Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Sulzer, Johann Georg: Allgemeine Theorie der Schönen Künste. Bd. 2. Leipzig, 1774.

Bild:
<< vorherige Seite
[Spaltenumbruch]
Wie
läßt sich nicht durch Regeln festsezen. Wie man
von einem Kleide als nothwendige Eigenschaften
fodern kann, daß es die Theile, die einer Bedekung
bedürfen, bedeke, daß es commode sey, und gut
size, übrigens aber keine Art der Kleidung, die diese
Eigenschaften hat, verwerflich ist, sie sey franzö-
sisch, englisch oder polnisch; so muß man es auch
mit den Werken des Geschmaks halten. Ein Ge-
mählde kann in seiner Art vollkommen seyn, ob es
in Wasserfarben oder mit Oelfarben gemahlt sey;
und eine Ode kann eine hebräische oder griechische
Form haben, und in der einen so gut als in der an-
dern fürtreflich seyn.
Wiederholung.
(Redende Künste.)

Eine Figur der Rede, die darin besteht, daß in ei-
nem Saz ein Wort, oder ein Gedanken des grös-
sern Nachdruks halber wiederholt wird. Wir müs-
sen,
sagt Cicero, die Sache mit diesem Mann
durch Krieg ausmachen; ja durch Krieg, und
zwar ohne Verzug.
(+) Diese Wiederholung hat
hier die Würkung einer zuversichtlichen Behauptung;
als wenn der Redner dadurch einen Einwurf blos
durch nochmalige Behauptung, wiederlegt hätte.
Die wenigen Worte sagen eben so viel, als diese.
Durch Krieg -- Jch übereile mich nicht; ich weiß
was ich sage; so hizig es scheinen möchte, es bleibt
uns kein ander Mittel übrig.

Jn starken Leidenschaften, wo man mit Heftig-
keit etwas wünschet, oder verabscheuhet, ist die
Wiederholung sehr natürlich. Weg, weg damit!
ist eine sehr gewöhnliche Formel derer, die etwas
lebhaft verabscheuhen. Von ausnehmenden Nach-
druk ist die Wiederholung in folgender Erzählung
von der Niobe:

Ultima restabat, quam toto eorpore mater,
Tota veste tegens: unam minimamque relinque;
De multis minimam posco, clamavit et unam.

Wenn in dem Vortrag bey der Wiederholung auch
die Stimme stärker, oder affektreicher wird, so kann
sie große Würkung thun.

[Spaltenumbruch]
Wie

Aber eben deswegen muß diese Figur sehr spar-
sam und nur da gebraucht werden, wo der Affekt
am höchsten gestiegen ist.

Es giebt noch andere Arten der Wiederholung,
die auch andre Würkung thun; sie scheinen uns
aber nicht wichtig genug, daß wir sie hier anzeigen
sollten. (*)

Summarische Wiederholung.
(Beredsamkeit.)

Jst das, was die griechischen Lehrer der Redner
anake phalaiosis nannten, und was auch im La-
teinischen Recapitulatio heißt, nämlich; eine beym
Beschluß der Rede vorkommende kurze Wiederho-
lung dessen, was in der Abhandlung vollständig
ausgeführt worden. Quintilian beschreibt die Sa-
che nach seiner Art, kurz und bündig. "Eine Wie-
derholung und Zusammenhäufung der abgehandel-
ten Sachen, die das vorhergehende wieder ins Ge-
dächtnis bringt, und den Jnhalt der Rede im Gan-
zen darstellt, und wodurch das, was einzeln nicht
hinlänglich gewürkt hat, izt zusammengefaßt, seine
Würkung thut. (++) Diese summarische Wiederho-
lung ist ein höchst schweeres, aber sehr wichtiges
Stük des Beschlusses. Man muß nicht nur das,
was weitläuftig ausgeführt worden, in seinen we-
sentlichen Theilen kurz zusammenfassen; sondern
den Sachen auch eine neue Wendung und grössere
Lebhaftigkeit geben, damit es nicht scheine, als
wenn man das gesagte noch einmal, so wie es schon
gesagt worden, wiederholen wolle; welches lang-
weilig und verdrießlich seyn würde.

