Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Varnhagen von Ense, Karl August: Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften. Bd. 2. Mannheim, 1837.

Bild:
<< vorherige Seite

Reizvolle und Ungenügende, welches in seinem Streben
verbunden ist, gründet sich auf die besondre Richtung,
die er sich gegen das Vorhandene gewählt hat. Diese
Richtung schneidet quer durch über alle bisherigen Wege,
und indem er, ohne andern Ausgangspunkt, als den
einer ziemlich willkürlichen Wendung, und ohne rechtes
Ziel, jener Richtung folgt, ist er in kurzen Zwischen¬
räumen immer wieder auf den gangbaren Straßen,
welche Lessing, die Schlegel, Tieck und Andere gebaut
und geschmückt haben, aber auch dazwischen auf ödem
Feld und mühsamem Gestein. Hierbei fehlt es nicht
an scharfen Wahrnehmungen, geistreichen Ueberblicken,
feinsinnigen Einzelheiten. Aber eine sichre, feste Grund¬
lage, die zugleich für Nachfolgende brauchbar wäre,
mangelt überall. Diese Kritik ist für eine philosophische
nicht philosophisch genug, für eine historische nicht genug
historisch, auf eine dieser Seiten aber muß jede ästhe¬
tische Kritik sich wahrhaft gründen, wenn sie nicht blos
eine humoristische, sondern eine wissenschaftliche sein will;
und die geniale wird sogar beide vereinen. Sollten
wir den Verfasser mit einem schon bekannten Schrift¬
steller vergleichen, so müßte es mit Adam Müller ge¬
schehen, der eine ähnliche Erscheinung war, und eigent¬
lich durch die bloße Stellung, welche er querein gegen
die vorhandenen Richtungen nahm, -- indem er diese
sämmtlich benutzte, -- alles Glänzende, Geistreiche,
Wirksame gewann, worin seine schönen Gaben auf¬

25

Reizvolle und Ungenuͤgende, welches in ſeinem Streben
verbunden iſt, gruͤndet ſich auf die beſondre Richtung,
die er ſich gegen das Vorhandene gewaͤhlt hat. Dieſe
Richtung ſchneidet quer durch uͤber alle bisherigen Wege,
und indem er, ohne andern Ausgangspunkt, als den
einer ziemlich willkuͤrlichen Wendung, und ohne rechtes
Ziel, jener Richtung folgt, iſt er in kurzen Zwiſchen¬
raͤumen immer wieder auf den gangbaren Straßen,
welche Leſſing, die Schlegel, Tieck und Andere gebaut
und geſchmuͤckt haben, aber auch dazwiſchen auf oͤdem
Feld und muͤhſamem Geſtein. Hierbei fehlt es nicht
an ſcharfen Wahrnehmungen, geiſtreichen Ueberblicken,
feinſinnigen Einzelheiten. Aber eine ſichre, feſte Grund¬
lage, die zugleich fuͤr Nachfolgende brauchbar waͤre,
mangelt uͤberall. Dieſe Kritik iſt fuͤr eine philoſophiſche
nicht philoſophiſch genug, fuͤr eine hiſtoriſche nicht genug
hiſtoriſch, auf eine dieſer Seiten aber muß jede aͤſthe¬
tiſche Kritik ſich wahrhaft gruͤnden, wenn ſie nicht blos
eine humoriſtiſche, ſondern eine wiſſenſchaftliche ſein will;
und die geniale wird ſogar beide vereinen. Sollten
wir den Verfaſſer mit einem ſchon bekannten Schrift¬
ſteller vergleichen, ſo muͤßte es mit Adam Muͤller ge¬
ſchehen, der eine aͤhnliche Erſcheinung war, und eigent¬
lich durch die bloße Stellung, welche er querein gegen
die vorhandenen Richtungen nahm, — indem er dieſe
ſaͤmmtlich benutzte, — alles Glaͤnzende, Geiſtreiche,
Wirkſame gewann, worin ſeine ſchoͤnen Gaben auf¬

