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Sulzer, Johann Georg: Allgemeine Theorie der Schönen Künste. Bd. 2. Leipzig, 1774.

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Nach
halber nothwendige Theile mit wenig Fleiß oder ohne
Genauigkeit hingeworfen werden, damit die Auf-
merksamkeit sich nicht darauf verweile. So behan-
delt der Mahler gar ofte die Nebensachen etwas
nachläßig, damit es ihm nicht gehe, wie dem Ger-
bard Dow,
oder dem Franz Mieris, deren Ge-
mählde gar ofte die Bewunderung unverständiger Lieb-
haber in Nebensachen erhalten haben, da die Haupt-
sachen unbemerkt geblieben sind. Auf eine ähnliche
Weise geht es dem ältern Adam, von welchem in
Sans-Sußi vier Gruppen, die vier Elemente vor-
stellend, sind. Die meisten Menschen sehen in der
Gruppe, die das Wasser vorstellt, blos das fein
und künstlich in Marmor ausgearbeitete Fischernez,
und werden davon so eingenommen, daß sie auf das
Ganze und auf die Erfindung gar nicht achten.
Also wär es viel besser gewesen, das Nez nachläßi-
ger zu bearbeiten. So findet man, daß die alten
Bildhauer und Steinschneider gar ofte die Neben-
sachen mit Nachläßigkeit behandelt haben. Der
Redner, der in einer Wiederlegung schwache Ne-
benbeweise seines Gegners mit eben der Genauigkeit
zergliedern und wiederlegen würde, als die Haupt-
beweise, würde seiner Sache sehr schaden.

Eines der größten Geheimnisse der Kunst besteht
darin, daß die Gemüther durch die Kraft und Rich-
tigkeit in den Hauptsachen so sehr eingenommen
werden, daß die Nachläßigkeit in Nebensachen ihnen
nicht merklich werden. Ofte stellen wenige Meister-
züge ein Bild mit so großer Lebhaftigkeit vor unser
Aug, daß wir selbst, ohne es zu wissen, das übrige,
was zur Genauigkeit der Nebensachen nöthig ist, hin-
zudenken, und gar nicht merken, daß etwas fehlet.

Nachtstük.
(Mahlerey.)

Sind Gemählde deren Scene weder Sonne noch
Tageslicht empfängt, sondern nur durch Fakeln
oder angezündete Lichter unvollkommen erleuchtet
wird. Jn dem Nachtstük werden die Stellen, wo
das Licht nicht unmittelbar hinfällt, durch keine
merkliche Wiederscheine erleuchtet, es sey denn, daß
sie ganz nahe an dem Lichte liegen. Alle eigenthüm-
lichen Farben, deren eigentliche Stimmung von
dem natürlichen Tageslicht, oder Sonnenschein her-
kommt, verliehren sich in dem Nachtstük, das alle
Farben ändert. Alles nihmt den Ton des künstli-
chen Lichtes an, der bald röthlich, bald gelb, bald
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Nai
blau ist, nach Beschaffenheit der Materie, wodurch
das brennende Licht unterhalten wird.

Daraus folget, daß das Nachtstük dem Aug
durch den so mannigfaltigen Reiz der Farben, nie
so schmeicheln werde, als ein anderes Stük; und
in der That sind die meisten Nachtstüke so, daß ein
nach Schönheit der Farben begieriges Aug, wenig
Gefallen daran findet. Jch selbst gestehe, daß ich
ein allgemeines Vorurtheil gegen alle Nachtstüke
gehabt, bis ich in der Gallerie zu Düsseldorff die
fürtreflichen Stüke des Schalken gesehen habe, wo
man weder den Reichthum der Farben, noch die
Harmonie derselben vermißt.

Naiv.
(Schöne Künste.)