Bey dieser Wiederholung muß der Redner weder
sich in eine neue Erzählung, oder Beschreibung,
noch in einen neuen Beweis einlassen, sondern
voraussezen, daß der Zuhörer das vorhergehende
hinlänglich gefaßt habe, und nun alles mit einem
einzigen Blik, und aus einem neuen Gesichtspunkt,
wieder übersehen wolle. Darum berührt er bey
dieser Wiederholung nur das Wesentlichste, mit
großer Kürze, in dem zuversichtlichsten Ton und
mit voller Wärme des Ausdruks. Dieses erfodert
gerade den stärksten Redner, denn es ist viel leichter

einen
(+) Cum hoc P. C. bello, bello inquam decertandum
est, idque consestim. Philip. V.
12.
(*) S.
Quint.
Instit. L.
IX. c. 3. §.
28 seq.
(++) [Spaltenumbruch]
Rerum repetitio et congregatio, quae graece anake-
phalaiosis, a quibusdam latinorum enumeratio, et memo-
[Spaltenumbruch] riam judicis reficit et totam simul causam ponit ante ocu-
los, et, etiam si per singula minus morerat, turba valet.
Inst. L. VI. c.
1.
T t t t t t t 2
[Spaltenumbruch]
Wie
laͤßt ſich nicht durch Regeln feſtſezen. Wie man
von einem Kleide als nothwendige Eigenſchaften
fodern kann, daß es die Theile, die einer Bedekung
beduͤrfen, bedeke, daß es commode ſey, und gut
ſize, uͤbrigens aber keine Art der Kleidung, die dieſe
Eigenſchaften hat, verwerflich iſt, ſie ſey franzoͤ-
ſiſch, engliſch oder polniſch; ſo muß man es auch
mit den Werken des Geſchmaks halten. Ein Ge-
maͤhlde kann in ſeiner Art vollkommen ſeyn, ob es
in Waſſerfarben oder mit Oelfarben gemahlt ſey;
und eine Ode kann eine hebraͤiſche oder griechiſche
Form haben, und in der einen ſo gut als in der an-
dern fuͤrtreflich ſeyn.
Wiederholung.
(Redende Kuͤnſte.)

Eine Figur der Rede, die darin beſteht, daß in ei-
nem Saz ein Wort, oder ein Gedanken des groͤſ-
ſern Nachdruks halber wiederholt wird. Wir muͤſ-
ſen,
ſagt Cicero, die Sache mit dieſem Mann
durch Krieg ausmachen; ja durch Krieg, und
zwar ohne Verzug.
(†) Dieſe Wiederholung hat
hier die Wuͤrkung einer zuverſichtlichen Behauptung;
als wenn der Redner dadurch einen Einwurf blos
durch nochmalige Behauptung, wiederlegt haͤtte.
Die wenigen Worte ſagen eben ſo viel, als dieſe.
Durch Krieg — Jch uͤbereile mich nicht; ich weiß
was ich ſage; ſo hizig es ſcheinen moͤchte, es bleibt
uns kein ander Mittel uͤbrig.

Jn ſtarken Leidenſchaften, wo man mit Heftig-
keit etwas wuͤnſchet, oder verabſcheuhet, iſt die
Wiederholung ſehr natuͤrlich. Weg, weg damit!
iſt eine ſehr gewoͤhnliche Formel derer, die etwas
lebhaft verabſcheuhen. Von ausnehmenden Nach-
druk iſt die Wiederholung in folgender Erzaͤhlung
von der Niobe:

Ultima reſtabat, quam toto eorpore mater,
Tota veſte tegens: unam minimamque relinque;
De multis minimam poſco, clamavit et unam.

Wenn in dem Vortrag bey der Wiederholung auch
die Stimme ſtaͤrker, oder affektreicher wird, ſo kann
ſie große Wuͤrkung thun.

