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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 2,1. Reutlingen u. a., 1847.

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Lichte herausgestellt, die anderen Schwingungen aber, wie man bildlich sagt,
eingesogen werden. Dabei kommt Alles auf Grade hinaus und bleibt der
qualitative Unterschied und Gegensatz, der in den Farbenstimmungen liegt,
unerklärt. Es kommt darauf an, ob diese Theorie die Mittel noch finden
wird, das Räthsel glücklicher zu lösen, als die erstere. Die Aesthetik kann
sich nicht in den Streit der Physiker einlassen, und der §., welcher bestimmter
von dem Ausdruck der einzelnen Farben reden wird, kann sich daher nur
empirisch auf anerkannte Thatsachen des Gefühls berufen.

§. 247.

Allerdings nun ist die ungleich bedeutendere Erscheinung der Farbe die-1
jenige, wo sie als gebunden an bestimmte Körper auftritt. Sie erscheint als
der Ausdruck der innersten Mischung, der eigentlichen Qualität der Dinge.
Die innere Bestimmtheit eines Körpers erscheint zwar auch in der Gestalt an
sich abgesehen von der Farbe, aber nur so, wie sie ganz in die quantitative
Bildung der Oberfläche aufgegangen ist; allein dieselbe innere Bestimmtheit
durcharbeitet die Oberfläche des Körpers noch auf andere Weise: sie tritt auf
allen Punkten derselben als ihre feinste und letzte Qualification so hervor, daß
das einfache Licht zu einer diesem Körper eigenen Farbe gebrochen wird. Die
Gestalt zeigt das Innere, wie es ganz zum Aeußern geworden, die Farbe zeigt
das Aeußere als Widerschein des Innern, sie spricht die Seele aus. Der2
Eindruck, den die nicht an Körper gebundene Farbe mit sich führt, wird nun
durch den, welcher die gebundene begleitet, vielfach näher bestimmt.

1. Hier, bei den chemischen Farben (colores proprii, corporei, materiales,
veri, fixi
Göthe a. a. O. §. 487), läßt uns freilich die Farbenlehre überall
im Stiche. Wie hängt es zusammen, daß blondes Haar und weiße Haut
auf eine andere Säftemischung, ein anderes Temperament hinweist, als
dunkles Haar, braune Haut? Wie geht das Pigment aus der innersten
Natur des Gegenstands hervor? Was ist überhaupt Pigment? Besteht es
in einer verschiedenen Stellung unendlich feiner, theils dunkler, theils
durchsichtig heller Theile, worauf die Göthische, besteht es in einem ver-
schiedenen Relief der Anordnung der feinsten Stofftheile auf der Oberfläche
des farbigen Körpers, worauf als den mechanischen Grund der Zurück-
werfung der Aetherschwingungen die Undulationstheorie hinauskommen muß?
Die Aesthetik kann sich hier, wie schon gesagt, noch auf keine von der Natur-
wissenschaft an die Hand gegebene Erklärung berufen. Die Farbe zeigt
die innerste Werkstätte des Lebens auf der Oberfläche; das Wie? Wo-
durch? ist unerforscht. Die Farbe ist ein über das Ganze, wenn auch in
verschiedener Färbung der Theile, doch gleichmäßig verbreiteter Schein,

Lichte herausgeſtellt, die anderen Schwingungen aber, wie man bildlich ſagt,
eingeſogen werden. Dabei kommt Alles auf Grade hinaus und bleibt der
qualitative Unterſchied und Gegenſatz, der in den Farbenſtimmungen liegt,
unerklärt. Es kommt darauf an, ob dieſe Theorie die Mittel noch finden
wird, das Räthſel glücklicher zu löſen, als die erſtere. Die Aeſthetik kann
ſich nicht in den Streit der Phyſiker einlaſſen, und der §., welcher beſtimmter
von dem Ausdruck der einzelnen Farben reden wird, kann ſich daher nur
empiriſch auf anerkannte Thatſachen des Gefühls berufen.

§. 247.

Allerdings nun iſt die ungleich bedeutendere Erſcheinung der Farbe die-1
jenige, wo ſie als gebunden an beſtimmte Körper auftritt. Sie erſcheint als
der Ausdruck der innerſten Miſchung, der eigentlichen Qualität der Dinge.
Die innere Beſtimmtheit eines Körpers erſcheint zwar auch in der Geſtalt an
ſich abgeſehen von der Farbe, aber nur ſo, wie ſie ganz in die quantitative
Bildung der Oberfläche aufgegangen iſt; allein dieſelbe innere Beſtimmtheit
durcharbeitet die Oberfläche des Körpers noch auf andere Weiſe: ſie tritt auf
allen Punkten derſelben als ihre feinſte und letzte Qualification ſo hervor, daß
das einfache Licht zu einer dieſem Körper eigenen Farbe gebrochen wird. Die
Geſtalt zeigt das Innere, wie es ganz zum Aeußern geworden, die Farbe zeigt
das Aeußere als Widerſchein des Innern, ſie ſpricht die Seele aus. Der2
Eindruck, den die nicht an Körper gebundene Farbe mit ſich führt, wird nun
durch den, welcher die gebundene begleitet, vielfach näher beſtimmt.