Es ist schweer den Begriff dieses Worts festzusezen,
das so vielfältig nur willkührlich gebraucht wird;
das einmal etwas lächerliches, ein andermal etwas
rührendes und liebenswürdiges ausdrükt. Es schei-
net überhaupt, daß das Naive eine besondere Art
des natürlich Einfältigen sey, und daß dieses als-
denn naiv genennt werde, wenn es gegen das Ver-
feinerte und Ueberlegte, das einmal schon wie zur
Regel angenommen worden, merklich absticht. Ein
Mensch der fern von der größern gesellschaftlichen
Welt erzogen worden, der von den feineren Lebensre-
geln, von der raffinirten, aber zur Gewohnheit gewor-
denen Höflichkeit und dem ganzen Ceremonialgesez
der feineren Welt nichts weiß, der nur auf sich selbst,
und nicht auf das, was andere von ihm denken
mögen, acht hat; ein solcher Mensch wird in den
meisten Gesellschaften etwas lächerlich scheinen, nach
ihrem Urtheilen ins Grobe fallen, aber naiv ge-
nennt werden. Doch mit eben dieser Benennung
werden auch viele Gedanken, Empfindungen und
andere Aeusserungen einer Sevigne belegt, die zwar
immer in der großen Welt gelebt hat, und der das
ganze Gesezbuch der galanten Welt bis auf den
geringsten Artikel bekannt war, die aber sich gar
ofte den richtigen Vorstellungen und natürlich edeln
Empfindungen ihres eigenen Charakters überlassen
hat, welche nichts von dem Modegepräg dessen, was
bey ähnlichen Veranlassungen die feinere Welt zu
äussern pflegte, an sich hatten.

Von welcher Seite her man das Naive unter-
sucht, so zeiget sich, daß es seinen Ursprung in einer
mit richtigem Gefühl begabten, von Kunst, Verstel-

lung,
Zweyter Theil. G g g g g

[Spaltenumbruch]

Nach
halber nothwendige Theile mit wenig Fleiß oder ohne
Genauigkeit hingeworfen werden, damit die Auf-
merkſamkeit ſich nicht darauf verweile. So behan-
delt der Mahler gar ofte die Nebenſachen etwas
nachlaͤßig, damit es ihm nicht gehe, wie dem Ger-
bard Dow,
oder dem Franz Mieris, deren Ge-
maͤhlde gar ofte die Bewunderung unverſtaͤndiger Lieb-
haber in Nebenſachen erhalten haben, da die Haupt-
ſachen unbemerkt geblieben ſind. Auf eine aͤhnliche
Weiſe geht es dem aͤltern Adam, von welchem in
Sans-Sußi vier Gruppen, die vier Elemente vor-
ſtellend, ſind. Die meiſten Menſchen ſehen in der
Gruppe, die das Waſſer vorſtellt, blos das fein
und kuͤnſtlich in Marmor ausgearbeitete Fiſchernez,
und werden davon ſo eingenommen, daß ſie auf das
Ganze und auf die Erfindung gar nicht achten.
Alſo waͤr es viel beſſer geweſen, das Nez nachlaͤßi-
ger zu bearbeiten. So findet man, daß die alten
Bildhauer und Steinſchneider gar ofte die Neben-
ſachen mit Nachlaͤßigkeit behandelt haben. Der
Redner, der in einer Wiederlegung ſchwache Ne-
benbeweiſe ſeines Gegners mit eben der Genauigkeit
zergliedern und wiederlegen wuͤrde, als die Haupt-
beweiſe, wuͤrde ſeiner Sache ſehr ſchaden.

Eines der groͤßten Geheimniſſe der Kunſt beſteht
darin, daß die Gemuͤther durch die Kraft und Rich-
tigkeit in den Hauptſachen ſo ſehr eingenommen
werden, daß die Nachlaͤßigkeit in Nebenſachen ihnen
nicht merklich werden. Ofte ſtellen wenige Meiſter-
zuͤge ein Bild mit ſo großer Lebhaftigkeit vor unſer
Aug, daß wir ſelbſt, ohne es zu wiſſen, das uͤbrige,
was zur Genauigkeit der Nebenſachen noͤthig iſt, hin-
zudenken, und gar nicht merken, daß etwas fehlet.

Nachtſtuͤk.
(Mahlerey.)

Sind Gemaͤhlde deren Scene weder Sonne noch
Tageslicht empfaͤngt, ſondern nur durch Fakeln
oder angezuͤndete Lichter unvollkommen erleuchtet
wird. Jn dem Nachtſtuͤk werden die Stellen, wo
das Licht nicht unmittelbar hinfaͤllt, durch keine
merkliche Wiederſcheine erleuchtet, es ſey denn, daß
ſie ganz nahe an dem Lichte liegen. Alle eigenthuͤm-
lichen Farben, deren eigentliche Stimmung von
dem natuͤrlichen Tageslicht, oder Sonnenſchein her-
kommt, verliehren ſich in dem Nachtſtuͤk, das alle
Farben aͤndert. Alles nihmt den Ton des kuͤnſtli-
chen Lichtes an, der bald roͤthlich, bald gelb, bald
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Nai
blau iſt, nach Beſchaffenheit der Materie, wodurch
das brennende Licht unterhalten wird.