25
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0401" n="387"/>
Reizvolle und Ungenu&#x0364;gende, welches in &#x017F;einem Streben<lb/>
verbunden i&#x017F;t, gru&#x0364;ndet &#x017F;ich auf die be&#x017F;ondre Richtung,<lb/>
die er &#x017F;ich gegen das Vorhandene gewa&#x0364;hlt hat. Die&#x017F;e<lb/>
Richtung &#x017F;chneidet quer durch u&#x0364;ber alle bisherigen Wege,<lb/>
und indem er, ohne andern Ausgangspunkt, als den<lb/>
einer ziemlich willku&#x0364;rlichen Wendung, und ohne rechtes<lb/>
Ziel, jener Richtung folgt, i&#x017F;t er in kurzen Zwi&#x017F;chen¬<lb/>
ra&#x0364;umen immer wieder auf den gangbaren Straßen,<lb/>
welche Le&#x017F;&#x017F;ing, die Schlegel, Tieck und Andere gebaut<lb/>
und ge&#x017F;chmu&#x0364;ckt haben, aber auch dazwi&#x017F;chen auf o&#x0364;dem<lb/>
Feld und mu&#x0364;h&#x017F;amem Ge&#x017F;tein. Hierbei fehlt es nicht<lb/>
an &#x017F;charfen Wahrnehmungen, gei&#x017F;treichen Ueberblicken,<lb/>
fein&#x017F;innigen Einzelheiten. Aber eine &#x017F;ichre, fe&#x017F;te Grund¬<lb/>
lage, die zugleich fu&#x0364;r Nachfolgende brauchbar wa&#x0364;re,<lb/>
mangelt u&#x0364;berall. Die&#x017F;e Kritik i&#x017F;t fu&#x0364;r eine philo&#x017F;ophi&#x017F;che<lb/>
nicht philo&#x017F;ophi&#x017F;ch genug, fu&#x0364;r eine hi&#x017F;tori&#x017F;che nicht genug<lb/>
hi&#x017F;tori&#x017F;ch, auf eine die&#x017F;er Seiten aber muß jede a&#x0364;&#x017F;the¬<lb/>
ti&#x017F;che Kritik &#x017F;ich wahrhaft gru&#x0364;nden, wenn &#x017F;ie nicht blos<lb/>
eine humori&#x017F;ti&#x017F;che, &#x017F;ondern eine wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaftliche &#x017F;ein will;<lb/>
und die geniale wird &#x017F;ogar beide vereinen. Sollten<lb/>
wir den Verfa&#x017F;&#x017F;er mit einem &#x017F;chon bekannten Schrift¬<lb/>
&#x017F;teller vergleichen, &#x017F;o mu&#x0364;ßte es mit Adam Mu&#x0364;ller ge¬<lb/>
&#x017F;chehen, der eine a&#x0364;hnliche Er&#x017F;cheinung war, und eigent¬<lb/>
lich durch die bloße Stellung, welche er querein gegen<lb/>
die vorhandenen Richtungen nahm, &#x2014; indem er die&#x017F;e<lb/>
&#x017F;a&#x0364;mmtlich benutzte, &#x2014; alles Gla&#x0364;nzende, Gei&#x017F;treiche,<lb/>
Wirk&#x017F;ame gewann, worin &#x017F;eine &#x017F;cho&#x0364;nen Gaben auf¬<lb/>
<fw place="bottom" type="sig"><hi rendition="#b">25</hi> &#x2737;<lb/></fw>
</p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[387/0401] Reizvolle und Ungenuͤgende, welches in ſeinem Streben verbunden iſt, gruͤndet ſich auf die beſondre Richtung, die er ſich gegen das Vorhandene gewaͤhlt hat. Dieſe Richtung ſchneidet quer durch uͤber alle bisherigen Wege, und indem er, ohne andern Ausgangspunkt, als den einer ziemlich willkuͤrlichen Wendung, und ohne rechtes Ziel, jener Richtung folgt, iſt er in kurzen Zwiſchen¬ raͤumen immer wieder auf den gangbaren Straßen, welche Leſſing, die Schlegel, Tieck und Andere gebaut und geſchmuͤckt haben, aber auch dazwiſchen auf oͤdem Feld und muͤhſamem Geſtein. Hierbei fehlt es nicht an ſcharfen Wahrnehmungen, geiſtreichen Ueberblicken, feinſinnigen Einzelheiten. Aber eine ſichre, feſte Grund¬ lage, die zugleich fuͤr Nachfolgende brauchbar waͤre, mangelt uͤberall. Dieſe Kritik iſt fuͤr eine philoſophiſche nicht philoſophiſch genug, fuͤr eine hiſtoriſche nicht genug hiſtoriſch, auf eine dieſer Seiten aber muß jede aͤſthe¬ tiſche Kritik ſich wahrhaft gruͤnden, wenn ſie nicht blos eine humoriſtiſche, ſondern eine wiſſenſchaftliche ſein will; und die geniale wird ſogar beide vereinen. Sollten wir den Verfaſſer mit einem ſchon bekannten Schrift¬ ſteller vergleichen, ſo muͤßte es mit Adam Muͤller ge¬ ſchehen, der eine aͤhnliche Erſcheinung war, und eigent¬ lich durch die bloße Stellung, welche er querein gegen die vorhandenen Richtungen nahm, — indem er dieſe ſaͤmmtlich benutzte, — alles Glaͤnzende, Geiſtreiche, Wirkſame gewann, worin ſeine ſchoͤnen Gaben auf¬ 25 ✷

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_denkwuerdigkeiten02_1837
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_denkwuerdigkeiten02_1837/401
Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Karl August: Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften. Bd. 2. Mannheim, 1837, S. 387. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_denkwuerdigkeiten02_1837/401>, abgerufen am 23.09.2020.