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Tönnies, Ferdinand: Gemeinschaft und Gesellschaft. Berlin, 1887.

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danken verbundene Aufmerksamkeit, eine Form, welche
allen übrigen willkürlichen Thätigkeiten zu Grunde liegt:
man richtet gleichsam sein Teleskop auf die Sache und die
Selbst-Erkenntniss in Bezug auf das, was man erstreben
will, das Verständniss des eigenen Interesses, ist hiermit
gleichbedeutend. Darüber kann aber jeder aufgeklärt wer-
den, ein Berathender wird ihm den Vortheil zeigen, welchen er
selber nicht sieht, "öffnet ihm die Augen", "macht ihn auf-
merksam". 2) Zum richtigen Urtheilen gehört der Besitz
richtiger Begriffe von den relativen Werthen der Dinge,
von den gewissen oder in irgendwelchem Maasse wahr-
scheinlichen Wirkungen menschlicher Handlungsweise. Auch
diese lassen sich als fertige überliefern, als Werkzeuge der
Messung, deren Anwendung sich im Allgemeinen als von
selbst evidente ergibt. 3) Diese Anwendung oder das rich-
tige Handeln, bestehend in der zweckmässigen Disposition
vorhandener Mittel und Kräfte, lässt sich am wenigsten auf
unmittelbare Weise aneignen und hat doch auch seine be-
sondere und mittheilbare Methode.

§ 28.

Also ist die gewonnene Erkenntniss, das Wissen, wie
es gemacht werden müsse, die entscheidende Bedingung; und
es wird vorausgesetzt, dass Jeder die Actionen, welche
Anwendung solches Wissens sind, leicht und von selber
vollziehen könne -- die allgemein-menschlichen Fähig-
keiten sind in dieser Beziehung genügend, es wird Nichts
verlangt, als was ein Mensch kann, wenn er nur will. Auf
diese Art und Weise lässt zwar keine Kunst, kein Hand-
werk sich lehren, kann aber wohl Kunst-Stücke zu
machen, beigebracht werden. Und solch' ein Kunststück
ist das Wollen selber, insofern es als Willkür und also als
gesondert von und vor dem Thun gedacht wird; nun aber
nicht Etwas, das man wiederum, wenn man nur wolle, zu
leisten vermöge, sondern das man (nicht blos möglicher
und wahrscheinlicher, vielmehr) nothwendiger und gewisser
Weise leisten wird, sobald als man erkannt hat und weiss,
dass es in Wahrheit "das Beste" sei. Die Fähigkeit hierzu

danken verbundene Aufmerksamkeit, eine Form, welche
allen übrigen willkürlichen Thätigkeiten zu Grunde liegt:
man richtet gleichsam sein Teleskop auf die Sache und die
Selbst-Erkenntniss in Bezug auf das, was man erstreben
will, das Verständniss des eigenen Interesses, ist hiermit
gleichbedeutend. Darüber kann aber jeder aufgeklärt wer-
den, ein Berathender wird ihm den Vortheil zeigen, welchen er
selber nicht sieht, »öffnet ihm die Augen«, »macht ihn auf-
merksam«. 2) Zum richtigen Urtheilen gehört der Besitz
richtiger Begriffe von den relativen Werthen der Dinge,
von den gewissen oder in irgendwelchem Maasse wahr-
scheinlichen Wirkungen menschlicher Handlungsweise. Auch
diese lassen sich als fertige überliefern, als Werkzeuge der
Messung, deren Anwendung sich im Allgemeinen als von
selbst evidente ergibt. 3) Diese Anwendung oder das rich-
tige Handeln, bestehend in der zweckmässigen Disposition
vorhandener Mittel und Kräfte, lässt sich am wenigsten auf
unmittelbare Weise aneignen und hat doch auch seine be-
sondere und mittheilbare Methode.

§ 28.

Also ist die gewonnene Erkenntniss, das Wissen, wie
es gemacht werden müsse, die entscheidende Bedingung; und
es wird vorausgesetzt, dass Jeder die Actionen, welche
Anwendung solches Wissens sind, leicht und von selber
vollziehen könne — die allgemein-menschlichen Fähig-
keiten sind in dieser Beziehung genügend, es wird Nichts
verlangt, als was ein Mensch kann, wenn er nur will. Auf
diese Art und Weise lässt zwar keine Kunst, kein Hand-
werk sich lehren, kann aber wohl Kunst-Stücke zu
machen, beigebracht werden. Und solch’ ein Kunststück
ist das Wollen selber, insofern es als Willkür und also als
gesondert von und vor dem Thun gedacht wird; nun aber
nicht Etwas, das man wiederum, wenn man nur wolle, zu
leisten vermöge, sondern das man (nicht blos möglicher
und wahrscheinlicher, vielmehr) nothwendiger und gewisser
Weise leisten wird, sobald als man erkannt hat und weiss,
dass es in Wahrheit »das Beste« sei. Die Fähigkeit hierzu

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[158/0194] danken verbundene Aufmerksamkeit, eine Form, welche allen übrigen willkürlichen Thätigkeiten zu Grunde liegt: man richtet gleichsam sein Teleskop auf die Sache und die Selbst-Erkenntniss in Bezug auf das, was man erstreben will, das Verständniss des eigenen Interesses, ist hiermit gleichbedeutend. Darüber kann aber jeder aufgeklärt wer- den, ein Berathender wird ihm den Vortheil zeigen, welchen er selber nicht sieht, »öffnet ihm die Augen«, »macht ihn auf- merksam«. 2) Zum richtigen Urtheilen gehört der Besitz richtiger Begriffe von den relativen Werthen der Dinge, von den gewissen oder in irgendwelchem Maasse wahr- scheinlichen Wirkungen menschlicher Handlungsweise. Auch diese lassen sich als fertige überliefern, als Werkzeuge der Messung, deren Anwendung sich im Allgemeinen als von selbst evidente ergibt. 3) Diese Anwendung oder das rich- tige Handeln, bestehend in der zweckmässigen Disposition vorhandener Mittel und Kräfte, lässt sich am wenigsten auf unmittelbare Weise aneignen und hat doch auch seine be- sondere und mittheilbare Methode. § 28. Also ist die gewonnene Erkenntniss, das Wissen, wie es gemacht werden müsse, die entscheidende Bedingung; und es wird vorausgesetzt, dass Jeder die Actionen, welche Anwendung solches Wissens sind, leicht und von selber vollziehen könne — die allgemein-menschlichen Fähig- keiten sind in dieser Beziehung genügend, es wird Nichts verlangt, als was ein Mensch kann, wenn er nur will. Auf diese Art und Weise lässt zwar keine Kunst, kein Hand- werk sich lehren, kann aber wohl Kunst-Stücke zu machen, beigebracht werden. Und solch’ ein Kunststück ist das Wollen selber, insofern es als Willkür und also als gesondert von und vor dem Thun gedacht wird; nun aber nicht Etwas, das man wiederum, wenn man nur wolle, zu leisten vermöge, sondern das man (nicht blos möglicher und wahrscheinlicher, vielmehr) nothwendiger und gewisser Weise leisten wird, sobald als man erkannt hat und weiss, dass es in Wahrheit »das Beste« sei. Die Fähigkeit hierzu

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Zitationshilfe: Tönnies, Ferdinand: Gemeinschaft und Gesellschaft. Berlin, 1887, S. 158. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/toennies_gemeinschaft_1887/194>, abgerufen am 20.04.2019.