Daraus folget, daß das Nachtſtuͤk dem Aug
durch den ſo mannigfaltigen Reiz der Farben, nie
ſo ſchmeicheln werde, als ein anderes Stuͤk; und
in der That ſind die meiſten Nachtſtuͤke ſo, daß ein
nach Schoͤnheit der Farben begieriges Aug, wenig
Gefallen daran findet. Jch ſelbſt geſtehe, daß ich
ein allgemeines Vorurtheil gegen alle Nachtſtuͤke
gehabt, bis ich in der Gallerie zu Duͤſſeldorff die
fuͤrtreflichen Stuͤke des Schalken geſehen habe, wo
man weder den Reichthum der Farben, noch die
Harmonie derſelben vermißt.

Naiv.
(Schoͤne Kuͤnſte.)

Es iſt ſchweer den Begriff dieſes Worts feſtzuſezen,
das ſo vielfaͤltig nur willkuͤhrlich gebraucht wird;
das einmal etwas laͤcherliches, ein andermal etwas
ruͤhrendes und liebenswuͤrdiges ausdruͤkt. Es ſchei-
net uͤberhaupt, daß das Naive eine beſondere Art
des natuͤrlich Einfaͤltigen ſey, und daß dieſes als-
denn naiv genennt werde, wenn es gegen das Ver-
feinerte und Ueberlegte, das einmal ſchon wie zur
Regel angenommen worden, merklich abſticht. Ein
Menſch der fern von der groͤßern geſellſchaftlichen
Welt erzogen worden, der von den feineren Lebensre-
geln, von der raffinirten, aber zur Gewohnheit gewor-
denen Hoͤflichkeit und dem ganzen Ceremonialgeſez
der feineren Welt nichts weiß, der nur auf ſich ſelbſt,
und nicht auf das, was andere von ihm denken
moͤgen, acht hat; ein ſolcher Menſch wird in den
meiſten Geſellſchaften etwas laͤcherlich ſcheinen, nach
ihrem Urtheilen ins Grobe fallen, aber naiv ge-
nennt werden. Doch mit eben dieſer Benennung
werden auch viele Gedanken, Empfindungen und
andere Aeuſſerungen einer Sevigne belegt, die zwar
immer in der großen Welt gelebt hat, und der das
ganze Geſezbuch der galanten Welt bis auf den
geringſten Artikel bekannt war, die aber ſich gar
ofte den richtigen Vorſtellungen und natuͤrlich edeln
Empfindungen ihres eigenen Charakters uͤberlaſſen
hat, welche nichts von dem Modegepraͤg deſſen, was
bey aͤhnlichen Veranlaſſungen die feinere Welt zu
aͤuſſern pflegte, an ſich hatten.

