Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde. Bd. 2. Berlin, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite

zwingen Sie keine Stimmung, keine Gefühlsblüthe! Sie
werden nachher verzweifeln; in der kargen Ausübung der
unnahrhaften Verständigkeit. Untersuchen Sie sich immer
genau: und fürchten Sie Weisheit, die nicht aus dem Her-
zen scheint.

Nur Neigung, nur Herzenswünsche! Kann ich ihnen nicht
leben, bin ich dazu zu elend, zu verworfen, zu heruntergeris-
sen und mißhandelt, so will ich sie von nun an in mir er-
gründen, und sie anbeten! Gottes starker Wille ist das im
Herzen -- im dunklen, blutwogenden --, der keinen Namen
bei uns hat, deßwegen täuschen wir uns, bis es todt ist. Sie
haben mich gefaßter gefunden die letzten Tage. Was ist es
anders, als daß ich zu meiner Neigung wieder hinabgestiegen
war, über die ich mich erheben, zerstreuen wollte. Glücklich
bin ich fürwahr nicht von ihr gemacht; noch sanft, noch nur
menschenverständlich behandelt; und doch erhalt' ich mich nur
selbst, wenn auch in herbem Zustand, wenn ich mich ihr hin-
gebe, mich ihrer ganz erinnere, und nicht Sinnen und Herz
ihre Güter vertauschen will.

Ich bin krank geworden, seit einem Ärger, den ich ge-
habt: ich kann durchaus nichts mehr ertragen! Nun sollte
ich an diese Zeilen fügen, wie ich vorgestern und gestern Abend
zugebracht; vergebens! Sie sollen es haben, aber in einem
künftigen Brief. Dieser soll weg wie er ist; damit er bald
ankommt. Morgen schreibe ich Ihnen die beiden Abende. In
diesem will ich Ihnen noch sagen, was kürzer ist, wozu keine
Laune gehört, und was mehr in meine heutigen schmerzhaften
Gedanken paßt.


zwingen Sie keine Stimmung, keine Gefühlsblüthe! Sie
werden nachher verzweifeln; in der kargen Ausübung der
unnahrhaften Verſtändigkeit. Unterſuchen Sie ſich immer
genau: und fürchten Sie Weisheit, die nicht aus dem Her-
zen ſcheint.

Nur Neigung, nur Herzenswünſche! Kann ich ihnen nicht
leben, bin ich dazu zu elend, zu verworfen, zu heruntergeriſ-
ſen und mißhandelt, ſo will ich ſie von nun an in mir er-
gründen, und ſie anbeten! Gottes ſtarker Wille iſt das im
Herzen — im dunklen, blutwogenden —, der keinen Namen
bei uns hat, deßwegen täuſchen wir uns, bis es todt iſt. Sie
haben mich gefaßter gefunden die letzten Tage. Was iſt es
anders, als daß ich zu meiner Neigung wieder hinabgeſtiegen
war, über die ich mich erheben, zerſtreuen wollte. Glücklich
bin ich fürwahr nicht von ihr gemacht; noch ſanft, noch nur
menſchenverſtändlich behandelt; und doch erhalt’ ich mich nur
ſelbſt, wenn auch in herbem Zuſtand, wenn ich mich ihr hin-
gebe, mich ihrer ganz erinnere, und nicht Sinnen und Herz
ihre Güter vertauſchen will.

Ich bin krank geworden, ſeit einem Ärger, den ich ge-
habt: ich kann durchaus nichts mehr ertragen! Nun ſollte
ich an dieſe Zeilen fügen, wie ich vorgeſtern und geſtern Abend
zugebracht; vergebens! Sie ſollen es haben, aber in einem
künftigen Brief. Dieſer ſoll weg wie er iſt; damit er bald
ankommt. Morgen ſchreibe ich Ihnen die beiden Abende. In
dieſem will ich Ihnen noch ſagen, was kürzer iſt, wozu keine
Laune gehört, und was mehr in meine heutigen ſchmerzhaften
Gedanken paßt.