[Spaltenumbruch]
Wie

Aber eben deswegen muß dieſe Figur ſehr ſpar-
ſam und nur da gebraucht werden, wo der Affekt
am hoͤchſten geſtiegen iſt.

Es giebt noch andere Arten der Wiederholung,
die auch andre Wuͤrkung thun; ſie ſcheinen uns
aber nicht wichtig genug, daß wir ſie hier anzeigen
ſollten. (*)

Summariſche Wiederholung.
(Beredſamkeit.)

Jſt das, was die griechiſchen Lehrer der Redner
άναϰε φαλαιοσις nannten, und was auch im La-
teiniſchen Recapitulatio heißt, naͤmlich; eine beym
Beſchluß der Rede vorkommende kurze Wiederho-
lung deſſen, was in der Abhandlung vollſtaͤndig
ausgefuͤhrt worden. Quintilian beſchreibt die Sa-
che nach ſeiner Art, kurz und buͤndig. „Eine Wie-
derholung und Zuſammenhaͤufung der abgehandel-
ten Sachen, die das vorhergehende wieder ins Ge-
daͤchtnis bringt, und den Jnhalt der Rede im Gan-
zen darſtellt, und wodurch das, was einzeln nicht
hinlaͤnglich gewuͤrkt hat, izt zuſammengefaßt, ſeine
Wuͤrkung thut. (††) Dieſe ſummariſche Wiederho-
lung iſt ein hoͤchſt ſchweeres, aber ſehr wichtiges
Stuͤk des Beſchluſſes. Man muß nicht nur das,
was weitlaͤuftig ausgefuͤhrt worden, in ſeinen we-
ſentlichen Theilen kurz zuſammenfaſſen; ſondern
den Sachen auch eine neue Wendung und groͤſſere
Lebhaftigkeit geben, damit es nicht ſcheine, als
wenn man das geſagte noch einmal, ſo wie es ſchon
geſagt worden, wiederholen wolle; welches lang-
weilig und verdrießlich ſeyn wuͤrde.

Bey dieſer Wiederholung muß der Redner weder
ſich in eine neue Erzaͤhlung, oder Beſchreibung,
noch in einen neuen Beweis einlaſſen, ſondern
vorausſezen, daß der Zuhoͤrer das vorhergehende
hinlaͤnglich gefaßt habe, und nun alles mit einem
einzigen Blik, und aus einem neuen Geſichtspunkt,
wieder uͤberſehen wolle. Darum beruͤhrt er bey
dieſer Wiederholung nur das Weſentlichſte, mit
großer Kuͤrze, in dem zuverſichtlichſten Ton und
mit voller Waͤrme des Ausdruks. Dieſes erfodert
gerade den ſtaͤrkſten Redner, denn es iſt viel leichter

