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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 2,1. Reutlingen u. a., 1847.

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ehrwürdigsten Stoffen. Jahrtausende fassen sich in ihnen, die das Wesen
ihres Volks in sich sammeln, begreifen und in dauernder Form wie für
Ewigkeiten hinstellen, zusammen. Aber ihre bewegungslose Schöpfung stürzt
endlich tragisch in Nichts zurück, nicht tragisch in dem Sinne, wie sich
ein freies Volk von innen auslebt, dann durch das Schwert des Siegers
fällt, sondern es ist ein Untergang, ehe das Volk eine wahre Geschichte
hatte, ein mitleidswerthes Vernichtetwerden, das aber bei dem Zusammenstoß
mit freien Völkern unvermeidlich ist. So noch in neuer Zeit die Eroberung
Indiens, Algiers. Es fehlt diesen Staaten nicht an aller Bewegung; die
Freiheit, die immer keimen will, hat kein Bett, worin sie fließe, und bricht
von Zeit zu Zeit als Aufruhr aus, besonders als Pallast-Intrike, blutiger
Familienzwist, denn das Regentenhaus eigentlich allein, nicht das Volk
hat eine Geschichte. Auch die Thatkraft der Völker stürzt hinaus wie ein
stürmisches Meer, schwillt über wie eine Naturkraft, erobert, gründet
neue Reiche, aber Alles dauert nur, bis die Wogen am Gestade eines
freien Volks zerschäumen.

§. 345.

Der Gottesdienst ist prachtvoll und feierlich, stürzt sich aber in die Extreme
nackter und stumpfer Entsagung und wilder, in ihrer höchsten Wuth ebenfalls
in Selbstvernichtung endender Sinnlichkeit.

Die Priestergewänder, der Weihrauch, die Litaneien, fast der ganze
Pomp der katholischen Kirche ist orientalisch, theils jüdisch, theils indisch.
Der Pomp der Repräsentation liegt überhaupt wesentlich im orientalischen
Charakter, wie er denn noch heute z. B. in den Ceremonienscenen indischer
Fürsten so glänzend auftritt. Seinen Gipfel erreicht er im Gottesdienst,
dessen eine Seite in bewegungsloser, murmelnder Andacht, tödtender Ascese
besteht: vom Orient kommen die Klöster, die Einsiedler, die Styliten, jede
Form wahnsinnig werthloser Kreuzigung des Fleisches. Der wilde Taumel,
die Orgien, die das andere Extrem bilden, wurden schon erwähnt. Zu
den indischen Tempeln gehörten die Tänzerinnen, die sich zum Cultus der
Liebe Preis gaben, in Babylon war jener Dienst der Astarte, der jedem
Weibe gebot, sich jährlich einmal im Tempel einem Fremden Preis zu
geben. Die Selbstvernichtung spielt noch im heutigen Indien die alte
Rolle und dahin gehört namentlich die Wuth, sich unter die Räder des
Juggernaut-Wagens zu stürzen und zermalmen zu lassen.

§. 346.

In diesen allgemeinen Charakter theilen sich die einzelnen Völker auf
verschiedene Weise. Im Osten Südasiens treten als Zweige des indogermanischen

ehrwürdigſten Stoffen. Jahrtauſende faſſen ſich in ihnen, die das Weſen
ihres Volks in ſich ſammeln, begreifen und in dauernder Form wie für
Ewigkeiten hinſtellen, zuſammen. Aber ihre bewegungsloſe Schöpfung ſtürzt
endlich tragiſch in Nichts zurück, nicht tragiſch in dem Sinne, wie ſich
ein freies Volk von innen auslebt, dann durch das Schwert des Siegers
fällt, ſondern es iſt ein Untergang, ehe das Volk eine wahre Geſchichte
hatte, ein mitleidswerthes Vernichtetwerden, das aber bei dem Zuſammenſtoß
mit freien Völkern unvermeidlich iſt. So noch in neuer Zeit die Eroberung
Indiens, Algiers. Es fehlt dieſen Staaten nicht an aller Bewegung; die
Freiheit, die immer keimen will, hat kein Bett, worin ſie fließe, und bricht
von Zeit zu Zeit als Aufruhr aus, beſonders als Pallaſt-Intrike, blutiger
Familienzwiſt, denn das Regentenhaus eigentlich allein, nicht das Volk
hat eine Geſchichte. Auch die Thatkraft der Völker ſtürzt hinaus wie ein
ſtürmiſches Meer, ſchwillt über wie eine Naturkraft, erobert, gründet
neue Reiche, aber Alles dauert nur, bis die Wogen am Geſtade eines
freien Volks zerſchäumen.

§. 345.

Der Gottesdienſt iſt prachtvoll und feierlich, ſtürzt ſich aber in die Extreme
nackter und ſtumpfer Entſagung und wilder, in ihrer höchſten Wuth ebenfalls
in Selbſtvernichtung endender Sinnlichkeit.