<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0013" n="5"/>
zwingen Sie keine Stimmung, keine Gefühlsblüthe! Sie<lb/>
werden nachher <hi rendition="#g">verzweifeln;</hi> in der kargen Ausübung der<lb/>
unnahrhaften Ver&#x017F;tändigkeit. Unter&#x017F;uchen Sie &#x017F;ich immer<lb/>
genau: und fürchten Sie Weisheit, die nicht aus dem Her-<lb/>
zen &#x017F;cheint.</p><lb/>
            <p>Nur Neigung, nur Herzenswün&#x017F;che! Kann ich ihnen nicht<lb/>
leben, bin ich dazu zu elend, zu verworfen, zu heruntergeri&#x017F;-<lb/>
&#x017F;en und mißhandelt, &#x017F;o will ich &#x017F;ie von nun an in mir er-<lb/>
gründen, und &#x017F;ie <hi rendition="#g">anbeten!</hi> Gottes &#x017F;tarker Wille i&#x017F;t das im<lb/>
Herzen &#x2014; im dunklen, blutwogenden &#x2014;, der keinen Namen<lb/>
bei uns hat, deßwegen täu&#x017F;chen wir uns, bis es todt i&#x017F;t. Sie<lb/>
haben mich gefaßter gefunden die letzten Tage. Was i&#x017F;t es<lb/>
anders, als daß ich zu meiner Neigung wieder hinabge&#x017F;tiegen<lb/>
war, über die ich mich erheben, zer&#x017F;treuen wollte. Glücklich<lb/>
bin ich fürwahr nicht von ihr gemacht; noch &#x017F;anft, noch nur<lb/>
men&#x017F;chenver&#x017F;tändlich behandelt; und doch erhalt&#x2019; ich mich nur<lb/>
&#x017F;elb&#x017F;t, wenn auch in herbem Zu&#x017F;tand, wenn ich mich ihr hin-<lb/>
gebe, mich ihrer ganz erinnere, und nicht Sinnen und Herz<lb/>
ihre Güter vertau&#x017F;chen will.</p><lb/>
            <p>Ich bin krank geworden, &#x017F;eit einem Ärger, den ich ge-<lb/>
habt: ich kann durchaus <hi rendition="#g">nichts</hi> mehr ertragen! Nun &#x017F;ollte<lb/>
ich an die&#x017F;e Zeilen fügen, wie ich vorge&#x017F;tern und ge&#x017F;tern Abend<lb/>
zugebracht; vergebens! Sie &#x017F;ollen es haben, aber in einem<lb/>
künftigen Brief. Die&#x017F;er &#x017F;oll weg wie er i&#x017F;t; damit er bald<lb/>
ankommt. Morgen &#x017F;chreibe ich Ihnen die beiden Abende. In<lb/>
die&#x017F;em will ich Ihnen noch &#x017F;agen, was kürzer i&#x017F;t, wozu keine<lb/>
Laune gehört, und was mehr in meine heutigen &#x017F;chmerzhaften<lb/>
Gedanken paßt.</p><lb/>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[5/0013] zwingen Sie keine Stimmung, keine Gefühlsblüthe! Sie werden nachher verzweifeln; in der kargen Ausübung der unnahrhaften Verſtändigkeit. Unterſuchen Sie ſich immer genau: und fürchten Sie Weisheit, die nicht aus dem Her- zen ſcheint. Nur Neigung, nur Herzenswünſche! Kann ich ihnen nicht leben, bin ich dazu zu elend, zu verworfen, zu heruntergeriſ- ſen und mißhandelt, ſo will ich ſie von nun an in mir er- gründen, und ſie anbeten! Gottes ſtarker Wille iſt das im Herzen — im dunklen, blutwogenden —, der keinen Namen bei uns hat, deßwegen täuſchen wir uns, bis es todt iſt. Sie haben mich gefaßter gefunden die letzten Tage. Was iſt es anders, als daß ich zu meiner Neigung wieder hinabgeſtiegen war, über die ich mich erheben, zerſtreuen wollte. Glücklich bin ich fürwahr nicht von ihr gemacht; noch ſanft, noch nur menſchenverſtändlich behandelt; und doch erhalt’ ich mich nur ſelbſt, wenn auch in herbem Zuſtand, wenn ich mich ihr hin- gebe, mich ihrer ganz erinnere, und nicht Sinnen und Herz ihre Güter vertauſchen will. Ich bin krank geworden, ſeit einem Ärger, den ich ge- habt: ich kann durchaus nichts mehr ertragen! Nun ſollte ich an dieſe Zeilen fügen, wie ich vorgeſtern und geſtern Abend zugebracht; vergebens! Sie ſollen es haben, aber in einem künftigen Brief. Dieſer ſoll weg wie er iſt; damit er bald ankommt. Morgen ſchreibe ich Ihnen die beiden Abende. In dieſem will ich Ihnen noch ſagen, was kürzer iſt, wozu keine Laune gehört, und was mehr in meine heutigen ſchmerzhaften Gedanken paßt.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel02_1834
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel02_1834/13
Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde. Bd. 2. Berlin, 1834, S. 5. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel02_1834/13>, abgerufen am 22.10.2020.