einen
(†) Cum hoc P. C. bello, bello inquam decertandum
eſt, idque conſeſtim. Philip. V.
12.
(*) S.
Quint.
Inſtit. L.
IX. c. 3. §.
28 ſeq.
(††) [Spaltenumbruch]
Rerum repetitio et congregatio, quæ græce ἀναϰε-
φαλαιοσις, a quibusdam latinorum enumeratio, et memo-
[Spaltenumbruch] riam judicis reficit et totam ſimul cauſam ponit ante ocu-
los, et, etiam ſi per ſingula minus morerat, turba valet.
Inſt. L. VI. c.
1.
T t t t t t t 2
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <list>
            <item><pb facs="#f0698" n="1269[1251]"/><cb/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Wie</hi></fw><lb/>
la&#x0364;ßt &#x017F;ich nicht durch Regeln fe&#x017F;t&#x017F;ezen. Wie man<lb/>
von einem Kleide als nothwendige Eigen&#x017F;chaften<lb/>
fodern kann, daß es die Theile, die einer Bedekung<lb/>
bedu&#x0364;rfen, bedeke, daß es commode &#x017F;ey, und gut<lb/>
&#x017F;ize, u&#x0364;brigens aber keine Art der Kleidung, die die&#x017F;e<lb/>
Eigen&#x017F;chaften hat, verwerflich i&#x017F;t, &#x017F;ie &#x017F;ey franzo&#x0364;-<lb/>
&#x017F;i&#x017F;ch, engli&#x017F;ch oder polni&#x017F;ch; &#x017F;o muß man es auch<lb/>
mit den Werken des Ge&#x017F;chmaks halten. Ein Ge-<lb/>
ma&#x0364;hlde kann in &#x017F;einer Art vollkommen &#x017F;eyn, ob es<lb/>
in Wa&#x017F;&#x017F;erfarben oder mit Oelfarben gemahlt &#x017F;ey;<lb/>
und eine Ode kann eine hebra&#x0364;i&#x017F;che oder griechi&#x017F;che<lb/>
Form haben, und in der einen &#x017F;o gut als in der an-<lb/>
dern fu&#x0364;rtreflich &#x017F;eyn.</item>
          </list>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <head><hi rendition="#b"><hi rendition="#g">Wiederholung</hi>.</hi><lb/>
(Redende Ku&#x0364;n&#x017F;te.)</head><lb/>
          <p><hi rendition="#in">E</hi>ine Figur der Rede, die darin be&#x017F;teht, daß in ei-<lb/>
nem Saz ein Wort, oder ein Gedanken des gro&#x0364;&#x017F;-<lb/>
&#x017F;ern Nachdruks halber wiederholt wird. <hi rendition="#fr">Wir mu&#x0364;&#x017F;-<lb/>
&#x017F;en,</hi> &#x017F;agt Cicero, <hi rendition="#fr">die Sache mit die&#x017F;em Mann<lb/>
durch Krieg ausmachen; ja durch Krieg, und<lb/>
zwar ohne Verzug.</hi> <note place="foot" n="(&#x2020;)"><hi rendition="#aq">Cum hoc P. C. bello, bello inquam decertandum<lb/>
e&#x017F;t, idque con&#x017F;e&#x017F;tim. Philip. V.</hi> 12.</note> Die&#x017F;e Wiederholung hat<lb/>
hier die Wu&#x0364;rkung einer zuver&#x017F;ichtlichen Behauptung;<lb/>
als wenn der Redner dadurch einen Einwurf blos<lb/>
durch nochmalige Behauptung, wiederlegt ha&#x0364;tte.<lb/>
Die wenigen Worte &#x017F;agen eben &#x017F;o viel, als die&#x017F;e.<lb/>
Durch Krieg &#x2014; <hi rendition="#fr">Jch u&#x0364;bereile mich nicht; ich weiß<lb/>
was ich &#x017F;age; &#x017F;o hizig es &#x017F;cheinen mo&#x0364;chte, es bleibt<lb/>
uns kein ander Mittel u&#x0364;brig.</hi></p><lb/>
          <p>Jn &#x017F;tarken Leiden&#x017F;chaften, wo man mit Heftig-<lb/>
keit etwas wu&#x0364;n&#x017F;chet, oder verab&#x017F;cheuhet, i&#x017F;t die<lb/>
Wiederholung &#x017F;ehr natu&#x0364;rlich. <hi rendition="#fr">Weg, weg damit!</hi><lb/>
