Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846.

Bild:
<< vorherige Seite

Widersprüche gehemmte und dieser ihrer Verstrickung sich nicht bewußte
Persönlichkeit, unter dieser die bewußte zu verstehen. J. Paul nennt
die letztere Persönlichkeit den humoristischen Dichter und bringt so den
Gegensatz der unmittelbar seyenden und der künstlerisch hervorgebrachten
Schönheit herein. Dies ist jedenfalls zu viel, denn man ist darum, weil
man den Widerspruch in sich und der Welt belacht, noch nicht Dichter;
der Humor ist außer und vor der Kunst da, wie alles Schöne in dem
Sinne, der noch zu untersuchen ist. Allein J. Paul hat auch übersehen,
daß er diesen Gegensatz überhaupt nur ganz relativ ziehen kann, nach-
dem er einmal die Meinung, der Humor könne oder müsse unbewußt
und unwillkürlich seyn, einen Wahn genannt hat; demnach dürfte er
den blos objectiv sich selbst widersprechenden Charakter nicht humoristisch,
sondern nur komisch nennen. Das Wahre aber ist dies, daß zum
Humor immer eine Persönlichkeit von gebrochenem unendlichem Gehalt
vorausgesetzt wird, welche nothwendig irgendwie, als entwickeltere oder
unentwickeltere Anlage, auch den Blick in das eigene Innere und in den
Widerspruch der Welt frei hat. Gottwalt ist neben Vult blos objectiv
humoristisch, er ist jünger, unerfahrener und von der Noth unmittelbarer
gedrückt, wogegen Vult schon seiner ganzen Lage nach freier ist, daher
in jenem der Blick in sich und die Welt noch nicht entbunden seyn kann;
allein im Fortgang müßte er nothwendig von Vult das humoristische
Bewußtseyn aufnehmen, wie dieser an ihm auf's Neue zu Herz und
Gemüth sich erwärmt. Als blos relativ erscheint der Gegensatz auf den
ersten Blick in Siebenkäs und Leibgeber. Der, welcher mehr leidet, ist
allemal der scheinbar oder mehr blos objectiv Humoristische, denn im
Zustande des gegenwärtigen Leidens ist schwer lachen; er befindet sich
zwischen der Stellung des komischen Objects und zwischen dem Humor;
allein die innere Tiefe vorausgesetzt, wie dies das Wesen des Humors
verlangt, so muß nach dem Leiden oder nach einer Reihe von Erfah-
rungen nothwendig das humoristische Bewußtseyn sich in ihm entbinden.

§. 214.

Der Humor muß seinem komischen Bewußtseyn bestimmten Ausdruck geben
und dies geschieht durch die Formen der Posse und des Witzes, welche in ihm
als ihrer höheren Einheit aufgehoben sind, indem die Reflexion des Witzes in
ein Seyn und persönliches Leben zurückgegangen ist, aber als Innigkeit und
Allgemeinheit des komischen Bewußtseyns sich aus diesem wieder erzeugt hat.

Widerſprüche gehemmte und dieſer ihrer Verſtrickung ſich nicht bewußte
Perſönlichkeit, unter dieſer die bewußte zu verſtehen. J. Paul nennt
die letztere Perſönlichkeit den humoriſtiſchen Dichter und bringt ſo den
Gegenſatz der unmittelbar ſeyenden und der künſtleriſch hervorgebrachten
Schönheit herein. Dies iſt jedenfalls zu viel, denn man iſt darum, weil
man den Widerſpruch in ſich und der Welt belacht, noch nicht Dichter;
der Humor iſt außer und vor der Kunſt da, wie alles Schöne in dem
Sinne, der noch zu unterſuchen iſt. Allein J. Paul hat auch überſehen,
daß er dieſen Gegenſatz überhaupt nur ganz relativ ziehen kann, nach-
dem er einmal die Meinung, der Humor könne oder müſſe unbewußt
und unwillkürlich ſeyn, einen Wahn genannt hat; demnach dürfte er
den blos objectiv ſich ſelbſt widerſprechenden Charakter nicht humoriſtiſch,
ſondern nur komiſch nennen. Das Wahre aber iſt dies, daß zum
Humor immer eine Perſönlichkeit von gebrochenem unendlichem Gehalt
vorausgeſetzt wird, welche nothwendig irgendwie, als entwickeltere oder
unentwickeltere Anlage, auch den Blick in das eigene Innere und in den
Widerſpruch der Welt frei hat. Gottwalt iſt neben Vult blos objectiv
humoriſtiſch, er iſt jünger, unerfahrener und von der Noth unmittelbarer
gedrückt, wogegen Vult ſchon ſeiner ganzen Lage nach freier iſt, daher
in jenem der Blick in ſich und die Welt noch nicht entbunden ſeyn kann;
allein im Fortgang müßte er nothwendig von Vult das humoriſtiſche
Bewußtſeyn aufnehmen, wie dieſer an ihm auf’s Neue zu Herz und
Gemüth ſich erwärmt. Als blos relativ erſcheint der Gegenſatz auf den
erſten Blick in Siebenkäs und Leibgeber. Der, welcher mehr leidet, iſt
allemal der ſcheinbar oder mehr blos objectiv Humoriſtiſche, denn im
Zuſtande des gegenwärtigen Leidens iſt ſchwer lachen; er befindet ſich
zwiſchen der Stellung des komiſchen Objects und zwiſchen dem Humor;
allein die innere Tiefe vorausgeſetzt, wie dies das Weſen des Humors
verlangt, ſo muß nach dem Leiden oder nach einer Reihe von Erfah-
rungen nothwendig das humoriſtiſche Bewußtſeyn ſich in ihm entbinden.

