Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Wanderley, Germano: Handbuch der Bauconstruktionslehre. 2. Aufl. Bd. 2. Die Constructionen in Stein. Leipzig, 1878.

Bild:
<< vorherige Seite
Zweites Kapitel. Die Gewölbe.

Eine ganz besondere Gewölbeart bilden die modificirten hohen
vielseitigen Kuppelgewölbe in Anwendung auf:

XVII. Die massiven Thurmspitzen.

Bereits die Meister des Mittelalters pflegten die Spitzen der Kirch-
thürme massiv herzustellen, und zwar je nach dem Vorkommen des
Materials entweder aus Sandstein oder aus Ziegeln. Die Sand-
steinspitzen wurden sogar vielfach reich verziert und ganz durchbrochen,
theils um sie schöner zu gestalten, theils um ihr Gewicht zu ver-
mindern.

Mit dem Verfall der Gothik wurden die massiven Thurmspitzen
immer seltener, bis sie endlich ganz in Vergessenheit geriethen. Erst
der, durch den kunstsinnigen König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen
ins Leben gerufenen bedeutenden Thätigkeit im Kirchenbau, haben
wir die ersten neueren Versuche mit massiven Kirchthurmspitzen zu
verdanken. Da die Thurmspitzen aus Sandstein ähnlich construirt
werden, wie die aus Ziegeln, und zwar mit dem Unterschiede, daß
bei ersteren nur größere Plattensteine zur Verwendung gelangen,
wollen wir in diesem Buche vorzugsweise die Backsteinthurmspitzen
berücksichtigen.

Die Vorzüge derselben sind:

Erstens: Einheit des Materials. Wenn dies bei allen Bau-
ausführungen wünschenswerth ist, so hier um so mehr,
als die schlanke Spitze schon nicht mehr als das Dach des
Thurmes gilt;
zweitens: die unbedingte Feuersicherheit, namentlich beim Ein-
schlagen des Blitzes, und
drittens: hauptsächlich die erheblich größere Billigkeit massiver
Spitzen aus Ziegeln gegenüber den sonst üblichen hölzer-
nen; vergleichende Kostenanschläge haben dies dargethan;
viertens: größere Dauerhaftigkeit und Fortfall der Repara-
turen bei richtiger Construktion und gutem Material. Die
Greifenhagener, gegen 25m hohe, in den Wänden 25zm
starke Thurmspitze, welche ca. 500 Jahr alt und im Wesent-
lichen gut erhalten ist, ist ein Beweis dafür.

Es ist unbedingt erforderlich, nur ausgezeichnete, harte und
möglichst wenig poröse Ziegel zu verwenden, da sonst der Regen
durch dieselben dringt.

Zweites Kapitel. Die Gewölbe.

Eine ganz beſondere Gewölbeart bilden die modificirten hohen
vielſeitigen Kuppelgewölbe in Anwendung auf:

XVII. Die maſſiven Thurmſpitzen.

Bereits die Meiſter des Mittelalters pflegten die Spitzen der Kirch-
thürme maſſiv herzuſtellen, und zwar je nach dem Vorkommen des
Materials entweder aus Sandſtein oder aus Ziegeln. Die Sand-
ſteinſpitzen wurden ſogar vielfach reich verziert und ganz durchbrochen,
theils um ſie ſchöner zu geſtalten, theils um ihr Gewicht zu ver-
mindern.

Mit dem Verfall der Gothik wurden die maſſiven Thurmſpitzen
immer ſeltener, bis ſie endlich ganz in Vergeſſenheit geriethen. Erſt
der, durch den kunſtſinnigen König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen
ins Leben gerufenen bedeutenden Thätigkeit im Kirchenbau, haben
wir die erſten neueren Verſuche mit maſſiven Kirchthurmſpitzen zu
verdanken. Da die Thurmſpitzen aus Sandſtein ähnlich conſtruirt
werden, wie die aus Ziegeln, und zwar mit dem Unterſchiede, daß
bei erſteren nur größere Plattenſteine zur Verwendung gelangen,
wollen wir in dieſem Buche vorzugsweiſe die Backſteinthurmſpitzen
berückſichtigen.