i&#x017F;t eine &#x017F;ehr gewo&#x0364;hnliche Formel derer, die etwas<lb/>
lebhaft verab&#x017F;cheuhen. Von ausnehmenden Nach-<lb/>
druk i&#x017F;t die Wiederholung in folgender Erza&#x0364;hlung<lb/>
von der Niobe:</p><lb/>
          <cit>
            <quote> <hi rendition="#aq">Ultima re&#x017F;tabat, quam toto eorpore mater,<lb/>
Tota ve&#x017F;te tegens: <hi rendition="#i">unam minimamque</hi> relinque;<lb/>
De multis <hi rendition="#i">minimam</hi> po&#x017F;co, clamavit et <hi rendition="#i">unam.</hi></hi> </quote>
          </cit><lb/>
          <p>Wenn in dem Vortrag bey der Wiederholung auch<lb/>
die Stimme &#x017F;ta&#x0364;rker, oder affektreicher wird, &#x017F;o kann<lb/>
&#x017F;ie große Wu&#x0364;rkung thun.</p><lb/>
          <cb/>
          <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#g">Wie</hi> </fw><lb/>
          <p>Aber eben deswegen muß die&#x017F;e Figur &#x017F;ehr &#x017F;par-<lb/>
&#x017F;am und nur da gebraucht werden, wo der Affekt<lb/>
am ho&#x0364;ch&#x017F;ten ge&#x017F;tiegen i&#x017F;t.</p><lb/>
          <p>Es giebt noch andere Arten der Wiederholung,<lb/>
die auch andre Wu&#x0364;rkung thun; &#x017F;ie &#x017F;cheinen uns<lb/>
aber nicht wichtig genug, daß wir &#x017F;ie hier anzeigen<lb/>
&#x017F;ollten. <note place="foot" n="(*)">S.<lb/><hi rendition="#aq">Quint.<lb/>
In&#x017F;tit. L.<lb/>
IX. c. 3. §.<lb/>
28 &#x017F;eq.</hi></note></p>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <head><hi rendition="#b">Summari&#x017F;che Wiederholung.</hi><lb/>
(Bered&#x017F;amkeit.)</head><lb/>
          <p><hi rendition="#in">J</hi>&#x017F;t das, was die griechi&#x017F;chen Lehrer der Redner<lb/>
&#x03AC;&#x03BD;&#x03B1;&#x03F0;&#x03B5; &#x03C6;&#x03B1;&#x03BB;&#x03B1;&#x03B9;&#x03BF;&#x03C3;&#x03B9;&#x03C2; nannten, und was auch im La-<lb/>
teini&#x017F;chen <hi rendition="#aq">Recapitulatio</hi> heißt, na&#x0364;mlich; eine beym<lb/>
Be&#x017F;chluß der Rede vorkommende kurze Wiederho-<lb/>
lung de&#x017F;&#x017F;en, was in der Abhandlung voll&#x017F;ta&#x0364;ndig<lb/>
ausgefu&#x0364;hrt worden. Quintilian be&#x017F;chreibt die Sa-<lb/>
che nach &#x017F;einer Art, kurz und bu&#x0364;ndig. &#x201E;Eine Wie-<lb/>
derholung und Zu&#x017F;ammenha&#x0364;ufung der abgehandel-<lb/>
ten Sachen, die das vorhergehende wieder ins Ge-<lb/>
da&#x0364;chtnis bringt, und den Jnhalt der Rede im Gan-<lb/>
zen dar&#x017F;tellt, und wodurch das, was einzeln nicht<lb/>
hinla&#x0364;nglich gewu&#x0364;rkt hat, izt zu&#x017F;ammengefaßt, &#x017F;eine<lb/>
Wu&#x0364;rkung thut. <note place="foot" n="(&#x2020;&#x2020;)"><cb/><lb/><hi rendition="#aq">Rerum repetitio et congregatio, quæ græce &#x1F00;&#x03BD;&#x03B1;&#x03F0;&#x03B5;-<lb/>
&#x03C6;&#x03B1;&#x03BB;&#x03B1;&#x03B9;&#x03BF;&#x03C3;&#x03B9;&#x03C2;, a quibusdam latinorum <hi rendition="#i">enumeratio,</hi> et memo-<lb/><cb/>
riam judicis reficit et totam &#x017F;imul cau&#x017F;am ponit ante ocu-<lb/>
los, et, etiam &#x017F;i per &#x017F;ingula minus morerat, turba valet.<lb/>
In&#x017F;t. L. VI. c.</hi> 1.</note> Die&#x017F;e &#x017F;ummari&#x017F;che Wiederho-<lb/>