§. 214.

Der Humor muß ſeinem komiſchen Bewußtſeyn beſtimmten Ausdruck geben
und dies geſchieht durch die Formen der Poſſe und des Witzes, welche in ihm
als ihrer höheren Einheit aufgehoben ſind, indem die Reflexion des Witzes in
ein Seyn und perſönliches Leben zurückgegangen iſt, aber als Innigkeit und
Allgemeinheit des komiſchen Bewußtſeyns ſich aus dieſem wieder erzeugt hat.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <div n="5">
                <p> <hi rendition="#et"><pb facs="#f0470" n="456"/>
Wider&#x017F;prüche gehemmte und die&#x017F;er ihrer Ver&#x017F;trickung &#x017F;ich nicht bewußte<lb/>
Per&#x017F;önlichkeit, unter die&#x017F;er die bewußte zu ver&#x017F;tehen. J. <hi rendition="#g">Paul</hi> nennt<lb/>
die letztere Per&#x017F;önlichkeit den humori&#x017F;ti&#x017F;chen <hi rendition="#g">Dichter</hi> und bringt &#x017F;o den<lb/>
Gegen&#x017F;atz der unmittelbar &#x017F;eyenden und der kün&#x017F;tleri&#x017F;ch hervorgebrachten<lb/>
Schönheit herein. Dies i&#x017F;t jedenfalls zu viel, denn man i&#x017F;t darum, weil<lb/>
man den Wider&#x017F;pruch in &#x017F;ich und der Welt belacht, noch nicht Dichter;<lb/>
der Humor i&#x017F;t außer und vor der Kun&#x017F;t da, wie alles Schöne in dem<lb/>
Sinne, der noch zu unter&#x017F;uchen i&#x017F;t. Allein J. <hi rendition="#g">Paul</hi> hat auch über&#x017F;ehen,<lb/>
daß er die&#x017F;en Gegen&#x017F;atz überhaupt nur ganz relativ ziehen kann, nach-<lb/>
dem er einmal die Meinung, der Humor könne oder mü&#x017F;&#x017F;e unbewußt<lb/>
und unwillkürlich &#x017F;eyn, einen Wahn genannt hat; demnach dürfte er<lb/>
den blos objectiv &#x017F;ich &#x017F;elb&#x017F;t wider&#x017F;prechenden Charakter nicht humori&#x017F;ti&#x017F;ch,<lb/>
&#x017F;ondern nur komi&#x017F;ch nennen. Das Wahre aber i&#x017F;t dies, daß zum<lb/>
Humor immer eine Per&#x017F;önlichkeit von gebrochenem unendlichem Gehalt<lb/>
vorausge&#x017F;etzt wird, welche nothwendig irgendwie, als entwickeltere oder<lb/>
unentwickeltere Anlage, auch den Blick in das eigene Innere und in den<lb/>
Wider&#x017F;pruch der Welt frei hat. Gottwalt i&#x017F;t neben Vult blos objectiv<lb/>
humori&#x017F;ti&#x017F;ch, er i&#x017F;t jünger, unerfahrener und von der Noth unmittelbarer<lb/>
gedrückt, wogegen Vult &#x017F;chon &#x017F;einer ganzen Lage nach freier i&#x017F;t, daher<lb/>
in jenem der Blick in &#x017F;ich und die Welt noch nicht entbunden &#x017F;eyn kann;<lb/>
allein im Fortgang müßte er nothwendig von Vult das humori&#x017F;ti&#x017F;che<lb/>
Bewußt&#x017F;eyn aufnehmen, wie die&#x017F;er an ihm auf&#x2019;s Neue zu Herz und<lb/>
Gemüth &#x017F;ich erwärmt. Als blos relativ er&#x017F;cheint der Gegen&#x017F;atz auf den<lb/>
er&#x017F;ten Blick in Siebenkäs und Leibgeber. Der, welcher mehr leidet, i&#x017F;t<lb/>
allemal der &#x017F;cheinbar oder mehr blos objectiv Humori&#x017F;ti&#x017F;che, denn im<lb/>
Zu&#x017F;tande des gegenwärtigen Leidens i&#x017F;t &#x017F;chwer lachen; er befindet &#x017F;ich<lb/>
zwi&#x017F;chen der Stellung des komi&#x017F;chen Objects und zwi&#x017F;chen dem Humor;<lb/>
allein die innere Tiefe vorausge&#x017F;etzt, wie dies das We&#x017F;en des Humors<lb/>
verlangt, &#x017F;o muß nach dem Leiden oder nach einer Reihe von Erfah-<lb/>
rungen nothwendig das humori&#x017F;ti&#x017F;che Bewußt&#x017F;eyn &#x017F;ich in ihm entbinden.</hi> </p>
              </div><lb/>
