesange nun gar wird die Sprache selbst zugleich
Musik.

§. 118. Was die Sprache bedeutet.

Verlangt man nun eine Definition von der Sprache, so wür-
den wir sagen: sie sei das pathologische articulirte Tö-
nen der Vorstellung und vermittelst derselben der
Intelligenz und des Gefühls, des menschlichen In-
nern überhaupt
. Als Tönen ist die Sprache von jeder stum-
men Aeußerung des Innern abgeschieden. Sie ist es ferner von
sonstigen pathognomischen Tönen, wie Lachen, Seufzen, durch
die Articulation, äußerlich genommen, und durch die Vorstel-
lung, nach der innern Seite; denn was in jenen Tönen liegt, ist
bloßes Gefühl. Dieser Umstand bewirkt auch den Unterschied
zwischen Sprache und Musik. In letzterer tönt das Gefühl, aber
nicht in Geräuschen, wie Lachen, Seufzen, sondern in reinen
Tönen und vorzüglich vermöge der gegenseitigen Verhältnisse
der Töne zu einander. Das Gefühl kann wohl auch sprachlich
ausgedrückt werden; aber nicht unmittelbar, sondern nur die
Vorstellung davon. Es muß angeschaut werden, wie die Em-
pfindung; und so wird nicht das Gefühl, sondern die Anschauung
des Gefühls als innere Sprachform an den Laut geknüpft. Wie
denn überhaupt beachtet werden muß, daß, wenn man die Spra-
che bedeutsames Tönen nennt, und wenn man der Lautlehre die
Bedeutungslehre hinzufügt, unter Bedeutung ein Doppeltes ver-
standen wird; denn unmittelbar bedeutet der Laut die innere

