Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Strauß, David Friedrich: Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet. Bd. 2. Tübingen, 1836.

Bild:
<< vorherige Seite

Schlussabhandlung. §. 141.
10, 38.), und hatte durch Wunder und Zeichen sich als
göttlichen Gesandten erwiesen (A. G. 2, 22.), sondern, wie
man es sich nun vorstellen mochte, war er entweder überna-
türlich durch den heiligen Geist erzeugt (Matth. u. Luc. 1.),
oder als Gottes Weisheit und Wort in einen irdischen
Leib herabgekommen (Joh. 1.). Da er schon vor seinem
menschlichen Auftreten im Schooss des Vaters, in göttlicher
Majestät, gewesen war (Joh. 17, 5.): so war sein Herab-
kommen in die Menschenwelt und besonders seine Hingabe
in den schmachvollen Tod eine Erniedrigung, die er aus
freiem Triebe zum Besten der Menschen auf sich nahm
(Phil. 2, 5 ff.). Der Auferstandene und zum Himmel Ge-
fahrene, wie er einst zur Auferweckung der Todten und
zum Gerichte wiederkehren wird (A. G. 1, 11. 17, 31.):
so nimmt er auch jezt schon als Theilhaber an der
Weltregierung (Matth. 28, 18.) der Gemeinde sich an (Röm.
8, 34. 1 Joh. 2, 1.), und wie jezt an der Weltregierung,
so hat er auch schon an der Weltschöpfung Theil genom-
men (Joh. 1, 3, 10. Kol. 1, 16.).

Welche Fülle von beseligenden und erhabenen, er-
munternden und tröstlichen Gedanken floss der ersten Ge-
meinde aus diesen Vorstellungen über ihren Christus!
Durch die Sendung des Sohnes Gottes in die Welt, durch
seine Hingabe für die Welt in den Tod, sind Himmel und
Erde versöhnt (2 Kor. 5, 18 ff. Eph. 1, 10. Kol. 1, 20.);
durch diese höchste Aufopferung ist den Menschen die Lie-
be Gottes sicher verbürgt (Röm. 5, 8 ff. 8, 31 ff. 1 Joh.
4, 9.), und die freudigste Hoffnung ihnen eröffnet. Ist der
Sohn Gottes Mensch geworden: so sind die Menschen sei-
ne Brüder, als solche gleichfalls Kinder Gottes, und Mit-
erben Christi an dem Schatze göttlicher Seligkeit (Röm.
S, 16 f. 29.). Das knechtische Verhältniss der Menschen
zu Gott, wie es unter dem Gesez stattfand, hat aufgehört,
an die Stelle der Furcht vor den Strafen, mit welchen
das Gesez drohte, ist Liebe getreten (Röm. 8, 15. Gal. 4,

Schluſsabhandlung. §. 141.
10, 38.), und hatte durch Wunder und Zeichen sich als
göttlichen Gesandten erwiesen (A. G. 2, 22.), sondern, wie
man es sich nun vorstellen mochte, war er entweder überna-
türlich durch den heiligen Geist erzeugt (Matth. u. Luc. 1.),
oder als Gottes Weisheit und Wort in einen irdischen
Leib herabgekommen (Joh. 1.). Da er schon vor seinem
menschlichen Auftreten im Schooſs des Vaters, in göttlicher
Majestät, gewesen war (Joh. 17, 5.): so war sein Herab-
kommen in die Menschenwelt und besonders seine Hingabe
in den schmachvollen Tod eine Erniedrigung, die er aus
freiem Triebe zum Besten der Menschen auf sich nahm
(Phil. 2, 5 ff.). Der Auferstandene und zum Himmel Ge-
fahrene, wie er einst zur Auferweckung der Todten und
zum Gerichte wiederkehren wird (A. G. 1, 11. 17, 31.):
so nimmt er auch jezt schon als Theilhaber an der
Weltregierung (Matth. 28, 18.) der Gemeinde sich an (Röm.
8, 34. 1 Joh. 2, 1.), und wie jezt an der Weltregierung,
so hat er auch schon an der Weltschöpfung Theil genom-
men (Joh. 1, 3, 10. Kol. 1, 16.).

Welche Fülle von beseligenden und erhabenen, er-
munternden und tröstlichen Gedanken floſs der ersten Ge-
meinde aus diesen Vorstellungen über ihren Christus!
Durch die Sendung des Sohnes Gottes in die Welt, durch
seine Hingabe für die Welt in den Tod, sind Himmel und
Erde versöhnt (2 Kor. 5, 18 ff. Eph. 1, 10. Kol. 1, 20.);
durch diese höchste Aufopferung ist den Menschen die Lie-
be Gottes sicher verbürgt (Röm. 5, 8 ff. 8, 31 ff. 1 Joh.
4, 9.), und die freudigste Hoffnung ihnen eröffnet. Ist der
Sohn Gottes Mensch geworden: so sind die Menschen sei-
ne Brüder, als solche gleichfalls Kinder Gottes, und Mit-
erben Christi an dem Schatze göttlicher Seligkeit (Röm.
S, 16 f. 29.). Das knechtische Verhältniſs der Menschen
zu Gott, wie es unter dem Gesez stattfand, hat aufgehört,
an die Stelle der Furcht vor den Strafen, mit welchen
das Gesez drohte, ist Liebe getreten (Röm. 8, 15. Gal. 4,