              <div n="5">
                <head>§. 214.</head><lb/>
                <p> <hi rendition="#fr">Der Humor muß &#x017F;einem komi&#x017F;chen Bewußt&#x017F;eyn be&#x017F;timmten Ausdruck geben<lb/>
und dies ge&#x017F;chieht durch die Formen der Po&#x017F;&#x017F;e und des Witzes, welche in ihm<lb/>
als ihrer höheren Einheit aufgehoben &#x017F;ind, indem die Reflexion des Witzes in<lb/>
ein Seyn und per&#x017F;önliches Leben zurückgegangen i&#x017F;t, aber als Innigkeit und<lb/>
Allgemeinheit des komi&#x017F;chen Bewußt&#x017F;eyns &#x017F;ich aus die&#x017F;em wieder erzeugt hat.<lb/></hi> </p>
              </div>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[456/0470] Widerſprüche gehemmte und dieſer ihrer Verſtrickung ſich nicht bewußte Perſönlichkeit, unter dieſer die bewußte zu verſtehen. J. Paul nennt die letztere Perſönlichkeit den humoriſtiſchen Dichter und bringt ſo den Gegenſatz der unmittelbar ſeyenden und der künſtleriſch hervorgebrachten Schönheit herein. Dies iſt jedenfalls zu viel, denn man iſt darum, weil man den Widerſpruch in ſich und der Welt belacht, noch nicht Dichter; der Humor iſt außer und vor der Kunſt da, wie alles Schöne in dem Sinne, der noch zu unterſuchen iſt. Allein J. Paul hat auch überſehen, daß er dieſen Gegenſatz überhaupt nur ganz relativ ziehen kann, nach- dem er einmal die Meinung, der Humor könne oder müſſe unbewußt und unwillkürlich ſeyn, einen Wahn genannt hat; demnach dürfte er den blos objectiv ſich ſelbſt widerſprechenden Charakter nicht humoriſtiſch, ſondern nur komiſch nennen. Das Wahre aber iſt dies, daß zum Humor immer eine Perſönlichkeit von gebrochenem unendlichem Gehalt vorausgeſetzt wird, welche nothwendig irgendwie, als entwickeltere oder unentwickeltere Anlage, auch den Blick in das eigene Innere und in den Widerſpruch der Welt frei hat. Gottwalt iſt neben Vult blos objectiv humoriſtiſch, er iſt jünger, unerfahrener und von der Noth unmittelbarer gedrückt, wogegen Vult ſchon ſeiner ganzen Lage nach freier iſt, daher in jenem der Blick in ſich und die Welt noch nicht entbunden ſeyn kann; allein im Fortgang müßte er nothwendig von Vult das humoriſtiſche Bewußtſeyn aufnehmen, wie dieſer an ihm auf’s Neue zu Herz und Gemüth ſich erwärmt. Als blos relativ erſcheint der Gegenſatz auf den erſten Blick in Siebenkäs und Leibgeber. Der, welcher mehr leidet, iſt allemal der ſcheinbar oder mehr blos objectiv Humoriſtiſche, denn im Zuſtande des gegenwärtigen Leidens iſt ſchwer lachen; er befindet ſich zwiſchen der Stellung des komiſchen Objects und zwiſchen dem Humor; allein die innere Tiefe vorausgeſetzt, wie dies das Weſen des Humors verlangt, ſo muß nach dem Leiden oder nach einer Reihe von Erfah- rungen nothwendig das humoriſtiſche Bewußtſeyn ſich in ihm entbinden. §. 214. Der Humor muß ſeinem komiſchen Bewußtſeyn beſtimmten Ausdruck geben und dies geſchieht durch die Formen der Poſſe und des Witzes, welche in ihm als ihrer höheren Einheit aufgehoben ſind, indem die Reflexion des Witzes in ein Seyn und perſönliches Leben zurückgegangen iſt, aber als Innigkeit und Allgemeinheit des komiſchen Bewußtſeyns ſich aus dieſem wieder erzeugt hat.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846/470
Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846, S. 456. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846/470>, abgerufen am 14.10.2019.