lung i&#x017F;t ein ho&#x0364;ch&#x017F;t &#x017F;chweeres, aber &#x017F;ehr wichtiges<lb/>
Stu&#x0364;k des Be&#x017F;chlu&#x017F;&#x017F;es. Man muß nicht nur das,<lb/>
was weitla&#x0364;uftig ausgefu&#x0364;hrt worden, in &#x017F;einen we-<lb/>
&#x017F;entlichen Theilen kurz zu&#x017F;ammenfa&#x017F;&#x017F;en; &#x017F;ondern<lb/>
den Sachen auch eine neue Wendung und gro&#x0364;&#x017F;&#x017F;ere<lb/>
Lebhaftigkeit geben, damit es nicht &#x017F;cheine, als<lb/>
wenn man das ge&#x017F;agte noch einmal, &#x017F;o wie es &#x017F;chon<lb/>
ge&#x017F;agt worden, wiederholen wolle; welches lang-<lb/>
weilig und verdrießlich &#x017F;eyn wu&#x0364;rde.</p><lb/>
          <p>Bey die&#x017F;er Wiederholung muß der Redner weder<lb/>
&#x017F;ich in eine neue Erza&#x0364;hlung, oder Be&#x017F;chreibung,<lb/>
noch in einen neuen Beweis einla&#x017F;&#x017F;en, &#x017F;ondern<lb/>
voraus&#x017F;ezen, daß der Zuho&#x0364;rer das vorhergehende<lb/>
hinla&#x0364;nglich gefaßt habe, und nun alles mit einem<lb/>
einzigen Blik, und aus einem neuen Ge&#x017F;ichtspunkt,<lb/>
wieder u&#x0364;ber&#x017F;ehen wolle. Darum beru&#x0364;hrt er bey<lb/>
die&#x017F;er Wiederholung nur das We&#x017F;entlich&#x017F;te, mit<lb/>
großer Ku&#x0364;rze, in dem zuver&#x017F;ichtlich&#x017F;ten Ton und<lb/>
mit voller Wa&#x0364;rme des Ausdruks. Die&#x017F;es erfodert<lb/>
gerade den &#x017F;ta&#x0364;rk&#x017F;ten Redner, denn es i&#x017F;t viel leichter<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">T t t t t t t 2</fw><fw place="bottom" type="catch">einen</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[1269[1251]/0698] Wie Wie laͤßt ſich nicht durch Regeln feſtſezen. Wie man von einem Kleide als nothwendige Eigenſchaften fodern kann, daß es die Theile, die einer Bedekung beduͤrfen, bedeke, daß es commode ſey, und gut ſize, uͤbrigens aber keine Art der Kleidung, die dieſe Eigenſchaften hat, verwerflich iſt, ſie ſey franzoͤ- ſiſch, engliſch oder polniſch; ſo muß man es auch mit den Werken des Geſchmaks halten. Ein Ge- maͤhlde kann in ſeiner Art vollkommen ſeyn, ob es in Waſſerfarben oder mit Oelfarben gemahlt ſey; und eine Ode kann eine hebraͤiſche oder griechiſche Form haben, und in der einen ſo gut als in der an- dern fuͤrtreflich ſeyn. Wiederholung. (Redende Kuͤnſte.) Eine Figur der Rede, die darin beſteht, daß in ei- nem Saz ein Wort, oder ein Gedanken des groͤſ- ſern Nachdruks halber wiederholt wird. Wir muͤſ- ſen, ſagt Cicero, die Sache mit dieſem Mann durch Krieg ausmachen; ja durch Krieg, und zwar ohne Verzug. (†) Dieſe Wiederholung hat hier die Wuͤrkung einer zuverſichtlichen Behauptung; als wenn der Redner dadurch einen Einwurf blos durch nochmalige Behauptung, wiederlegt haͤtte. Die wenigen Worte ſagen eben ſo viel, als dieſe. Durch Krieg — Jch uͤbereile mich nicht; ich weiß was ich ſage; ſo hizig es ſcheinen moͤchte, es bleibt uns kein ander Mittel uͤbrig. Jn ſtarken Leidenſchaften, wo man mit Heftig- keit etwas wuͤnſchet, oder verabſcheuhet, iſt die Wiederholung ſehr natuͤrlich. Weg, weg damit! iſt eine ſehr