Die Prieſtergewänder, der Weihrauch, die Litaneien, faſt der ganze
Pomp der katholiſchen Kirche iſt orientaliſch, theils jüdiſch, theils indiſch.
Der Pomp der Repräſentation liegt überhaupt weſentlich im orientaliſchen
Charakter, wie er denn noch heute z. B. in den Ceremonienſcenen indiſcher
Fürſten ſo glänzend auftritt. Seinen Gipfel erreicht er im Gottesdienſt,
deſſen eine Seite in bewegungsloſer, murmelnder Andacht, tödtender Aſceſe
beſteht: vom Orient kommen die Klöſter, die Einſiedler, die Styliten, jede
Form wahnſinnig werthloſer Kreuzigung des Fleiſches. Der wilde Taumel,
die Orgien, die das andere Extrem bilden, wurden ſchon erwähnt. Zu
den indiſchen Tempeln gehörten die Tänzerinnen, die ſich zum Cultus der
Liebe Preis gaben, in Babylon war jener Dienſt der Aſtarte, der jedem
Weibe gebot, ſich jährlich einmal im Tempel einem Fremden Preis zu
geben. Die Selbſtvernichtung ſpielt noch im heutigen Indien die alte
Rolle und dahin gehört namentlich die Wuth, ſich unter die Räder des
Juggernaut-Wagens zu ſtürzen und zermalmen zu laſſen.

§. 346.

In dieſen allgemeinen Charakter theilen ſich die einzelnen Völker auf
verſchiedene Weiſe. Im Oſten Südaſiens treten als Zweige des indogermaniſchen

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[228/0240] ehrwürdigſten Stoffen. Jahrtauſende faſſen ſich in ihnen, die das Weſen ihres Volks in ſich ſammeln, begreifen und in dauernder Form wie für Ewigkeiten hinſtellen, zuſammen. Aber ihre bewegungsloſe Schöpfung ſtürzt endlich tragiſch in Nichts zurück, nicht tragiſch in dem Sinne, wie ſich ein freies Volk von innen auslebt, dann durch das Schwert des Siegers fällt, ſondern es iſt ein Untergang, ehe das Volk eine wahre Geſchichte hatte, ein mitleidswerthes Vernichtetwerden, das aber bei dem Zuſammenſtoß mit freien Völkern unvermeidlich iſt. So noch in neuer Zeit die Eroberung Indiens, Algiers. Es fehlt dieſen Staaten nicht an aller Bewegung; die Freiheit, die immer keimen will, hat kein Bett, worin ſie fließe, und bricht von Zeit zu Zeit als Aufruhr aus, beſonders als Pallaſt-Intrike, blutiger Familienzwiſt, denn das Regentenhaus eigentlich allein, nicht das Volk hat eine Geſchichte. Auch die Thatkraft der Völker ſtürzt hinaus wie ein ſtürmiſches Meer, ſchwillt über wie eine Naturkraft, erobert, gründet neue Reiche, aber Alles dauert nur, bis die Wogen am Geſtade eines freien Volks zerſchäumen. §. 345. Der Gottesdienſt iſt prachtvoll und feierlich, ſtürzt ſich aber in die Extreme nackter und ſtumpfer Entſagung und wilder, in ihrer höchſten Wuth ebenfalls in Selbſtvernichtung endender Sinnlichkeit. Die Prieſtergewänder, der Weihrauch, die Litaneien, faſt der ganze Pomp der katholiſchen Kirche iſt orientaliſch, theils jüdiſch, theils indiſch. Der Pomp der Repräſentation liegt überhaupt weſentlich im orientaliſchen Charakter, wie er denn noch heute z. B. in den Ceremonienſcenen indiſcher Fürſten ſo glänzend auftritt. Seinen Gipfel erreicht er im Gottesdienſt, deſſen eine Seite in bewegungsloſer, murmelnder Andacht, tödtender Aſceſe beſteht: vom Orient kommen die Klöſter, die Einſiedler, die Styliten, jede Form wahnſinnig werthloſer Kreuzigung des Fleiſches. Der wilde Taumel, die Orgien, die das andere Extrem bilden, wurden ſchon erwähnt. Zu den indiſchen Tempeln gehörten die Tänzerinnen, die ſich zum Cultus der Liebe Preis gaben, in Babylon war jener Dienſt der Aſtarte, der jedem Weibe gebot, ſich jährlich einmal im Tempel einem Fremden Preis zu geben. Die Selbſtvernichtung ſpielt noch im heutigen Indien die alte Rolle und dahin gehört namentlich die Wuth, ſich unter die Räder des Juggernaut-Wagens zu ſtürzen und zermalmen zu laſſen. §. 346. In dieſen allgemeinen Charakter theilen ſich die einzelnen Völker auf verſchiedene Weiſe. Im Oſten Südaſiens treten als Zweige des indogermaniſchen

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 2,1. Reutlingen u. a., 1847, S. 228. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik0201_1847/240>, abgerufen am 18.04.2019.