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <div n="5">
                <p><pb facs="#f0384" n="346"/>
deuten, welche zugleich die innere Wirkung im Hörenden wird:<lb/><hi rendition="#g">Bedeutungslehre</hi>.</p><lb/>
                <p>Die Wirkung der Sprache ist aber eben so, wie ihre Ur-<lb/>
sache eine doppelte. Wie die Sprache überhaupt ein Doppel-<lb/>
wesen ist, so wird sie von innen her durch die Bedeutung, von<lb/>
außen her durch die tönenden Organe erzeugt. Und so wirkt<lb/>
sie auch doppelt: sie erweckt erstlich im Hörenden dieselbe Be-<lb/>
deutung, aus der sie hervorgegangen ist; sie wirkt aber auch<lb/>
außerdem noch als bloßes Tönen. Hieher gehört zunächst die<lb/>
Wirkung des Wohl- oder Uebellauts der Sprache, sowohl der<lb/>
Sprache eines Volkes, als auch des Einzelnen, der etwas Hei-<lb/>
seres, Rauhes, Hartes, Schreiendes in seiner Stimme hat. Fer-<lb/>
ner beruht hierauf die rhythmische Schönheit der Verse, wie<lb/>
der Prosa, und endlich die Declamation, der pathetische Vor-<lb/>
trag. Im Gesange nun gar wird die Sprache selbst zugleich<lb/>
Musik.</p>
              </div><lb/>
              <div n="5">
                <head>§. 118. Was die Sprache bedeutet.</head><lb/>
                <p>Verlangt man nun eine Definition von der Sprache, so wür-<lb/>
den wir sagen: sie sei <hi rendition="#g">das pathologische articulirte Tö-<lb/>
nen der Vorstellung und vermittelst derselben der<lb/>
Intelligenz und des Gefühls, des menschlichen In-<lb/>
nern überhaupt</hi>. Als Tönen ist die Sprache von jeder stum-<lb/>
men Aeußerung des Innern abgeschieden. Sie ist es ferner von<lb/>
sonstigen pathognomischen Tönen, wie Lachen, Seufzen, durch<lb/>
die Articulation, äußerlich genommen, und durch die Vorstel-<lb/>
lung, nach der innern Seite; denn was in jenen Tönen liegt, ist<lb/>
bloßes Gefühl. Dieser Umstand bewirkt auch den Unterschied<lb/>
zwischen Sprache und Musik. In letzterer tönt das Gefühl, aber<lb/>
nicht in Geräuschen, wie Lachen, Seufzen, sondern in reinen<lb/>
Tönen und vorzüglich vermöge der gegenseitigen Verhältnisse<lb/>
der Töne zu einander. Das Gefühl kann wohl auch sprachlich<lb/>
ausgedrückt werden; aber nicht unmittelbar, sondern nur die<lb/>
Vorstellung davon. Es muß angeschaut werden, wie die Em-<lb/>
pfindung; und so wird nicht das Gefühl, sondern die Anschauung<lb/>
des Gefühls als innere Sprachform an den Laut geknüpft. Wie<lb/>
denn überhaupt beachtet werden muß, daß, wenn man die Spra-<lb/>
che bedeutsames Tönen nennt, und wenn man der Lautlehre die<lb/>
Bedeutungslehre hinzufügt, unter Bedeutung ein Doppeltes ver-<lb/>
standen wird; denn unmittelbar bedeutet der Laut die innere<lb/></p>
              </div>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[346/0384] deuten, welche zugleich die innere Wirkung im Hörenden wird: Bedeutungslehre. Die Wirkung der Sprache ist aber eben so, wie ihre Ur- sache eine doppelte. Wie die Sprache überhaupt ein Doppel- wesen ist, so wird sie von innen her durch die Bedeutung, von außen her durch die tönenden Organe erzeugt. Und so wirkt sie auch doppelt: sie erweckt erstlich im Hörenden dieselbe Be- deutung, aus der sie hervorgegangen ist; sie wirkt aber auch außerdem noch als bloßes Tönen. Hieher gehört zunächst die Wirkung des Wohl- oder Uebellauts der Sprache, sowohl der Sprache eines Volkes, als auch des Einzelnen, der etwas Hei- seres, Rauhes, Hartes, Schreiendes in seiner Stimme hat. Fer- ner beruht hierauf die rhythmische Schönheit der Verse, wie der Prosa, und endlich die Declamation, der pathetische Vor- trag. Im Gesange nun gar wird die Sprache selbst zugleich Musik. §. 118. Was die Sprache bedeutet. Verlangt man nun eine Definition von der Sprache, so wür- den wir sagen: sie sei das pathologische articulirte Tö- nen der Vorstellung und vermittelst derselben der Intelligenz und des Gefühls, des menschlichen In- nern überhaupt. Als Tönen ist die Sprache von jeder stum- men Aeußerung des Innern abgeschieden. Sie ist es ferner von sonstigen pathognomischen Tönen, wie Lachen, Seufzen, durch die Articulation, äußerlich genommen, und durch die Vorstel- lung, nach der innern Seite; denn was in jenen Tönen liegt, ist bloßes Gefühl. Dieser Umstand bewirkt auch den Unterschied zwischen Sprache und Musik. In letzterer tönt das Gefühl, aber nicht in Geräuschen, wie Lachen, Seufzen, sondern in reinen Tönen und vorzüglich vermöge der gegenseitigen Verhältnisse der Töne zu einander. Das Gefühl kann wohl auch sprachlich ausgedrückt werden; aber nicht unmittelbar, sondern nur die Vorstellung davon. Es muß angeschaut werden, wie die Em- pfindung; und so wird nicht das Gefühl, sondern die Anschauung des Gefühls als innere Sprachform an den Laut geknüpft. Wie denn überhaupt beachtet werden muß, daß, wenn man die Spra- che bedeutsames Tönen nennt, und wenn man der Lautlehre die Bedeutungslehre hinzufügt, unter Bedeutung ein Doppeltes ver- standen wird; denn unmittelbar bedeutet der Laut die innere

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/steinthal_grammatik_1855
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/steinthal_grammatik_1855/384
Zitationshilfe: Steinthal, Heymann: Grammatik, Logik und Psychologie. Ihre Principien und ihr Verhältniss zu einander. Berlin, 1855, S. 346. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/steinthal_grammatik_1855/384>, abgerufen am 20.04.2019.