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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846.

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in Einen Begriff zusammengehe, untersucht er nicht. Hätte er die
Willkür bestimmt als ein Schwanken des Willens zwischen der reinen
Freiheit und zwischen der sinnlichen Bestimmtheit des thierischen Theils,
so hätte er sich dem Wahren zunächst von Weitem genähert. Das Wahre
aber ist dies, daß das innerste Leben des Komischen die reine Subjecti-
vität ist, welche keine Bestimmtheit duldet, wäre es eine sittliche oder
sinnliche, welche aber sofort in eine sittliche, richtiger erhabene Be-
stimmtheit herausgeht, diese als selbständige wieder negirt und in ihrer
Vollmacht die sinnliche Bestimmtheit als berechtigt setzt, diesen Wechsel
aber und diese Brechung in's Unendliche hinspielt. Freiheit nun kann
jene reine Subjectivität heißen, ihr Spiel aber mit diesen beiden Be-
stimmtheiten Willkür, wenn man unter Willkür nicht den schwankenden,
unsteten Willen versteht, der in §. 162 vielmehr als einer unter den Stoffen
der Komik auftrat, sondern ein Hinüber und Herübergehen, das sich selbst
will und im Namen der Dialektik der Idee sein Spiel so unternimmt,
daß das Subject als die reine Thätigkeit des Spiels in sich und bei sich
bleibt. Versteht man aber unter Willkür, wie die jetzige Ethik es thut,
den nur scheinbar wählenden Willen, der heimlich ein roher, sinnlicher
Wille ist, so bezeichnet sie nichts Anderes als die zweite jener Bestimmt-
heiten und ist in die Definition gar nicht aufzunehmen.

Hegels Ansicht ist aus der Phänomenologie genommen (Seite
558 ff.); die Darstellung in der Aesthetik (Th. 3, S. 533 ff.) ist
leichter und weniger tief. Hegel spricht von der griechischen Komödie,
allein diese ist eine reine Wirklichkeit des Komischen und wer sie begreift,
hat dasselbe in seinem Wesen begriffen. Auch Ast spricht von der Komödie,
zunächst von der griechischen; beide aber haben allerdings den Fehler, daß
sie das Komische erst an dieser Stelle entwickeln. Es ist jedoch absichtlich
die bestimmte Bezeichnung des Komischen als einer Götterläugnung aus
Hegels Darstellung aufgenommen worden, welche, zwar zunächst von der
griechischen Komödie geltend, doch als allgemeine Bestimmung des
Komischen besonders brauchbar ist, weil die Götter eben die Mächte des
Lebens sind als projicirt außer die Gegenwart des Bewußtseyns hinaus,
und so kann überhaupt das Erhabene, das sich als fremde Macht gegen
das Bewußtseyn behaupten will, immer ein Gott heißen. Das Be-
wußtseyn erinnert sich, daß das Erhabene sein Werk ist, nimmt es in sich
herüber und ist bei sich. Auch Ast hat das Objective oder Positive zuerst
Tugend, bindendes Gesetz, Nothwendigkeit genannt, dann fährt er fort:
"die höchste Begeisterung, die absolute Fülle des unendlichen Lebens

in Einen Begriff zuſammengehe, unterſucht er nicht. Hätte er die
Willkür beſtimmt als ein Schwanken des Willens zwiſchen der reinen
Freiheit und zwiſchen der ſinnlichen Beſtimmtheit des thieriſchen Theils,
ſo hätte er ſich dem Wahren zunächſt von Weitem genähert. Das Wahre
aber iſt dies, daß das innerſte Leben des Komiſchen die reine Subjecti-
vität iſt, welche keine Beſtimmtheit duldet, wäre es eine ſittliche oder
ſinnliche, welche aber ſofort in eine ſittliche, richtiger erhabene Be-
ſtimmtheit herausgeht, dieſe als ſelbſtändige wieder negirt und in ihrer
Vollmacht die ſinnliche Beſtimmtheit als berechtigt ſetzt, dieſen Wechſel
aber und dieſe Brechung in’s Unendliche hinſpielt. Freiheit nun kann
jene reine Subjectivität heißen, ihr Spiel aber mit dieſen beiden Be-
ſtimmtheiten Willkür, wenn man unter Willkür nicht den ſchwankenden,
unſteten Willen verſteht, der in §. 162 vielmehr als einer unter den Stoffen
der Komik auftrat, ſondern ein Hinüber und Herübergehen, das ſich ſelbſt
will und im Namen der Dialektik der Idee ſein Spiel ſo unternimmt,
daß das Subject als die reine Thätigkeit des Spiels in ſich und bei ſich
bleibt. Verſteht man aber unter Willkür, wie die jetzige Ethik es thut,
den nur ſcheinbar wählenden Willen, der heimlich ein roher, ſinnlicher
Wille iſt, ſo bezeichnet ſie nichts Anderes als die zweite jener Beſtimmt-
heiten und iſt in die Definition gar nicht aufzunehmen.