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0709" n="690"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Schlu&#x017F;sabhandlung</hi>. §. 141.</fw><lb/>
10, 38.), und hatte durch Wunder und Zeichen sich als<lb/>
göttlichen Gesandten erwiesen (A. G. 2, 22.), sondern, wie<lb/>
man es sich nun vorstellen mochte, war er entweder überna-<lb/>
türlich durch den heiligen Geist erzeugt (Matth. u. Luc. 1.),<lb/>
oder als Gottes Weisheit und Wort in einen irdischen<lb/>
Leib herabgekommen (Joh. 1.). Da er schon vor seinem<lb/>
menschlichen Auftreten im Schoo&#x017F;s des Vaters, in göttlicher<lb/>
Majestät, gewesen war (Joh. 17, 5.): so war sein Herab-<lb/>
kommen in die Menschenwelt und besonders seine Hingabe<lb/>
in den schmachvollen Tod eine Erniedrigung, die er aus<lb/>
freiem Triebe zum Besten der Menschen auf sich nahm<lb/>
(Phil. 2, 5 ff.). Der Auferstandene und zum Himmel Ge-<lb/>
fahrene, wie er einst zur Auferweckung der Todten und<lb/>
zum Gerichte wiederkehren wird (A. G. 1, 11. 17, 31.):<lb/>
so nimmt er auch jezt schon als Theilhaber an der<lb/>
Weltregierung (Matth. 28, 18.) der Gemeinde sich an (Röm.<lb/>
8, 34. 1 Joh. 2, 1.), und wie jezt an der Weltregierung,<lb/>
so hat er auch schon an der Weltschöpfung Theil genom-<lb/>
men (Joh. 1, 3, 10. Kol. 1, 16.).</p><lb/>
          <p>Welche Fülle von beseligenden und erhabenen, er-<lb/>
munternden und tröstlichen Gedanken flo&#x017F;s der ersten Ge-<lb/>
meinde aus diesen Vorstellungen über ihren Christus!<lb/>
Durch die Sendung des Sohnes Gottes in die Welt, durch<lb/>
seine Hingabe für die Welt in den Tod, sind Himmel und<lb/>
Erde versöhnt (2 Kor. 5, 18 ff. Eph. 1, 10. Kol. 1, 20.);<lb/>
durch diese höchste Aufopferung ist den Menschen die Lie-<lb/>
be Gottes sicher verbürgt (Röm. 5, 8 ff. 8, 31 ff. 1 Joh.<lb/>
4, 9.), und die freudigste Hoffnung ihnen eröffnet. Ist der<lb/>
Sohn Gottes Mensch geworden: so sind die Menschen sei-<lb/>
ne Brüder, als solche gleichfalls Kinder Gottes, und Mit-<lb/>
erben Christi an dem Schatze göttlicher Seligkeit (Röm.<lb/>
S, 16 f. 29.). Das knechtische Verhältni&#x017F;s der Menschen<lb/>
zu Gott, wie es unter dem Gesez stattfand, hat aufgehört,<lb/>
an die Stelle der Furcht vor den Strafen, mit welchen<lb/>
das Gesez drohte, ist Liebe getreten (Röm. 8, 15. Gal. 4,<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[690/0709] Schluſsabhandlung. §. 141. 10, 38.), und hatte durch Wunder und Zeichen sich als göttlichen Gesandten erwiesen (A. G. 2, 22.), sondern, wie man es sich nun vorstellen mochte, war er entweder überna- türlich durch den heiligen Geist erzeugt (Matth. u. Luc. 1.), oder als Gottes Weisheit und Wort in einen irdischen Leib herabgekommen (Joh. 1.). Da er schon vor seinem menschlichen Auftreten im Schooſs des Vaters, in göttlicher Majestät, gewesen war (Joh. 17, 5.): so war sein Herab- kommen in die Menschenwelt und besonders seine Hingabe in den schmachvollen Tod eine Erniedrigung, die er aus freiem Triebe zum Besten der Menschen auf sich nahm (Phil. 2, 5 ff.). Der Auferstandene und zum Himmel Ge- fahrene, wie er einst zur Auferweckung der Todten und zum Gerichte wiederkehren wird (A. G. 1, 11. 17, 31.): so nimmt er auch jezt schon als Theilhaber an der Weltregierung (Matth. 28, 18.) der Gemeinde sich an (Röm. 8, 34. 1 Joh. 2, 1.), und wie jezt an der Weltregierung, so hat er auch schon an der Weltschöpfung Theil genom- men (Joh. 1, 3, 10. Kol. 1, 16.). Welche Fülle von beseligenden und erhabenen, er- munternden und tröstlichen Gedanken floſs der ersten Ge- meinde aus diesen Vorstellungen über ihren Christus! Durch die Sendung des Sohnes Gottes in die Welt, durch seine Hingabe für die Welt in den Tod, sind Himmel und Erde versöhnt (2 Kor. 5, 18 ff. Eph. 1, 10. Kol. 1, 20.); durch diese höchste Aufopferung ist den Menschen die Lie- be Gottes sicher verbürgt (Röm. 5, 8 ff. 8, 31 ff. 1 Joh. 4, 9.), und die freudigste Hoffnung ihnen eröffnet. Ist der Sohn Gottes Mensch geworden: so sind die Menschen sei- ne Brüder, als solche gleichfalls Kinder Gottes, und Mit- erben Christi an dem Schatze göttlicher Seligkeit (Röm. S, 16 f. 29.). Das knechtische Verhältniſs der Menschen zu Gott, wie es unter dem Gesez stattfand, hat aufgehört, an die Stelle der Furcht vor den Strafen, mit welchen das Gesez drohte, ist Liebe getreten (Röm. 8, 15. Gal. 4,

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/strauss_jesus02_1836
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/strauss_jesus02_1836/709
Zitationshilfe: Strauß, David Friedrich: Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet. Bd. 2. Tübingen, 1836, S. 690. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/strauss_jesus02_1836/709>, abgerufen am 01.12.2020.