Die Vorzüge derſelben ſind:

Erſtens: Einheit des Materials. Wenn dies bei allen Bau-
ausführungen wünſchenswerth iſt, ſo hier um ſo mehr,
als die ſchlanke Spitze ſchon nicht mehr als das Dach des
Thurmes gilt;
zweitens: die unbedingte Feuerſicherheit, namentlich beim Ein-
ſchlagen des Blitzes, und
drittens: hauptſächlich die erheblich größere Billigkeit maſſiver
Spitzen aus Ziegeln gegenüber den ſonſt üblichen hölzer-
nen; vergleichende Koſtenanſchläge haben dies dargethan;
viertens: größere Dauerhaftigkeit und Fortfall der Repara-
turen bei richtiger Conſtruktion und gutem Material. Die
Greifenhagener, gegen 25m hohe, in den Wänden 25zm
ſtarke Thurmſpitze, welche ca. 500 Jahr alt und im Weſent-
lichen gut erhalten iſt, iſt ein Beweis dafür.

Es iſt unbedingt erforderlich, nur ausgezeichnete, harte und
möglichſt wenig poröſe Ziegel zu verwenden, da ſonſt der Regen
durch dieſelben dringt.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <pb facs="#f0490" n="474"/>
              <fw place="top" type="header">Zweites Kapitel. Die Gewölbe.</fw><lb/>
              <p>Eine ganz be&#x017F;ondere Gewölbeart bilden die modificirten hohen<lb/>
viel&#x017F;eitigen Kuppelgewölbe in Anwendung auf:</p>
            </div><lb/>
            <div n="4">
              <head><hi rendition="#aq">XVII.</hi><hi rendition="#g">Die ma&#x017F;&#x017F;iven Thurm&#x017F;pitzen</hi>.</head><lb/>
              <p>Bereits die Mei&#x017F;ter des Mittelalters pflegten die Spitzen der Kirch-<lb/>
thürme ma&#x017F;&#x017F;iv herzu&#x017F;tellen, und zwar je nach dem Vorkommen des<lb/>
Materials entweder aus Sand&#x017F;tein oder aus Ziegeln. Die Sand-<lb/>
&#x017F;tein&#x017F;pitzen wurden &#x017F;ogar vielfach reich verziert und ganz durchbrochen,<lb/>
theils um &#x017F;ie &#x017F;chöner zu ge&#x017F;talten, theils um ihr Gewicht zu ver-<lb/>
mindern.</p><lb/>
              <p>Mit dem Verfall der Gothik wurden die ma&#x017F;&#x017F;iven Thurm&#x017F;pitzen<lb/>
immer &#x017F;eltener, bis &#x017F;ie endlich ganz in Verge&#x017F;&#x017F;enheit geriethen. Er&#x017F;t<lb/>
der, durch den kun&#x017F;t&#x017F;innigen König Friedrich Wilhelm <hi rendition="#aq">IV.</hi> von Preußen<lb/>
ins Leben gerufenen bedeutenden Thätigkeit im Kirchenbau, haben<lb/>
wir die er&#x017F;ten neueren Ver&#x017F;uche mit ma&#x017F;&#x017F;iven Kirchthurm&#x017F;pitzen zu<lb/>
verdanken. Da die Thurm&#x017F;pitzen aus Sand&#x017F;tein ähnlich con&#x017F;truirt<lb/>
werden, wie die aus Ziegeln, und zwar mit dem Unter&#x017F;chiede, daß<lb/>
bei er&#x017F;teren nur größere Platten&#x017F;teine zur Verwendung gelangen,<lb/>
wollen wir in die&#x017F;em Buche vorzugswei&#x017F;e die Back&#x017F;teinthurm&#x017F;pitzen<lb/>
berück&#x017F;ichtigen.</p><lb/>
              <p>Die Vorzüge der&#x017F;elben &#x017F;ind:</p><lb/>
              <list>
                <item><hi rendition="#g">Er&#x017F;tens</hi>: Einheit des Materials. Wenn dies bei allen Bau-<lb/>
ausführungen wün&#x017F;chenswerth i&#x017F;t, &#x017F;o hier um &#x017F;o mehr,<lb/>
als die &#x017F;chlanke Spitze &#x017F;chon nicht mehr als das Dach des<lb/>
Thurmes gilt;</item><lb/>
                <item><hi rendition="#g">zweitens</hi>: die unbedingte Feuer&#x017F;icherheit, namentlich beim Ein-<lb/>
&#x017F;chlagen des Blitzes, und</item><lb/>
                <item><hi rendition="#g">drittens</hi>: haupt&#x017F;ächlich die erheblich größere Billigkeit ma&#x017F;&#x017F;iver<lb/>
Spitzen aus Ziegeln gegenüber den &#x017F;on&#x017F;t üblichen hölzer-<lb/>