Hegels Anſicht iſt aus der Phänomenologie genommen (Seite
558 ff.); die Darſtellung in der Aeſthetik (Th. 3, S. 533 ff.) iſt
leichter und weniger tief. Hegel ſpricht von der griechiſchen Komödie,
allein dieſe iſt eine reine Wirklichkeit des Komiſchen und wer ſie begreift,
hat daſſelbe in ſeinem Weſen begriffen. Auch Aſt ſpricht von der Komödie,
zunächſt von der griechiſchen; beide aber haben allerdings den Fehler, daß
ſie das Komiſche erſt an dieſer Stelle entwickeln. Es iſt jedoch abſichtlich
die beſtimmte Bezeichnung des Komiſchen als einer Götterläugnung aus
Hegels Darſtellung aufgenommen worden, welche, zwar zunächſt von der
griechiſchen Komödie geltend, doch als allgemeine Beſtimmung des
Komiſchen beſonders brauchbar iſt, weil die Götter eben die Mächte des
Lebens ſind als projicirt außer die Gegenwart des Bewußtſeyns hinaus,
und ſo kann überhaupt das Erhabene, das ſich als fremde Macht gegen
das Bewußtſeyn behaupten will, immer ein Gott heißen. Das Be-
wußtſeyn erinnert ſich, daß das Erhabene ſein Werk iſt, nimmt es in ſich
herüber und iſt bei ſich. Auch Aſt hat das Objective oder Poſitive zuerſt
Tugend, bindendes Geſetz, Nothwendigkeit genannt, dann fährt er fort:
„die höchſte Begeiſterung, die abſolute Fülle des unendlichen Lebens

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[404/0418] in Einen Begriff zuſammengehe, unterſucht er nicht. Hätte er die Willkür beſtimmt als ein Schwanken des Willens zwiſchen der reinen Freiheit und zwiſchen der ſinnlichen Beſtimmtheit des thieriſchen Theils, ſo hätte er ſich dem Wahren zunächſt von Weitem genähert. Das Wahre aber iſt dies, daß das innerſte Leben des Komiſchen die reine Subjecti- vität iſt, welche keine Beſtimmtheit duldet, wäre es eine ſittliche oder ſinnliche, welche aber ſofort in eine ſittliche, richtiger erhabene Be- ſtimmtheit herausgeht, dieſe als ſelbſtändige wieder negirt und in ihrer Vollmacht die ſinnliche Beſtimmtheit als berechtigt ſetzt, dieſen Wechſel aber und dieſe Brechung in’s Unendliche hinſpielt. Freiheit nun kann jene reine Subjectivität heißen, ihr Spiel aber mit dieſen beiden Be- ſtimmtheiten Willkür, wenn man unter Willkür nicht den ſchwankenden, unſteten Willen verſteht, der in §. 162 vielmehr als einer unter den Stoffen der Komik auftrat, ſondern ein Hinüber und Herübergehen, das ſich ſelbſt will und im Namen der Dialektik der Idee ſein Spiel ſo unternimmt, daß das Subject als die reine Thätigkeit des Spiels in ſich und bei ſich bleibt. Verſteht man aber unter Willkür, wie die jetzige Ethik es thut, den nur ſcheinbar wählenden Willen, der heimlich ein roher, ſinnlicher Wille iſt, ſo bezeichnet ſie nichts Anderes als die zweite jener Beſtimmt- heiten und iſt in die Definition gar nicht aufzunehmen. Hegels Anſicht iſt aus der Phänomenologie genommen (Seite 558 ff.); die Darſtellung in der Aeſthetik (Th. 3, S. 533 ff.) iſt leichter und weniger tief. Hegel ſpricht von der griechiſchen Komödie, allein dieſe iſt eine reine Wirklichkeit des Komiſchen und wer ſie begreift, hat daſſelbe in ſeinem Weſen begriffen. Auch Aſt ſpricht von der Komödie, zunächſt von der griechiſchen; beide aber haben allerdings den Fehler, daß ſie das Komiſche erſt an dieſer Stelle entwickeln. Es iſt jedoch abſichtlich die beſtimmte Bezeichnung des Komiſchen als einer Götterläugnung aus Hegels Darſtellung aufgenommen worden, welche, zwar zunächſt von der griechiſchen Komödie geltend, doch als allgemeine Beſtimmung des Komiſchen beſonders brauchbar iſt, weil die Götter eben die Mächte des Lebens ſind als projicirt außer die Gegenwart des Bewußtſeyns hinaus, und ſo kann überhaupt das Erhabene, das ſich als fremde Macht gegen das Bewußtſeyn behaupten will, immer ein Gott heißen. Das Be- wußtſeyn erinnert ſich, daß das Erhabene ſein Werk iſt, nimmt es in ſich herüber und iſt bei ſich. Auch Aſt hat das Objective oder Poſitive zuerſt Tugend, bindendes Geſetz, Nothwendigkeit genannt, dann fährt er fort: „die höchſte Begeiſterung, die abſolute Fülle des unendlichen Lebens

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846, S. 404. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846/418>, abgerufen am 20.09.2020.