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Tieck, Ludwig: Phantasus. Bd. 1. Berlin, 1812.

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Die schöne Magelone.
13.
Peter unter den Heiden.

Peter erholte sich aus seiner Betäubung, als die
Sonne eben in aller Majestät über die große
Meeresfluth herauf stieg. Ein furchtbarer Glanz
schwang sich durch den Himmel und löschte Mond
und Sterne mit glühenden Strahlen aus; die Was-
ser erklangen und verwandelten sich in Purpur,
Wolkenzüge trieben vor der Sonne her und segel-
ten, wie von der Majestät geschreckt, über das
Meer hinweg, und ein sprühender Regen von Fun-
ken verbreitete sich weit umher, und ergoß sich in
Bogen über die Fluth. Peter fühlte wieder männ-
lichen Muth in seiner Brust, die Qualen des Le-
bens so wie seine Freuden zu erdulden.

Ein großes Schiff segelte auf ihn zu, das von
Mohren und Heiden besetzt war; sie nahmen ihn
ein und freuten sich über diese Beute, denn Peter
war gar schön und herrlich von Gestalt, dazu gab
ihm seine Jugend ein zartes und einnehmendes
Wesen, so daß niemand sein Feind seyn konnte.
Der Anführer des Schiffes beschloß, ihn dem Sul-
tan als ein Geschenk mitzubringen.

Man landete, und Peter ward sogleich dem
Sultan vorgestellt, der einen großen Gefallen an
ihm fand, und ihn bei der Tafel aufwarten ließ,
ihm auch die Aufsicht über einen schönen Garten
anvertraute. Peter war allgemein beliebt, weil er
vom Sultan so gnädig angesehn wurde. Oft ging

Die ſchoͤne Magelone.
13.
Peter unter den Heiden.

Peter erholte ſich aus ſeiner Betaͤubung, als die
Sonne eben in aller Majeſtaͤt uͤber die große
Meeresfluth herauf ſtieg. Ein furchtbarer Glanz
ſchwang ſich durch den Himmel und loͤſchte Mond
und Sterne mit gluͤhenden Strahlen aus; die Waſ-
ſer erklangen und verwandelten ſich in Purpur,
Wolkenzuͤge trieben vor der Sonne her und ſegel-
ten, wie von der Majeſtaͤt geſchreckt, uͤber das
Meer hinweg, und ein ſpruͤhender Regen von Fun-
ken verbreitete ſich weit umher, und ergoß ſich in
Bogen uͤber die Fluth. Peter fuͤhlte wieder maͤnn-
lichen Muth in ſeiner Bruſt, die Qualen des Le-
bens ſo wie ſeine Freuden zu erdulden.

Ein großes Schiff ſegelte auf ihn zu, das von
Mohren und Heiden beſetzt war; ſie nahmen ihn
ein und freuten ſich uͤber dieſe Beute, denn Peter
war gar ſchoͤn und herrlich von Geſtalt, dazu gab
ihm ſeine Jugend ein zartes und einnehmendes
Weſen, ſo daß niemand ſein Feind ſeyn konnte.
Der Anfuͤhrer des Schiffes beſchloß, ihn dem Sul-
tan als ein Geſchenk mitzubringen.

Man landete, und Peter ward ſogleich dem
Sultan vorgeſtellt, der einen großen Gefallen an
ihm fand, und ihn bei der Tafel aufwarten ließ,
ihm auch die Aufſicht uͤber einen ſchoͤnen Garten
anvertraute. Peter war allgemein beliebt, weil er
vom Sultan ſo gnaͤdig angeſehn wurde. Oft ging

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[375/0386] Die ſchoͤne Magelone. 13. Peter unter den Heiden. Peter erholte ſich aus ſeiner Betaͤubung, als die Sonne eben in aller Majeſtaͤt uͤber die große Meeresfluth herauf ſtieg. Ein furchtbarer Glanz ſchwang ſich durch den Himmel und loͤſchte Mond und Sterne mit gluͤhenden Strahlen aus; die Waſ- ſer erklangen und verwandelten ſich in Purpur, Wolkenzuͤge trieben vor der Sonne her und ſegel- ten, wie von der Majeſtaͤt geſchreckt, uͤber das Meer hinweg, und ein ſpruͤhender Regen von Fun- ken verbreitete ſich weit umher, und ergoß ſich in Bogen uͤber die Fluth. Peter fuͤhlte wieder maͤnn- lichen Muth in ſeiner Bruſt, die Qualen des Le- bens ſo wie ſeine Freuden zu erdulden. Ein großes Schiff ſegelte auf ihn zu, das von Mohren und Heiden beſetzt war; ſie nahmen ihn ein und freuten ſich uͤber dieſe Beute, denn Peter war gar ſchoͤn und herrlich von Geſtalt, dazu gab ihm ſeine Jugend ein zartes und einnehmendes Weſen, ſo daß niemand ſein Feind ſeyn konnte. Der Anfuͤhrer des Schiffes beſchloß, ihn dem Sul- tan als ein Geſchenk mitzubringen. Man landete, und Peter ward ſogleich dem Sultan vorgeſtellt, der einen großen Gefallen an ihm fand, und ihn bei der Tafel aufwarten ließ, ihm auch die Aufſicht uͤber einen ſchoͤnen Garten anvertraute. Peter war allgemein beliebt, weil er vom Sultan ſo gnaͤdig angeſehn wurde. Oft ging

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Zitationshilfe: Tieck, Ludwig: Phantasus. Bd. 1. Berlin, 1812, S. 375. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/tieck_phantasus01_1812/386>, abgerufen am 19.03.2019.