nen; vergleichende Ko&#x017F;tenan&#x017F;chläge haben dies dargethan;</item><lb/>
                <item><hi rendition="#g">viertens</hi>: größere Dauerhaftigkeit und Fortfall der Repara-<lb/>
turen bei richtiger Con&#x017F;truktion und gutem Material. Die<lb/>
Greifenhagener, gegen 25<hi rendition="#sup"><hi rendition="#aq">m</hi></hi> hohe, in den Wänden 25<hi rendition="#sup"><hi rendition="#aq">zm</hi></hi><lb/>
&#x017F;tarke Thurm&#x017F;pitze, welche ca. 500 Jahr alt und im We&#x017F;ent-<lb/>
lichen gut erhalten i&#x017F;t, i&#x017F;t ein Beweis dafür.</item>
              </list><lb/>
              <p>Es i&#x017F;t unbedingt erforderlich, <hi rendition="#g">nur ausgezeichnete, harte</hi> und<lb/><hi rendition="#g">möglich&#x017F;t wenig porö&#x017F;e</hi> Ziegel zu verwenden, da &#x017F;on&#x017F;t der Regen<lb/>
durch die&#x017F;elben dringt.</p><lb/>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[474/0490] Zweites Kapitel. Die Gewölbe. Eine ganz beſondere Gewölbeart bilden die modificirten hohen vielſeitigen Kuppelgewölbe in Anwendung auf: XVII. Die maſſiven Thurmſpitzen. Bereits die Meiſter des Mittelalters pflegten die Spitzen der Kirch- thürme maſſiv herzuſtellen, und zwar je nach dem Vorkommen des Materials entweder aus Sandſtein oder aus Ziegeln. Die Sand- ſteinſpitzen wurden ſogar vielfach reich verziert und ganz durchbrochen, theils um ſie ſchöner zu geſtalten, theils um ihr Gewicht zu ver- mindern. Mit dem Verfall der Gothik wurden die maſſiven Thurmſpitzen immer ſeltener, bis ſie endlich ganz in Vergeſſenheit geriethen. Erſt der, durch den kunſtſinnigen König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen ins Leben gerufenen bedeutenden Thätigkeit im Kirchenbau, haben wir die erſten neueren Verſuche mit maſſiven Kirchthurmſpitzen zu verdanken. Da die Thurmſpitzen aus Sandſtein ähnlich conſtruirt werden, wie die aus Ziegeln, und zwar mit dem Unterſchiede, daß bei erſteren nur größere Plattenſteine zur Verwendung gelangen, wollen wir in dieſem Buche vorzugsweiſe die Backſteinthurmſpitzen berückſichtigen. Die Vorzüge derſelben ſind: Erſtens: Einheit des Materials. Wenn dies bei allen Bau- ausführungen wünſchenswerth iſt, ſo hier um ſo mehr, als die ſchlanke Spitze ſchon nicht mehr als das Dach des Thurmes gilt; zweitens: die unbedingte Feuerſicherheit, namentlich beim Ein- ſchlagen des Blitzes, und drittens: hauptſächlich die erheblich größere Billigkeit maſſiver Spitzen aus Ziegeln gegenüber den ſonſt üblichen hölzer- nen; vergleichende Koſtenanſchläge haben dies dargethan; viertens: größere Dauerhaftigkeit und Fortfall der Repara- turen bei richtiger Conſtruktion und gutem Material. Die Greifenhagener, gegen 25m hohe, in den Wänden 25zm ſtarke Thurmſpitze, welche ca. 500 Jahr alt und im Weſent- lichen gut erhalten iſt, iſt ein Beweis dafür. Es iſt unbedingt erforderlich, nur ausgezeichnete, harte und möglichſt wenig poröſe Ziegel zu verwenden, da ſonſt der Regen durch dieſelben dringt.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Wanderleys "Handbuch" erschien bereits 1872 in zw… [mehr]

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/wanderley_bauconstructionslehre02_1878
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/wanderley_bauconstructionslehre02_1878/490
Zitationshilfe: Wanderley, Germano: Handbuch der Bauconstruktionslehre. 2. Aufl. Bd. 2. Die Constructionen in Stein. Leipzig, 1878, S. 474. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wanderley_bauconstructionslehre02_1878/490>, abgerufen am 20.05.2019.