1. Hier, bei den chemiſchen Farben (colores proprii, corporei, materiales,
veri, fixi
Göthe a. a. O. §. 487), läßt uns freilich die Farbenlehre überall
im Stiche. Wie hängt es zuſammen, daß blondes Haar und weiße Haut
auf eine andere Säftemiſchung, ein anderes Temperament hinweist, als
dunkles Haar, braune Haut? Wie geht das Pigment aus der innerſten
Natur des Gegenſtands hervor? Was iſt überhaupt Pigment? Beſteht es
in einer verſchiedenen Stellung unendlich feiner, theils dunkler, theils
durchſichtig heller Theile, worauf die Göthiſche, beſteht es in einem ver-
ſchiedenen Relief der Anordnung der feinſten Stofftheile auf der Oberfläche
des farbigen Körpers, worauf als den mechaniſchen Grund der Zurück-
werfung der Aetherſchwingungen die Undulationstheorie hinauskommen muß?
Die Aeſthetik kann ſich hier, wie ſchon geſagt, noch auf keine von der Natur-
wiſſenſchaft an die Hand gegebene Erklärung berufen. Die Farbe zeigt
die innerſte Werkſtätte des Lebens auf der Oberfläche; das Wie? Wo-
durch? iſt unerforſcht. Die Farbe iſt ein über das Ganze, wenn auch in
verſchiedener Färbung der Theile, doch gleichmäßig verbreiteter Schein,

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[39/0051] Lichte herausgeſtellt, die anderen Schwingungen aber, wie man bildlich ſagt, eingeſogen werden. Dabei kommt Alles auf Grade hinaus und bleibt der qualitative Unterſchied und Gegenſatz, der in den Farbenſtimmungen liegt, unerklärt. Es kommt darauf an, ob dieſe Theorie die Mittel noch finden wird, das Räthſel glücklicher zu löſen, als die erſtere. Die Aeſthetik kann ſich nicht in den Streit der Phyſiker einlaſſen, und der §., welcher beſtimmter von dem Ausdruck der einzelnen Farben reden wird, kann ſich daher nur empiriſch auf anerkannte Thatſachen des Gefühls berufen. §. 247. Allerdings nun iſt die ungleich bedeutendere Erſcheinung der Farbe die- jenige, wo ſie als gebunden an beſtimmte Körper auftritt. Sie erſcheint als der Ausdruck der innerſten Miſchung, der eigentlichen Qualität der Dinge. Die innere Beſtimmtheit eines Körpers erſcheint zwar auch in der Geſtalt an ſich abgeſehen von der Farbe, aber nur ſo, wie ſie ganz in die quantitative Bildung der Oberfläche aufgegangen iſt; allein dieſelbe innere Beſtimmtheit durcharbeitet die Oberfläche des Körpers noch auf andere Weiſe: ſie tritt auf allen Punkten derſelben als ihre feinſte und letzte Qualification ſo hervor, daß das einfache Licht zu einer dieſem Körper eigenen Farbe gebrochen wird. Die Geſtalt zeigt das Innere, wie es ganz zum Aeußern geworden, die Farbe zeigt das Aeußere als Widerſchein des Innern, ſie ſpricht die Seele aus. Der Eindruck, den die nicht an Körper gebundene Farbe mit ſich führt, wird nun durch den, welcher die gebundene begleitet, vielfach näher beſtimmt. 1. Hier, bei den chemiſchen Farben (colores proprii, corporei, materiales, veri, fixi Göthe a. a. O. §. 487), läßt uns freilich die Farbenlehre überall im Stiche. Wie hängt es zuſammen, daß blondes Haar und weiße Haut auf eine andere Säftemiſchung, ein anderes Temperament hinweist, als dunkles Haar, braune Haut? Wie geht das Pigment aus der innerſten Natur des Gegenſtands hervor? Was iſt überhaupt Pigment? Beſteht es in einer verſchiedenen Stellung unendlich feiner, theils dunkler, theils durchſichtig heller Theile, worauf die Göthiſche, beſteht es in einem ver- ſchiedenen Relief der Anordnung der feinſten Stofftheile auf der Oberfläche des farbigen Körpers, worauf als den mechaniſchen Grund der Zurück- werfung der Aetherſchwingungen die Undulationstheorie hinauskommen muß? Die Aeſthetik kann ſich hier, wie ſchon geſagt, noch auf keine von der Natur- wiſſenſchaft an die Hand gegebene Erklärung berufen. Die Farbe zeigt die innerſte Werkſtätte des Lebens auf der Oberfläche; das Wie? Wo- durch? iſt unerforſcht. Die Farbe iſt ein über das Ganze, wenn auch in verſchiedener Färbung der Theile, doch gleichmäßig verbreiteter Schein,

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 2,1. Reutlingen u. a., 1847, S. 39. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik0201_1847/51>, abgerufen am 21.04.2019.