Von welcher Seite her man das Naive unter-
ſucht, ſo zeiget ſich, daß es ſeinen Urſprung in einer
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lung,
Zweyter Theil. G g g g g
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[803[785]/0220] Nach Nai halber nothwendige Theile mit wenig Fleiß oder ohne Genauigkeit hingeworfen werden, damit die Auf- merkſamkeit ſich nicht darauf verweile. So behan- delt der Mahler gar ofte die Nebenſachen etwas nachlaͤßig, damit es ihm nicht gehe, wie dem Ger- bard Dow, oder dem Franz Mieris, deren Ge- maͤhlde gar ofte die Bewunderung unverſtaͤndiger Lieb- haber in Nebenſachen erhalten haben, da die Haupt- ſachen unbemerkt geblieben ſind. Auf eine aͤhnliche Weiſe geht es dem aͤltern Adam, von welchem in Sans-Sußi vier Gruppen, die vier Elemente vor- ſtellend, ſind. Die meiſten Menſchen ſehen in der Gruppe, die das Waſſer vorſtellt, blos das fein und kuͤnſtlich in Marmor ausgearbeitete Fiſchernez, und werden davon ſo eingenommen, daß ſie auf das Ganze und auf die Erfindung gar nicht achten. Alſo waͤr es viel beſſer geweſen, das Nez nachlaͤßi- ger zu bearbeiten. So findet man, daß die alten Bildhauer und Steinſchneider gar ofte die Neben- ſachen mit Nachlaͤßigkeit behandelt haben. Der Redner, der in einer Wiederlegung ſchwache Ne- benbeweiſe ſeines Gegners mit eben der Genauigkeit zergliedern und wiederlegen wuͤrde, als die Haupt- beweiſe, wuͤrde ſeiner Sache ſehr ſchaden. Eines der groͤßten Geheimniſſe der Kunſt beſteht darin, daß die Gemuͤther durch die Kraft und Rich- tigkeit in den Hauptſachen ſo ſehr eingenommen werden, daß die Nachlaͤßigkeit in Nebenſachen ihnen nicht merklich werden. Ofte ſtellen wenige Meiſter- zuͤge ein Bild mit ſo großer Lebhaftigkeit vor unſer Aug, daß wir ſelbſt, ohne es zu wiſſen, das uͤbrige, was zur Genauigkeit der Nebenſachen noͤthig iſt, hin- zudenken, und gar nicht merken, daß etwas fehlet. Nachtſtuͤk. (Mahlerey.) Sind Gemaͤhlde deren Scene weder Sonne noch Tageslicht empfaͤngt, ſondern nur durch Fakeln oder angezuͤndete Lichter unvollkommen erleuchtet wird. Jn dem Nachtſtuͤk werden die Stellen, wo das Licht nicht unmittelbar hinfaͤllt, durch keine merkliche Wiederſcheine erleuchtet, es ſey denn, daß ſie ganz nahe an dem Lichte liegen. Alle eigenthuͤm- lichen Farben, deren eigentliche Stimmung von dem natuͤrlichen Tageslicht, oder Sonnenſchein her- kommt, verliehren ſich in dem Nachtſtuͤk, das alle Farben aͤndert. Alles nihmt den Ton des kuͤnſtli- chen Lichtes an, der bald roͤthlich, bald gelb, bald blau iſt, nach Beſchaffenheit der Materie, wodurch das brennende Licht unterhalten wird. Daraus folget, daß das Nachtſtuͤk dem Aug durch den ſo mannigfaltigen Reiz der Farben, nie ſo ſchmeicheln werde, als ein anderes Stuͤk; und in der That ſind die meiſten Nachtſtuͤke ſo, daß ein nach Schoͤnheit der Farben begieriges Aug, wenig Gefallen daran findet. Jch ſelbſt geſtehe, daß ich ein allgemeines Vorurtheil gegen alle Nachtſtuͤke gehabt, bis ich in der Gallerie zu Duͤſſeldorff die fuͤrtreflichen Stuͤke des Schalken geſehen habe, wo man weder den Reichthum der Farben, noch die Harmonie derſelben vermißt. Naiv. (Schoͤne Kuͤnſte.) Es iſt ſchweer den Begriff dieſes Worts feſtzuſezen, das ſo vielfaͤltig nur willkuͤhrlich gebraucht wird; das einmal etwas laͤcherliches, ein andermal etwas ruͤhrendes und liebenswuͤrdiges ausdruͤkt. Es ſchei- net uͤberhaupt, daß das Naive eine beſondere Art des natuͤrlich Einfaͤltigen ſey, und daß dieſes als- denn naiv genennt werde, wenn es gegen das Ver- feinerte und Ueberlegte, das einmal ſchon wie zur Regel angenommen worden, merklich abſticht. Ein Menſch der fern von der groͤßern geſellſchaftlichen Welt erzogen worden, der von den feineren Lebensre- geln, von der raffinirten, aber zur Gewohnheit gewor- denen Hoͤflichkeit und dem ganzen Ceremonialgeſez der feineren Welt nichts weiß, der nur auf ſich ſelbſt, und nicht auf das, was andere von ihm denken moͤgen, acht hat; ein ſolcher Menſch wird in den meiſten Geſellſchaften etwas laͤcherlich ſcheinen, nach ihrem Urtheilen ins Grobe fallen, aber naiv ge- nennt werden. Doch mit eben dieſer Benennung werden auch viele Gedanken, Empfindungen und andere Aeuſſerungen einer Sevigne belegt, die zwar immer in der großen Welt gelebt hat, und der das ganze Geſezbuch der galanten Welt bis auf den geringſten Artikel bekannt war, die aber ſich gar ofte den richtigen Vorſtellungen und natuͤrlich edeln Empfindungen ihres eigenen Charakters uͤberlaſſen hat, welche nichts von dem Modegepraͤg deſſen, was bey aͤhnlichen Veranlaſſungen die feinere Welt zu aͤuſſern pflegte, an ſich hatten. Von welcher Seite her man das Naive unter- ſucht, ſo zeiget ſich, daß es ſeinen Urſprung in einer mit richtigem Gefuͤhl begabten, von Kunſt, Verſtel- lung, Zweyter Theil. G g g g g

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Zitationshilfe: Sulzer, Johann Georg: Allgemeine Theorie der Schönen Künste. Bd. 2. Leipzig, 1774, S. 803[785]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/sulzer_theorie02_1774/220>, abgerufen am 25.05.2019.