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Tetens, Johann Nicolas: Philosophische Versuche über die menschliche Natur und ihre Entwickelung. Bd. 2. Leipzig, 1777.

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XIV. Vers. Ueber die Perfektibilität
noch mangelt. Der Werth der Erziehung soll nicht her.
untergesetzt werden, die so viel zur Vervollkommnung
der Menschheit ausrichtet, davon jeder kleinste Zuwachs
einen unschätzbaren Werth hat.

III.
Von den verschiedenen Formen der Menschheit.

1) Stand der Wildheit, der Barbarey und
der Verfeinerung.

2) Wie weit diefe als Stufen der Menschheit
zu betrachten sind?

3) Wie sich diese Zustände auf einander be-
ziehen.

1.

Gehen wir von der Betrachtung der Ursachen, die die
Natur bilden, zu ihren Wirkungen selbst über, so
finden wir diese in den mannichfaltigen Formen, in denen
die Menschheit in ihren unterschiedenen Zuständen sich
uns darstellet. Aber da meine Absicht nicht weiter ge-
het, als auf allgemeine Grundsätze und auf allgemeine
Vergleichungen, so will ich aus der bekannten Geschich-
te der Menschheit nur einige besonders sich auszeichnende
Verschiedenheiten der Formen ausheben. Und hier
stellt sich zuerst die Verschiedenheit dar, die man im
Stande der Wildheit, der Barbarey und der Kul-
tur
antrift. Zwar sind diese Abtheilungen und Stufen
eigentlich mehr Verschiedenheiten und Stufen in der Ge-
sellschaft,
als Verschiedenheiten in den Naturen der
einzelnen Menschen. Allein jener ihre Verschiedenheit
verbreitet eine ihr entsprechende Verschiedenheit über diese.
Der Wilde ist es in Hinsicht der Nationalcharaktere so-
wohl für seine Person, als er es ist als Mitglied seiner
Gesellschaft; und der Barbar ist sowohl als ein einzel-

ner

XIV. Verſ. Ueber die Perfektibilitaͤt
noch mangelt. Der Werth der Erziehung ſoll nicht her.
untergeſetzt werden, die ſo viel zur Vervollkommnung
der Menſchheit ausrichtet, davon jeder kleinſte Zuwachs
einen unſchaͤtzbaren Werth hat.

III.
Von den verſchiedenen Formen der Menſchheit.

1) Stand der Wildheit, der Barbarey und
der Verfeinerung.

2) Wie weit diefe als Stufen der Menſchheit
zu betrachten ſind?

3) Wie ſich dieſe Zuſtaͤnde auf einander be-
ziehen.

1.

Gehen wir von der Betrachtung der Urſachen, die die
Natur bilden, zu ihren Wirkungen ſelbſt uͤber, ſo
finden wir dieſe in den mannichfaltigen Formen, in denen
die Menſchheit in ihren unterſchiedenen Zuſtaͤnden ſich
uns darſtellet. Aber da meine Abſicht nicht weiter ge-
het, als auf allgemeine Grundſaͤtze und auf allgemeine
Vergleichungen, ſo will ich aus der bekannten Geſchich-
te der Menſchheit nur einige beſonders ſich auszeichnende
Verſchiedenheiten der Formen ausheben. Und hier
ſtellt ſich zuerſt die Verſchiedenheit dar, die man im
Stande der Wildheit, der Barbarey und der Kul-
tur
antrift. Zwar ſind dieſe Abtheilungen und Stufen
eigentlich mehr Verſchiedenheiten und Stufen in der Ge-
ſellſchaft,
als Verſchiedenheiten in den Naturen der
einzelnen Menſchen. Allein jener ihre Verſchiedenheit
verbreitet eine ihr entſprechende Verſchiedenheit uͤber dieſe.
Der Wilde iſt es in Hinſicht der Nationalcharaktere ſo-
wohl fuͤr ſeine Perſon, als er es iſt als Mitglied ſeiner
Geſellſchaft; und der Barbar iſt ſowohl als ein einzel-

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[610/0640] XIV. Verſ. Ueber die Perfektibilitaͤt noch mangelt. Der Werth der Erziehung ſoll nicht her. untergeſetzt werden, die ſo viel zur Vervollkommnung der Menſchheit ausrichtet, davon jeder kleinſte Zuwachs einen unſchaͤtzbaren Werth hat. III. Von den verſchiedenen Formen der Menſchheit. 1) Stand der Wildheit, der Barbarey und der Verfeinerung. 2) Wie weit diefe als Stufen der Menſchheit zu betrachten ſind? 3) Wie ſich dieſe Zuſtaͤnde auf einander be- ziehen. 1. Gehen wir von der Betrachtung der Urſachen, die die Natur bilden, zu ihren Wirkungen ſelbſt uͤber, ſo finden wir dieſe in den mannichfaltigen Formen, in denen die Menſchheit in ihren unterſchiedenen Zuſtaͤnden ſich uns darſtellet. Aber da meine Abſicht nicht weiter ge- het, als auf allgemeine Grundſaͤtze und auf allgemeine Vergleichungen, ſo will ich aus der bekannten Geſchich- te der Menſchheit nur einige beſonders ſich auszeichnende Verſchiedenheiten der Formen ausheben. Und hier ſtellt ſich zuerſt die Verſchiedenheit dar, die man im Stande der Wildheit, der Barbarey und der Kul- tur antrift. Zwar ſind dieſe Abtheilungen und Stufen eigentlich mehr Verſchiedenheiten und Stufen in der Ge- ſellſchaft, als Verſchiedenheiten in den Naturen der einzelnen Menſchen. Allein jener ihre Verſchiedenheit verbreitet eine ihr entſprechende Verſchiedenheit uͤber dieſe. Der Wilde iſt es in Hinſicht der Nationalcharaktere ſo- wohl fuͤr ſeine Perſon, als er es iſt als Mitglied ſeiner Geſellſchaft; und der Barbar iſt ſowohl als ein einzel- ner

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Zitationshilfe: Tetens, Johann Nicolas: Philosophische Versuche über die menschliche Natur und ihre Entwickelung. Bd. 2. Leipzig, 1777, S. 610. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/tetens_versuche02_1777/640>, abgerufen am 21.08.2019.