gewoͤhnliche Formel derer, die etwas lebhaft verabſcheuhen. Von ausnehmenden Nach- druk iſt die Wiederholung in folgender Erzaͤhlung von der Niobe: Ultima reſtabat, quam toto eorpore mater, Tota veſte tegens: unam minimamque relinque; De multis minimam poſco, clamavit et unam. Wenn in dem Vortrag bey der Wiederholung auch die Stimme ſtaͤrker, oder affektreicher wird, ſo kann ſie große Wuͤrkung thun. Aber eben deswegen muß dieſe Figur ſehr ſpar- ſam und nur da gebraucht werden, wo der Affekt am hoͤchſten geſtiegen iſt. Es giebt noch andere Arten der Wiederholung, die auch andre Wuͤrkung thun; ſie ſcheinen uns aber nicht wichtig genug, daß wir ſie hier anzeigen ſollten. (*) Summariſche Wiederholung. (Beredſamkeit.) Jſt das, was die griechiſchen Lehrer der Redner άναϰε φαλαιοσις nannten, und was auch im La- teiniſchen Recapitulatio heißt, naͤmlich; eine beym Beſchluß der Rede vorkommende kurze Wiederho- lung deſſen, was in der Abhandlung vollſtaͤndig ausgefuͤhrt worden. Quintilian beſchreibt die Sa- che nach ſeiner Art, kurz und buͤndig. „Eine Wie- derholung und Zuſammenhaͤufung der abgehandel- ten Sachen, die das vorhergehende wieder ins Ge- daͤchtnis bringt, und den Jnhalt der Rede im Gan- zen darſtellt, und wodurch das, was einzeln nicht hinlaͤnglich gewuͤrkt hat, izt zuſammengefaßt, ſeine Wuͤrkung thut. (††) Dieſe ſummariſche Wiederho- lung iſt ein hoͤchſt ſchweeres, aber ſehr wichtiges Stuͤk des Beſchluſſes. Man muß nicht nur das, was weitlaͤuftig ausgefuͤhrt worden, in ſeinen we- ſentlichen Theilen kurz zuſammenfaſſen; ſondern den Sachen auch eine neue Wendung und groͤſſere Lebhaftigkeit geben, damit es nicht ſcheine, als wenn man das geſagte noch einmal, ſo wie es ſchon geſagt worden, wiederholen wolle; welches lang- weilig und verdrießlich ſeyn wuͤrde. Bey dieſer Wiederholung muß der Redner weder ſich in eine neue Erzaͤhlung, oder Beſchreibung, noch in einen neuen Beweis einlaſſen, ſondern vorausſezen, daß der Zuhoͤrer das vorhergehende hinlaͤnglich gefaßt habe, und nun alles mit einem einzigen Blik, und aus einem neuen Geſichtspunkt, wieder uͤberſehen wolle. Darum beruͤhrt er bey dieſer Wiederholung nur das Weſentlichſte, mit großer Kuͤrze, in dem zuverſichtlichſten Ton und mit voller Waͤrme des Ausdruks. Dieſes erfodert gerade den ſtaͤrkſten Redner, denn es iſt viel leichter einen (†) Cum hoc P. C. bello, bello inquam decertandum eſt, idque conſeſtim. Philip. V. 12. (*) S. Quint. Inſtit. L. IX. c. 3. §. 28 ſeq. (††) Rerum repetitio et congregatio, quæ græce ἀναϰε- φαλαιοσις, a quibusdam latinorum enumeratio, et memo- riam judicis reficit et totam ſimul cauſam ponit ante ocu- los, et, etiam ſi per ſingula minus morerat, turba valet. Inſt. L. VI. c. 1. T t t t t t t 2

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/sulzer_theorie02_1774
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/sulzer_theorie02_1774/698
Zitationshilfe: Sulzer, Johann Georg: Allgemeine Theorie der Schönen Künste. Bd. 2. Leipzig, 1774, S. 1269[1251]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/sulzer_theorie02_1774/698>, abgerufen am 24.06.2019.